
Das aktuelle Talich Quartett: Jan Talich, Roman Patočka, Radim Sedmidubský und Michal Kaňka
Wer über nationale Stile und Traditionen spricht, läuft schnell Gefahr, in die Klischeefalle zu tappen. Deshalb ist da immer Vorsicht geboten. Und trotzdem: Als das tschechische Talich Quartett – verstärkt vom Bratscher Hartmut Rohde – bei einem Konzert im Kleinen Saal der Hamburger Laeiszhalle das wunderbare Es-Dur-Streichquintett von Dvořák interpretiert, hat man sofort das Gefühl, dass die Musiker da zu Hause sind. In den sanglichen Melodien des Stücks, aber auch in den beschwingten Rhythmen, die das Ensemble federn lässt.
„Ja, wir lieben es tatsächlich besonders, Dvořák zu spielen“, bekennt der Primarius Jan Talich beim Gespräch zwei Tage nach dem Konzert. „Wir haben das Gefühl, seine Sprache zu verstehen, ohne sie analysieren zu müssen. Es mag etwas arrogant klingen – aber wenn man hört, wie tschechische Musiker Dvořák aufführen, merkt man, dass da etwas Spezielles im Klang und in der Phrasierung ist. Bei anderen Ensembles fällt es dagegen manchmal schwer, einen Unterschied zwischen Dvořák und Brahms zu erkennen.“
Es klingt überzeugend und überhaupt nicht arrogant, wie Talich das sagt. Aber was genau macht diesen typischen Dvořák-Ton aus? Der Geiger denkt einen Moment nach. „Es hat schon mit den Rhythmen der tschechischen Tänze zu tun, die sehr besonders sind, das ist das eine. Und ich habe das Gefühl, dass selbst die großartigsten Melodien bei ihm immer noch introvertiert sind, anders als bei anderen romantischen Komponisten wie etwa Tschaikowsky.“
Dementsprechend sollten auch die Interpreten nicht zu dick auftragen, findet Talich. „Man braucht eine gewisse Bescheidenheit für Dvořáks Musik, es geht nie darum, sich damit aufzuspielen. Das wäre ein Missverständnis.“
Diese Haltung, die keinen Platz für persönliche Eitelkeit kennt, verkörpert Jan Talich selbst auf sympathische Weise. Auf der Bühne, wenn er sich im Blickkontakt mit seinen Kollegen austauscht und verständigt, aber auch beim Interview, in dem er auf angenehm zurückhaltende Art nahbar wirkt. Auch als der 1967 in Prag geborene Geiger über seine Jugendzeit erzählt. „Ich komme noch aus einer Generation, in der wir viele Volkslieder gehört haben. Wir hatten ja noch kein Internet oder Mobiltelefone. Auch im Fernsehen gab’s zu Zeiten des Kommunismus wenig zu sehen“, räumt Talich lachend ein. „Deshalb hatten wir Zeit, Volksmusik zu spielen und zu singen. Das geht heute ein bisschen verloren, viele jüngere Menschen kennen das kaum noch. Das finde ich sehr schade.“
Die Auswirkungen spüre man auch bei den professionellen Musikerinnen und Musikern der jungen Generation. „Sie haben oft nicht mehr dieses natürliche Gefühl für Dvořák oder Janáček. Ich fürchte, dass die tschechische Tradition langsam verschwindet, auch was das Zusammenspiel angeht. Dieses Selbstverständnis, dass man im Ensemble einen gemeinsamen Klang formt, als wäre man ein und dieselbe Person. Das ist wahrscheinlich eine Folge der zunehmenden Globalisierung. Ich schätze den internationalen Austausch natürlich sehr. Aber es ist schon auch ein Verlust, wenn dadurch etwas verloren geht.“
Jan Talich ist in mehrerlei Hinsicht besonders tief in der Tradition verwurzelt. Durch den engen Kontakt zur tschechischen Volksmusik, aber auch durch familiäre Bindungen. Sein Vater, Jan Talich senior, hat das Talich Quartett 1964 am Prager Konservatorium gegründet und bis zu seinem Tod im Jahr 2000 geprägt, zunächst als erster Geiger, später als Bratscher. Jan Talich junior ist mit dem Quartettklang groß geworden. „Ich habe das Ensemble mein ganzes Leben lang gehört, in Proben und Konzerten, schon als ich aufgewachsen bin“, erinnert er sich. „Und als ich selbst im Quartett angefangen habe, hat mein Vater ja noch gespielt. Ich habe natürlich versucht, so viel wie möglich von der damaligen Qualität aufzusaugen, vom Klang und der Art, gemeinsam zu atmen.“
Benannt ist das Ensemble nach Václav Talich, dem großen Dirigenten und Onkel des Gründers Jan Talich senior. Der Name steht also für einen generationenübergreifenden Reichtum der tschechischen Musiktradition. Dieser Ruhm kann einem auch mal schwer auf den Schultern liegen. Die Frage, ob das Bewusstsein für das Erbe vielleicht hier und da eine Bürde gewesen ist, beantwortet Jan Talich junior zunächst nur mit einem leisen, wissenden Lächeln. „Als ich mein Studium beendet hatte, wollte ich Solist werden“, bekennt der Geiger, der mit Anfang zwanzig einen wichtigen Wettbewerb in Zagreb gewonnen und eine internationale Karriere gestartet hat, die er bis heute verfolgt. Seine solistischen Qualitäten sind auch auf zahlreichen Aufnahmen dokumentiert. Fünf Jahre lang war er außerdem Mitglied des Kubelik Trios, mit dem er das tschechische Repertoire für Klaviertrio eingespielt hat.
Aber dann kam die Anfrage vom Quartett seines Vaters – und Jan Talich junior ist „auf den Zug aufgesprungen“, wie er im Gespräch erzählt. „Als ich angefangen habe, musste ich innerhalb eines halben Jahres ungefähr dreißig Quartette lernen. Aber ich habe diese Musik immer geliebt und bin froh, dass ich das Angebot angenommen habe. Auch wenn ich dafür meine anderen Tätigkeiten hintanstellen musste. Wenn man Quartett spielt, bekommt man einen Blick ins Innere der Musik in ihrer reinsten Form. Das ist sehr bereichernd.“
1997 war dieser Einschnitt, als mit Jan Talich auch ein neuer Cellist beim Quartett begonnen hat. Fast dreißig Jahre ist das jetzt her. Eine lange Zeit, sie macht nahezu die Hälfte der gesamten Ensemblehistorie aus. Aber von Amtsmüdigkeit keine Spur: Auf der Bühne befindet sich die aktuelle Formation – mit dem Geiger Roman Patočka, dem Bratscher Radim Sedmidubský und dem Cellisten Michal Kaňka – in einem lebendigen Dialog und vermittelt neben hoher Konzentration auch eine ansteckende Spielfreude. Die Chemie scheint zu stimmen. Jan Talich und seine Kollegen folgen einem Rat seines Vaters: „Er hat mir gesagt: Natürlich gibt es Auseinandersetzungen, in jedem Quartett. Diskutiert das aus – und geht danach ein Bier trinken!“ Letzteres liegt in einer Stadt wie Prag ja besonders nahe. Und hilft, die Gemüter zu beruhigen. „Wir können manchmal wirklich übel streiten“, räumt Talich lachend ein, „wenn man sich absolut sicher ist, im Recht zu sein, und nur die dumme Person neben einem eine andere Meinung hat. Aber solche Diskussionen sind der Anstoß dafür, sich weiterzuentwickeln.“
Grundsätzlich ziehen sie an einem Strang und sind sich einig. Auch was die Stückauswahl betrifft. Der Schwerpunkt des Talich Quartetts liegt vor allem auf dem tschechischen und dem klassisch-romantischen Repertoire. Das spiegelt sich auch in der umfangreichen Diskografie des Quartetts, das beim Label La Dolce Volta etwa neben Werken von Dvořák, Smetana, Janáček und Kalliwoda auch einen viel gelobten Beethoven-Zyklus und die Quartette von Mendelssohn eingespielt hat. Gerade die Mendelssohn-Produktion nennt Talich als eine seiner Lieblingsaufnahmen: „Ich mag es, wie wir das op. 44 gemacht haben. Aber auch die unter op. 81 zusammengefassten Sätze, die eher selten gespielt werden. Das haben wir sehr genossen, die Fuge am Ende ist fantastisch, ein Traum!“
Mit dem aktuellen Album haben Jan Talich und seine Kollegen ein für sie neues und andererseits auch vertrautes Terrain betreten. Unter dem Titel „Gypsy Melodies“ vereint es Arrangements von Stücken des 19. und 20. Jahrhunderts – unter anderem von Dvořák, Janáček und Bartók –, die Melodien und Rhythmen aus der Volksmusik aufgreifen. Die neuen Arrangements rücken diese Stücke aus der Sphäre der Kunstmusik wieder etwas näher an ihre Ursprünge in der Volksmusik heran. Dafür hat das Talich Quartett einen Kontrabassisten und einen Cimbalom-Spieler als Partner eingeladen. „Mit ihnen zusammenzuspielen und diese Musik aufzunehmen, hat einen Riesenspaß gemacht“, schwärmt Talich.
Die deutsche Übersetzung des Worts „Gypsy“ wird hierzulande aus guten Gründen nicht mehr verwendet – aber für die Angehörigen der betreffenden Community in Prag sei es kein Problem, Cikáni genannt zu werden, betont Talich. „Ich bin mit einigen von ihnen schon lange befreundet, wir sind zusammen aufgewachsen – und für sie ist es völlig in Ordnung.“
Über diese Freunde und ihre musikalischen Qualitäten spricht Jan Talich voller Hochachtung. „Es ist unglaublich, was für Feinheiten sie wahrnehmen und wie sensibel sie einen begleiten. Sie reagieren unglaublich schnell auf das, was sie hören! Das ist eine Dimension, die wir in der klassischen Musik so nicht kennen!“
Auf dem Album „Gypsy Melodies“ gelingt es dem Talich Quartett und seinen Partnern, diesen Geist der besonderen Spontanität und Freiheit einzufangen und mit der Klangkultur des klassischen Streichquartetts zu vereinen. Eine besonders schöne Art, die tschechische Tradition fortzuführen und neu zu beleben.