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Interview
„Du musst anfangen wollen“
Die Komponistin Dobrinka Tabakova über Kontrollfreaks, Selbstvertrauen und das Geheimnis des Schöpferischen
Von
Arnt Cobbers
Sussie Ahlburg / ECM

Sie schreibt tonal und zugänglich, oft mit expliziten Verweisen auf die Tradition und ohne Scheu vor emotionaler Emphase, baut manchmal aber auch Widerhaken ein: Dobrinka Tabakova ist eine der erfolgreichsten Komponistinnen derzeit. Geboren 1980 in Bulgarien, kam sie mit ihren Eltern elfjährig nach London, wo sie studiert hat und bis heute lebt. 2013 erschien bei ECM die erste CD nur mit ihren Werken, nun folgt die zweite, „Sun Triptych“, auf der sich zum Beispiel eine „Suite im Jazz-Stil“ für Viola und Klavier und ein Stück für Violine und Drehleier finden. Im Dezember war sie kurz in Berlin, wo wir uns zum Interview auf einen Kaffee trafen. Dobrinka Tabakova ist eine charmante und ganz unprätentiöse Gesprächspartnerin, die auch gern lacht.

Frau Tabakova, auf Ihrer neuen CD „Sun Triptych“ finden sich keine neuen Stücke, sondern Werke aus den Nullerjahren. Wie ist es dazu gekommen?

Die meisten Komponisten werden, wenn sich die Chance ergibt, sagen: Ja, bitte, ihr könnt alles von mir aufnehmen. Ich habe Manfred Eicher von ECM 2008 beim Lockenhaus-Festival kennengelernt, wo er eines meiner Stücke gehört hat. Ein paar Monate später wurde mein Cellokonzert uraufgeführt. Ich habe ihm eine Aufnahme geschickt, und er sagte: Wir müssen eine CD machen! Fünf Jahre später kam „String Paths“ heraus. Dann haben wir überlegt, was wir aufs zweite Album nehmen, und haben Stücke gewählt, die noch recht neu waren. Aber bis die Finanzierung stand, hat es überraschend lange gedauert. Ich war seit 2017 Composer in Residence beim BBC Concert Orchestra, und die sagten dann: Wir sind dabei! Die meisten Kammermusikstücke haben wir während der Pandemie 2020 hier im Meistersaal in Berlin aufgenommen, die Orchesterwerke ein Jahr später im Watford Colosseum in London. Wir haben gerade ein drittes Album aufgenommen. Wer weiß, wann das erscheinen wird. Es braucht alles einfach seine Zeit.

Aber Sie stehen noch zu Ihren „alten“ Werken?

Sie sind Teil meines Lebens. Man schreibt solche Werke ja nicht für den Moment. Man hat dafür Anstrengungen, Opfer auf sich genommen, und man sollte auch respektvoll gegenüber sich selbst sein.

Sie haben viel Musik für Streicher geschrieben. Dabei haben Sie doch Klavier studiert.

Wenn ich für Klavier schreibe, bin ich mir meiner eigenen Grenzen bewusst. Ich weiß, was auf Streichinstrumenten möglich ist, aber ich bin nicht so mit den Instrumenten verbunden, dass ich vor bestimmten Dingen zurückzucke, weil sie schwer zu spielen sind.

An die Geiger oder die Cellisten denken Sie überhaupt nicht?

(lacht) Ich habe glücklicherweise exzellente Interpreten, die an meine Musik glauben und Wege suchen, dass man sie spielen kann. Ich liebe den Klang der Streicher.

Sie haben fünf Streichquartette geschrieben. Das ist ein anspruchsvolles Format.

Mit einer durchsichtigen Struktur! Es sind kurze Stücke. Und wenn ich von guten Musikern gebeten werde, etwas zu schreiben, fällt es mir schwer, Nein zu sagen.

Und die Orchesterstücke auf der CD haben Sie selbst dirigiert.

Das war die beste Lösung, weil der Chefdirigent Bramwell Tovey im Lockdown in Kanada festsaß. Jeder Komponist sollte auch dirigieren können. Er sollte singen können, ein Ins­trument spielen und wissen, wie es ist, auf der Bühne zu sein – ansonsten ist die Gefahr groß, dass man als Komponist abgeschnitten wird vom Publikum und auch von den Musikern.

Aber ist es nicht eine völlig andere Arbeit?

Das stimmt, und ich kann auch nicht beides parallel machen. Wenn ich komponiere, schotte ich mich ab. Ich gehe nicht raus, treffe keine anderen Menschen, ansonsten wird es sehr schwer für mich, mich wirklich in die Arbeit zu versenken.

Als Komponistin brauchen Sie immer Musiker als Mittler.

Man darf kein Kontrollfreak sein. Komponisten, die das sind, gehen in die elektronische Musik. Da erschaffst du die Musik, und sie bleibt so – wie eingefroren. Ich habe keine Angst vor menschlicher Interaktion. Wir leben in einer Welt, in der alles immer steriler und technischer wird. Wir müssen aufpassen, dass wir uns die Fähigkeit zum Austausch mit anderen Menschen bewahren.

Sie haben schon früh angefangen, Klavier, Dirigieren und Komposition zu studieren.

Aber ich war kein Wunderkind. Das war die Samstagsschule der Royal Academy of Music, etwas Ähnliches gibt es auch hier in Berlin. Ich hatte schon als Kind in Bulgarien Klavierunterricht, und als ich dann mit meinen Eltern 1991 nach London gezogen war, haben mich Freunde bei uns zu Hause spielen hören und gesagt: Du spielst gut, du solltest auf die Junior Academy gehen. Ich habe vorgespielt und einen Platz bekommen. Im Zentrum standen Klavier und Komponieren, das Dirigieren war eine Nebensache.

Aber es ist sicherlich gut, so jung damit anzufangen.

Absolut! Vor allem fürs Selbstvertrauen, als junges Mädchen vor einer Gruppe von zwanzig 15- bis 17-jährigen Gleichaltrigen zu stehen.

Und wann war klar, dass Sie Musikerin werden wollten?

Irgendwie gab es keine anderen Optionen. Ich war nicht besonders gut in Mathe – obwohl meine Eltern Wissenschaftler waren. Von den Genen habe ich nichts abbekommen. Musik war das Einzige, wo ich mich wirklich wohl und sicher gefühlt habe. Es hat mir Spaß gemacht. Insofern war es das Nächstliegende. Aber ich habe eigentlich nicht gedacht, dass ich Komponistin werden würde. Ich hatte tolle Lehrer, aber die Komponisten, deren Musik aufgeführt wurde, waren fast alle tot. Trotzdem war Musik die beste Option. Architektur hätte mich noch gereizt, diese Kombination aus Wissenschaft und Imagination. Aber auch dafür braucht man mathematisches Verständnis. (lacht)

Viele Kinder singen ihre eigenen Lieder und schreiben vielleicht sogar eigene Stücke auf. Aber dann hören sie eines Tages auf und lernen Instrumente anhand von Musik anderer Menschen. Haben Sie nie aufgehört, eigene Musik zu machen?

Vielleicht ist es eine Frage der Umstände. Als ich nach London ging, war ich ziemlich schüchtern und kannte niemanden. Die Musik war mein Schutz. Wer weiß, wenn das Umfeld anders gewesen wäre, wäre ich vielleicht nicht so auf die Musik fokussiert gewesen. Ich hab früh angefangen, Musik aufzuschreiben. Und habe bis heute nicht mehr aufgehört.

Und eine Karriere als Pianistin?

… kam nie infrage. Ich hab nicht genug geübt. Aber ich komponiere am Klavier. Klavierspielen ist sehr nützlich. Aber eine Pianistenkarriere ist ein schreckliches Leben. Es ist einsam und sehr kompetitiv. Ich bewundere all die Musiker, die sich die Liebe zur Musik bewahren in dieser Konkurrenzsituation. Es braucht viel Disziplin und den unbedingten Willen, Musik zu machen.


Aber als Komponistin stehen Sie im Wettbewerb mit Bach, Mozart, Beethoven und all den anderen, die immer da sind.

Das sind keine Konkurrenten. Das sind meine Mentoren, meine Freunde. Ihre Musik ist der Grund, warum ich Komponistin bin. Sie haben mich inspiriert. Als Kind habe ich Schubert gehört. Ich war so bewegt und hatte so tiefe Emotionen durch etwas, was ich nicht einmal verstanden habe. Ich spreche kein Deutsch, aber die Lieder haben mich tief bewegt. Oder Mussorgsky. Oder Ravel. Ich erinnere mich, dass ich mit fünf oder sechs Jahren zu den Klavierkonzerten von Saint-Saëns getanzt habe. Das hat sich nie wie Konkurrenz angefühlt. Ich fühle mich eher wie an einer riesigen Tafel bei einem unglaublichen Galadinner, wo ich einen kleinen Platz bekommen habe und nun zuhören und ab zu etwas sagen kann.

Aber es braucht Mut, eigene Musik nicht nur zu schreiben, sondern auch zu präsentieren.

Ich würde mich nie mit Schubert oder Bach vergleichen. John Adams hat mal vor Studenten gesagt, jeder Komponist hat einen kleinen Mann auf seinen Schultern sitzen, der ihm immer ins Ohr flüstert: Du wirst nie so gut sein wie Bach. Das stimmt. Was er geschaffen hat, ist unerreicht. Gut, er hatte kein Netflix. Das ist die wirkliche Herausforderung der jungen Generation heute, diese dauernde Ablenkung.

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