
Im April 2025 kam die erste CD unter seinem Namen heraus, mit Blockflötensonaten von Georg Philipp Telemann. Nun folgt die erste CD seines Musurgia Ensembles: „Missa Iste Confessor Domini“, ein Programm mit der Messe des Renaissance-Meisters Pierre de la Rue im Zentrum. Ein ungewöhnliches Projekt für einen Blockflötisten – und Anlass, mal nachzufragen bei dem jungen Portugiesen, der in Leipzig wohnt.
Herr Távora, Telemann und Pierre de la Rue – die Programme Ihrer ersten beiden CDs könnten kaum weiter auseinanderliegen. Wie kam es dazu?
Im Bachelorstudium habe ich gemeinsam mit dem Cembalisten Helder Sousa das Musurgia Ensemble gegründet – unmittelbar bevor Corona nach Portugal kam. Wir hatten also viel Zeit zu überlegen, wie wir loslegen. Wir wollten nicht nur Konzerte spielen und CDs aufnehmen, sondern auch das Umfeld in Portugal für die Alte Musik verbessern. Ich habe Förderanträge an staatliche Stellen und private Stiftungen geschrieben, und einige Monate später bekam ich eine Mail der Fundação GDA: Herzlichen Glückwunsch, wir unterstützen Sie bei einer CD. Ich dachte mir, mit 20 oder 21 Jahren kann ich doch noch keine CD machen. Aber mein Professor Robert Ehrlich – ich hatte gerade mein Masterstudium in Leipzig begonnen – sagte: Nutze die Chance! Ich habe mich im ersten Jahr in Leipzig sehr auf Telemann konzentriert, und so entstand die Idee zu diesem Programm. Wir haben sie 2023 im Konzertsaal der Musikschule in Coimbra aufgenommen, mit meinem Studienkollegen Helder Sousa und Xurxo Varela, der dort Gambe unterrichtet. Das war mir sehr wichtig, dass ich mein erstes Projekt als musikalischer Leiter mit zwei vertrauten Kollegen machen konnte.
Und wie sind Sie dann beim deutschen Label Coviello Classics gelandet?
Mir hatte jemand empfohlen, mich bei Wolfgang Reihing vom Vertrieb Note 1 zu melden. Und der hat dann den Kontakt zu Coviello hergestellt. Mich hat überzeugt, dass die Label-Leute gleich an einer längeren Zusammenarbeit interessiert waren. Ich habe 2024 auch ein Programm mit Bach-Transkriptionen aufgenommen, mit Cembalo, Gambe und je einem Stück mit Barockgeige und Barockcello. Bach hat ja keine Werke für Blockflöte geschrieben, zumindest kennen wir keine. Aber er hat die Blockflöte in den Brandenburgischen Konzerten eingesetzt. Wir haben uns aber entschieden, die dritte Aufnahme mit dem Musurgia Ensemble vorzuziehen, die nun gerade erschienen ist. Die haben wir im Mai gemacht mit einer Sopranistin, einem Tenor und vier Blockflötisten. In der Universitätsbibliothek in Coimbra liegt das einzige Manuskript aus dem 16. Jahrhundert mit frankoflämischer Musik in Portugal, das wir kennen. Es sind elf Messen von Pierre de la Rue, Adrien Willaert, Jean Mouton, all den berühmten Komponisten der frankoflämischen Schule. Das Manuskript ist bekannt, aber niemand hat sich wirklich intensiv damit beschäftigt. Also habe ich begonnen zu recherchieren. Das ist überhaupt ein großer Teil meiner Arbeit, und das mag ich sehr. Ich spiele oft im Ensemble Arte Minima, das von meinem Professor in Porto, Pedro Sousa Silva, geleitet wird und sich der Musik der Renaissance widmet, und war auch schon an einigen CD-Aufnahmen beteiligt. Ich habe die „Missa Iste Confessor Domini“ ausgewählt, die Pierre de la Rue zugeschrieben wird. Allerdings gibt es zwei weitere Fassungen der Messe in München und Wien, die sich in einigen Aspekten unterscheiden und die unter anderem Namen einem anderen Komponisten, Antoine de Févin, zugeschrieben werden. Diese Messe wollte ich kombinieren mit anderen frankoflämischen Werken aus Coimbra, und zwar in Form eines Konzertprogramms: Zwischen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei erklingen Instrumentalstücke von frankoflämischen Komponisten aus derselben Zeit, die ebenfalls im 16. Jahrhundert in Coimbra kopiert wurden.
Als Konzertprogramm haben Sie auch die Telemann-CD konzipiert, oder?
Es gibt schon viele Aufnahmen mit seinen Sonaten und Triosonaten. Deshalb habe ich ein Programm entwickelt mit Sonaten, Solofantasien, einer Triosonate und einer „methodischen Sonate“, wo er zeigt, wie man Melodielinien ornamentieren kann. Natürlich ist ein Konzert eine ganz andere Erfahrung. Aber ich möchte, dass die Leute das Album von Anfang bis Ende durchhören können und denken: Das könnte auch ein Konzert sein.
Es ist als Blockflötist ja ein ganz anderer Ansatz, Musik zu machen: In der Renaissance ist man Teil des Ensembles, im Barock der Solist, der begleitet wird.
Natürlich steht im Barock die Solostimme mehr im Vordergrund, aber ich verstehe Barockmusik trotzdem als Kammermusik. Es ist ein Dialog zwischen dem Solo und dem Continuo. Und der Bass ist genauso wichtig wie die Melodiestimme. Es gibt diese Tendenz, den Basso continuo nur als Begleitung zu sehen. Dabei ist der Basso continuo unser bester Freund, mit dem müssen wir kommunizieren. Auch auf der Bühne. Natürlich muss ich da führen, aber ich fühle mich nur wohl, wenn ich wirklich kommuniziere mit den anderen Musikern.
Wie sind Sie zur Blockflöte gekommen? In Deutschland ist oder war es oft das Einstiegsinstrument für Kinder.
In Portugal auch. Leider. Wenn die Kinder in der Schule Musikunterricht bekommen, dann gibt man ihnen Blockflöten, und sie spielen einfache Melodien. Aber sie lernen nicht, wie man wirklich Flöte spielt – das geht gar nicht mit dreißig Kindern in der Klasse. Ich habe zuerst Euphonium gespielt, in einer Blaskapelle, wie es sie oft in Portugal gibt. Dann wollte ich auf die Musikschule, aber das ging nur mit Blockflöte oder Klavier. Ich habe mich für die Flöte entschieden. Mit 15 musste ich dann auf der Schule einen Schwerpunkt wählen, Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften oder eben Musik. Und da dachte ich zum ersten Mal, vielleicht könnte Musiker ein Beruf für mich sein. Mein Traum war, Blockflötist zu werden, aber mir war auch wichtig zu wissen: Wenn das nicht klappt, kann ich auch Musikwissenschaftler werden oder etwas anderes mit Musik machen.
Achtzig Prozent des Repertoires sind Barockmusik, oder?
Es gibt auch viel Renaissancemusik. Keine Solowerke für die Blockflöte, aber wir wissen, dass die Blockflöte damals oft verwendet wurde.
Musik von heute interessiert Sie nicht?
Im Masterstudium bei Robert Ehrlich lag mein Schwerpunkt auf dem Repertoire des Hochbarock. Im ersten Jahr konnte ich mich auf Telemann konzentrieren, im zweiten Jahr vor allem auf Bach. Damals habe ich auch angefangen, im Gewandhausorchester zu spielen, das war eine tolle Erfahrung. Jetzt bin ich im Masterclass-Studium, und nun beschäftige ich mich auch mit neuer Musik. Ich plane einige Projekte mit Komponisten. Aber dafür muss man sich Zeit nehmen, für die neuen Klänge, die neuen Techniken. In der aktuellen Konzertsaison spiele ich viel Barock.
Was spielen Sie mit dem Gewandhausorchester?
Meist spielen wir Bach-Kantaten in der Thomaskirche. Aber ich habe auch schon das Osteroratorium gespielt, da hatte ich sehr exponiert eine Arie. Und im letzten Jahr war ich bei der Matthäus-Passion dabei.
Wie sind Sie denn überhaupt nach Leipzig gekommen?
Ich habe eine Erasmus-Förderung beantragt für Belgien, Frankreich und Deutschland. Ich bekam eine Zusage aus Leipzig und dachte mir, warum nicht?
Leipzig ist keine Hochburg für die Blockflöte, oder?
Aber ein Zentrum der Alten Musik. Als Blockflötist spielt man oft solo, aber man braucht auch gute Fähigkeiten als Kammermusiker, man muss mit anderen zusammenarbeiten können. Und das zu lernen, war mir als Erstes wichtig. Es gibt die berühmten Hochschulen, aber das bedeutet ja nicht, dass andere Hochschulen nicht auch sehr gut arbeiten. Ich bin nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu können. Das war spannend. Ich hab mich im ersten Jahr komplett auf die Flöte konzentriert, auf das Instrument und die Kammermusik. Ich mag das Studium mit Robert Ehrlich, ich kann viel von ihm lernen. Und ich habe gemerkt, dass ich die Stadt mag und die Leute, und ich habe inzwischen gute Freunde hier. Also habe ich mich entschieden, ganz hierherzuziehen und erst einmal hierzubleiben. Die Meisterklasse dauert noch ein Jahr. Und dann wird man sehen, was kommt.
Es braucht Mut, sich als professioneller Musiker auf die Alte Musik zu konzentrieren.
Ja, deshalb wollte ich auch vieles ausprobieren. Inzwischen weiß ich, was ich kann und wobei ich mich wohlfühle – und wobei weniger. Ich entdecke immer noch neue Sachen, aber ich hab mich doch entschieden, auf das Ensemble zu setzen. Da kann ich forschen und nebenbei noch solistisch arbeiten. Aber natürlich kann man nicht einfach so loslegen. Man braucht für alles Geld – und muss lernen, wo es herkommen kann. Also haben wir in Ovar, einer Kleinstadt südlich von Porto, eine Art Gesellschaft gegründet, einen Unterstützerkreis, und bemühen uns um öffentliche und private Unterstützung. Da investieren wir viel Zeit und Arbeit, und es trägt erste Früchte. Die Gesellschaft ist Träger des Ensembles und eines Festivals, CásterAntiqua, in Ovar. Die erste Auflage im März 2025 war sehr erfolgreich, die zweite findet Ende Februar/Anfang März 2026 statt. Ich vermute, es ist das einzige Festival im Norden Portugals, das ausschließlich der Alten Musik gewidmet ist.
Gibt es eine lebhafte Alte-Musik-Szene in Portugal?
Ja, es gibt viele gute Musiker. Aber von der Alten Musik allein kann man in Portugal nicht leben. Vielleicht entwickelt es sich in den nächsten Jahren. Wir müssen in Bildung investieren: Es muss dahin kommen, dass die Leute sagen: Oh, da findet ein Konzert statt, das ist interessant, da zahle ich gern zwanzig Euro, um dieses Ensemble zu hören. Das Publikum zu bilden und zu verändern, das verstehen wir auch als Teil unserer Arbeit. Bei unserem Festival haben wir Fachleute, die das Publikum in die Musik einführen und Workshops anbieten. In klassische Konzerte zu gehen, ist noch nicht selbstverständlicher Teil der Kultur. Und für Unternehmen und Privatpersonen ist es auch nicht selbstverständlich, für Kultur zu spenden. Das muss sich entwickeln.
Portugal ist weit weg von Leipzig.
Das stimmt. Aber uns geht es nicht nur um Portugal. Die meisten Mitglieder – je nach Repertoire sind drei bis zwölf Musiker dabei – sind Portugiesen, aber sie leben in Deutschland, Dänemark, Schweden, der Schweiz, Frankreich, Belgien. Ich hoffe, dass wir mit unserem Ensemble in ganz Europa auftreten können.
Blockflötisten haben viele Instrumente. Reisen Sie immer mit einem großen Instrumentenkoffer herum?
Für das letzte Aufnahmeprojekt habe ich mir von Adrian Brown, der in den Niederlanden wohnt, einen Satz mit zehn Flöten bauen lassen: einer Altflöte, drei Tenorflöten, drei Bassettflöten, die zwischen Tenor und Bass liegen, zwei Bassflöten und einer Großbassflöte. Das ist ein Riesenkoffer. Wie viele Instrumente ich noch zu Hause habe, weiß ich nicht. Mindestens zwanzig weitere. Das ist das Problem der Blockflötisten: Man hat nie genug Flöten für das Repertoire, das man spielen will.