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Sternenmusik
Der Zodiak als „Stirb und Werde“ der Natur
Tierkreiszeichen und die Musik
Von
Christoph Schlüren
Foto: Maros Mraz

Die astronomische Uhr am Prager Rathaus

Der postmoderne Mensch erntet die Früchte des Zeitalters der Durchsetzung des Materialismus, meist ohne sich darüber im Klaren zu sein, wie die Gewinn-Verlust-Rechnung aussieht, die alle Umwälzungen auf verschiedenen Ebenen mit sich bringen. Das Primat der naturwissenschaftlichen Erkenntnis – dass also als Beweis nur zählt, was sich auf Maß, Zahl und Gewicht zurückführen lässt – hat in uns eine kollektive Arroganz auf so stetige Weise wachsen lassen, dass wir es gar nicht bemerken: den längst Mantra der Zivilisation gewordenen Gedanken, dass die früheren Kulturen – zu denen für uns alles gehört, was vor der sogenannten Aufklärung als Epochenbruch in die Neuzeit menschliche Wirklichkeit und Einvernehmlichkeit war – rückständig, abergläubisch und primitiv waren und wir unsere Vergangenheit als Spezies, die Jahrmillionen zurückreicht, nach diesem Paradigmenwechsel als eine unzulängliche Vorform einer Gegenwart sehen, die endlich alle Illusionen abgestreift hat. Jetzt, wo wir jederzeit in der Lage sind, die Grundlagen des Lebens für uns alle zu zerstören, glauben wir zu wissen, worauf es ankommt und was nottut. Die Frage des Lebens hat aufgrund des Scheiterns des Fortschrittsoptimismus ihre Richtung geändert. Das positivistisch missionierende Entweder-oder von „Verbessern oder Zurückbleiben“ ist umgedreht auf der moralbehafteten Bruchkante „Zerstören oder Bewahren“ zum Stehen gekommen. Für den aufgeklärten Intellektuellen stellt sich heute nicht mehr die Frage nach dem „Gottesbeweis“, denn er ist sich so sicher, dass es kein Göttliches geben kann – wie es der Mediziner Rudolf Virchow sagte: „Ich habe Tausende von Leichen seziert, aber keine Seele darin gefunden.“ Ob uns die gegenwärtige Dystopie lehren kann, dass alle Ideologie Aberglaube ist? Und wenn wir auf die Kunst schauen: Sind wir seit der „full spectrum dominance“ des Materialismus genialer geworden als Rumi, Dante, Michelangelo, Velázquez, Bach oder Mozart?

Der heutige urbane Mensch hat die Verbindung zu den Prinzipien des Lebens weitgehend verloren, zu jenem Zyklischen, das seit jeher die Grundlage unserer Existenz bildet – dem Prinzip der Selbsterneuerung der Natur. Der Zodiak symbolisiert den ewigen Wechsel von Werden und Vergehen, von Tod und Wiedergeburt im Lauf der Jahreszeiten. Das deutsche Wort vom „Tierkreis“, das im internationalen Sprachlabyrinth einzig dasteht, ist, so hat es der österreichische Schriftsteller Hans Sterneder triftig dargelegt, auf eine Fehlübertragung aus der germanischen Mythologie zurückzuführen. Denn warum sollten unsere zweifellos fantasiebegabten Vorfahren eine Gruppe von Wesen, die nur mit knappster Mehrheit aus Tieren besteht – sieben Tiere (Widder, Stier, Krebs, Löwe, Skorpion, Steinbock, Fische) gegen fünf Nicht-Tiere (Zwillinge, Jungfrau, Waage, Schütze, Wassermann) – als „Tierkreis“ bezeichnet haben? Vielmehr legt Sterneder nahe, dass der Begriff auf den Gott Tyr in der Edda zurückgeht, der Verwandlung und zyklische Wiederkehr verkörpert, und es sich beim „Tierkreis“ schlicht um eine Verschleifung des ursprünglichen „Tyr-Kreis“ handelt. Für uns ist wichtig: Beim Zodiak geht es nicht primär um die Astrologie, die als alchimistische Lehre aus der Deutung der Beziehung der Himmelskörper zur menschlichen Seins- und Handlungsebene (also Veranlagung und Schicksal) hervorgegangen ist.

Zuerst ist der Zodiak als zusammenhängende Ordnung auf Symbolebene zwischen Konstellationen im Kosmos und auf der Erde zu lesen und hat unmittelbar mit dem zyklischen Kreislauf der Jahreszeiten, mit dem „Stirb und Werde“ in der uns umgebenden Natur zu tun. Das war für die Menschen der vorindustriellen Zeit von einer zentralen Bedeutung, die sich die meisten von uns kaum noch vorstellen können. Auch wenn manche aufgrund von rituellen Festlichkeiten noch mitbekommen, wann Sommer- und Wintersonnenwende ist, so dürften die wenigsten von den Zeitpunkten der Tagundnachtgleiche (Äquinoktium) Kenntnis nehmen – und doch sind es diese vier Ereignisse, die die Hauptuntergliederung des alljährlichen Zyklus bilden und deren jeweils dreifache Unterteilung – um ein Drittel verschoben zu den bei uns gültigen Monaten – die Gültigkeitsbereiche der zwölf „Sternzeichen“ definiert.

Tierkreis und Jahreszeiten

Diese Zwölfgliederung mit ihren mannigfachen Querbezügen ist für viele Komponisten von großem Reiz, auch deswegen, weil man die zwölf Töne unseres wohltemperierten Systems den Tierkreiszeichen zuordnen kann, wie das beispielsweise Friedrich Oberkogler und andere Anthroposophen systematisch versucht haben. Und natürlich müssen wir verstehen, dass es bei Zodiak-Vertonungen stets zu Überschneidungen mit Jahreszeiten-Programmen kommen kann wie bei Joseph Haydns Vorgänger Gregor Joseph Werner, der in seinem 1748 erschienenen „Musikalischen Instrumentalkalender“ in zwölf Triosonaten-Suiten zu Beginn des ersten Monats jedes Vierteljahrs (also jeder dritten Suite) das Tierkreiszeichen erwähnt, das hier „von der Sonne betreten wird“ – und entsprechend schildert Werner nicht nur den Lauf der Jahreszeiten im Außen, denn es geht ihm darum, „den auszudrückenden Gemütszustand und die daher fließenden Handlungen wohl vorzustellen und der Natur nachzuahmen“. Zweihundert Jahre später ist es der italienische Wegbereiter der Moderne Gian Francesco Malipiero, dessen erste Symphonie die Jahreszeiten zum Gegenstand hat, der viele Jahre später 1951 eine „Sinfonia dello Zodiaco“ schreibt, die sich bezüglich des Programms von Ersterer nicht unterscheidet, sondern nur dem Namen nach. Sie besteht aus vier dreisätzigen Partiten, und beide Werke stehen ihrem Wesen nach in der pittoresk illustrierenden Tradition von Antonio Vivaldis „Quattro Stagioni“.

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