„Nun bin ich in der Welt allein“
Gedanken zu George G. Byron und seiner geistesgeschichtlichen Bedeutung

Über den aus England stammenden Poeten George Gordon Noel, 6. Baron Byron, dessen Todestag sich im vergangenen Jahr zum zweihundersten Mal gejährt hat, ist im Laufe der Zeit fast schon erschreckend viel diskutiert und geschrieben worden.
Gewiss hat dies zu tun mit den beachtlichen Vorzügen und Qualitäten seines hauptsächlich aus Gedichten und (im Grunde nicht für die Bühne konzipierten) Tragödien, satirischen Einlassungen sowie persönlichen Briefen beziehungsweise Tagebucheinträgen bestehenden literarischen Outputs. Bereits der 17-jährige Friedrich Nietzsche brachte es gut auf den Punkt, wenn er vor allem Byrons Ideenreichtum und dessen außerordentliche Sprachgewalt rühmte. In Bezug auf die Byron’sche Lyrik fiel ihm zudem der „wundervolle Farbenglanz“ auf. Gleichwohl blieb dem frühreifen Teenager der Blick für vorhandene Defizite nicht verstellt. Dass Byron „kein Meister der Charakteristik“ war und die dramatische Anlage einiger seiner Hauptwerke dadurch in Mitleidenschaft gezogen worden ist, wird uns an späterer Stelle noch zu beschäftigen haben.
Der wirklich zentrale Grund für das Interesse an Byron liegt indes in der faszinierenden Widersprüchlichkeit dieser Person, in ihrer konsequenten Inkonsequenz. Kaum ein relevanter Gesichtspunkt kann davon ausgenommen werden. Byrons Naturell spaltete sich praktisch auf in einen äußerst offensiven, von Selbstherrlichkeit und eruptiver Leidenschaft beherrschten Part und andererseits in einen völlig defensiven, von selbstzerstörerischer Schwermut, Agonie und Verzweiflung gezeichneten. Seine physische Erscheinung scheint die eines attraktiven Mannes mit schönem Kopf gewesen zu sein, empfindlich gestört allerdings durch den Makel einer angeborenen Missbildung des rechten Fußes (Pes equinus). Zwar gefiel sich der Lord bisweilen in der Rolle des exzessiven Womanizers, hegte insgeheim jedoch riesige Furcht vor dem weiblichen Geschlecht. Seine sexuelle Ausrichtung war nebenbei bemerkt flexibel. Im Bereich des Politischen wurde er unter Umständen zum Radikal-Progressiven, zum engagierten Anwalt der Unterdrückten, um dann, sobald er adelige Privilegien tatsächlich bedroht sah, sich sicherheitshalber auf die Seite der Reaktionäre, mindestens aber der Konservativen zu schlagen. Für ein solches Gemisch erfand Bertrand Russell später die leicht spöttische Bezeichnung „aristokratischer Rebell“. Schon zu Lebzeiten konnte Byron als gefeiert und weltberühmt gelten. Selbst ein Goethe geizte nicht mit Lob für den Konkurrenten und setzte ihm mit der Figur des „Euphorion“ im zweiten Teil des „Faust“ sogar ein literarisches Denkmal. Zugleich führten diverse Skandale und Indiskretionen zu massiven öffentlichen Anfeindungen und letztlich auch zur faktischen Verbannung Byrons aus seinem Heimatland.
Stoff für Verwirrung liefert das alles zu Genüge. Lediglich der akademischen Debatte spielt diese Situation wohl ein Stück weit in die Hände – weil ihre Existenzgrundlage aufgrund der vielen Rätsel und Aporien eigentlich dauerhaft gesichert ist. Als erheblich erweist sich freilich die aus der Verlegenheit resultierende Gefahr undifferenzierter Zuspitzungen, das heißt der Klischee- oder Mythenbildung. Neue Begrifflichkeiten wie etwa „Byronismus“ trugen tendenziell zu einer solchen Entwicklung bei. Auch sollte man sich nicht verleiten lassen, eine angesichts der schrillen Persönlichkeit und Vita eventuell skeptische Sicht auf den Menschen Byron leichtfertig auf sein Werk und dessen Wert zu übertragen.
Zugegebenermaßen lädt Byrons Charakter, mit seiner extremen äußeren und inneren Zerrissenheit, zu psychologischen, ja psychopathologischen Spekulationen nachgerade ein. Er selbst hätte sich dagegen vielleicht gar nicht einmal zur Wehr gesetzt. Der Lady Blessington gegenüber bekundete er jedenfalls freimütig: „Soweit ich mich selber kenne, möchte ich behaupten, dass ich überhaupt keinen Charakter habe. […] Doch Scherz beiseite, was ich von mir selber denke, ist, dass ich so veränderlich bin, alles abwechselnd und nichts für lange – eine so seltsame Mischung aus Gut und Böse, dass es schwer fallen dürfte, mich zu beschreiben.“ Durch die Blume kommt hier das Kernproblem einer instabilen, mithin gestörten Persönlichkeitsstruktur zum Ausdruck; nämlich die buchstäbliche „Charakterlosigkeit“ oder anders gesagt der Mangel an einem eigenständigen Selbst. Wer davon betroffen ist, dem oder der fehlen insbesondere die konstante Ich-Identität (Authentizität) und ein solides Selbstwertgefühl.
Weichen für derartige Auswüchse werden in aller Regel bereits in frühester Kindheit gestellt. Byrons Fall würde sich da ins entsprechende Muster einfügen. Er wuchs auf in einem Umfeld, das offenbar von Maßlosigkeit und Unzuverlässigkeit geprägt war. Der Vater, John „Mad Jack“ Byron, soll der Verschwendungssucht und Liederlichkeit verfallen gewesen sein. Als er (auf der Flucht vor Gläubigern und wahrscheinlich durch Freitod) relativ früh aus dem Leben schied, ließ er seine Familie in überschaubaren finanziellen Verhältnissen zurück; obwohl die Mutter, Catherine, geb. Gordon of Gight, ursprünglich ein nicht unbeträchtliches Vermögen mit in die Ehe gebracht hatte. Von der launenhaften Catherine ging leider ebenfalls nicht die notwendige Beständigkeit aus. Sie begegnete ihrem Sohn entweder mit überschwänglicher Zärtlichkeit oder herzloser Strenge, und dies oft im jähen Wechsel.
Wo so viel Bewegung im Spiel ist, da ist etwas Beharrliches kaum zu vermuten oder zumindest schwer auszumachen. Es kann deshalb nicht sonderlich überraschen, dass speziell die philosophische Dimension in Byrons Schaffen, also das von ihm vermittelte Welt- und Menschenbild, nur vergleichsweise selten eine intensive Aufmerksamkeit erfahren hat. Fraglos war Byron mit seiner notorischen Wankelmütigkeit (manche Biografen attestieren ihm zudem eine regelrechte „Denkfaulheit“) nicht zum systematischen Denken disponiert. Ungeachtet dessen bezeugen seine Werke und Korrespondenzen einzelne hoch bedeutsame und gefestigte Grundüberzeugungen, beziehungsweise solche schwingen dort häufig mit. Byron mag vielleicht kein philosophischer Schriftsteller vom Format etwa eines Friedrich Schiller gewesen sein, aber das sichere Gespür und Bewusstsein für derartige Problemstellungen besaß er schon. Kraft seiner sprachlichen Virtuosität konnte er gleichsam Inspirator oder Stichwortgeber – heutzutage wäre wohl von einem „Influencer“ die Rede – für andere, philosophisch versiertere Geistesgrößen sein. Und andersherum wird natürlich auch ein Schuh daraus: Durch das Brennglas bestimmter von ihm beeinflusster philosophischer Systeme erscheinen uns Byrons eigene Gedankengänge und Botschaften potenziell klarer.

Zu den wichtigsten „Byron-Enthusiasten“ der ersten Stunde gehörte niemand Geringeres als Arthur Schopenhauer. Für den anglophilen Philosophen rangierte Lord Byron unter den britischen Poeten gleich hinter Shakespeare und neben Walter Scott an zweiter Stelle. Mit Vorliebe führte er Byron’sche Verse im Rahmen seiner Abhandlungen zur Illustration oder Bekräftigung von Thesen an. Eine persönliche Begegnung der beiden Altersgenossen (*1788) hat derweil nie stattgefunden; die passende Gelegenheit dazu, während eines parallelen Italienaufenthalts, ließ der Philosoph zu seinem späteren Bedauern aus. Da Schopenhauers Schriften erst viele Jahre nach Byrons Tod internationale Verbreitung erlangten, dürfte Letzterer von seinem deutschen „Bruder im Geiste“ gar keine rechte Kenntnis gehabt haben.
Die ideologische Schnittmenge reicht tief bis in weltanschauliche Gefilde. Man könnte Byron unter Verwendung einer vorrangig mit Schopenhauer assoziierten Terminologie durchaus zutreffend als „Pessimisten“ verorten. Dabei ist unbedingt manchen, diesen Begriff inzwischen regelmäßig belastenden Fehlinterpretationen, ja falschen Vereinnahmungen vorzubeugen. In strikter Abgrenzung zu (ereignisbezogener) Schwarzmalerei oder sonstigen Formen von bloß destruktiver Prophetie soll hiermit ausdrücklich ein rational abgewogenes – kritisches – Urteil über die essenzielle Beschaffenheit und den allgemeinen Wert der Welt (d. i. der Gesamtheit aller möglichen Erfahrung) gemeint sein. Der Sache nach entspricht Pessimismus einer auf Desillusionierung und Entmystifizierung ausgerichteten und insofern gnadenlos realistischen Sichtweise. Der Umstand des irdischen Leides findet darin uneingeschränkte Berücksichtigung; die inhärente Sinnhaftigkeit und somit Bejahungswürdigkeit des Daseins wird offen angezweifelt. Historisch ist die ausbuchstabierte pessimistische Position nicht zuletzt eine Frucht der Aufklärung. Tatsächlich knüpft Byron unter anderem an den großen Voltaire an. Besonders deutlich wird das in „Kain – Ein Mysterium“, das auch als ernstes Gegenstück zum satirischen „Candide“ gelesen werden kann. Byrons Affinität zu atmosphärischer Düsterkeit weist ihn hingegen als Apostel der Spätromantik aus. In der Betonung des Grotesken, Unheimlichen oder Okkulten liegt aber weder eine unweigerliche Konsequenz des Pessimismus, noch ist sie hinreichender Beleg für eine Abkehr davon. Die so betriebene (zusätzliche) Heraushebung der Beschränktheit menschlicher Vernunft erfolgt hier sozusagen um den Preis eines gelockerten Realismus.
„Und dies ist menschlicher Erkenntnis Ziel, dass man die Nichtigkeit des Menschenseins erkennt. Lass diese Kenntnis deinen Kindern nach, gar manchen
Jammer wird sie ihnen ersparen.“ (Luzifer zu Kain in Byrons „Kain – Ein Mysterium“)
Im dezidiert „optimistischen“ Kontext wird der Mensch gerne auf den Sockel gehoben. Man billigt ihm eine eigentlich vorzügliche Natur zu und erklärt ihn überhaupt zur „Krone der Schöpfung“. Auch unter pessimistischen Vorzeichen markiert die menschliche Existenz einen Hochpunkt, dies jedoch primär im Sinne der Konzentration von Malaise. Welches bekannte Wesen wäre denn auch stärker zum Wohl und eben zum Wehe bestimmt als der Homo sapiens? Byrons Menschenbild setzt genau da an, und es verdichtet sich in dessen typischen Protagonisten-Figuren, die, obzwar Vorbilder zu konzedieren sind, die stehende Kategorie des „Byronic Hero“ (zu Deutsch: Byron’scher Held) begründet haben.
Zum Glück haftet dem Ausdruck eine gewisse Mehrdeutigkeit an, sodass es sich keineswegs um ein reines Etikett handelt. Diese Mehrdeutigkeit bedarf allerdings der sorgfältigen Entschlüsselung. „Byronic“ sind die von Byron eingeführten Hauptcharaktere zunächst einmal auf eine quasi exhibitionistische Art; indem sie vornehmlich die Eigenschaften ihres Urhebers widerspiegeln. Byron erfindet im Grunde keine originären Persönlichkeiten, sondern er lädt solche überwiegend mit eigenem Material auf, das heißt, er projiziert sich und sein Leben in sie hinein. Demgemäß steht er zu seinen Geschöpfen auch nicht so sehr im empathischen Bezug, sondern er sympathisiert mit ihnen. Stendhal verstieg sich deshalb zu der provokanten Aussage, Lord Byron sei „der undramatischste Dichter, den es je gegeben hat“; denn „er konnte sich niemals in einen anderen Menschen versetzen“. Seine dramatischen Figuren, ob nun Manfred, Marino Faliero, Jacopo Foscari oder Sardanapal, seien sämtlich nichts als „Abspaltungen seines Ich“. Wiederum wird damit ein problematischer psychologischer Aspekt berührt. Die geschilderte Projektionsdynamik ist aber nicht nur Indiz für tieferes seelisches Ungemach, sie schafft außerdem neuralgische Hürden für die Byron-Biografik. Wenn Leben und Werk praktisch miteinander verschmelzen, dann verwischt die Grenzlinie zwischen Wahrheit und Dichtung. Freilich lag es nicht in Byrons Interesse, das Geheimnis ihres konkreten Verlaufs (restlos) zu lüften.
„Byronic“ ist ferner die auf das Subjekt fokussierte, egozentrisch zu nennende Optik, welche bei den zentralen Gestalten des dramatischen Geschehens weitgehend angelegt wird. Davon bleibt auch das Konzept des „Hero“ nicht unbeeindruckt. Während in der traditionellen Vorstellung Helden insbesondere mit dem, was diese nach außen hin, also bezogen auf Dritte, leisten oder positiv bewirken, in den Blick zu nehmen waren, dominiert beim „Byronic Hero“ die Perspektive auf das individuelle Schicksal und die daran gekoppelten inneren Kämpfe. Hellsichtig hat Sören Kierkegaard mit Rücksicht auf Byrons Spätwerk „Don Juan“ zu bedenken gegeben, dass schon durch den veränderten Fokus des Byron’schen Ansatzes das konventionelle Heldennarrativ nicht etwa ergänzt oder auf alternativem Weg bestätigt, sondern vielmehr ausgehebelt wird.
Gänzlich in Opposition zum klassischen Heldentypus scheint schließlich die dem „Byronic Hero“ eigentümliche Konstitution zu stehen. Wie oben antizipiert, haben wir es zu tun mit vom charakteristischen Profil des Dichters mehr oder weniger direkt abgeleiteten Gestalten; mit Personen, die, bedingt durch ihr ungewöhnliches Portfolio an Veranlagungen – zumeist eine schwierige Melange aus eminenten Gaben und Restriktionen –, in der Arena des Lebens auch ungewöhnlich heftig unter die Räder geraten. Es sind wahlweise durch katastrophale Entwicklungen, Ereignisse, Handlungen oder ihr unmittelbares soziales Umfeld traumatisierte Menschen, die sich ab einem bestimmten Moment zur gesellschaftlichen Außenseiterstellung oder sogar zur Flucht in die totale Isolation verdammt sehen. Kurzum: Byron mutet seinem Publikum die Exponierung von sich auf der Schwelle zur Monstrosität bewegenden Leuten zu!

Und dennoch wäre es vorschnell, in der Verfasstheit sowie im Gebaren des „Byronic Hero“ nur gezieltes Anti-Heldentum zu erblicken. Bei näherer Betrachtung lassen sich ebenso Anhaltspunkte für eine konstruktive Umdeutung des Heldenhaften identifizieren. Wenn es etwas gibt, das in keiner seriösen Definition von Heldentum zu kurz kommen darf, dann ist es wohl die Frage des effektiven Dienstes an der Freiheit. Vom Helden muss, in welcher Form auch immer, ein erfolgreich bemühtes (also den gegebenen Widerständen irgendwie trotzendes) Engagement für die Freiheit ausgehen. Ironischerweise trifft ausgerechnet der „Graf Manfred“, Byrons abgründigste literarische Ausgeburt, mit solcher Lesart am ehesten zusammen. Dass nämlich Manfred für sich und seinen Leidensweg einzig den Tod noch als Option erwägt und geradezu herbeisehnt, macht ihn nicht automatisch zum Wahnsinnigen. Auch will er dadurch die erdrückende Last seiner Verantwortung beziehungsweise Schuld nicht einfach beiseiteschieben. Womöglich steht Manfred hier aber im Bann einer in ihm zur echten Erkenntnis gereiften Einsicht; seine völlige Resignation ist Zeichen fester Verinnerlichung des pessimistischen Credos. Doch was „passiert“ bei diesem Entsagungsvorgang? In gewisser Hinsicht vollzieht sich damit tatsächlich ein elementarer Akt der Emanzipation oder Befreiung. Manfred erhebt sich über die ihn wie alle Menschen beherrschende natürliche Bedürftigkeit. Er bändigt den im Zweifel zähesten Gegner, mit dem er überhaupt konfrontiert sein konnte. Er bezwingt – sich selbst.
Im Schopenhauer’schen Koordinatensystem käme Manfreds Einsehen am Ende einer soteriologischen Erkenntnis gleich. Mit dem von Bestrebungen nachhaltig geläuterten Bewusstsein sollte ein Kipppunkt erreicht sein, infolgedessen der Tod eine tröstliche metaphysische Aussicht verspricht. Die dahinterliegende Theorie ist ein Fall für die Studierstube und kann an diesem Ort nicht ausgebreitet werden. Ohnehin widersetzen sich Schopenhauers Überlegungen tendenziell dem aktuellen Zeitgeist. Sie sind uns Heutigen kaum zwanglos vermittelbar. Daher wird man es eventuell mit Thomas Buddenbrook halten wollen, der, nachdem er im Roman zu verzweifelter Stunde das Hauptwerk des Philosophen aufgeschlagen hatte, einräumen musste, dass der dort präsentierte Inhalt „zu viel, zu viel“ sei für sein „Bürgerhirn“.
Erbauungsliteratur für „Bürgerhirne“ war erst recht keine Domäne des eingangs zitierten Friedrich Nietzsche. Als ein Spross des vorgerückten 19. Jahrhunderts (*1844) konnte Nietzsche Byron bereits im Licht der zwischenzeitlich etablierten Schopenhauer’schen Lehre verstehen. Schon bald wich er allerdings von dieser Denkart ab und verschob die Akzente. Nicht die Lossagung vom Leben, sondern die entschiedene Restituierung des Lebensgeistes sei die eigentliche Medizin. Aus dem in der Krise erstarrten Menschen müsse, wie Phoenix aus der Asche, ein neu justiertes Menschengeschlecht erwachsen. Von einer Geringschätzung speziell der Manfred-Figur war der streitbare Visionär dagegen weit entfernt. Schließlich hätte auch der gewaltige Schritt zum „Übermenschen“ pessimistische Klarsicht zur notwendigen Voraussetzung. Obendrein gibt Manfreds moralische Unangepasstheit (bei gleichzeitig intaktem Verantwortungsbewusstsein) eine Probe jenes „Immoralismus“, der den kommenden vom überkommenen Menschen ganz wesentlich unterscheiden solle.
Einigermaßen kurios mutet übrigens Nietzsches musikalische (!) Verarbeitung des Manfred-Stoffes an. Bis zu seinem schriftstellerischen Durchbruch hatte er sich gelegentlich als Komponist versucht. Dabei klafften Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Zwar ist die in den frühen 1870er Jahren zu Papier gebrachte „Manfred-Meditation“ für zwei Klaviere ein künstlerisch ambitioniertes, streckenweise sogar modern klingendes Werk. Dass es der entwaffnend ehrliche Hans von Bülow als das „Unerquicklichste, Antimusikalischste, was mir seit langem […] auf Notenpapier zu Gesicht gekommen ist“, abtat, steht auf einem anderen Blatt. Seither verharrt das Stück in der musikalischen Schmuddelecke. Kaum jemand käme auf die Idee, Nietzsches tönenden Erguss im gleichen Atemzug mit den meisterhaften Byron-Vertonungen von Schumann, Berlioz, Verdi oder natürlich Tschaikowsky zu nennen.
„Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein: ich fand alle diese Abgründe in mir, – mit dreizehn Jahren war ich für dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen.“ (Friedrich Nietzsche in: „Ecce Homo“)
Anfang des Jahres 1821 brach in Griechenland ein schrecklicher, fast eine Dekade währender Krieg aus. Die von den Osmanen unterdrückten Griechen zogen in den bewaffneten Kampf für ihre Unabhängigkeit. Hier beginnt und endet auch das finale Kapitel in Lord Byrons Chronik. Und es ist wirklich ein Ende, das uns die Ambivalenz und Tragik dieses Charakters noch einmal konturiert vor Augen führt. Denn im Sommer 1823 traf Byron die spektakuläre Entscheidung, sich aktiv ins Kriegsgeschehen einzubringen. Sicherlich war das mehr als eine bloße Grille. Die rege Anteilnahme an den Belangen Griechenlands gehörte zu den wenigen Konstanten in Byrons Leben. Im Besonderen vertrat er die Meinung, dass die Zukunft dieser Region maßgeblichen Einfluss auf die Zukunft des gesamten europäischen Kontinents haben würde. Gleichwohl kann man sich der Frage nicht erwehren: Wollte da jemand, dessen Wirken stets auf eine Kritik des Heroischen abgezielt hatte, doch als Held „alten Schlages“ in die Annalen eingehen? Die Angelegenheit nahm jedenfalls einen Verlauf, wie ihn sich der eingefleischteste Pessimist nicht unglücklicher hätte ausmalen können. Byron kam in Mesolongi zu Tode. Er starb aber nicht im Zusammenhang mit Kampfeshandlungen und war nie in welche involviert. Kurz nach seiner Ankunft hatte er sich mit Malaria infiziert und fiel am 19. April 1824, 36-jährig, auf elende Weise der Krankheit zum Opfer. So empfehlenswert die Beschäftigung mit Byrons Oeuvre (selbst aus der Distanz von nunmehr zwei Jahrhunderten) auch sein mag – von der Nachahmung seines Lebenswandels muss dringend abgeraten werden.

