
Andreas Grau (links) und Götz Schumacher
Sie waren 15 beziehungsweise 16 Jahre alt, als ihr Klavierlehrer sie zusammen an ein Klavier setzte, damit sie das
vierhändige Spiel kennenlernen. Die Sache gefiel ihnen, als Studenten suchten sie sich gemeinsame Studienorte, und irgendwann war klar: Etwas anderes als Duospiel – an zwei Klavieren oder vierhändig – wollten sie nicht mehr machen. Das ist inzwischen mehr als vierzig Jahre her, und fast ebenso lange gehören Andreas Grau und Götz Schumacher zu den besten und gefragtesten Klavierduos der Welt. Als wir uns um zwölf Uhr mittags in Götz Schumachers Wohnung in Berlin zum Gespräch treffen, haben die beiden bereits zweieinhalb Stunden Probe hinter sich. Am Abend vorher hatten sie beim Ultraschall-Festival „Plurimo“ von Claudio Ambrosini aufgeführt. „Es war ein tolles Konzert“, sagt Götz Schumacher.
Herr Grau, Herr Schumacher, ist es nicht auch traurig, dass sich die Mühle unerbittlich weiterdreht und Sie gleich wieder proben müssen?
Schumacher: Mühle würde ich es nicht nennen. Morgen spielen wir ein komplett anderes Konzert. Gestern ein Klangrausch mit Orchester, morgen ein Quartett mit Violine, Sopran und Klavier vierhändig, in dem es um das Ende der Liebe und den Tod geht. Da ist es kein Problem, sich wieder zu motivieren. Ich finde es immer schön auf der Bühne, aber mich darauf ausruhen, diese Euphorie weitertragen in den nächsten Tag, das brauche ich nicht. Das geht auch nicht.
Sie haben vor einigen Jahren ein ganzes Konzert- und CD-Programm unter den Titel „Kosmos“ gestellt. Hat das Genre Klavierduo die Komponisten besonders inspiriert zu kosmologischen Werken? Oder sind Sie als Klavierduo besonders nah an den himmlischen Mächten?
Grau: Es war zumindest auffallend, dass sich das Programm wie von selbst geformt hat. Die Initialzündung kam von Peter Eötvös’ „Kosmos“. Wir haben die deutsche Erstaufführung gespielt und das Stück mit ihm zusammen erarbeitet, das er als Sechzehnjähriger aus einer Weltraumfaszination heraus komponiert hat – als naiver Junge aus Ungarn, der immer in den Himmel guckte. Das ist ein Spiel mit den Gravitationskräften, wir spielen praktisch dasselbe Stück zweimal, aber mit Kräften zwischen uns. Nicht als Echo, auch nicht schneller-langsamer, sondern wir ziehen uns an und schieben uns voneinander weg. Wir spielen quasi mit dieser Gravitationsenergie, die zwischen uns existiert – und die auch im Weltraum vorhanden ist. Und bei der Beschäftigung mit dem Stück hat sich diese Faszination auch auf uns übertragen. Sofort tauchten die anderen Stücke auf, und dann war schnell ein Programm entstanden.
Gibt es zwischen den Stücken etwas Verbindendes?
Schumacher: Was auffällt: Die ersten Urknall- und Schöpfungsvertonungen sind alle dissonant, Haydns „Schöpfung“ zum Beispiel und einige Cembalowerke aus dem 18. Jahrhundert. Heute dagegen sieht man den Kosmos als harmonisch. Stockhausen spricht von der größten denkbaren Harmonie, die dort herrscht. Das ist eine Entwicklung, die die Menschenwahrnehmung gestaltet hat.
Grau: Verbindend ist, dass die Komponisten sehr viel mit Hall arbeiten. Am wenigsten in Bartóks „Mikrokosmos“, aber sehr stark in Crumbs „Makrokosmos“ und in den zwei Stücken aus Messiaens „Visions de l’Amen“, die den Kosmos schon im Titel haben: „Tanz der Sterne“ und „Vision der Schöpfung“, da spielt diese Räumlichkeit eine große Rolle. Und auch bei Kurtág gibt es immer dieses Spiel mit der Unendlichkeit, mit der ganzen Klaviatur und vielen Pedalklängen.
Játékok heißt im Ungarischen Spiele. Wieso haben Sie einige Stücke aus diesem Zyklus ins Programm aufgenommen?
Grau: Die meisten Stücke sind überschrieben, eines heißt „Spiel mit dem Unendlichen“, ein anderes „Sternenmusik“. Wir haben aus den Hunderten von Werken Stücke ausgewählt, die vom Titel her passten und die wir vom Musikalischen her für diese Welt brauchten.
Schumacher: Der Weltraumklang, die Sterne, der Himmel hat viele Komponisten fasziniert, unsere CD bietet ja nur eine Miniauswahl aus unendlich vielen Werken. Von Stockhausen könnte man ab einer gewissen Zeit nahezu das gesamte Werk als kosmisch verstehen.
Grau: Den Menschen bewegt ja das Streben nach Transzendenz.
Schumacher: Das Urinteresse war natürlich: Wo ist Gott? Die Suche geht ja immer weiter. Wir haben auf der einen Seite diese Unabhängigkeit und Freiheit im Weltall, andererseits aber läuft dort alles unglaublich geordnet ab. Und das sind genau die Parameter, mit denen auch wir Musiker und die Komponisten sich beschäftigen: mit der Freiheit im Klang und zugleich der Ordnung der Töne. Deshalb ist der Himmel der Musik relativ nah – und die Faszination so groß.
Eine kurze Abschweifung: György Kurtág ist gerade hundert geworden. Sie spielen immer wieder seine Werke. Was macht die so besonders?
Grau: Ich finde, Kurtág bringt gerade in der „Játékok“-Sammlung das Klavier auf eine ganz wunderbare Weise zum Klingen. Die Stücke sind auf wenige Töne verknappt, aber die lassen viel Raum zwischen sich – im Gegensatz zu Webern, der in seinen Aphorismen in ganz kurzer Zeit ganz viel sagen will.
Schumacher: Für mich ist Kurtág der große Meister des Raumes, der Gestaltung des Raumes zwischen den Tönen. In meiner Wahrnehmung überragt er fast alle Kollegen, weil er mit einer solchen Behutsamkeit diesen Raum zu füllen weiß. Und dem Interpreten eine Führung, eine Aufgabe mitgibt mit seiner Notenschrift, die er ja sehr verfeinert hat, die recht komplex ist und einem immer wieder genau diese Aufgaben stellt: Wie komme ich vom einen Ton zum anderen? Wie forme ich den Klang, dass die Töne nicht nebeneinanderstehen, sondern dass eine Verbindung entsteht? Das ist das Zentrale für mich in seiner Musik, die mich enorm fasziniert.
Grau: Das Haptische und Gestische spielt eine ganz große Rolle. Das sieht man, wenn man ihm begegnet oder wenn man ihn unterrichten sieht. Das spürte man auch in der Arbeit mit Peter Eötvös, der ja genau aus dieser ungarischen Tradition kam und bei „Kosmos“ etwas ganz Ähnliches wollte. Man musste eigentlich nur zugucken, wenn er am Klavier etwas vorgemacht hat, wie er sich bewegte, um eine Ahnung zu bekommen, wie ein Klang geformt sein wollte. Das Klavier ist ja ein Instrument, das man erst mal zum Leben erwecken muss. Das schaffen diese beiden Komponisten in ganz hohem Maße.