In memoriam

Langzeitbeziehungen

Von
Jürgen Schaarwächter
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Brigitte Lacombe
Foto: Brigitte Lacombe

Michael Tilson Thomas oder MTT, wie er von den meisten genannt wurde, stammte nicht aus einer Musiker-, aber doch aus einer jüdischen Künstlerfamilie. Sein Vater war Inspizient bei Max Reinhardts Broadway-Produktion von Humperdincks „The Miracle“ gewesen, bald selbst Produzent für die Mercury Theatre Company und in den späten 1930ern als Dialogcoach und Drehbuchredakteur nach Hollywood gewechselt; seine Mutter war Leiterin der Abteilung für historische Recherche bei Columbia Pictures. In Los Angeles wurde MTT am 21. Dezember 1944 als einziges Kind seiner Eltern geboren. „Ich wuchs inmitten vieler berühmter Theater- und Filmschauspieler auf“, erinnerte er sich in einem Interview. „Später erlangte ich Zugang zum Kreis um Strawinsky und zu einigen Menschen, die Schönberg noch gekannt hatten. Mit Jascha Heifetz und Gregor Piatigorsky war ich eng verbunden – wir haben oft gemeinsam konzertiert, als ich 17 oder 18 war.“ Für die Meisterklassen der beiden war er als Korrepetitor tätig, im Rahmen der Los Angeles’ Monday Evening Concerts arbeitete er mit Strawinsky, Boulez, Stockhausen und Copland zusammen; 1967 wirkte er unter Strawinskys Aufsicht an der Ersteinspielung der vierhändigen Klavierfassung des „Sacre du printemps“ mit. Schon mit neunzehn Jahren wurde er Musikdirektor des Young Musi­cians Foundation Debut Orchestra, ein nachhaltig prägendes Erlebnis.

Tilson Thomas studierte Klavier und Komponieren an der University of Southern California, verbrachte den Sommer 1966 als Assistent in Bayreuth und wurde gleich nach dem Examen 1967 Musikdirektor des Ojai Music Festival, eine Position, die er bis 1994 sechs weitere Male bekleiden sollte. Nach dem Gewinn des Koussevitzky-Preises in Tanglewood 1969 wurde er zum stellvertretenden Dirigenten des Boston Symphony Orchestra ernannt, und nachdem er bald darauf kurzfristig für den Chefdirigenten William Steinberg ein Matineekonzert in der Carnegie Hall übernommen hatte, erhielt er seinen ersten Schallplattenvertrag von der Deutschen Grammophon. Er blieb Boston als Erster Gastdirigent bis 1974 verbunden (zu den Highlights seiner dortigen Diskografie zählt eine DG-Einspielung mit Musik von Walter Piston, William Schuman, Charles Ives und Carl Ruggles) und war paral­lel 1971-79 Musikdirektor des Buffalo Philharmonic Orchestra, mit dem er für Columbia Records Aufnahmen machte (darunter eine Ruggles-Gesamteinspielung). Ebenfalls 1971 übernahm er von Leonard Bernstein die legendären Young People’s Concerts der New Yorker Philharmoniker fürs CBS-Fernsehen. Bernstein sagte anlässlich der Übergabe: „Ich verwende das Wort ‚Genie‘ nicht leichtfertig, aber bei Michael tue ich es. Er erinnert mich an mich selbst in diesem Alter … Er ist mir ähnlich in seiner uneingeschränkten Begeisterung für Musik jeder Art, in seiner Unersättlichkeit und seiner grenzenlosen Vielseitigkeit.“ Später war MTT mit seinem Multimediaprojekt „Keeping Score – Die Partitur im Visier“ digital unterwegs, wurde 2007 für seine SFS-media-Radioserie „The MTT Files“ mit dem Peabody Award ausgezeichnet und leitete 2009 das Debütkonzert des weltweit geklickten YouTube Symphony Orchestra. Generell lässt sich die Zahl seiner Auszeichnungen und Preise kaum zählen – unter anderem gewann er zwölf Grammys.

Michael Tilson Thomas strebte im Konzert wie auf seinen über 140 Schallplattenproduktionen stets höchste Transparenz auch bei komplexen Texturen an, gleichzeitig war er immer darauf bedacht, dass einerseits die Gesamtarchitektur proportional ausgewogen bleibt, andererseits jede Stimme, gleich ob instrumental oder vokal, bestmöglich „aussingen“ kann. So haben wir bei seinen „Images“ von Debussy aus Boston zwar einen kaum überhörbaren amerikanischen Tonfall, aber auch ein feines Gespür für Rhythmik und einen jederzeit wachen Sinn für Klangfarbigkeit, für lebendigen, organischen Aufbau. Er weiß – auch klanglich – zuzuspitzen und braucht keine extremen Tempi, um Spannung aufzubauen. Bezüge zwischen Alter und Neuer Welt arbeitet er immer wieder spannungsvoll heraus. Seine Interpretationen der Cellokonzerte von Schostakowitsch (mit Mischa Maisky und dem London Symphony Orchestra) sind den besten Einspielungen Maxim Schostakowitschs zur Seite zu stellen. Sein „Sacre“ aus Boston von 1972 ist im besten Sinne elektrisierend, dazu bietet die Platte Strawinskys selten zu hörendes Chorwerk „Le Roi des étoiles“ in einer Referenzeinspielung (25 Jahre später legte er für RCA eine der besten Einspielungen der selten zu hörenden „Perséphone“ vor).

1970 debütierte Tilson Thomas beim London Symphony Orchestra, wurde quasi über Nacht zu einem regelmäßigen Gastdirigenten, 1988 Claudio Abbados Nachfolger als Chefdirigent und später Ehrendirigent. Die berühmteste diskografische Frucht der über fünfzigjährigen Zusammenarbeit sind Mahlers dritte Sinfonie und die Rückert-­Lieder mit Janet Baker, aber auch die Referenzeinspielung von Debussys „Martyre de Saint Sébastien“ (Sony) und zwei CDs mit Musik von Leonard Bernstein (Deutsche Grammophon) müssen erwähnt werden.

Werke des Standardkanons hat er kaum aufgenommen (etwa die Beethoven-Sinfonien mit dem English Chamber Orchestra), was an den Wünschen der Plattenfirmen gelegen haben dürfte. Dafür nahm er sich voller Engagement der „Nischen“ an. Ob Beethovens späte Chorwerke (Columbia) oder Brahms’ Orchesterserenaden, selten gespielter Tschaikowsky oder zeitgenössische Musik – gerade im Unbekannten entfalteten sich seine interpretatorischen Qualitäten. Tilson Thomas’ Ives-Einspielungen wurden zur neuen Referenz, berühmt wurde die „Rhapsody in Blue“, in der eine Reproduktionsrolle mit Gershwins Spiel aus dem Jahr 1925 mit einer neuen Orchesterfassung mit der Columbia Jazz Band unter Thomas’ Leitung „unterlegt“ wurde – kongenial in der äußerst flexiblen Tempowahl. In einem Interview sagte MTT einmal, dass die Soulgröße James Brown ihn in seinem Sinn für Timing nachhaltig geprägt habe.

Kontinuität bestimmte Leben und Wirken des Michael Tilson Thomas. 1974 dirigierte er zum ersten Mal das San Francisco Symphony, von 1995 bis 2020 stand er ihm als Musikdirektor vor. Das Orchester, das lange im Schatten des Los Angeles Philharmonic stand (und dem Tilson Thomas von 1981 bis 1985 als Erster Gastdirigent verbunden war), gewann unter MTT, nicht zuletzt wegen der intensiven Nutzung neuer Medien und neuer Vermittlungsformen von Musik, klares Eigenprofil, viele seiner Pionierleistungen fanden weltweit Nachahmer.

Mit dem San Francisco Symphony widmete MTT sich auch Aaron Cop­lands Orchestermusik. Seine zweite – brillante – CD „Copland the Modernist“ enthält das Klavierkonzert (mit Garrick Ohlsson), die Orchestral Variations, die Short Symphony und die Symphonic Ode. 2022 sagte er in einem Interview: „Wenn ich Coplands dritte Sinfonie dirigiere, werden in mir sehr viele schöne und tiefe, bedeutsame Erinnerungen wach. Ich erinnere mich wieder an ihn und an viele Menschen, die zu seiner Welt gehörten: an all die Schriftsteller, Maler oder Dramatiker, die ich damals kennengelernt habe – das ist die Familie, in der ich aufgewachsen bin. Deshalb ist diese Musik für mich wie ein Nachhausekommen.“

2001 gründete das San Francisco Symphony, als eines der ersten Orchester überhaupt, sein eigenes Platten­label – SFS media –, und hier erschien nun, in Live-Mitschnitten und SACD-Qualität, jenes Repertoire, das ihm besonders am Herzen lag, darunter eine Mahler-Gesamtschau und immer wieder amerikanische Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

In Miami Beach gehörte Michael Tilson Thomas 1987 zu den Mitbegründern des New World Symphony, einer Orchesterakademie für junge Musiker, deren erklärtes Ziel es ist, „hochbegabte Absolventen renommierter Musikstudiengänge auf Führungsrollen in Orchestern und Ensembles weltweit vorzubereiten“; bis 2022 blieb er künstlerischer Leiter des Orchesters. Mit dem Orchester und Audrey Hepburn als Sprecherin brachte er 1991 sein eigenes Werk „From the Diary of Anne Frank“ zur Uraufführung. 1995 dirigierte er das Pacific Music Festival Orchestra bei der Uraufführung seines Werkes „Shówa/Shoáh“, das zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima entstanden war. Zu seinen Vokalkompositionen zählen Vertonungen von Gedichten von Walt Whitman und Emily Dickinson, die von Thomas Hampson und Renée Fleming uraufgeführt wurden.

2021 wurde bei MTT ein aggressiver Hirntumor diagnostiziert, doch nach einer Operation konnte er noch vier Jahre seine Arbeit fortsetzen; seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er am 26. April 2025 anlässlich eines verspäteten Geburtstagskonzerts des San Francisco Symphony zu seinen Ehren. Michael Tilson Thomas starb am 22. April 2026. Als reiche Lebensernte bleiben Interpretationen auf Tonträgern, in denen die Verbindung von Exaktheit und Flexibilität in höchstem Maße individuell ist, eine Diskografie, die durch teilweise durchaus eigenwillige Sichtweisen immer wieder neue Perspektiven eröffnet.  

Michael Tilson Thomas oder MTT, wie er von den meisten genannt wurde, stammte nicht aus einer Musiker-, aber doch aus einer jüdischen Künstlerfamilie. Sein Vater war Inspizient bei Max Reinhardts Broadway-Produktion von Humperdincks „The Miracle“ gewesen, bald selbst Produzent für die Mercury Theatre Company und in den späten 1930ern als Dialogcoach und Drehbuchredakteur nach Hollywood gewechselt; seine Mutter war Leiterin der Abteilung für historische Recherche bei Columbia Pictures. In Los Angeles wurde MTT am 21. Dezember 1944 als einziges Kind seiner Eltern geboren. „Ich wuchs inmitten vieler berühmter Theater- und Filmschauspieler auf“, erinnerte er sich in einem Interview. „Später erlangte ich Zugang zum Kreis um Strawinsky und zu einigen Menschen, die Schönberg noch gekannt hatten. Mit Jascha Heifetz und Gregor Piatigorsky war ich eng verbunden – wir haben oft gemeinsam konzertiert, als ich 17 oder 18 war.“ Für die Meisterklassen der beiden war er als Korrepetitor tätig, im Rahmen der Los Angeles’ Monday Evening Concerts arbeitete er mit Strawinsky, Boulez, Stockhausen und Copland zusammen; 1967 wirkte er unter Strawinskys Aufsicht an der Ersteinspielung der vierhändigen Klavierfassung des „Sacre du printemps“ mit. Schon mit neunzehn Jahren wurde er Musikdirektor des Young Musi­cians Foundation Debut Orchestra, ein nachhaltig prägendes Erlebnis.

Tilson Thomas studierte Klavier und Komponieren an der University of Southern California, verbrachte den Sommer 1966 als Assistent in Bayreuth und wurde gleich nach dem Examen 1967 Musikdirektor des Ojai Music Festival, eine Position, die er bis 1994 sechs weitere Male bekleiden sollte. Nach dem Gewinn des Koussevitzky-Preises in Tanglewood 1969 wurde er zum stellvertretenden Dirigenten des Boston Symphony Orchestra ernannt, und nachdem er bald darauf kurzfristig für den Chefdirigenten William Steinberg ein Matineekonzert in der Carnegie Hall übernommen hatte, erhielt er seinen ersten Schallplattenvertrag von der Deutschen Grammophon. Er blieb Boston als Erster Gastdirigent bis 1974 verbunden (zu den Highlights seiner dortigen Diskografie zählt eine DG-Einspielung mit Musik von Walter Piston, William Schuman, Charles Ives und Carl Ruggles) und war paral­lel 1971-79 Musikdirektor des Buffalo Philharmonic Orchestra, mit dem er für Columbia Records Aufnahmen machte (darunter eine Ruggles-Gesamteinspielung). Ebenfalls 1971 übernahm er von Leonard Bernstein die legendären Young People’s Concerts der New Yorker Philharmoniker fürs CBS-Fernsehen. Bernstein sagte anlässlich der Übergabe: „Ich verwende das Wort ‚Genie‘ nicht leichtfertig, aber bei Michael tue ich es. Er erinnert mich an mich selbst in diesem Alter … Er ist mir ähnlich in seiner uneingeschränkten Begeisterung für Musik jeder Art, in seiner Unersättlichkeit und seiner grenzenlosen Vielseitigkeit.“ Später war MTT mit seinem Multimediaprojekt „Keeping Score – Die Partitur im Visier“ digital unterwegs, wurde 2007 für seine SFS-media-Radioserie „The MTT Files“ mit dem Peabody Award ausgezeichnet und leitete 2009 das Debütkonzert des weltweit geklickten YouTube Symphony Orchestra. Generell lässt sich die Zahl seiner Auszeichnungen und Preise kaum zählen – unter anderem gewann er zwölf Grammys.

Michael Tilson Thomas strebte im Konzert wie auf seinen über 140 Schallplattenproduktionen stets höchste Transparenz auch bei komplexen Texturen an, gleichzeitig war er immer darauf bedacht, dass einerseits die Gesamtarchitektur proportional ausgewogen bleibt, andererseits jede Stimme, gleich ob instrumental oder vokal, bestmöglich „aussingen“ kann. So haben wir bei seinen „Images“ von Debussy aus Boston zwar einen kaum überhörbaren amerikanischen Tonfall, aber auch ein feines Gespür für Rhythmik und einen jederzeit wachen Sinn für Klangfarbigkeit, für lebendigen, organischen Aufbau. Er weiß – auch klanglich – zuzuspitzen und braucht keine extremen Tempi, um Spannung aufzubauen. Bezüge zwischen Alter und Neuer Welt arbeitet er immer wieder spannungsvoll heraus. Seine Interpretationen der Cellokonzerte von Schostakowitsch (mit Mischa Maisky und dem London Symphony Orchestra) sind den besten Einspielungen Maxim Schostakowitschs zur Seite zu stellen. Sein „Sacre“ aus Boston von 1972 ist im besten Sinne elektrisierend, dazu bietet die Platte Strawinskys selten zu hörendes Chorwerk „Le Roi des étoiles“ in einer Referenzeinspielung (25 Jahre später legte er für RCA eine der besten Einspielungen der selten zu hörenden „Perséphone“ vor).

1970 debütierte Tilson Thomas beim London Symphony Orchestra, wurde quasi über Nacht zu einem regelmäßigen Gastdirigenten, 1988 Claudio Abbados Nachfolger als Chefdirigent und später Ehrendirigent. Die berühmteste diskografische Frucht der über fünfzigjährigen Zusammenarbeit sind Mahlers dritte Sinfonie und die Rückert-­Lieder mit Janet Baker, aber auch die Referenzeinspielung von Debussys „Martyre de Saint Sébastien“ (Sony) und zwei CDs mit Musik von Leonard Bernstein (Deutsche Grammophon) müssen erwähnt werden.

Werke des Standardkanons hat er kaum aufgenommen (etwa die Beethoven-Sinfonien mit dem English Chamber Orchestra), was an den Wünschen der Plattenfirmen gelegen haben dürfte. Dafür nahm er sich voller Engagement der „Nischen“ an. Ob Beethovens späte Chorwerke (Columbia) oder Brahms’ Orchesterserenaden, selten gespielter Tschaikowsky oder zeitgenössische Musik – gerade im Unbekannten entfalteten sich seine interpretatorischen Qualitäten. Tilson Thomas’ Ives-Einspielungen wurden zur neuen Referenz, berühmt wurde die „Rhapsody in Blue“, in der eine Reproduktionsrolle mit Gershwins Spiel aus dem Jahr 1925 mit einer neuen Orchesterfassung mit der Columbia Jazz Band unter Thomas’ Leitung „unterlegt“ wurde – kongenial in der äußerst flexiblen Tempowahl. In einem Interview sagte MTT einmal, dass die Soulgröße James Brown ihn in seinem Sinn für Timing nachhaltig geprägt habe.

Kontinuität bestimmte Leben und Wirken des Michael Tilson Thomas. 1974 dirigierte er zum ersten Mal das San Francisco Symphony, von 1995 bis 2020 stand er ihm als Musikdirektor vor. Das Orchester, das lange im Schatten des Los Angeles Philharmonic stand (und dem Tilson Thomas von 1981 bis 1985 als Erster Gastdirigent verbunden war), gewann unter MTT, nicht zuletzt wegen der intensiven Nutzung neuer Medien und neuer Vermittlungsformen von Musik, klares Eigenprofil, viele seiner Pionierleistungen fanden weltweit Nachahmer.

Mit dem San Francisco Symphony widmete MTT sich auch Aaron Cop­lands Orchestermusik. Seine zweite – brillante – CD „Copland the Modernist“ enthält das Klavierkonzert (mit Garrick Ohlsson), die Orchestral Variations, die Short Symphony und die Symphonic Ode. 2022 sagte er in einem Interview: „Wenn ich Coplands dritte Sinfonie dirigiere, werden in mir sehr viele schöne und tiefe, bedeutsame Erinnerungen wach. Ich erinnere mich wieder an ihn und an viele Menschen, die zu seiner Welt gehörten: an all die Schriftsteller, Maler oder Dramatiker, die ich damals kennengelernt habe – das ist die Familie, in der ich aufgewachsen bin. Deshalb ist diese Musik für mich wie ein Nachhausekommen.“

2001 gründete das San Francisco Symphony, als eines der ersten Orchester überhaupt, sein eigenes Platten­label – SFS media –, und hier erschien nun, in Live-Mitschnitten und SACD-Qualität, jenes Repertoire, das ihm besonders am Herzen lag, darunter eine Mahler-Gesamtschau und immer wieder amerikanische Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

In Miami Beach gehörte Michael Tilson Thomas 1987 zu den Mitbegründern des New World Symphony, einer Orchesterakademie für junge Musiker, deren erklärtes Ziel es ist, „hochbegabte Absolventen renommierter Musikstudiengänge auf Führungsrollen in Orchestern und Ensembles weltweit vorzubereiten“; bis 2022 blieb er künstlerischer Leiter des Orchesters. Mit dem Orchester und Audrey Hepburn als Sprecherin brachte er 1991 sein eigenes Werk „From the Diary of Anne Frank“ zur Uraufführung. 1995 dirigierte er das Pacific Music Festival Orchestra bei der Uraufführung seines Werkes „Shówa/Shoáh“, das zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima entstanden war. Zu seinen Vokalkompositionen zählen Vertonungen von Gedichten von Walt Whitman und Emily Dickinson, die von Thomas Hampson und Renée Fleming uraufgeführt wurden.

2021 wurde bei MTT ein aggressiver Hirntumor diagnostiziert, doch nach einer Operation konnte er noch vier Jahre seine Arbeit fortsetzen; seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er am 26. April 2025 anlässlich eines verspäteten Geburtstagskonzerts des San Francisco Symphony zu seinen Ehren. Michael Tilson Thomas starb am 22. April 2026. Als reiche Lebensernte bleiben Interpretationen auf Tonträgern, in denen die Verbindung von Exaktheit und Flexibilität in höchstem Maße individuell ist, eine Diskografie, die durch teilweise durchaus eigenwillige Sichtweisen immer wieder neue Perspektiven eröffnet.