Melancholie

In Darkness

Von
Klemens Hippel
London um 1600. Panorama von Claes Visscher (1616). Foto: Library of congress
London um 1600. Panorama von Claes Visscher (1616). Foto: Library of congress

Schwermütig könnte man werden, wenn man sich in John Dowlands Liedtexte vertieft: „Im Dunkeln will ich hausen“, wünscht er sich da, weil es „tausendmal besser ist zu sterben, als in solchen Qualen zu leben.“ Die Tränen fließen stets reichlich, und alle Hoffnung ist vergeblich. So klingt das „goldene Zeitalter“ Englands: Vergänglichkeit und Tod, die Nichtigkeit des menschlichen Handelns, Tränen, Schmerzen, Trauer und Dunkelheit sind prägende Begriffe für das Lebensgefühl der elisabethanischen Zeit. Sie habe unter einer tiefgreifenden Entwertung der Welt und ihres Sinns gelitten, konstatiert der Shakespeare-Forscher Terry Eagleton. Wie Robert Burton, der 1621 in seiner „Anatomie der Melancholie“ über die englischen Städte schreibt, sie seien „in einem heruntergekommenen und baufälligen Zustand, arm und voll von Bettlern, was auf das darniederliegende Handwerk, eine schlechte und nachlässige Wirtschaftspolitik und die aufmüpfige Faulheit ihrer Einwohner zurückzuführen ist, die eher herumlungern und betteln, ja lieber verhungern als zu arbeiten“. Um 1600 sollen 12.000 Bettler in London gelebt haben – bei einer Einwohnerzahl, die 1580 bei 120.000 lag.

Kulturell war es trotzdem eine „goldene“ Zeit. Nicht nur wegen Shakes­peares Dramen, sondern auch in musikalischer Hinsicht. Kein anderes Mal in der englischen Musikgeschichte wimmelt es so von beinahe gleichzeitig lebenden bedeutenden Musikern: William Byrd (1543-1623) und Orlando Gibbons (1583-1625), John Bull (1562-1628) und Peter Philips (1560-1628), John Dowland (1563-1626) und Thomas Morley (1557-1602). Kein anderes Mal ist die Musik englischer Komponisten (mit dem Lautenlied und der Klaviermusik der „Virginalisten“) maßstabsetzend in zwei Gattungen der europäischen Musik. Und kein anderes Mal hat London, das sonst so oft Musiker importierte, sich als Exporteur von gleich drei seiner bedeutendsten Kinder betätigt: Der Komponist und Cembalovirtuose John Bull arbeitete ebenso wie der für seine Vokalkompositionen berühmte Peter Philips in den Niederlanden, John Dowland lange in Dänemark.

Von den anderen Meistern seiner Zeit hebt sich John Dowland dennoch deutlich ab. Als einer, der im Gegensatz zu seinen Kollegen auf keine Ausbildung an den Chören der englischen Kathedralschulen zurückblicken kann. Sie alle fingen als Chorknaben an – Dowland dagegen konnte anscheinend überhaupt nicht singen. Und als ein Sprachrohr der Zeitstimmung: Er hat die Melancholie und Traurigkeit seiner Epoche zu seinem Markenzeichen gemacht. „Semper Dowland, semper dolens“ heißt eine Komposition von ihm – die klangliche Ähnlichkeit seines Namens mit dem lateinischen Ausdruck für Schmerzen war offenbar eine Inspiration für den Komponisten.

„Verbannt für immer lasst mich klagen“, heißt es in Dowlands berühmtem Lied „Flow my Tears“

Doch der Reihe nach. Wann und wo Dowland geboren wurde, ist unbekannt, wohl in oder bei London 1563. Er taucht erstmals als Lautenist im Gefolge des englischen Botschafters in Paris auf, da ist er 17 Jahre alt. Hier in Frankreich, wo er vier Jahre verbringt, trifft er auf die besten Vertreter des Lautenspiels seiner Zeit. Und hier konvertiert der Anglikaner zum Katholizismus. Ziemlich ungewöhnlich für seine Zeit. Immerhin: Auch Kollege William Byrd ist Katholik und trotzdem Mitglied der königlichen Kapelle (er hat allerdings wegen seines Glaubens mehrfach Prozesse durchzustehen und zieht sich im Alter aufs Land zurück). Dowland zählt bald zu den gefragtesten Virtuosen, wird 1588 in Oxford zum „Bachelor of Music“ und macht sich Hoffnungen auf die 1594 frei werdende Stelle eines Hoflautenisten. Als er die nicht bekommt, geht er wieder ins Ausland, zunächst nach Italien, wo er den Madrigalkomponisten Luca Marenzio zu treffen hofft, später nach Deutschland, wo Moritz der Gelehrte ihn gerne zu Gast hat. Der sollte später als Förderer des jungen Heinrich Schütz berühmt werden. Erneut in Italien, diesmal in Venedig und Florenz, gerät der Katholik Dowland in Schwierigkeiten: In Florenz hat er Kontakt mit englischen Dissidenten, sorgt sich, ob er gefahrlos nach England zurückkehren kann. Er kann: Doch mit einer Stelle wird es wieder nichts. Stattdessen veröffentlicht er 1597 seine erste Sammlung mit Liedern: einen Bestseller, der rasch fünf Auflagen erlebt. Eine Anstellung findet er dann im Ausland: Die Jahre 1598-1606 verbringt er am Hofe des Königs von Dänemark, bei einem fürstlichen Einkommen: Dowland erhält das Gehalt eines Admirals. Seine Familie bleibt derweil in London, wo der Komponist 1603 ein Haus in der Fetter Lane erwirbt. Eine interessante Adresse für einen Katholiken in London – an der Ecke zur Fleet Street waren 1590 einige katholische Rekusanten gehängt worden. Und ein Stück weiter hatten die Puritaner ihren Gebetsraum! 1604 erscheint dann ein Meilenstein seiner Musik im Druck: „Lachrimae or Seven Teares“, das erste in England erscheinende Werk für Violenensemble und Laute, in einem für moderne Augen verblüffenden Druckbild: Die Stimmen sind so gedruckt, dass jeder der um das Buch herumsitzenden Spieler seine Stimme lesen kann. Den Titel verdankt die Sammlung Dowlands damals wie heute bekanntestem Werk – den „Lachrimae“ (Tränen). Ursprünglich schon vor 1595 als Lautenstück geschrieben, versieht Dowland es später mit einem Text und bringt es 1600 als Lied heraus. In einer Sammlung, die in der damals riesigen Auflage von tausend Stück gedruckt wird. Das Werk wird zum bekanntesten Musikstück seiner Zeit und macht seinen Komponisten in ganz Europa berühmt – in Deutschland unterschreibt er sogar einmal als „Johannes dolandi de lachrimae“. Unzählige Komponisten variieren seine „Lachrimae“ – für jedes verbreitete Instrument wird die eine oder andere Fassung geschrieben. „Verbannt für immer lasst mich klagen“, heißt es in diesem Lied. Ganz so schlimm kommt es für Dowland aber nicht, 1606 kehrt er in die Heimat zurück, wo er allerdings noch weitere sechs Jahre auf den ersehnten Titel eines Hoflautenisten warten muss. Um dieselbe Zeit hört er anscheinend auf zu komponieren – aus den letzten 15 Lebensjahren Dowlands ist keine Musik überliefert. Dowland stirbt 1626, kurz nachdem er noch als Lautenist beim Begräbnis des Königs James I. mitgewirkt hatte.

Ziemlich erfolgreich war er also, der „schwermütige“ Komponist. Abgesehen von seinen lange Jahre vergeblichen Versuchen, zu Hause eine angemessene Stellung zu erreichen. Der alternde Meister war zwar ziemlich enttäuscht darüber, dass er unter den jungen Kollegen nicht die verdiente Anerkennung fand. Aber da steht er ja unter den großen Komponisten nicht gerade allein da. Eigentlich also kein Grund, depressiv zu werden. Ob Dowland wirklich so melancholisch war, wie er in seinen Liedern scheint und wie aufgrund dieser Werke oft angenommen wird, hat die Forschung bisher ohnehin nicht klären können. Ein einziger früher Autor beschreibt ihn sogar als „heiteren“ Menschen. Vielleicht hat er einfach nur die Vorliebe seiner Zeit für traurige Stoffe in Musik umgesetzt? Der Erfolg würde ihm für diese Strategie recht geben.

Zumal seine Musik zwar traurig klingt – aber keinesfalls traurig machen soll. Sie erlaubt es vielmehr, sich in eine melancholische Stimmung zu versetzen – und sie mit dem Ende eines Liedes dann auch wieder zu verlassen. „Trauer wird schön, und die Leidenschaft weise, Tränen eine köstliche Sache“, heißt es in „I saw my Lady weep“. Und in einer Widmung schreibt Dowland: „Zwar verheißt der Titel Tränen, doch die Tränen, die die Musik weint, sind gewiss wohltuende Tränen.“ So haben die Interpreten seiner Musik sich und ihre Zuhörer wohl durchaus lustvoll in eine melancholische Stimmung versetzt und diese genossen.