
Was für eine Geschichte! Da ist eine Firma im deutschen Südwesten, eine Marke, die (noch) niemand kennt. Da ist eine Mischung aus modernen und alten Maschinen. Und da ist ein Chef, der für eine Idee brennt. 108 Unikate eines genialen Erfinders will er mit einem Stamm von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nachbauen und in Serie verkaufen. Er findet Menschen, die seine Begeisterung teilen – Menschen, die mitmachen, Menschen, die organisieren, Menschen, die Geld geben. Man macht von sich reden. Man hat Erfolg, die Produkte überzeugen, der Enthusiasmus schlägt Wellen, und plötzlich ist Heidelberg nicht mehr nur die Stadt der Liebe, die Heimstätte der renommierten Heidelberger Druckmaschinen AG und eines riesigen Weinfasses (leider nicht des weltweit größten, das gibt’s in Bad Dürkheim). Sondern auch die Heimat eines ganz besonderen Orchesters, das etliche Tugenden beispielhaft verkörpert. Es finanziert sich fast ausschließlich durch Eigeneinnahmen und private Förderung. Und es verfügt über das, was man im Marketing-Sprech gerne als USP (Unique Selling Point) bezeichnet, also als Markenkern und Verkaufsargument, gleich in doppelter Form. Da ist ein entflammter Dirigent, Thomas Fey. Und da ist ein Komponist, der in der Trias der drei großen Klassiker immer noch unterbelichtet ist, Joseph Haydn.
Von 1989 bis 2014 ist all dies eins: Da sind die Heidelberger Sinfoniker (bis 1994 noch unter dem Namen Schlierbacher Kammerorchester), da ist das Projekt der CD-Einspielung sämtlicher 108 Haydn-Sinfonien, und da ist eben Thomas Fey. Dann aber hat der Dirigent einen Unfall. Der Firmenchef muss loslassen. Die Mitarbeiter machen dennoch weiter, holen sich wechselnde Schichtleiter, die ihr Interesse für eine spannende Neupräsentation des Alten teilen: Reinhard Goebel zum Beispiel, Giuliano Carmignola, Michael Hofstetter, Frieder Bernius, Thomas Zehetmair. Mit ihnen baut die Firma andere, neue Produktlinien aus. Die Haydn-Serie bleibt unvollendet. Bis 2020 ein neuer Chef kommt, sich für deren Eigenarten begeistert und in drei Jahren alle vierzig fehlenden Unikate fertigen lässt. 2023 läuft das letzte Produkt vom Band, 2024 kommt das Gesamtpaket auf den Markt. Ein Jahr später wird die Gesamtaufnahme aller Haydn-Sinfonien mit dem Opus Klassik ausgezeichnet. Und nun? Machen Johannes Klumpp und die Heidelberger Sinfoniker einfach weiter, indem sie die Produktpalette behutsam erweitern.
„Haydn’s World“: Dieser Titel steht für die neue CD-Reihe des Orchesters. Haydn bleibt weiterhin im Zentrum, doch in den Blick rücken nun auch Komponisten und Werke aus seinem Umfeld. „Haydn’s World“, das sind die konzentrischen Kreise um einen Stein, den man unter dem Jubel der Musikwelt ins Wasser warf. Vol. 1, im Dezember 2025 erschienen, stellt neben Haydns C-Dur-Notturno Hob II:32 und der Ouvertüre zu Haydns Orpheus-Oper „L’anima del filosofo“ den Komponisten Adalbert Gyrowetz vor (Sinfonia concertante op. 34) und die Ouvertüre zur Oper „Pirro“ von Giovanni Paisiello. Paisiellos Oper und Haydns „L’anima del filosofo“ sollten gemeinsam 1791 im Londoner Haymarket Theatre uraufgeführt werden – was dann aber ein Brand verhinderte. Aber noch mehr ist spannend an „Haydns Welt“. „Neben der Trias Haydn/Mozart/Beethoven, die heute für uns die Klassik abbildet, gab es noch ganz viele weitere berühmte Komponisten“, sagt Johannes Klumpp. „Sie waren teilweise global unterwegs, und sie kannten sich untereinander. Die Fragestellung bei dieser Serie ist: Wer war noch da, als Mozart im Dezember 1791 starb? Haydn war ja nicht alleine. Aber Beethoven hockte damals noch in Bonn. Da ein bisschen in die Tiefe zu gehen, ist hochinteressant.“ In diesem Sommer soll Vol. 2 fertig werden, und dann ist wieder eine Sinfonie des lange in London tätigen gebürtigen Böhmen Adalbert Gyrowetz dabei, den das Orchester für sich entdeckt hat.
Haydns eigene Werke, die Klumpp teilweise selbst für sein Orchester eingerichtet hat, lassen die Heidelberger Sinfoniker dabei nicht los. Trotz ihrer Schwierigkeiten, denn „Haydns Musik verzeiht nichts. Man muss ungemein präzise sein, weil sie so offen und blank ist. Wenn Haydn nur halb gut gespielt wird, funktioniert er nicht. Man hört alles, was passiert, deshalb muss man eine große Lust an Perfektion haben und die Leistung auf den Punkt bringen, damit alles rhythmisch, intonatorisch und im Zusammenspiel klappt. Dann fängt die Musik an zu glitzern, zu strahlen und zu jubilieren“. Das sagt Johannes Klumpp – und räumt ein, dass die Nachfrage nach einem reinen Haydn-Programm trotz dieser Qualitäten wohl nicht überbordend wäre: „Viele Leute haben immer noch ein altes Haydn-Bild, denken an schwerfällige, betuliche Musik.“ Als Reaktion auf dieses Klischee haben die Heidelberger eine hybride Veranstaltungsreihe entwickelt, die halb Konzert ist (mit Musik von Haydn und Zeitgenossen), halb Lesung mit Geschichten aus der Zeit. Der Zuspruch ist groß, das Publikum begeistert.
Da hat er also doch noch durchs Fenster hereingeschaut, der alte Papa Haydn. Winkt aber nur rasch und ist dann schon wieder weg, denn zumindest bei den Heidelberger Sinfonikern ist für ihn kein Platz. Hier klingt seine Musik nicht nach Papa. Sondern so, als nenne man ihn hier einfach Jo: jung, frisch, lebendig, ja manchmal sogar ein bisschen wild. Das gilt für beide Dirigenten der Haydn-Reihe, Thomas Fey und Johannes Klumpp; eine Nähe zwischen ihnen darf man getrost unterstellen. Und mit Klumpp ist dem Gründungsdirigenten außerdem ein überzeugter Serientäter nachgefolgt, der als Chef des Essener Folkwang-Orchesters gerade sämtliche Sinfonien von Mozart aufnimmt.
Der Klang der Sinfoniker hat sich unter ihm nicht hörbar verändert. Man spielt, abgesehen vom alten Instrumentarium bei Hörnern, Blech und Pauken, mit modernen Instrumenten, aber mit jener Stilistik und Rhetorik, die heute als „historisch informiert“ gilt. Der „Heidelberg Sound“ klingt, verglichen mit Roger Norringtons „Stuttgart Sound“, ein wenig agiler und spritziger, und das gilt nicht nur für Haydn, sondern auch etwa für Werke (u. a.) Beethovens, Salieris und Mendelssohns, die das Orchester ebenfalls auf CD aufgenommen hat. „Wir phrasieren“, sagt Johannes Klumpp, „sehr deutlich und haben viel Lust an scharfen Artikulationen, an Groove und an Motorik. Das ist mir besonders bei Haydn extrem wichtig, denn Haydn hat nicht diese Italianità, dieses Gesangliche, das Mozarts Musik prägt. Anders als Mozart befindet sich Haydn nicht in der Traditionslinie von Johann Christian Bach, der ja als einziger Bach-Sohn auch Opern komponiert hat. Haydn greift eher die Tradition von Carl Philipp Emanuel Bach auf: Bei ihm spricht, tanzt und hüpft die Musik, ihre Basis sind die einzelnen Motive, mit denen gespielt wird. In vielen Aufnahmen von Haydns Werken wird zu wenig von der Geste, der Sprache und der Motorik her gedacht.“
Gut möglich, dass auch die Struktur des Orchesters dessen Klang lebendig wirken lässt. Die Heidelberger Sinfoniker bräuchten, um langfristig planen zu können, zwar unbedingt eine institutionelle Förderung. Aber der Finanzrahmen der Kommunen, auch der Stadt Heidelberg, ist eng. Bisher hat das Orchester kaum öffentliche Förderung erhalten, es muss sich selbst vermarkten und investiert viel Zeit und Energie in die Akquise privater Gelder. Die Musikerinnen und Musiker, die je nach Werk in wechselnder Besetzung und Kopfzahl auftreten, sind Freiberufler, aber, so Klumpp, „mehr als nur ein Karteisystem mit Telefonnummern. Sie haben eine gewachsene Identität, und das hört man auch am Klang“. Vor so eine demokratisch organisierte, eigenverantwortliche Truppe, die überdies Organisation, Management, Freundeskreis, Kartenverkauf, Konzertakquise, Sponsoring und Logistik komplett selbst organisiert, stellt man sich nicht hin und sagt, ihr macht jetzt dies so und jenes so. Die gemeinsame Arbeit ist eine kommunikative Herausforderung, deren Chancen man bisher exzellent genutzt hat. Tatsächlich profitiert das Orchester auch von dem, was seine Mitglieder von Auftritten etwa mit dem Ensemble Resonanz, der Cappella Aquileia, dem Dresdner Festspielorchester oder mit Concerto Köln mitbringen. Die Heidelberger Sinfoniker sind auch ein Kollektiv von Individualisten. Und machen unverdrossen weiter. Was für eine Geschichte!