Spurensuche

Smetanas Welt

Von
Gerald Felber
Erschienen in der Printausgabe im
März 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Jan Pasler/shutterstock.com über www.media.visitczechia.com
Foto: Jan Pasler/shutterstock.com über www.media.visitczechia.com

Der Blaník kommt einem nicht mal eben so unter. Man muss ihn erwandern über kleine Landstraßen, abgelegene Weiler und einen geduldigen Aufstieg durch Mischwald mit gelegentlichen kleinen Felsbrocken. Nichts Spektakuläres, keine Touristenattraktion, aber eine Gegend, wo alles urbane Gelärme schnell abfällt – und dahinter Geschichte und Geschichten aufscheinen. Hier sind sie sehr konkret: Irgendwo unter dem Doppelgipfel des Berges, so sagt es die Überlieferung, hat sich vorzeiten ein Heer hussitischer Ritter schlafen gelegt; dereinst, wenn es dem tschechischen Volk und Land schlecht gehen sollte, werden sie wieder ans Licht dringen und für Sieg und Befreiung sorgen. 

Bedřich Smetana hat diese Legende als Vorlage zum letzten der sechs Teile von „Má Vlast“ („Mein Vaterland“) verwendet: jenem Zyklus, der den Namen des Komponisten seither – neben seiner menschenfreundlich komödiantischen „Verkauften Braut“ – weit über die tschechische Heimat hinaus frisch und bekannt hält. Man kann deswegen den Blaník nicht nur besuchen und sehen, sondern quasi auch hören, und zwar in beiden Komponenten: der historischen, verkörpert durch einen machtvollen Hussitenchoral; und einer gegenwartsnäheren, die sich mit wehmütig elegischem Oboengesang jener patriotisch-nostalgischen Verfassung nähert, die vielleicht einen Zeitgenossen des Komponisten (oder ihn selbst) anflog, wenn er seinerzeit das böhmische Pendant zum deutschen Kyffhäuser bestieg… 

Blick auf die Prager Karlsbrücke. Foto: DaLiu/shutterstock.com über www.media.visitczechia.com

Den hölzernen Aussichtsturm obendrauf freilich gab es damals noch nicht. Für seine nur mäßig poetische Wirkung entschädigt die Rundumsicht, die an guten Tagen bis zum Böhmerwald reichen kann und einen weiteren Aspekt eröffnet, dessentwegen der nur 638 Meter hohe Hügel für unsere südöstlichen Nachbarn so wichtig ist: Man ist hier fast in der Mitte des böhmischen Teils der tschechischen Republik. Nahe am „Dreiländereck“ dreier Kulturlandschaften – Zentralböhmens, Südböhmens und der Vysočina, die hinüber ins Mährische reicht – hat man hier einen ziemlich repräsentativen Querschnitt von „Böhmens Hain und Flur“.  

So heißt der vierte Teil in Smetanas „Vaterlands“-Zyklus – und der Künstler wusste genau, worüber er da zu komponieren hatte. Er war kein Kosmopolit; sogar der scheinbar so provinzielle Anton Bruckner, mit dem er das Geburtsjahr 1824 und damit das aktuelle 200-Jahres-Jubiläum teilt, war in seinem „Zweitberuf“ als reisender Organist weltläufiger. Smetana dagegen widmete, abgesehen von einem fünfjährigen, politisch wie karrieretechnisch bedingten Aufenthalt im schwedischen Göteborg, nicht nur seine kompositorische Kreativität, sondern auch seine Zeit als Lehrer, Dirigent, Manager und Publizist ganz der nationalen Emanzipation der Heimat. 

Dass er dabei zunächst mit der deutschen Sprache aufwuchs und sich erst als fast 40-Jähriger intensiv dem Tschechischen zuwandte, steht dem nicht entgegen, sondern war ein üblicher Modus des gebildeten Bürgertums im von Wien aus regierten Habsburger-Großreich. 

Umso intimer kannte er die Naturräume seines Landes. Geboren im ostböhmischen Litomyšl, legte Smetana das Abitur im westlich gelegenen Plzeň/Pilsen ab. Seine kunstpolitisch aktivste Zeit bestritt er in der Metropole Prag, doch die letzten acht Jahre ab 1876, als eine Ertaubung ihn weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben ausschloss, gehörten wieder dem ländlichen Raum: die Försterei in Jabkenice, wo er, bei seiner Tochter Žofie lebend, seine späten Opern und den Vaterlands-Zyklus komponierte, befand sich am Rand des „Böhmischen Paradieses“ (Český ráj), einer pittoresken, von dunklen Weihern und lebhaften Bächen durchzogenen Fels- und Waldszenerie im Nordosten Zentralböhmens, von der es dann mit der Postkutsche (es gab aber auch schon erste Eisenbahnverbindungen) nur noch eine knappe Tagesreise zum Iser- oder Riesengebirge war. 

Ebendorthin, ins böhmisch-schlesische Grenzgebiet, verlegte Smetanas Librettistin Eliška Krásnohorská die Handlung seiner Oper „Der Kuss“ – was man per Indizienbeweis aus der mehrfachen Erwähnung einer für die Handlung nicht unwichtigen Schmugglerszene entnehmen kann. Noch handfester ist die geografische Fixierung in seiner folgenden Oper „Das Geheimnis“: Sie spielt am Fuße des von einer gotischen Burgruine gekrönten Berges Bezdĕz, der sich ungefähr vierzig Kilometer nordwestlich seines letzten Wohnsitzes befand – bis heute eine der beeindruckendsten Höhenburgen der an Geschichtsdenkmälern wahrlich nicht armen Tschechischen Republik. Das titelgebende Geheimnis verbirgt sich dabei in einem vergessenen unterirdischen Gang, der Burg und Dorf verbindet – ein Motiv, das sich auch in anderen Regionen Europas finden lässt.   

Wo aber wurde eigentlich Mařenka, die ebenso schlaue wie leidenschaftliche Opern-Braut, (schein)verkauft? Der einzige Anhaltspunkt, den Smetanas diesmaliger Librettist Karel Sabina gibt, ist die Auskunft des verstoßenen Jeník, er habe „weit weg, an der mährischen Grenze“ im Exil gelebt. Dann müsste es als Handlungsraum wohl eher um West- oder Südböhmen gehen. Und weil der Gestus der Oper eigentlich auch keine schroffe Gebirgslandschaft nahelegt, könnte man vielleicht an die südböhmische Teichlandschaft entlang des Flüsschens Lužnice denken: ruhige, gemütliche Fließe, Karpfenteiche und Auenwiesen zwischen ausgedehnten Wäldern, Dörfer im Bauernbarock mit kleinflächiger Landwirtschaft. 

Weiter flussabwärts kann es die Lužnice dann freilich auch dramatischer: Da umfließt sie das Hochplateau der Hussitengründung Tábor, die sich damals – 1420 – als eine Art irdischer Gottesburg verstand. Heute begegnet sie dem Besucher eher unkämpferisch als beschauliche Mittelstadt; selbst die historischen Festungsanlagen wirken nicht besonders martialisch. Schon Smetana hatte, als er 1878 den entsprechenden Teil von „Má Vlast“ komponierte, weniger die Stadttopographie vor Augen und Ohren als jene mächtige reformatorische Bewegung, die sich auf den Märtyrer Jan Hus berief und in den Jahren der nationalen Wiedererweckung zur Referenz für den Kampf der Tschechen um politische und kulturelle Autonomie wurde. 

Reiz- und würdevoll ist der Blick vom Fluss hinauf zur Skyline trotzdem; und das trifft auch für Smetanas böhmische Welt insgesamt zu. Tschechien ist ein Land ohne Meeresküsten, Hochgebirge oder ausgedehnte Tiefebenen. Doch auch ohne alpine Gipfel oder weite Steppen gibt es beeindruckende Panoramen. Das Relief der Prager Kleinseite etwa wird weder von den sieben Hügeln Roms noch vom Pariser Montmartre getoppt: Zwischen Moldauufer und Petřin-Hügel steigt das Gelände bei einer Luftlinien-Distanz von weniger als einem Kilometer um 140 Meter in die Höhe – maximal beeindruckend, aber dabei so, dass alles im menschlichen Maß bleibt und das Empfinden einer überwältigenden Weite nicht durch knirschende Frustration beim Aufstieg erkauft werden muss. 

Auch sonst bietet die tschechische Hauptstadt, sobald man von der Touristenrennstrecke zwischen Wenzelsplatz und Hradschin abweicht, nicht nur städtebaulich, sondern auch topographisch Überraschendes. So laufen mitten durch das städtische Areal mehrere Schluchten, eine sogar ziemlich nahe an den inneren Bezirken. Wenn man sich nämlich dem triumphalen Ensemble von Burg und Kathedrale nicht von der Postkartenperspektive über Karlsbrücke und Kleinseite, sondern von hinten nähert, muss man dazu den Hirschgraben queren: einen Canyon, dessen Boden nur selten vom Sonnenlicht erreicht wird. An seiner östlichen Ecke befindet sich – hinter dem „Goldenen Gässchen“ und mit seinem Kegeldach ungefähr auf dem Niveau der Burghöfe, also nur im Abwärtssteigen begehbar – die „Daliborka“: ein runder Gefängnisturm, Ende des 15. Jahrhunderts errichtet und benannt nach seinem ersten Insassen, dem Ritter Dalibor von Kozojedy. Womit wir wieder bei Smetana sind, der um dessen rührende Legende herum – der in Ungnade gefallene Adlige soll in seinem Verlies ergreifend Geige gespielt haben – eine seiner großen patriotischen Opern flocht. In der Realität verlief die Geschichte weniger heroisch: Dalibor wurde 1498 hingerichtet. 

Das Kloster Klokoty am Rande der Stadt Tábor, ca. 85 km südlich von Prag. Foto: Libor Sváček / Vydavatelství MCU

Während einem aber in „seinem“ Turm zwischen dicken Mauern und Folterwerkzeugen die dunkle Seite der tschechischen Geschichte ziemlich nahe tritt, hat sich der Schauplatz eines anderen tragischen Geschehens inzwischen zur städtischen Ausflugsidylle gemausert: Die streckenweise von eng stehenden schotterigen Felsen gerahmte Šárka-Schlucht, langedehnt zwischen Flughafen und Moldau, soll in den legendären Gründungszeiten des Přemysliden-Reiches Schauplatz des Untergangs einer Truppe unvorsichtiger Ritter gewesen sein, die dort von einer Schar wehrhafter Mädchen erst in den Tiefschlaf gesungen und getrunken und dann hingemetzelt wurden. Šárka, die Anführerin des frühfeministischen Vereins, wurde sowohl zur Namensgeberin des Felsentals, das heute zum romantischen Spaziergangs- und sogar Badeort geworden ist, wie auch des dritten Teils von Smetanas „Má Vlast“, in den er neben ihrer Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass auch die inzwischen kultivierte, früher aber schroff abweisende Rauheit des Schauplatzes einkomponiert hat. 

Am Ende erreicht auch das Šárka-Tal jenen Fluss, der dank Smetanas Kunst zum Klassik-Weltbegriff geworden ist – wobei sein tschechischer Name Vltava mit seiner helleren und härteren Akzentuierung den Charakter besser trifft als das gemütlich-behagliche deutsche Moldau. Denn über weite Strecken wand sich das Gewässer – jedenfalls noch zu Zeiten des Komponisten – durch relativ enge Täler. Auch heute noch kann sich, wer partout genau am Ufer entlangwandern will, in einigen eng herantretenden Felspartien bös verklettern. Wem das geschieht, der denkt dann vielleicht nicht nur an die Tondichtung, sondern auch an Smetanas letzte Oper von der „Teufelswand“, deren beeindruckende Reste sich am südböhmischen Vltava-Oberlauf zwischen der Burg Rožmberk und dem Kloster Vyšší Brod finden. 

Nicht zufällig jedenfalls erscheint das berühmte Thema des Tonpoems mit seiner Stimmung sehnsüchtigen Vorandrängens zuerst in Moll und wandelt sich erst mit dem aufrauschenden Ausklang der Komposition nach Dur. Und bei aller verspielten Idyllik im Rieseln der beiden Quellbäche – einer davon kommt von der bayerischen Seite des Gebirges – in den Bauerntänzen, Jagdszenen und Schlossansichten (die heute bekannteste, das tudorgotische Hluboká, war zu Smetanas Zeiten quasi noch ein Neubau): Die Vltava kann nie ruhen, sondern muss immer neue Ziele suchen und finden, was man im Kontext des gesamten Zyklus und der damaligen Unabhängigkeitsbewegung durchaus auch politisch hinterlegen kann. 

Das Solenicer Hufeisen der Moldau, ca. 60 km südlich von Prag. Foto: Libor Sváček vydavatelství MCU

Der schäumend tosende, wilde Durchbruch über die Sankt-Johann-Stromschnellen, vorbei am mythischen (und zu Beginn von „Má Vlast“ in einem erhabenen Barden-Gesang beschworenen) Gründungsort des Landes auf dem Vyšehrad-Burgfelsen und dann durch Prag bis zur Vereinigung mit der Elbe unterhalb des Weinstädtchens Mĕlnik: Er formiert nicht nur ein mitreißendes Panorama, sondern auch die Vision, aus einer kämpferischen Vergangenheit (verkörpert im Aufgreifen des Hauptmotivs aus dem ersten Teil des Zyklus) eine glückliche Zukunft zu gewinnen. 

Dass es dabei keinen Stillstand gibt, sondern alles in Bewegung bleibt, haben auch die Generationen nach Smetana erfahren: Die Stromschnellen sind nur noch in alten Stichen überliefert, seitdem sie einer der Stauseen verschluckt hat, mit denen der wilde Lauf der Vltava reguliert werden sollte – was bei einem Jahrhundert-Hochwasser wie dem von 2002 dann doch nur teilweise funktionierte. Und wo der Künstler bei Lebzeiten auf dem schroffen Vyšehrad-Felsen, der einst nicht nur die Burg der Gründungsherrscherin Libussa (auch ihr widmete er eine Oper), sondern auch eine komplette Stadt trug, nur mehr eine eher unauffällige, turmlose Barockkirche fand, wurde in den Jahren nach seinem Tod die heutige, recht düstere, aber in ihrer Fernwirkung monumentale neogotische Basilika St. Peter und Paul errichtet. Auf dem Nationalfriedhof an ihrer Nordseite hat neben einer langen Reihe weiterer Musikerkollegen auch Bedřich Smetana seine letzte Ruhe gefunden: jener Komponist, der wie kein anderer den Regionen seines Landes und ihren eschichten eine Stimme gab.

Der Blaník kommt einem nicht mal eben so unter. Man muss ihn erwandern über kleine Landstraßen, abgelegene Weiler und einen geduldigen Aufstieg durch Mischwald mit gelegentlichen kleinen Felsbrocken. Nichts Spektakuläres, keine Touristenattraktion, aber eine Gegend, wo alles urbane Gelärme schnell abfällt – und dahinter Geschichte und Geschichten aufscheinen. Hier sind sie sehr konkret: Irgendwo unter dem Doppelgipfel des Berges, so sagt es die Überlieferung, hat sich vorzeiten ein Heer hussitischer Ritter schlafen gelegt; dereinst, wenn es dem tschechischen Volk und Land schlecht gehen sollte, werden sie wieder ans Licht dringen und für Sieg und Befreiung sorgen. 

Bedřich Smetana hat diese Legende als Vorlage zum letzten der sechs Teile von „Má Vlast“ („Mein Vaterland“) verwendet: jenem Zyklus, der den Namen des Komponisten seither – neben seiner menschenfreundlich komödiantischen „Verkauften Braut“ – weit über die tschechische Heimat hinaus frisch und bekannt hält. Man kann deswegen den Blaník nicht nur besuchen und sehen, sondern quasi auch hören, und zwar in beiden Komponenten: der historischen, verkörpert durch einen machtvollen Hussitenchoral; und einer gegenwartsnäheren, die sich mit wehmütig elegischem Oboengesang jener patriotisch-nostalgischen Verfassung nähert, die vielleicht einen Zeitgenossen des Komponisten (oder ihn selbst) anflog, wenn er seinerzeit das böhmische Pendant zum deutschen Kyffhäuser bestieg… 

Blick auf die Prager Karlsbrücke. Foto: DaLiu/shutterstock.com über www.media.visitczechia.com

Den hölzernen Aussichtsturm obendrauf freilich gab es damals noch nicht. Für seine nur mäßig poetische Wirkung entschädigt die Rundumsicht, die an guten Tagen bis zum Böhmerwald reichen kann und einen weiteren Aspekt eröffnet, dessentwegen der nur 638 Meter hohe Hügel für unsere südöstlichen Nachbarn so wichtig ist: Man ist hier fast in der Mitte des böhmischen Teils der tschechischen Republik. Nahe am „Dreiländereck“ dreier Kulturlandschaften – Zentralböhmens, Südböhmens und der Vysočina, die hinüber ins Mährische reicht – hat man hier einen ziemlich repräsentativen Querschnitt von „Böhmens Hain und Flur“.  

So heißt der vierte Teil in Smetanas „Vaterlands“-Zyklus – und der Künstler wusste genau, worüber er da zu komponieren hatte. Er war kein Kosmopolit; sogar der scheinbar so provinzielle Anton Bruckner, mit dem er das Geburtsjahr 1824 und damit das aktuelle 200-Jahres-Jubiläum teilt, war in seinem „Zweitberuf“ als reisender Organist weltläufiger. Smetana dagegen widmete, abgesehen von einem fünfjährigen, politisch wie karrieretechnisch bedingten Aufenthalt im schwedischen Göteborg, nicht nur seine kompositorische Kreativität, sondern auch seine Zeit als Lehrer, Dirigent, Manager und Publizist ganz der nationalen Emanzipation der Heimat. 

Dass er dabei zunächst mit der deutschen Sprache aufwuchs und sich erst als fast 40-Jähriger intensiv dem Tschechischen zuwandte, steht dem nicht entgegen, sondern war ein üblicher Modus des gebildeten Bürgertums im von Wien aus regierten Habsburger-Großreich. 

Umso intimer kannte er die Naturräume seines Landes. Geboren im ostböhmischen Litomyšl, legte Smetana das Abitur im westlich gelegenen Plzeň/Pilsen ab. Seine kunstpolitisch aktivste Zeit bestritt er in der Metropole Prag, doch die letzten acht Jahre ab 1876, als eine Ertaubung ihn weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben ausschloss, gehörten wieder dem ländlichen Raum: die Försterei in Jabkenice, wo er, bei seiner Tochter Žofie lebend, seine späten Opern und den Vaterlands-Zyklus komponierte, befand sich am Rand des „Böhmischen Paradieses“ (Český ráj), einer pittoresken, von dunklen Weihern und lebhaften Bächen durchzogenen Fels- und Waldszenerie im Nordosten Zentralböhmens, von der es dann mit der Postkutsche (es gab aber auch schon erste Eisenbahnverbindungen) nur noch eine knappe Tagesreise zum Iser- oder Riesengebirge war. 

Ebendorthin, ins böhmisch-schlesische Grenzgebiet, verlegte Smetanas Librettistin Eliška Krásnohorská die Handlung seiner Oper „Der Kuss“ – was man per Indizienbeweis aus der mehrfachen Erwähnung einer für die Handlung nicht unwichtigen Schmugglerszene entnehmen kann. Noch handfester ist die geografische Fixierung in seiner folgenden Oper „Das Geheimnis“: Sie spielt am Fuße des von einer gotischen Burgruine gekrönten Berges Bezdĕz, der sich ungefähr vierzig Kilometer nordwestlich seines letzten Wohnsitzes befand – bis heute eine der beeindruckendsten Höhenburgen der an Geschichtsdenkmälern wahrlich nicht armen Tschechischen Republik. Das titelgebende Geheimnis verbirgt sich dabei in einem vergessenen unterirdischen Gang, der Burg und Dorf verbindet – ein Motiv, das sich auch in anderen Regionen Europas finden lässt.   

Wo aber wurde eigentlich Mařenka, die ebenso schlaue wie leidenschaftliche Opern-Braut, (schein)verkauft? Der einzige Anhaltspunkt, den Smetanas diesmaliger Librettist Karel Sabina gibt, ist die Auskunft des verstoßenen Jeník, er habe „weit weg, an der mährischen Grenze“ im Exil gelebt. Dann müsste es als Handlungsraum wohl eher um West- oder Südböhmen gehen. Und weil der Gestus der Oper eigentlich auch keine schroffe Gebirgslandschaft nahelegt, könnte man vielleicht an die südböhmische Teichlandschaft entlang des Flüsschens Lužnice denken: ruhige, gemütliche Fließe, Karpfenteiche und Auenwiesen zwischen ausgedehnten Wäldern, Dörfer im Bauernbarock mit kleinflächiger Landwirtschaft. 

Weiter flussabwärts kann es die Lužnice dann freilich auch dramatischer: Da umfließt sie das Hochplateau der Hussitengründung Tábor, die sich damals – 1420 – als eine Art irdischer Gottesburg verstand. Heute begegnet sie dem Besucher eher unkämpferisch als beschauliche Mittelstadt; selbst die historischen Festungsanlagen wirken nicht besonders martialisch. Schon Smetana hatte, als er 1878 den entsprechenden Teil von „Má Vlast“ komponierte, weniger die Stadttopographie vor Augen und Ohren als jene mächtige reformatorische Bewegung, die sich auf den Märtyrer Jan Hus berief und in den Jahren der nationalen Wiedererweckung zur Referenz für den Kampf der Tschechen um politische und kulturelle Autonomie wurde. 

Reiz- und würdevoll ist der Blick vom Fluss hinauf zur Skyline trotzdem; und das trifft auch für Smetanas böhmische Welt insgesamt zu. Tschechien ist ein Land ohne Meeresküsten, Hochgebirge oder ausgedehnte Tiefebenen. Doch auch ohne alpine Gipfel oder weite Steppen gibt es beeindruckende Panoramen. Das Relief der Prager Kleinseite etwa wird weder von den sieben Hügeln Roms noch vom Pariser Montmartre getoppt: Zwischen Moldauufer und Petřin-Hügel steigt das Gelände bei einer Luftlinien-Distanz von weniger als einem Kilometer um 140 Meter in die Höhe – maximal beeindruckend, aber dabei so, dass alles im menschlichen Maß bleibt und das Empfinden einer überwältigenden Weite nicht durch knirschende Frustration beim Aufstieg erkauft werden muss. 

Auch sonst bietet die tschechische Hauptstadt, sobald man von der Touristenrennstrecke zwischen Wenzelsplatz und Hradschin abweicht, nicht nur städtebaulich, sondern auch topographisch Überraschendes. So laufen mitten durch das städtische Areal mehrere Schluchten, eine sogar ziemlich nahe an den inneren Bezirken. Wenn man sich nämlich dem triumphalen Ensemble von Burg und Kathedrale nicht von der Postkartenperspektive über Karlsbrücke und Kleinseite, sondern von hinten nähert, muss man dazu den Hirschgraben queren: einen Canyon, dessen Boden nur selten vom Sonnenlicht erreicht wird. An seiner östlichen Ecke befindet sich – hinter dem „Goldenen Gässchen“ und mit seinem Kegeldach ungefähr auf dem Niveau der Burghöfe, also nur im Abwärtssteigen begehbar – die „Daliborka“: ein runder Gefängnisturm, Ende des 15. Jahrhunderts errichtet und benannt nach seinem ersten Insassen, dem Ritter Dalibor von Kozojedy. Womit wir wieder bei Smetana sind, der um dessen rührende Legende herum – der in Ungnade gefallene Adlige soll in seinem Verlies ergreifend Geige gespielt haben – eine seiner großen patriotischen Opern flocht. In der Realität verlief die Geschichte weniger heroisch: Dalibor wurde 1498 hingerichtet. 

Das Kloster Klokoty am Rande der Stadt Tábor, ca. 85 km südlich von Prag. Foto: Libor Sváček / Vydavatelství MCU

Während einem aber in „seinem“ Turm zwischen dicken Mauern und Folterwerkzeugen die dunkle Seite der tschechischen Geschichte ziemlich nahe tritt, hat sich der Schauplatz eines anderen tragischen Geschehens inzwischen zur städtischen Ausflugsidylle gemausert: Die streckenweise von eng stehenden schotterigen Felsen gerahmte Šárka-Schlucht, langedehnt zwischen Flughafen und Moldau, soll in den legendären Gründungszeiten des Přemysliden-Reiches Schauplatz des Untergangs einer Truppe unvorsichtiger Ritter gewesen sein, die dort von einer Schar wehrhafter Mädchen erst in den Tiefschlaf gesungen und getrunken und dann hingemetzelt wurden. Šárka, die Anführerin des frühfeministischen Vereins, wurde sowohl zur Namensgeberin des Felsentals, das heute zum romantischen Spaziergangs- und sogar Badeort geworden ist, wie auch des dritten Teils von Smetanas „Má Vlast“, in den er neben ihrer Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass auch die inzwischen kultivierte, früher aber schroff abweisende Rauheit des Schauplatzes einkomponiert hat. 

Am Ende erreicht auch das Šárka-Tal jenen Fluss, der dank Smetanas Kunst zum Klassik-Weltbegriff geworden ist – wobei sein tschechischer Name Vltava mit seiner helleren und härteren Akzentuierung den Charakter besser trifft als das gemütlich-behagliche deutsche Moldau. Denn über weite Strecken wand sich das Gewässer – jedenfalls noch zu Zeiten des Komponisten – durch relativ enge Täler. Auch heute noch kann sich, wer partout genau am Ufer entlangwandern will, in einigen eng herantretenden Felspartien bös verklettern. Wem das geschieht, der denkt dann vielleicht nicht nur an die Tondichtung, sondern auch an Smetanas letzte Oper von der „Teufelswand“, deren beeindruckende Reste sich am südböhmischen Vltava-Oberlauf zwischen der Burg Rožmberk und dem Kloster Vyšší Brod finden. 

Nicht zufällig jedenfalls erscheint das berühmte Thema des Tonpoems mit seiner Stimmung sehnsüchtigen Vorandrängens zuerst in Moll und wandelt sich erst mit dem aufrauschenden Ausklang der Komposition nach Dur. Und bei aller verspielten Idyllik im Rieseln der beiden Quellbäche – einer davon kommt von der bayerischen Seite des Gebirges – in den Bauerntänzen, Jagdszenen und Schlossansichten (die heute bekannteste, das tudorgotische Hluboká, war zu Smetanas Zeiten quasi noch ein Neubau): Die Vltava kann nie ruhen, sondern muss immer neue Ziele suchen und finden, was man im Kontext des gesamten Zyklus und der damaligen Unabhängigkeitsbewegung durchaus auch politisch hinterlegen kann. 

Das Solenicer Hufeisen der Moldau, ca. 60 km südlich von Prag. Foto: Libor Sváček vydavatelství MCU

Der schäumend tosende, wilde Durchbruch über die Sankt-Johann-Stromschnellen, vorbei am mythischen (und zu Beginn von „Má Vlast“ in einem erhabenen Barden-Gesang beschworenen) Gründungsort des Landes auf dem Vyšehrad-Burgfelsen und dann durch Prag bis zur Vereinigung mit der Elbe unterhalb des Weinstädtchens Mĕlnik: Er formiert nicht nur ein mitreißendes Panorama, sondern auch die Vision, aus einer kämpferischen Vergangenheit (verkörpert im Aufgreifen des Hauptmotivs aus dem ersten Teil des Zyklus) eine glückliche Zukunft zu gewinnen. 

Dass es dabei keinen Stillstand gibt, sondern alles in Bewegung bleibt, haben auch die Generationen nach Smetana erfahren: Die Stromschnellen sind nur noch in alten Stichen überliefert, seitdem sie einer der Stauseen verschluckt hat, mit denen der wilde Lauf der Vltava reguliert werden sollte – was bei einem Jahrhundert-Hochwasser wie dem von 2002 dann doch nur teilweise funktionierte. Und wo der Künstler bei Lebzeiten auf dem schroffen Vyšehrad-Felsen, der einst nicht nur die Burg der Gründungsherrscherin Libussa (auch ihr widmete er eine Oper), sondern auch eine komplette Stadt trug, nur mehr eine eher unauffällige, turmlose Barockkirche fand, wurde in den Jahren nach seinem Tod die heutige, recht düstere, aber in ihrer Fernwirkung monumentale neogotische Basilika St. Peter und Paul errichtet. Auf dem Nationalfriedhof an ihrer Nordseite hat neben einer langen Reihe weiterer Musikerkollegen auch Bedřich Smetana seine letzte Ruhe gefunden: jener Komponist, der wie kein anderer den Regionen seines Landes und ihren eschichten eine Stimme gab.