Sterne des Monats
Sibelius
Hinsichtlich der Brillanz der Darbietungen ist dieses Album in jeder Hinsicht ein Gipfelpunkt der Sibelius-Diskografie. Im Violinkonzert erweist sich Ava Bahari nicht nur als technisch und tonlich herausragende Solistin, sie besticht auch mit subtilem Charakter, Natürlichkeit, Unabhängigkeit von fragwürdigen Interpretationstraditionen und einer fesselnden geistigen Präsenz und Spannkraft, wie sie heute ganz selten ist. Rouvali begleitet absolut auf den Punkt, doch bei aller Präzision herrschen Poesie, spontane Anmutung, sprühendes Feuer und risikofreudiges Zuspitzen ohne falsche Übertreibungen. In den „Lemminkäinen-Legenden“ fasziniert vor allem, wie Rouvali mit seinem grandiosen Göteborger Orchester im Kopfsatz auch im Tremolo deutliche und kantable Linienführung und überall vorbildliche Transparenz erreicht, ebenso die phänomenal entwickelten und aufeinander bezogenen Temposteigerungen bis ins frenetisch ausgelassene Maximum. Noch frappierender sind gesangliche Gestaltung und polyphone Plastizität des Tremolos im dritten Satz, und dabei bleibt der Musik stets das sagenhaft Geheimnisvolle erhalten, wie auch im berühmten „Schwan von Tuonela“ mit der herrlich aufblühenden Melodik im Englischhorn und seinen Gefährten. Auf Augenhöhe mit den Aufführungen bewegt sich das superbe Klangbild der Aufnahme. Bleibt als minimaler Makel nur ein recht flacher Einführungstext.
A Dream
Zu Beginn der Renaissance erlebte die weltliche Musik einen ungemeinen Aufschwung. Eines der führenden Instrumente war dabei die Laute, in Spanien die Vihuela. Zentrale Werke der vier wichtigsten Lautenmusikkomponisten dieser Epoche hat Maximilian Mangold hier zusammengefasst, Stücke von Francesco da Milano, Alonso Mudarra, Luis de Narváez und John Dowland. Diese oft kontrapunktisch angelegte Musik zum Klingen zu bringen, ist gar nicht so einfach. Aber Maximilian Mangold, der hier eine Liuto forte spielt, eine moderne Weiterentwicklung der historischen Laute, gelingt das glänzend. Da sitzt jeder Lauf, da tönen auch die tiefen Register und Nebenstimmen sauber und klar, da wird die oft komplexe Stimmführung klanglich erlebbar gemacht. Ein Kompendium von Werken der führenden Lautenisten ihrer Zeit, dargeboten von einem der wahrscheinlich besten Interpreten unserer Tage. Einfach großartig!
Spectrum
Die hier eingespielten Werke sollen laut Esther Birringer „die grundlegenden menschlichen Empfindungen in ihre unendlich vielen Facetten“ auffächern. Dies ambitionierte Vorhaben gelingt der in vielen Stilen eloquenten Pianistin, indem sie Rares mit Bekanntem, Brillantes mit Meditativem, Barockes mit Modernem in ein spannungsreiches Verhältnis setzt. Was zunächst wie ein „Kessel Buntes“ anmutet, offenbart sich durch die Dramaturgie der Kontraste als eine musikalische Conditio humana auf 88 Tasten. Die Leistung von Esther Birringer besteht darin, dass sie all diese Werke tief durchdringt und trotz ihrer Unterschiedlichkeit zu einem großen Ganzen formt. Jedes Werk steht für sich und verweist gleichzeitig auf die anderen. Im besten Sinne spielerisch wechselt sie die Stile und Stimmungen, erfüllt Bachs „Jesu bleibt meine Freude“ mit stiller Innigkeit, trifft den kecken Tonfall einer Miniatur von Moszkowski, bringt die scheue Verletztheit von Sibelius’ „Valse triste“ dezent zum Klingen, demonstriert in Balakirevs vertrackter „Isalmey“-Fantasie ihre furchtlos-sichere Pranke und lässt durch zarte Zurückhaltung Beethovens abgedroschene Bagatelle „Für Elise“ wie erstmals gehört erklingen. Ein viel Freude bereitendes Album, das vor allem eine Liebeserklärung an das Klavier ist.
Blüten der Liebe
Es gibt immer wieder Sängerinnen, die machen ihre Kariere abseits eines Marktes. Die liefern sich nicht aus, die folgen nicht nur aufs Wort, die machen ihr eignes Ding. Und trotzdem, weil sie so besonders sind, werden sie ebenfalls an die ganz großen Häuser engagiert, hinterlassen auch audiovisuelle Spuren, haben erfüllte Karrieren, aber Stars sind sie eben nie geworden. Man muss sie live erleben, um ihres ganzen Zaubers gegenwärtig zu werden. Eine solche Künstlerin ist die deutsche Sopranistin Marlis Petersen. Und auch stimmliche Reife steht ihr, obwohl zunächst ein Koloratur-, dann ein lyrischer Sopran, sehr gut. Besonders als Liedsängerin, denn immer schon will sie ganz besonders stark in den Text eindringen, einer Figur oder einem poetischen Ich auf den Grund gehen. So hat sie es auch in ihrem jüngsten, thematisch eigentlich einfachen Album gehalten – es heißt „Blüten der Liebe“, umfasst drei Zyklen, zwei davon berühmt, Schumanns „Frauenliebe und -leben“, Wagners Wesendonck-Lieder und Alexander Zemlinskys sechsteilige Walzer-Gesänge. Darin geht es, sehr variantenreich und durchaus ambivalent, um amouröse Gefühle, sich einlassen und ineinander aufgehen, bisweilen fast als Selbstaufgabe. Petersen lotet solches in unbedingt harmonischer Übereinkunft mit ihrem durchaus zärtlichen Klavierpartner Stephan Matthias Lademann in natürlichster Diktion und feinen Farben aus. Und dazwischen gestreut hat sie scheinbar einfache, aber natürlich auch doppeldeutige Blumenlieder von Richard Strauss und Schumann. Um mit Zemlinskys „Selige Stunde“ jubelhell zu enden. Ein wirklich wunderfeiner Liederstrauß.
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