„Iss zu Mittag viel Obst und Gemüse!“
Einblicke in die Frühzeit von Dietrich Fischer-Dieskaus Karriere

Zum hundertsten Geburtstag Dietrich Fischer-Dieskaus hat der Tenor Benjamin Appl nicht nur gemeinsam mit dem Pianisten James Baillieu ein Album aufgenommen, auf dem er Werke von Fischer-Dieskaus Vater und Bruder, für ihn komponierte Werke und Lieder von Schubert singt. Appl, der letzte Privatschüler des „Jahrhundert-Liedsängers“, wirft in einem Buch zur CD auch einen sehr persönlichen, in vielem überraschenden und erhellenden Blick auf Dietrich-Fischer-Dieskau – indem er unzählige Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Fotoalben und so weiter ausgewertet hat.
Buch und CD erscheinen am
23. Mai beim Label Alpha. Wir dürfen bereits vorweg einen Auszug abdrucken.
Im Sommer 1949 hatte Irmgard Poppen [die Dietrich Fischer-Dieskau im Februar 1949 geheiratet hatte] einen Meisterkurs im Rahmen der Salzburger Festspiele bei ihrem Lehrer Mainardi besucht. Sie schreibt nach Hause:
„Furtwängler müsste Dich unbedingt kennenlernen. Kurzum, wenn er also auch nicht mitspielt, so hört er Dich doch; u. nicht nur er, sondern Orff u. alle die anderen Leute, die hier rumwimmeln. Geld bekommst Du keines dafür, u. ob Du einen Frack brauchst, will ich heute [...] gleich feststellen.“
Die Gattin des Dirigenten, Elisabeth Furtwängler, erinnerte sich an diese wegweisende Begegnung im Nachgang:
„Furtwängler war mit Mainardi befreundet, so kam es dass er gebeten wurde den besonders ‚musikalischen‘ Sänger anzuhören. In einem von unserer Bleibe nicht weit entfernten Privathaus sollte das Vorsingen stattfinden. Die wenigen Anwesenden verhielten sich erwartungsvoll in einer Ecke des Raums, der Flügel stand in der andren. Furtwängler fragte Sie, was Sie denn mitgebracht hätten an Noten, und Sie sagten die 4 ernsten Gesänge von Brahms, fragte er nochmals, offensichtlich nicht ganz glücklich, ob Sie denn nichts anderes hätten, Sie verneinten. ‚Na denn also,‘ Wahrscheinlich spürte nur ich, dass F. grosse Bedenken hatte, die von ihm so hoch geschätzte Musik zu hören, wehrte er sich doch auch immer wenn junge Pianisten ihm eine der letzten Sonaten von Beethoven vorspielen wollten.
Dieses Mal kam es anders. Nachdem Schluss stund er auf und zog Sie aus dem Raum oder jedenfalls in eine dunkle Ecke, damit die neugierigen Anwesenden nichts hörten sollten. Danach brach er schnell auf noch ganz im Banne des Werks. Wir gingen allein in Richtung des Maria Theresien Schlösschens in vollkommener Dunkelheit, Strassenbeleuchtung gab es nicht. Wir gingen stumm, am Griff seiner Hand spürte ich, dass er noch bei Brahms war, und schwieg auch, plötzlich blieb er stehen: ‚dass so ein junger Mensch schon genau weiss wie das gesungen werden muss‘.“
Diese Begegnung mit Furtwängler beflügelte Fischer-Dieskaus Karriere, er wurde vom Dirigenten zu den Salzburger Festspielen 1951 eingeladen und debütierte mit Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“.
Irmgard Poppen versuchte immer, ihrem Mann eine große Stütze zu sein:

„Liebestes Engele, mache Dir heute einen stillen, besinnlichen Tag für Seele u. Körper. [...] Vergiss nicht jetzt gleich morgens das 3fache Dehnen u. Räkeln, wasch Dich hübsch kalt, iss zu Mittag Gemüse u. Obst viel, lege Dich vor dem Mittagsschlaf auf den Boden, Verzeihung: auf die Erde! Mit Füssen auf einem Stuhl oben, atme dabei schön gleichmäßig, Augen zu. Nimm Dir nachmittags evtl. Deinen Tauchsieder u. mache Melissentee, mit viel Dextro. Auch das Stärkungsmittel, falls noch was da ist, vergiss nicht, u. nimm nachmittags evtl. 3 Baldriantabletten, oder bei gar zu arger Aufregung eine Bromusal, sie kann absolut nicht das Geringste schaden. Dann ziehe Dich recht früh um, damit Du in aller Ruhe die Kragenwirtschaft u. all das andere Zeug zurechtlegen kannst an Dir. Ach, Du Liebster, Ärmster so alleine, ich hab Dir sonst so gern geholfen. Aber weisst Du, es ist bestimmt viel besser ohne mich, so kannst Du Dich noch viel besser konzentrieren. Aber tu das auch nicht zu viel, laufe mal mit hochgehobenen Armen lange im Zimmer rum u. lasse Dich auch im Geist dabei locker. Beim Absinken der Arme zum Schluss Vorsicht, nicht schlapp runterfallen lassen! Meine Gedanken umhüllen Dich ganz u. gar heute abend beim Requiem. Wer weiss, wann u. ob Du noch einmal die Gnade des Miterlebens mit Furtwängler haben kannst. Sicher musst Du vor Ergriffenheit innerlich weinen, sicher sind Dir viele Stellen neue Offenbarungen durch ihn. Ich bin bei Dir.“
Interessanterweise hatte Fischer-Dieskau auch ein großes Fable für Mode, was er in mehreren Briefen zum Ausdruck brachte, wie hier aus Stockholm: „Könnte ich Dir die Läden zeigen! (Türkenrock-Cocktail-Kleid zum Fressen!) Und die Schuhe! Ach, und alles! Nach Paris die modischste Stadt, die ich kenne. [...] Aber die Frauenaugen! – Laß Dir die Haare wachsen, bestell ein Nachmittagskleid (etwa türkis mit großem Ausschnitt!) aus Chiffon bei Hermann, tanz’ mit dem frischgetüteten Schulbuben durch den Garten, schaff’ Dir einen zart-lila Lippenstift an, zum Nachm.-Kleid passende Satinschuhe mit Straßbesatz am Absatz, u. denk’ an den Kamelhaarmantel, bei dem wir unbedingt bleiben (Hier fast ausschließlich getragen!) Da wäre dann ein ganz heller Pelz (vielleicht?) draufzusetzen! – Aber natürlich auch das andere Nachmittagskleid mit Hängeschal zum verschiedenartigen Drapieren.“
Oder aus Frankfurt berichtet er:
„In einem superfeinen Herrenladen […]. Vom Schaufenster entnahm ich nur folgendes, für Dich auszuprobierendes Werte: Rote Pumps mit Halbabsatz namens ‚Miss Bally‘, Camping Schuhe weiss namens ‚Sioux‘, Italienisch geformte Pumps in Modefarbe matt-grün, Blauweisse Netzpumps, die Dir sehr elegant stehen müssten und natürlich eine Fülle reizvoller Strandschuhchen, die sicher auch in Berlin anzusehen sind. Also denn, auch ohne Nummern, guten Mut zum Schuhkauf, bitte gerade jetzt ohne viel Rücksicht auf die ollen Moneten.“
Beginn einer Weltkarriere
Bald wurde der junge Sänger nach England und ins europäische Ausland eingeladen.
„Ich kann sagen, dass es kein Rosenweg für mich war, zum ersten Mal nach Holland oder England oder Skandinavien zu kommen. Aber der Musik wohnt eine verbindende Kraft inne, als es sich um die Geschicklichkeit der Politiker träumen lässt. Und dafür, dass ich so getragen wurde, bin ich dankbar. Kürzlich bekam ich in Holland ein kleines versilbertes Lorbeerkränzchen, auf dem zu lesen stand. ‚Dem geliebten Feind‘.“
1951 sang Fischer-Dieskau zum ersten Mal in England. Irmel schreibt stolz an ihre Mutter:
„Jetzt in London singt er unter Thomas Beecham, die ‚Messe des Lebens‘ von Delius, deutscher Text, weil Kant! Es ist Schwulst-Musik, die Dieter schrecklich findet, aber es ist das Eröffnungskonzert der ‚Festival of Britain‘. [...] Ich bin rasend gespannt, englisch werd ich schon bissle können.“
Durch seinen Erfolg in London wurde auch der große englische Plattenproduzent Walter Legge, Ehemann der Sängerin Elisabeth Schwarzkopf, auf ihn aufmerksam. Irmel berichtete ihren Eltern vom ersten Zusammentreffen der beiden im darauffolgenden Jahr in Wien: Legge wisse, „dass Dieter ,einmalig‘ ist u. seine Platten später in der ganzen Welt sehr viel verkauft werden.“
Im Oktober 1952, wenige Monate nach dem Treffen, wurde ihm der großartige Liedbegleiter Gerald Moore, der ihm zum langjährigen musikalische Partner werden sollte, vorgestellt, mit dem er sogleich in den Londoner Abbey Road-Studios eine Platte aufnahm:
„Die Lieder werden wegen der besonders guten Aufnahmeräume in London gemacht, u. weil dort der Europa-beste Begleiter ist. Thomas [Anm. Gerald] Moore, u. weil Dieter ja eben mit einer englischen Firma Vertrag hat: his master’s voice. [...] Er ist immer ganz strahlend u. dankbar für Dieters schönen Gesang.
[...] Dieter sang so schön, wie noch selten, wiederholte jedes Lied höchstens 2mal, arbeitete vor jedem Lied gründlich mit dem Begleiter dran u. brauchte mich zur dauernden Kritik oder Lob oder Umblättern, Teebringen oder auch Nur-Dasitzen.“
Großbritannien mit über siebzig Konzertreisen sollte für Fischer-Dieskau neben Deutschland und Österreich zu seinem wichtigsten Markt werden.