
Das Violinkonzert in d-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, komponiert 1822, fristet sein Dasein seit jeher im Schatten des populären e-Moll-Konzerts. Umso dankbarer ist man, wenn Geiger das selten aufgeführte Werk ins Rampenlicht holen, wie aktuell Elvin Hoxha Ganiyev. Seine Aufnahme mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter dem Dirigenten Howard Griffiths überzeugt mit viel Klarheit, Ganiyevs Spiel ist leichtfüßig und unprätentiös, was gut passt zu diesem stark vom Barock geprägten Konzert.
Mendelssohn schrieb es mit 13 Jahren – ein Alter, in dem auch Elvin Ganiyev mit seinem Talent für viel Aufmerksamkeit sorgte und bereits häufig als Solist auf der Bühne stand. Geboren wurde er 1997 in Ankara, wo sein Großvater, der aserbaidschanische Geiger Server Ganiyev, an der Bilkent-Universität lehrte und das Bilkent-Sinfonieorchester gründete. Hier lernten sich auch seine Eltern kennen, die Mutter Klavierlehrerin, der Vater Cellist. „Ich bin in einem sehr musikalischen Umfeld groß geworden“, erzählt Ganiyev beim Gespräch in einem Café in Berlin, wo er inzwischen lebt. „Bei uns zu Hause waren oft Musiker zu Gast, darunter auch sehr bekannte wie Wladimir Ashkenasi, Gennadi Roshdestwenski und Igor Oistrach, mit denen man sich einfach unterhalten konnte.“
Das Geigenspiel beginnt er mit fünf Jahren, erhält mit sechs Unterricht an der Bilkent-Universität und gewinnt mit acht Jahren seinen ersten Wettbewerb in Moskau. Wladimir Spiwakow engagiert ihn daraufhin für Konzerte mit seinen Moscow Virtuosi, und wenig später wird Ganiyev seinem wichtigsten Lehrer vorgestellt: Zakhar Bron. Der russische Geiger gilt als „Virtuosenmacher“ und hat eine ganze Generation von Weltstars hervorgebracht, wie etwa Vadim Repin, Maxim Vengerov und David Garrett.
„Bron ist nicht nur ein Virtuosen-, sondern auch ein Künstlermacher. Er zeigt dir nicht nur, wie du schnell und sauber spielst, sondern gibt dir viele Gedanken und Ideen mit. Er erklärt Interpretationen sehr tiefgründig, mit vielen Details und bringt dir bei, selbst zu kreativ zu sein.“ Über einen Zeitraum von 14 Jahren erhält Ganiyev Unterricht von Bron, mal in Spanien, mal in Deutschland oder der Schweiz. „Ich habe erlebt, wie er Menschen Musikalität beibrachte, die sie vorher überhaupt nicht hatten, er weiß sehr gut, wie er das Musikerpotenzial wecken kann, das in jemandem schlummert.“
Als Teenager gewinnt Ganiyev mehrere Wettbewerbe, steht mit vielen namhaften Orchestern und Dirigenten auf der Bühne. 2019 geht er nach Deutschland, wo er in Hannover, Essen und Berlin studiert. Sein Plan, nun auch in Deutschland mehr Konzerte zu spielen, wird allerdings jäh durchkreuzt – von der Corona-Pandemie. „Die Phase zwischen zwanzig und dreißig ist für einen Solisten enorm wichtig, weil das die Zeit ist, in der man einen Namen aufbaut. Diese erzwungene Pause war schwierig für mich.“ Auch die weltpolitischen Krisen der letzten Jahre, ob im Nahen Osten oder in der Ukraine, brachten Schwierigkeiten für seine Konzertplanung mit sich. Ganiyev hält sich mit politischen Äußerungen zurück, erwähnt aber, dass er Boykott-Aufrufe im Kulturbereich als wenig hilfreich betrachtet. „Ich finde es sehr schade, wenn Musikern Konzerte abgesagt werden oder sie von Wettbewerben ausgeschlossen werden allein aufgrund ihrer Nationalität. Das ist nicht fair.“
Aktuell pendelt Ganiyev zwischen Deutschland und der Türkei, wo er inzwischen zu den gefragtesten Solisten des Landes gehört. Auch in Aserbaidschan genießt er viel Anerkennung, schon als Kind erhielt er eine Einladung der First Lady Mehriban Alijewa, der heutigen Vizepräsidentin des Landes. Mit acht spielte er in der Hauptstadt Baku sein erstes Solorezital, später erwarb Alijewa mittels einer staatlichen Stiftung die Guarneri-Geige „filius Andreae“ von 1715, um sie Ganiyev zur Verfügung zu stellen.
„Die aserbaidschanische Regierung bemüht sich sehr, die Kultur im Land zu fördern. Musiker wie ich werden bei der Ausbildung unterstützt, bei Konzertengagements oder Studioaufnahmen. Ich bin dafür sehr dankbar und versuche natürlich auch, die aserbaidschanische Kultur bekannter zu machen.“
In der Türkei dagegen würde er sich heute mehr staatliche Unterstützung wünschen. „Die Situation für Musiker ist ernst, weshalb viele das Land verlassen. Budgets werden gekürzt, das wirkt sich auf die Gagen aus, die Löhne für Professoren sind niedrig. Gleichzeitig gibt es eine sehr neugierige junge Generation, ich sehe in der Türkei viel mehr Jugendliche im Konzertsaal als in Deutschland, das ist spannend!
Als Musiker zu überleben, ist nicht einfach, aber ich sehe auch ein großes Potenzial.“
Ebenfalls verbunden fühlt er sich Albanien, dem Heimatland seines Vaters, wo er regelmäßig gastiert und wo er 2022 das ihm gewidmete Violinkonzert von Aleksandër Peçi uraufführte. Es sei ihm wichtig, Komponisten wie Peçi aus Albanien, Kara Karayev aus Aserbaidschan oder Cemal Erkin, Ahmed Adnan Saygun und İlhan Baran aus der Türkei international bekannter zu machen. Auch das Violinkonzert „1001 Nächte im Harem“ von Fazıl Say steht häufig auf seinem Programm. „Fazıl ist ein Vorbild für mich, er hat sehr viel für die Kultur in der Türkei getan und sehr viele Hörer zur Klassik gebracht. Ich hoffe, dass ich in Zukunft selbst so ein Botschafter sein kann.“
Seinem Publikum nahebringen will er auch die Werke zweier polnischer Komponisten. „Karol Szymanowski ist für mich einer der besten Komponisten überhaupt, seine Werke für Orchester, Klavier und Geige sind unglaublich, diese Musik berührt mich sehr.“ Erst vor Kurzem hat er das Violinkonzert Nr. 1 aufgenommen, mit dem er 2023 den zweiten Platz beim Szymanowski-Wettbewerb in Kattowitz gewann. Ebenfalls eingespielt hat er das selten aufgeführte Violinkonzert von Mieczysław Karłowicz, komponiert zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Dieses Werk habe ich erst vor Kurzem kennengelernt und war überrascht: Es ist wirklich eines der schönsten romantischen Konzerte.“
Die CD wird erst in einigen Monaten erscheinen. Derweil bietet Elvin Hoxha Ganiyevs Einspielung der beiden Mendelssohn-Konzerte, seine erste mit Orchester, die beste Gelegenheit, sich sowohl von seinen Virtuosenqualitäten zu überzeugen als auch vom spielerischen, manchmal kühnen Umgang mit dem Publikumshit. Es ist die eindrucksvolle Visitenkarte eines Geigers, den man bald häufiger auf europäischen Bühnen antreffen dürfte. Und nicht nur hier, demnächst gastiert Ganiyev in Südafrika, Kolumbien und Thailand.