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Sterne des Monats

Schubert

Von Tom Reinhold

Paavo Järvi ist ein Tausendsassa. Er spielt mit verschiedenen Orchestern kontinuierlich Zyklen aller großen Komponisten ein, und alle diese Aufnahmen gelingen exzeptionell. Mit der Kammerphilharmonie Bremen, der er seit über zwanzig Jahren vorsteht, hat er sich bereits Beethoven, Brahms und Schumann gewidmet; jetzt ist ein Zyklus mit Schubert in Arbeit. Järvis Ansatz mit den Bremern unterscheidet sich klanglich signifikant von seinen Aufnahmen der Spätromantik aus Zürich oder Tokio. Järvi denkt Schubert von Mozart her, was den frühen Sinfonien ausgezeichnet bekommt. Da gibt es viel Spielwitz und Energie, der Klang ist schlank und entromantisiert, die Spielfreude aller Beteiligten hoch. Davon profitiert insbesondere die fünfte Sinfonie. Deren Schwächen werden offenkundig, wenn man sie mit einem romantischen Ansatz spielt, der bei den späten Sinfonien gut funktioniert. Järvi begeht diesen Fehler nicht; so bekommt das Werk eine Eigenständigkeit und Bedeutung, wie man sie selten hört.

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Biber

Von Matthias Hengelbrock

Bojan Čičić, 1979 in Kroatien geboren und in Oxford ansässig, ist gegenwärtig einer der interessantesten Barockgeiger, weil er in einer Zeit, in der pragmatische Kompromisse und routinierte Einheitsstile den Ton angeben, ein Höchstmaß an Differenzierungen zu bieten hat, ob in der Wahl der Violinen, Saiten und Bögen, in der Haltung des Instruments (fest unter dem Kinn, locker auf dem Schlüsselbein oder tief unten an der Brust) oder im Interpretationsansatz (von forsch-virtuos bis sinnlich-kontemplativ). Dies führt zu klanglichen Nuancen, die der Kenner sofort einordnen kann und die Ohr und Herz des Liebhabers unmittelbar erreichen. Bei Bibers acht 1681 publizierten Violinsonaten bedeutet dies einen resonanzreichen, im positiven rustikalen Ton, dessen angenehme Fülle vor allem bei Doppelgriffen gut zur Geltung kommt. Wie sein Instrument lotet Čičić auch die Musik aus, artikuliert ungemein nuancenreich, trumpft an geeigneten Stellen selbstbewusst auf, um an anderen fast schon in Melancholie zu versinken. Dem entspricht ein breites, stets funktional konzipiertes Spektrum an Klangfarben in der Begleitung, und was Steve Devine (Orgel/Cembalo), Elizabeth Kenny (Theorbe) und Siobhán Armstrong (Harfe) hier leisten, ist ebenfalls vorzüglich. In seinem persönlich gehaltenen Vorwort zollt Čičić seinem Vorbild Andrew Manze Respekt, dessen Einspielung dieser Sonaten ihm vor über dreißig Jahren den Weg in die Barockmusik gewiesen habe. Nicht auszuschließen ist, dass Čičićs kongeniale Interpretation ihrerseits junge Geiger dazu inspirieren wird, sich mit historischen Spieltechniken gewinnbringend auseinanderzusetzen.

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Chopin

Von Götz Thieme

Szymon Nehring, 1995 in Warschau geboren, machte 2015 als Finalist des XVII. Chopin-Wettbewerbs auf sich aufmerksam und gewann zwei Jahre später den ersten Preis beim Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv. In der eigenen CD-Reihe des Nationalen Instituts Fryderyk Chopin legt er nun eine zweite CD vor, auf der er weniger geläufige und bekannte Werke des Nationalkomponisten zusammenstellt: gleich zu Anfang das knapp vierminütige „Souvenir de Paganini“ des Neunzehnjährigen (kurz zuvor hatte Chopin den Geigenvirtuosen bei einem Gastspiel in Warschau erlebt) und das dreizehn Jahre später entstandene Scherzo in E-Dur. In diesem längsten Werk des hervorragend aufgenommenen Albums besteht Nehring souverän gegen eine in neunzig Jahren angewachsene riesige Konkurrenz – von Horowitz’ unübertroffener Aufnahme 1936 angefangen. Transparenz, herausgearbeitete Gegenstimmen, klangfarbliche Nuancierung, geschmackvolles Rubato prägen Nehrings Spiel, exem­plarisch ist das in der Etüde op. 25,
Nr. 5 zu hören. Besonders eindringlich, wie er die melancholischen Zwischentöne im Chopin’schen Kosmos einfängt – selbst in einem Stück des Fünfzehnjährigen, den Variationen „Der Schweizer Bub“!

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E-Motion

Von Reinmar Emans

Wenn man bedenkt, dass die heute so zahlreich vorhandenen Falsettisten allenfalls ein Ersatz für echte Kastraten sein können, wird man auch – spätestens nach der ersten Arie – ganz rasch akzeptieren, dass sich hier die junge spanische Mezzosopranistin Lucia Caihuela diesem Repertoire widmet. Im besonderen Maße bietet Pietro Metas­tasios Libretto zu „Demofoonte“ die Ausgangsbasis für Caihuelas musikalische Reise durch ein nach wie vor weitgehend unbekanntes und hier erstmalig vorgelegtes Repertoire, bei dem die Gefühlswelt des jeweiligen Protagonisten von unterschiedlichen Komponisten in Töne gesetzt wurde. Ihr warmes Timbre verliert diese Stimme auch dann nicht, wenn es in höhere Gefilde geht. Dabei erweist sich Caihuela als eine durchaus wandelbare Sängerin, die mit großem Nuancenreichtum den Seelenwegen nachspürt, ohne je bei Registerwechseln Brüche entstehen zu lassen. Ihre ausgereifte Technik und musikalische Intelligenz vermitteln sich besonders gut bei musikalischen Übergängen, die bei aller Ruhe und Sanftheit für angemessene Spannung sorgen. La Madrileña erweist sich als ein sehr farbig und detailgenau aufspielendes, mit 22 Mitgliedern gar nicht so kleines Ensemble, das trotz der Verwendung von Originalinstrumenten keineswegs Wärme vermissen lässt. Wie bezaubernd die Musiker miteinander harmonieren, zeigt sich vor allem bei der Arie „Misero pargoletto“ von Egidio Duni mit einem hübschen Flötensolo. Aber die meisten Titel stellen ohnehin eine wunderbare Repertoireerweiterung dar!

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