
„Der Walzer“ von Anders Zorn (1891)
Was dreht sich da so traurig? Der (oder die) „Valse mélancolique“, in wechselnden Schreibweisen und Sprachen, von „valse mélancholique“ (mit ch) bis „melancholischer Walzer“, ist weniger ein sauber abgegrenztes Genre als eine ausmusizierte Haltung. Er nimmt den Walzer, dieses gesellschaftlich aufgeladene Format, und kippt ihn leicht aus der Balance. So entsteht Musik, die zugleich vertraut wirkt und irritiert: tänzerisch im Gestus, aber innerlich schwer, rückwärtsgewandt, manchmal regelrecht skeptisch gegenüber dem eigenen Schwung.
Dass Komponisten so verschiedener Couleur wie Grieg und Tschaikowsky, Liszt und Reger, Offenbach und Satie oder sogar Leoncavallo solche Walzer geschrieben haben, verweist auf eine weitreichende kulturelle Konjunktur – und auf einen erstaunlichen inhaltlichen Zusammenhang jenseits stilistischer Unterschiede. Der Valse mélancolique taucht immer dort auf, wo der Walzer seine Unschuld verliert.
Der Walzer denkt über sich selbst nach
Im frühen 19. Jahrhundert war der Walzer noch eine Provokation, ein Skandalon: zu körperlich, zu nah, zu berauschend drehend. Mit dem Siegeszug der Wiener-Walzer-Tradition durch Vater und Sohn Strauss (und nicht zu vergessen den Bruder Josef!) wurde er jedoch zum Symbol bürgerlicher Eleganz, sozialer Ordnung und diese stabilisierender, eleganter Geselligkeiten. Genau hier setzt der Valse mélancolique an. Er entsteht dort, wo der Walzer seine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit mal auf die Seite legt und sich als Reflexionsgegenstand anbietet.
Spätestens in der zweiten Jahrhunderthälfte beginnt die Ordnung nämlich zu bröckeln. Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts gerät Europa in eine Phase beschleunigter Modernisierung, Industrialisierung und Urbanisierung. Politische Krisen und der schleichende Autoritätsverlust traditioneller Ordnungen prägen das kulturelle Klima. Der Walzer – ursprünglich Symbol jugendlicher Vitalität – wird nun zum Erinnerungsraum. Seine Dreiertakt-Idiomatik trägt bereits eine latente Ambivalenz in sich: zyklische Bewegung ohne Fortschritt, ein Kreisen um sich selbst. Der Valse mélancolique macht diese Ambivalenz explizit.
Ein Beispiel dafür ist Edvard Griegs Valse mélancolique op. 68 Nr. 6. Auf den ersten Blick ist alles da: Dreiertakt, sangliche Melodie, klare Form. Doch man merkt schnell, dass hier niemand wirklich tanzen möchte. Das Tempo ist gedrückt, die Harmonien dunkel getönt, die Begleitung schwerfällig. Der Walzer kreist zwar beständig, aber er kommt nicht vom Fleck. Es ist Musik wie ein Blick zurück in einen Ballsaal, den man längst verlassen hat, leider allein.
Solche Stücke entstehen in einer Zeit, in der der Walzer nicht mehr einfach als funktionale Tanzmusik existiert, sondern Bedeutung trägt. Er wird zum Symbol für etwas Verlorenes: gesellschaftliche Gewissheiten, ein bestimmtes Lebensgefühl, vielleicht sogar eine ganze Epoche, im Extremfall für existenzielle Dissonanz.
Melancholie mit Wiedererkennungswert
Der Erfolg des Valse mélancolique liegt in dieser doppelten Lesbarkeit. Man erkennt sofort, was gemeint ist – ein Walzer eben. Der Walzerrhythmus evoziert Tanz, Körperlichkeit, soziale Augenhöhe.