
Gesellschaftsspiel der Schubertianer in Atzenbrugg. Aquarell von Leopold Kupelwieser (1821)
Wer erfahren will, wie Einsamkeit klingt, ist bei den letzten Kompositionen Dmitri Schostakowitschs fast immer auf der richtigen Seite. Werke wie das letzte Streichquartett mit seinen sechs durchweg in es-Moll stehenden Adagiosätzen oder die Bratschensonate, an der er fast bis zu seinem Todestag schrieb, öffnen den Blick in eine dunkle, von Resignation und Rückzug gezeichnete Innenwelt – nicht unbedingt tragisch im Sinne der Dramentheorie, sondern eher müde und gesättigt von (meist schweren) Erinnerungen. Dabei waren die späten Lebensjahre des Komponisten, wie aus den von der Journalistin Elena Yakovich aufgezeichneten und gerade im Jaron Verlag erschienenen Erinnerungen seiner letzten Lebensgefährtin Irina hervorgeht, zwar von schweren Krankheiten gezeichnet, aber keineswegs gesellschaftlich oder privat isoliert, wofür nicht zuletzt Irina selbst einstand. Die Kluft zwischen einer inzwischen weltweiten – und anders als in Stalins Jahren nicht mehr durch existenzielle politische Attacken gefährdeten – Anerkennung und dem wachsenden Gefühl des Zurück- und Alleinbleibens, als immer mehr Freunde der gemeinsam durchkämpften jungen Jahre wegstarben und der Gedanke an den eigenen Tod gleichsam Teil der Alltäglichkeit wurde, konnte freilich auch sie nicht schließen.
In ihrer direkt ins Komponieren hineinwirkenden Kraft erinnert diese Konstellation an die letzten Jahre von Johannes Brahms ein Menschenalter früher, die ein ähnliches Auseinanderfallen zwischen gesellschaftlicher Anerkennung und materiellem Wohlstand (beim Sowjetkomponisten freilich wesentlich weniger ausgeprägt) einerseits und dem Gefühl des Zurückbleibens und Verlorengehens in einer immer kleiner werdenden Schar verständnisvoller Freunde und Bekannter auf der anderen Seite zeigen und auch bei dem Wahl-Wiener, zum Beispiel in seinen späten Klarinettenkompositionen, in eine Ästhetik herbstlich-resignativer, manchmal düsterer Melancholie münden. Eine Art Signalwirkung dürfte dabei der Tod Clara Schumanns gehabt haben: Der wesentlich jüngere Brahms überlebte die frühere Traum-Geliebte und ersehnte Partnerin, die dann immerhin (oder wenigstens) eine lebenslange Vertraute wurde, um nicht einmal ein Jahr.
Zumindest blieb Schostakowitsch wie Brahms in ihren jeweiligen Kulturkreisen erspart, was beispielsweise Luigi Cherubini und Daniel-François-Esprit Auber im französischen Musikraum des 19. Jahrhunderts blühte: in jüngeren Jahren hochoriginelle, richtungsprägende und unter wechselnden politischen Systemen erfolgreiche Opernkomponisten, erschienen sie später, mittlerweile hochbetagt (Cherubini wurde über achtzig, Auber fast neunzig), mit ihren Kompositionen gleichsam aus der Zeit gefallen und waren, obwohl geehrt und materiell sorglos – beide fungierten nacheinander als Direktoren des Pariser Konservatoriums – schlicht nicht mehr gefragt: gewiss ein einigermaßen luxuriöser Fall künstlerischer Einsamkeit, aber für die Betroffenen sicher dennoch nicht schmerzlos. Bei Max Bruch, einem weiteren Hochbetagten, der sich in seinen letzten Lebensjahrzehnten gleichsam selbst überlebt hatte, führte wohl auch das zu ausgesprochen grantigen, wenig liebenswürdigen Umgangsformen.
Es ist etwas Eigenes um die Einsamkeit von Künstlern und speziell Musikern. Im bürgerlich-juristischen Sinne blieben, gerade im deutschsprachigen Raum, etliche der größten unverheiratet – was freilich nicht signifikant auf umfassende Einsamkeit deuten muss. Davon, wie solche kausalen Kurzschlüsse danebengehen können, hätte zum Beispiel der französische Kollege Hector Berlioz ein Lied singen können, der seine angebetete Harriet, indirekte Adressatin der „Symphonie Fantastique“, am Ende wirklich bekam, heiratete – und danach womöglich einsamer als vorher, nun aber noch zusätzlich durch die materielle Sorge um die zunehmend kränkelnde Ehefrau und den gemeinsamen Sohn belastet war. Ein weiterer Fall gänzlich – und diesmal gleich von Anfang an – unromantischen Ehelebens wäre das von Joseph Haydn.