
Zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, liegt eine unsichtbare Grenze. Wer das empirisch Wahrnehmbare und Erfahrbare überschreitet, transzendiert die Wirklichkeit, das heißt, er geht aus der Realität und über diese hinaus. Das lateinische Verb transcendere heißt überqueren, hinübergehen, und wenn wir von Transzendenz sprechen, dann meinen wir neben der Bewegung auch deren Zielort. In der Religion ist der Bereich der Transzendenz die Welt Gottes. Für andere ist er die Heimat des Unbewussten, Ungreifbaren – also auch der Gefühle, die Klänge in uns auslösen. Transzendenz ist die Schnittmenge zwischen Religion und Musik, und so nimmt es nicht Wunder, wenn beide nicht nur in der Kirchenmusik zusammenwirken, sondern auch bei Menschen aus dieser und aus jener Sphäre.
Gudrun Sidonie Otto gehört heute zu beiden Sphären, doch das war zunächst überhaupt nicht geplant. 1979 in Rostock geboren, aufgewachsen in der DDR, beschloss sie als Neunjährige, „Opernschauspielerin“ zu werden, und gab im Kinderzimmer kleine Vorstellungen. Opernschauspielerin, das sei doch kein Beruf, meinten die Eltern. Und Opernsingen sei brotlose Kunst. Otto hat nicht klein beigegeben, sie hat in Weimar Gesang studiert, und sie hat sich den Kindheitswunsch erhalten: „Der Gehalt der Musik soll lebendig werden, bedingungslos!“
So formuliert es Gudrun Sidonie Otto heute. Als Sängerin ist sie weltweit unterwegs; häufig ist sie unter Helmuth Rilling aufgetreten, und Enoch zu Guttenberg war sie bis zu seinem Tod sehr verbunden. Otto ist auch Gesangsdozentin bei Meisterkursen und Stimmbildnerin bei der Basler Knabenkantorei („Gesangsunterricht hat ja nicht nur mit Technik zu tun, sondern auch sehr viel mit der Entwicklung der Seele. Und diese jungen Menschen zu begleiten, ist etwas Wunderschönes.“). Und seit 2020 ist sie obendrein Pfarrerin einer Kirchengemeinde in Basel-Land.
Wie es dazu kam? „Es sind“, sagt Otto, „immer die Brüche, die uns leiten“, und bei ihr habe es zwei davon gegeben. Der erste war die Geburt ihrer ersten Tochter, bei der sie notintubiert werden musste. Dabei wurden ihre Stimmbänder verletzt, sodass sie anschließend für einige Zeit ihre Stimme verlor – „da war ich plötzlich vulnerabel, mein ureigenes Ausdrucksmittel war mit einem Mal nicht mehr verfügbar“. Das Theologiestudium hatte sie schon immer interessiert, es eröffnete sich die Möglichkeit eines Quereinstiegs.
Als Pfarrerin arbeiten wollte sie nach dem Studienabschluss nicht sofort – eigentlich. Doch es kam die Corona-Krise. Das war der zweite Bruch. Gudrun Sidonie Otto und ihr Mann, der Basler Münsterorganist Andreas Liebig, waren plötzlich alle Engagements los. So kam die Sängerin zu ihrem zweiten Beruf. Und wurde die singende Pfarrerin von Binningen-Bottmingen. Das sei, sagt sie, tatsächlich ihre Anstellungsbedingung gewesen: „als Sängerin in jedem Gottesdienst selbstverständlich auch solistisch zu singen“, denn „für mich gehören Kultus und Kultur zusammen“. Sie ist für die Kultur und Erwachsenenbildung in der Gemeinde zuständig, organisiert Veranstaltungen, Konzerte, die „Hymnen zur Nacht“ um 21 Uhr bei Kerzenschein. Und jeder ihrer Gottesdienste sei, so Otto, aufgebaut wie ein Gesamtkunstwerk: „Ich suche immer nach einem Thema, das ich in verschiedenen Künsten darstellen kann: in Sprache, Liedern, Bild oder Tanz. Für mich gibt es kaum eine Musik, die nicht inspiriert ist und etwas Transzendentes birgt, sei es Udo Zimmermanns ‚Weiße Rose‘, Gregorianik, Jazz oder ein Psalmlied Dvořáks.“
Womit wir bei der aktuellen CD angekommen wären, die Gudrun Sidonie Otto gemeinsam mit Andreas Liebig aufgenommen hat: Antonín Dvořáks Biblische Lieder op. 99, kombiniert mit Johannes Brahms’ posthum veröffentlichten elf Choralvorspielen op. 122. Dvořáks und Brahms’ Sätze erklingen dabei im Wechsel, die Zyklen schlingen sich ineinander, und dafür findet die Sängerin gute Gründe. „Brahms und Dvořák“, sagt sie, „verband eine tiefe Freundschaft. Sie haben einander sehr geschätzt. Brahms hat den noch unbekannten Dvořák gefördert, wo immer er konnte, ihn seinem Verleger Simrock empfohlen. Dvořák schickte seinem väterlichen Freund Kompositionen zur Begutachtung. Auch Brahms seinerseits sandte seinem Freund eigene Werke. Vielleicht gilt dies auch für die beiden Zyklen, die wir hier auf dieser CD erstmalig miteinander verschränken. In dieser innigen Verbindung spiegelt sich auch die Unterstützung, die Brahms seinerzeit selbst von Robert Schumann erhalten hatte.“
Inhaltlich gebe es ebenfalls eine starke Verbindung: Brahms’ Choralvorspiele seien quasi „Lieder ohne Worte“ und seine letzten Kompositionen. Und für Dvořák, der 1894 Direktor des Konservatoriums in New York war, sei es um Sehnsucht und um Heimweh gegangen, auch seine Biblischen Lieder seien gewissermaßen „Schwanengesänge“. „Mich fasziniert“, sagt Gudrun Sidonie Otto, „wie beide Zyklen ineinandergreifen in ihrem Suchen nach dem Guten, Wahren und Schönen, nach Halt und nach dem Ausweg aus schmerzlichen Erfahrungen.“
Dass der Blick zurück dazugehört, spiegelt sich im Titel der CD, „Nostalgia“. Brahms hat sich zweimal mit der Orgel auseinandergesetzt, beide Male in Verbindung mit Clara Schumann. Seine frühen Orgelwerke, so Otto, seien Früchte seiner kontrapunktischen Studien und Übungen, „wohl auch, um seine aufgewühlte Seele in der Spannung zwischen der Liebe zu Clara und der Freundschaft zu Robert zu beherrschen“. Und gegen Ende seines Lebens habe Brahms dann in den Choralbearbeitungen die Betroffenheit durch Claras Schlaganfall und schließlich die Trauer über ihren Tod transzendiert; das letzte Stück, „O Welt, ich muß dich lassen“, Brahms’ letzte Noten überhaupt, entstand, als er von Claras Beerdigung zurückkehrte. „Irgendwie“, sagt die Sängerin, „schwingt dieser Rückblick mit, vielleicht auch schon die Vorahnung seines eigenen Todes.“ Bei Dvořák gehe es um die Rückbesinnung auf seine böhmische Heimat, die Erinnerung an seinen Vater. „Wir haben beim Titel der CD aber auch an Tarkowskis Film „Nostalghia“ gedacht.“ Und gemeint sei mit Nostalgie hier „nicht ein Verharren im Vergangenen, sondern eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, aus denen man Kraft schöpfen, durch die man wachsen kann und die einem den Mut geben weiterzugehen in eine unbekannte Zukunft.“
Bei der Wahl der deutschen Sprache anstelle des tschechischen Originals ist Gudrun Sidonie zuallererst ihrem kindlichen Wunsch treu geblieben: „Als ‚Opernschauspielerin‘ will ich Emotionalität und Inhalt unmittelbar verständlich vermitteln.“ Im Übrigen singe sie eine „synkretische“, also aus unterschiedlichen Quellen zusammengestellte Übersetzung der Lieder und habe bewusst versucht, sehr nahe an Luthers Psalmenübertragung zu bleiben. „Der Sprachklang kommt dabei Dvořáks Melodieführung des tschechischen Originals erstaunlich nahe. Die wollte ich möglichst beibehalten, aber mit Worten, wie sie viele noch aus der Luther-Bibel im Ohr haben.“
Als Sängerin hat Gudrun Sidonie Otto gerade damit begonnen, Schubert-Lieder gemeinsam mit dem Faust-Quartett aufzuführen, also mit Musikern, die sie vom Studium in Weimar kennt. Das Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, in dem Schubert sein eigenes Lied aufgreift, hat sie inspiriert, verschiedene Schubert-Lieder für Sopran und Streichquartett transkribieren zu lassen. Das Ergebnis, sagt die Sängerin, sei „sehr beglückend“, denn „in der differenzierten Quartettbegleitung bekommen die Lieder eine ganz eigene Tiefendimension“. Dafür brennt die Sängerin, das wird ihre nächste CD.
Ihr Feuer bringt uns zurück zum Anfang. Was bedeutet Transzendenz für eine Sängerin, die auch Pfarrerin ist, eine Musikerin und Theologin? Gudrun Sidonie Otto: „Transzendenz ist, was man mit Worten nicht sagen kann, aber mit Musik. Wie zuletzt, als ich Schubert sang. Seine Lieder befinden sich immer auf der Grenze zwischen Leben und Tod.“