Von der Badeente zum Römischen Triumphgesang
Ein Rückblick aufs Reger-Jahr 2023

Bach und Reger im Zentrum, so lautet der Titel der Festschrift für den Organisten Gerhard Weinberger zum 75. Geburtstag. Und auch das Jahr 2023, in dem die Musikwelt den 150. Geburtstag Max Regers gefeiert hat – oder hätte feiern können –, kann man, vor allem was Konzerte und Ausstellungen angeht, unter diesem Motto sehen. Es hatte fast allen etwas zu bieten, von der Badeente und dem Jubiläumsbier über Gedenkmünzen und Lebkuchen bis hin zu den Reger-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl, der Ähnliches schon für Beethoven und Wagner entworfen hat. Auch Reger zum Aufkleben gibt es nun: Zum ersten Mal nach 1973 gab die Deutsche Post wieder eine Reger-Briefmarke, für 160 Cent, heraus, basierend auf einem Gemäldetriptychon des Italieners Agostino Raff, die den Orgelkomponisten Reger feiert.
Auch bei den Neu- oder Wiederveröffentlichungen auf dem Tonträgermarkt steht die Orgelmusik im Zentrum des Interesses: Die historisch bedeutsame erste Gesamteinspielung von Regers Orgelwerken durch Rosalinde Haas 1988-93 wurde rechtzeitig zu Haas’ 92. Geburtstag neu aufgelegt (MDG, 14 CDs), und bei Brilliant erschien Roberto Marinis Gesamteinspielung der Orgelwerke aus den Jahren 2010-13 (zuvor Fugatto, 17 CDs). Die Veröffentlichung der neunten und letzten Folge von Gerhard Weinbergers Gesamteinspielung der Orgelwerke (cpo) verzögert sich leider, und auch die nächste Folge von Jean-Baptiste Duponts Gesamteinspielung soll erst in diesem Jahr erscheinen (Édition Hortus). Von Christoph Bosserts Gesamteinspielung im Rahmen eines Online-Projekts, das zum 19. März 2023 begonnen wurde und durch organologische und pädagogische Beiträge begleitet wird (www.innovation-orgellehre.digital/gesamtwerk), wurde bislang rund ein Drittel verfügbar gemacht.
Neben der Orgelmusik standen alle anderen Werkgattungen weit zurück. Auch wenn im Konzertleben vor allem die „Mozart-Variationen“ häufig erklangen, u.a. bei der Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko, erschien nur eine neue Orchester-CD: Konzertmitschnitte der Badischen Staatskapelle Karlsruhe unter GMD Georg Fritzsch mit der Romantischen Suite op. 125 und den Mozart-Variationen op. 132 (querstand). In neuem Remastering veröffentlicht wurden die Reger-Aufnahmen Willem van Otterloos (Violinkonzert, Romantische Suite, Mozart-Variationen, 1944-57) sowie als Bonus-Tracks kleine Stücke mit Violine, darunter die älteste Reger-Aufnahme überhaupt: ein Satz aus einer der vier Violinsolosonaten op. 42 mit Efrem Zimbalist von Juni 1915 (Pristine Audio, 2 CDs).
Markus Schäfer und Ernst Breidenbach legten mit der Einspielung der kompletten Liedopera 51 und 70 aus den Jahren 1900 und 1903 einen wichtigen Beitrag zum Verständnis Regers als Liedkomponist vor (dreyer gaido): Reger erscheint hier als selbstständiger Nachfolger Hugo Wolfs, und das ist weit spannender und anspruchsvoller als die Schlichten Weisen op. 76, mit denen Reger dem Publikum auch leichtere Kost bieten wollte.
Im Bereich der Chormusik war die Ausbeute gleichfalls gering. Dem StimmGold Vokalensemble dienten die Drei Chöre op. 39 als Klammer für ihre preisgekrönte CD „Durch den Wald“ (Spektral), und Christoph Spering nahm „historisch informiert“ mit dem Neuen Orchester, dem Chorus Musicus Köln und den Solisten Anke Vondung und Tobias Berndt die späten Chorgesänge „Der Einsiedler“ op. 144a, das Requiem op. 144b und Orchestersologesang „An die Hoffnung“ op. 124 auf (Capriccio). Spering hat übrigens sein Kölner Bachfest im Herbst 2023 dezidiert Reger gewidmet und mit seinem Orchester hier auch die Hiller-Variationen aufgeführt.
Freuen darf man sich schon auf eine Produktion, die im Zusammenhang mit einem Festkonzert im Ludwigshafener Pfalzbau entstand (Rondeau): Mit dem Ensemble Vocapella Limburg, dem Chor Vox Quadrata und der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz nahm Tristan Meister Regers drei Werke für Männerchor und Orchester auf: „Hymne an den Gesang“ op. 21, „Die Weihe der Nacht“ op. 119 und „Römischer Triumphgesang“ op. 126. Letzteres gelangte seit vielen Jahrzehnten erstmals überhaupt wieder zu Gehör – eine Komposition der Meininger Reifezeit, die auch Reger-Kenner überraschen wird.
Neben einigen Veröffentlichungen von Werken für Violine oder Viola solo (op. 42 bzw. 131d) wurde Regers kammermusikalisches Schaffen vor allem bedient mit zwei Neueinspielungen des Klarinettenquintetts A-Dur op. 146, jenes verhältnismäßig eingängigen Werks, das Regers letzte vollendete Komposition mit Opuszahl überhaupt darstellt – gekoppelt einmal mit dem Klarinettenquintett von Johannes Brahms (Robert Oberaigner und das Fritz Busch Quartett, MDG), im anderen Fall mit dem der Reger-Schülerin Johanna Senfter (Kilian Herold und das Armida Quartett, CAvi). Das Klarinettenquintett war auch Thema der einzigen neuen musikwissenschaftlichen Buchveröffentlichung, Franziska Reichs „Schreiben – Denken – Komponieren: Regers Skizzen zum Klarinettenquintett“ (Carus). Und während die englischsprachige Welt immer noch auf eine Reger-Biographie wartet, legte Victor Schpinitskij eine russische Übersetzung von Susanne Popps Reger-Biographie aus dem Jahr 2015 (siehe FONO FORUM 4/2023) vor – sie gewann prompt in Russland den Preis als bestes Musikbuch des Jahres.
Bach und Reger im Zentrum, so lautet der Titel der Festschrift für den Organisten Gerhard Weinberger zum 75. Geburtstag. Und auch das Jahr 2023, in dem die Musikwelt den 150. Geburtstag Max Regers gefeiert hat – oder hätte feiern können –, kann man, vor allem was Konzerte und Ausstellungen angeht, unter diesem Motto sehen. Es hatte fast allen etwas zu bieten, von der Badeente und dem Jubiläumsbier über Gedenkmünzen und Lebkuchen bis hin zu den Reger-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl, der Ähnliches schon für Beethoven und Wagner entworfen hat. Auch Reger zum Aufkleben gibt es nun: Zum ersten Mal nach 1973 gab die Deutsche Post wieder eine Reger-Briefmarke, für 160 Cent, heraus, basierend auf einem Gemäldetriptychon des Italieners Agostino Raff, die den Orgelkomponisten Reger feiert.
Auch bei den Neu- oder Wiederveröffentlichungen auf dem Tonträgermarkt steht die Orgelmusik im Zentrum des Interesses: Die historisch bedeutsame erste Gesamteinspielung von Regers Orgelwerken durch Rosalinde Haas 1988-93 wurde rechtzeitig zu Haas’ 92. Geburtstag neu aufgelegt (MDG, 14 CDs), und bei Brilliant erschien Roberto Marinis Gesamteinspielung der Orgelwerke aus den Jahren 2010-13 (zuvor Fugatto, 17 CDs). Die Veröffentlichung der neunten und letzten Folge von Gerhard Weinbergers Gesamteinspielung der Orgelwerke (cpo) verzögert sich leider, und auch die nächste Folge von Jean-Baptiste Duponts Gesamteinspielung soll erst in diesem Jahr erscheinen (Édition Hortus). Von Christoph Bosserts Gesamteinspielung im Rahmen eines Online-Projekts, das zum 19. März 2023 begonnen wurde und durch organologische und pädagogische Beiträge begleitet wird (www.innovation-orgellehre.digital/gesamtwerk), wurde bislang rund ein Drittel verfügbar gemacht.
Neben der Orgelmusik standen alle anderen Werkgattungen weit zurück. Auch wenn im Konzertleben vor allem die „Mozart-Variationen“ häufig erklangen, u.a. bei der Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko, erschien nur eine neue Orchester-CD: Konzertmitschnitte der Badischen Staatskapelle Karlsruhe unter GMD Georg Fritzsch mit der Romantischen Suite op. 125 und den Mozart-Variationen op. 132 (querstand). In neuem Remastering veröffentlicht wurden die Reger-Aufnahmen Willem van Otterloos (Violinkonzert, Romantische Suite, Mozart-Variationen, 1944-57) sowie als Bonus-Tracks kleine Stücke mit Violine, darunter die älteste Reger-Aufnahme überhaupt: ein Satz aus einer der vier Violinsolosonaten op. 42 mit Efrem Zimbalist von Juni 1915 (Pristine Audio, 2 CDs).
Markus Schäfer und Ernst Breidenbach legten mit der Einspielung der kompletten Liedopera 51 und 70 aus den Jahren 1900 und 1903 einen wichtigen Beitrag zum Verständnis Regers als Liedkomponist vor (dreyer gaido): Reger erscheint hier als selbstständiger Nachfolger Hugo Wolfs, und das ist weit spannender und anspruchsvoller als die Schlichten Weisen op. 76, mit denen Reger dem Publikum auch leichtere Kost bieten wollte.
Im Bereich der Chormusik war die Ausbeute gleichfalls gering. Dem StimmGold Vokalensemble dienten die Drei Chöre op. 39 als Klammer für ihre preisgekrönte CD „Durch den Wald“ (Spektral), und Christoph Spering nahm „historisch informiert“ mit dem Neuen Orchester, dem Chorus Musicus Köln und den Solisten Anke Vondung und Tobias Berndt die späten Chorgesänge „Der Einsiedler“ op. 144a, das Requiem op. 144b und Orchestersologesang „An die Hoffnung“ op. 124 auf (Capriccio). Spering hat übrigens sein Kölner Bachfest im Herbst 2023 dezidiert Reger gewidmet und mit seinem Orchester hier auch die Hiller-Variationen aufgeführt.
Freuen darf man sich schon auf eine Produktion, die im Zusammenhang mit einem Festkonzert im Ludwigshafener Pfalzbau entstand (Rondeau): Mit dem Ensemble Vocapella Limburg, dem Chor Vox Quadrata und der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz nahm Tristan Meister Regers drei Werke für Männerchor und Orchester auf: „Hymne an den Gesang“ op. 21, „Die Weihe der Nacht“ op. 119 und „Römischer Triumphgesang“ op. 126. Letzteres gelangte seit vielen Jahrzehnten erstmals überhaupt wieder zu Gehör – eine Komposition der Meininger Reifezeit, die auch Reger-Kenner überraschen wird.
Neben einigen Veröffentlichungen von Werken für Violine oder Viola solo (op. 42 bzw. 131d) wurde Regers kammermusikalisches Schaffen vor allem bedient mit zwei Neueinspielungen des Klarinettenquintetts A-Dur op. 146, jenes verhältnismäßig eingängigen Werks, das Regers letzte vollendete Komposition mit Opuszahl überhaupt darstellt – gekoppelt einmal mit dem Klarinettenquintett von Johannes Brahms (Robert Oberaigner und das Fritz Busch Quartett, MDG), im anderen Fall mit dem der Reger-Schülerin Johanna Senfter (Kilian Herold und das Armida Quartett, CAvi). Das Klarinettenquintett war auch Thema der einzigen neuen musikwissenschaftlichen Buchveröffentlichung, Franziska Reichs „Schreiben – Denken – Komponieren: Regers Skizzen zum Klarinettenquintett“ (Carus). Und während die englischsprachige Welt immer noch auf eine Reger-Biographie wartet, legte Victor Schpinitskij eine russische Übersetzung von Susanne Popps Reger-Biographie aus dem Jahr 2015 (siehe FONO FORUM 4/2023) vor – sie gewann prompt in Russland den Preis als bestes Musikbuch des Jahres.


