Der Zodiak als „Stirb und Werde“ der Natur
Tierkreiszeichen und die Musik
Der postmoderne Mensch erntet die Früchte des Zeitalters der Durchsetzung des Materialismus, meist ohne sich darüber im Klaren zu sein, wie die Gewinn-Verlust-Rechnung aussieht, die alle Umwälzungen auf verschiedenen Ebenen mit sich bringen. Das Primat der naturwissenschaftlichen Erkenntnis – dass also als Beweis nur zählt, was sich auf Maß, Zahl und Gewicht zurückführen lässt – hat in uns eine kollektive Arroganz auf so stetige Weise wachsen lassen, dass wir es gar nicht bemerken: den längst Mantra der Zivilisation gewordenen Gedanken, dass die früheren Kulturen – zu denen für uns alles gehört, was vor der sogenannten Aufklärung als Epochenbruch in die Neuzeit menschliche Wirklichkeit und Einvernehmlichkeit war – rückständig, abergläubisch und primitiv waren und wir unsere Vergangenheit als Spezies, die Jahrmillionen zurückreicht, nach diesem Paradigmenwechsel als eine unzulängliche Vorform einer Gegenwart sehen, die endlich alle Illusionen abgestreift hat. Jetzt, wo wir jederzeit in der Lage sind, die Grundlagen des Lebens für uns alle zu zerstören, glauben wir zu wissen, worauf es ankommt und was nottut. Die Frage des Lebens hat aufgrund des Scheiterns des Fortschrittsoptimismus ihre Richtung geändert. Das positivistisch missionierende Entweder-oder von „Verbessern oder Zurückbleiben“ ist umgedreht auf der moralbehafteten Bruchkante „Zerstören oder Bewahren“ zum Stehen gekommen. Für den aufgeklärten Intellektuellen stellt sich heute nicht mehr die Frage nach dem „Gottesbeweis“, denn er ist sich so sicher, dass es kein Göttliches geben kann – wie es der Mediziner Rudolf Virchow sagte: „Ich habe Tausende von Leichen seziert, aber keine Seele darin gefunden.“ Ob uns die gegenwärtige Dystopie lehren kann, dass alle Ideologie Aberglaube ist? Und wenn wir auf die Kunst schauen: Sind wir seit der „full spectrum dominance“ des Materialismus genialer geworden als Rumi, Dante, Michelangelo, Velázquez, Bach oder Mozart?
Der heutige urbane Mensch hat die Verbindung zu den Prinzipien des Lebens weitgehend verloren, zu jenem Zyklischen, das seit jeher die Grundlage unserer Existenz bildet – dem Prinzip der Selbsterneuerung der Natur. Der Zodiak symbolisiert den ewigen Wechsel von Werden und Vergehen, von Tod und Wiedergeburt im Lauf der Jahreszeiten. Das deutsche Wort vom „Tierkreis“, das im internationalen Sprachlabyrinth einzig dasteht, ist, so hat es der österreichische Schriftsteller Hans Sterneder triftig dargelegt, auf eine Fehlübertragung aus der germanischen Mythologie zurückzuführen. Denn warum sollten unsere zweifellos fantasiebegabten Vorfahren eine Gruppe von Wesen, die nur mit knappster Mehrheit aus Tieren besteht – sieben Tiere (Widder, Stier, Krebs, Löwe, Skorpion, Steinbock, Fische) gegen fünf Nicht-Tiere (Zwillinge, Jungfrau, Waage, Schütze, Wassermann) – als „Tierkreis“ bezeichnet haben? Vielmehr legt Sterneder nahe, dass der Begriff auf den Gott Tyr in der Edda zurückgeht, der Verwandlung und zyklische Wiederkehr verkörpert, und es sich beim „Tierkreis“ schlicht um eine Verschleifung des ursprünglichen „Tyr-Kreis“ handelt. Für uns ist wichtig: Beim Zodiak geht es nicht primär um die Astrologie, die als alchimistische Lehre aus der Deutung der Beziehung der Himmelskörper zur menschlichen Seins- und Handlungsebene (also Veranlagung und Schicksal) hervorgegangen ist.
Zuerst ist der Zodiak als zusammenhängende Ordnung auf Symbolebene zwischen Konstellationen im Kosmos und auf der Erde zu lesen und hat unmittelbar mit dem zyklischen Kreislauf der Jahreszeiten, mit dem „Stirb und Werde“ in der uns umgebenden Natur zu tun. Das war für die Menschen der vorindustriellen Zeit von einer zentralen Bedeutung, die sich die meisten von uns kaum noch vorstellen können. Auch wenn manche aufgrund von rituellen Festlichkeiten noch mitbekommen, wann Sommer- und Wintersonnenwende ist, so dürften die wenigsten von den Zeitpunkten der Tagundnachtgleiche (Äquinoktium) Kenntnis nehmen – und doch sind es diese vier Ereignisse, die die Hauptuntergliederung des alljährlichen Zyklus bilden und deren jeweils dreifache Unterteilung – um ein Drittel verschoben zu den bei uns gültigen Monaten – die Gültigkeitsbereiche der zwölf „Sternzeichen“ definiert.
Tierkreis und Jahreszeiten
Diese Zwölfgliederung mit ihren mannigfachen Querbezügen ist für viele Komponisten von großem Reiz, auch deswegen, weil man die zwölf Töne unseres wohltemperierten Systems den Tierkreiszeichen zuordnen kann, wie das beispielsweise Friedrich Oberkogler und andere Anthroposophen systematisch versucht haben. Und natürlich müssen wir verstehen, dass es bei Zodiak-Vertonungen stets zu Überschneidungen mit Jahreszeiten-Programmen kommen kann wie bei Joseph Haydns Vorgänger Gregor Joseph Werner, der in seinem 1748 erschienenen „Musikalischen Instrumentalkalender“ in zwölf Triosonaten-Suiten zu Beginn des ersten Monats jedes Vierteljahrs (also jeder dritten Suite) das Tierkreiszeichen erwähnt, das hier „von der Sonne betreten wird“ – und entsprechend schildert Werner nicht nur den Lauf der Jahreszeiten im Außen, denn es geht ihm darum, „den auszudrückenden Gemütszustand und die daher fließenden Handlungen wohl vorzustellen und der Natur nachzuahmen“. Zweihundert Jahre später ist es der italienische Wegbereiter der Moderne Gian Francesco Malipiero, dessen erste Symphonie die Jahreszeiten zum Gegenstand hat, der viele Jahre später 1951 eine „Sinfonia dello Zodiaco“ schreibt, die sich bezüglich des Programms von Ersterer nicht unterscheidet, sondern nur dem Namen nach. Sie besteht aus vier dreisätzigen Partiten, und beide Werke stehen ihrem Wesen nach in der pittoresk illustrierenden Tradition von Antonio Vivaldis „Quattro Stagioni“.

Spielereien und Moden
1698 erschienen die „Zodiaci musici“ von Johann Abraham Schmierer im Druck, ein „musikalisch vorgestellter Himmelskreis“. Doch anschließend geschah mehr als zwei Jahrhunderte lang – die ganze klassische und romantische Ära hindurch – fast nichts. Überraschend ist, dass der Zodiak erst ab dem 20. Jahrhundert wirklich attraktiv für die Komponisten wurde, also in einer Epoche, die seiner ursprünglichen Bedeutung mit Skepsis gegenübersteht, dadurch verstärkt, dass die Astrologie den meisten nur noch aus dem Tageshoroskop-Unfug der Boulevardmedien ein Begriff ist. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn für manches Werk der Titel nur eine äußerliche Spielerei war, wie im Falle von George Rochbergs auf seinen zwölf Bagatellen für Klavier solo von 1952 basierendem „Zodiac for orchestra“, der laut Angabe des Komponisten lediglich das Symbol eines auf der Gleichwertigkeit der zwölf Töne basierenden „vollendeten Kreises“ benennt (ähnliches gilt für Beiträge von Ernst Krenek und Boris Tschaikowsky). Manche Komponisten haben auch nur einzelne Tierkreiszeichen vertont, so Roberto Gerhard mit seinen autobiografisch inspirierten Kammerensemble-Meisterwerken „Leo“ und „Libra“ (sein „Gemini“ hingegen symbolisiert nur, dass Violine und Klavier sozusagen zwillingshaft agieren) oder Jean Absil mit seinen „Images stellaires“ für Geige und Cello. John Tavener nannte sein einziges Klavierstück von 1997 „Zodiacs“.
Geläufig ist auch, die Reihenfolge der Sternbilder durcheinanderzuwürfeln wie in den Zyklen von Reizenstein und Crumb und vor allem in Karlheinz Stockhausens „Tierkreis. Zwölf Melodien der Sternzeichen“, die er in der Urfassung sowohl für ein beliebiges Soloinstrument als auch in einer harmonisierten Version notierte, um dann aufgrund des Erfolgs weitere Fassungen, unter anderem für Kammerorchester, zu erstellen. Hier ist die Gesamtform absolut beliebig, indem jedes der zwölf Stücke jederzeit wiederholt, die Reihenfolge frei gewählt und nach Gusto weggelassen werden kann, was der Interpret gerade nicht spielen möchte. Dieses Vorgehen fand einige Nachahmer wie Rob Du Bois oder Barry Cockcroft.
Die Vielfalt der Besetzungen
Die meisten allerdings schrieben zusammenhängende Zyklen, unter denen auffallend wenige vokal sind, wie die spröden Vertonungen von Zodiak-Gedichten Rudolf Steiners durch Jürgen Schriefer für gemischten Chor a cappella, „Zwölf Stimmungen. Tierkreis“, oder in Ralph Vaughan Williams’ später Kantate „The Sons of Light“ von 1950. Der Mittelteil dieses zwanzigminütigen Werks, bei dessen Uraufführung unter Adrian Boult achthundert Jugendliche mitwirkten, besingt im Gedicht „The Song of the Zodiac“ seiner Frau Ursula das Übersinnliche. Im Übrigen reicht das Spektrum der Zodiak-Kompositionen von einstimmig solistischer bis zu großorchestraler Besetzung.
Caspar Diethelm schrieb zwei Zyklen für Flöte, Markus Zahnhausen einen für Blockflöte. Der Este Urmas Sisask verfasste einen „Zodiac“ für Klavier und einen „New Zodiac“ für Flöte und Klavier, beide in hymnisch wohlklingender Einfachheit. Bryan Kellys „Zodiac“ ist für Klarinette und Klavier geschrieben, William Mathias schrieb 1976 ein herrliches Trio „Zodiac“ in der Debussy-Besetzung Flöte, Bratsche und Harfe, Ivar Lundes „Signs of the Zodiac“ sind für Bläserquintett, Werke von Akemi Naito und Mort Garson verwenden Elektronik, Mary Lou Williams schlägt populäre Jazztöne an und kippt auch, unter dem Begriff „Neoklassik“ subsumiert, in Bereiche von Verwässerung und Kitsch hinüber.
Reich ist das Repertoire an Klavierzyklen, unter denen die sehr wertvollen von Franz Reizenstein („Zodiac Suite“, 1965) und George Crumb („Makrokosmos“ I & II, 1972/73) die Reihenfolge der Sternzeichen durcheinanderwirbeln. Crumbs fantastisch evokativer „Makrokosmos“, in dem vom Ausführenden auch Pfeifen und Singen verlangt wird, hat die Welt der Klaviermusik revolutioniert wie kein anderes Werk der Moderne. Ein Meisterwerk in der postimpressionistisch französischen Tradition sind die 1932 entstandenen zwölf Klavieretüden „Le Zodiaque“ von Georges Migot (1891-1976), die vom Wassermann zum Steinbock, also von Winter zu Winter, den Jahreszyklus durchlaufen und bereits einige Male eingespielt wurden. Migot, der ein phänomenaler Orchestrator war, hat auch eine Orchesterfassung erstellt, die allerdings nie im Druck erschien und von der wir nicht einmal wissen, ob sie vollständig vorliegt. Sehr schöne Musik auch für Amateurpianisten bietet der Zodiak-Miniaturen-Zyklus des unlängst verstorbenen Laurence Traiger.
Martin Scherbers organische Lösung
Außer Malipiero und Migot haben auch Daniel Pinkham („Signs of the Zodiac“, 1964), Lars Johan Werle (das einstündige Tanzdrama „Zodiac“ von 1966), Humphrey Searle (die dissonant zwölftönigen, vom Steinbock zum Schützen führenden „Zodiac Variations“ von 1970) und Richard Rodney Bennett (der von der Presse als „astrological showpiece“ bejubelte „Zodiac“ von 1976) mit den Farben des großen Orchesters dem Tierkreis gehuldigt. Ein Werk freilich ragt wie ein Monolith aus der Vielfalt der musikalischen Ausdeutungen hervor: die 1953-55 in einem einzigen, sich in zwölf Gliedern artikulierenden, mehr als eine Stunde umspannenden Satz komponierte dritte Symphonie des Nürnbergers Martin Scherber (1907-74), deren organisch zusammenhängende Form metamorphosisch aus einem zentralen Themenkern entwickelt ist. Hier ist alles naturhaft verwoben und durchläuft zugleich in klar gezeichneten Konturen kontrastierende Aggregatzustände vom auf ostinatem Rhythmus wie aus einer anderen Welt hereingleitenden Widder (also dem Frühlingsbeginn) bis zur final sich majestätisch aufbauenden Apotheose der Fische. Zwischen der dunkel schillernden Verrätselung der Zwillinge und der aus nächtlicher Beschwörung eines mystischen a-Moll sich herausformenden Polytonalität des Löwen tritt ein wild sich emporschraubendes Krebs-Scherzo; die dramatische Krise der Jungfrau wird vom herbstlichen Abklingen der Waage ausbalanciert, bevor wir in die unergründlichen Tiefen des Skorpions absteigen, vom Schützen in eine von Vogelstimmen durchjubelte Naturidylle entführt und schließlich vom Steinbock durch eisige Regionen der Einsamkeit der Seele geleitet werden. Und hier, zur dunkelsten Zeit des Jahres, im Moment der Wintersonnenwende, kehrt der Anfang wieder: eine Reprise in der (dunklen) Unterquinttonart, der nächste Frühling kündigt sich an, zu dem in der Folge Wassermann und Fische mit ganz eigener Charakteristik hinführen. Aus den Gegensätzen bildet sich, dank der Monothematik, die das Werk bezwingend zusammenhält, eine zyklische Welt, die uns gewandelt entlässt. Eine musikalische Manifestation des „Stirb und Werde“ im kosmisch bedingten Kreislauf der irdischen, unser Leben bestimmenden Natur als tieferer Sinn des Zodiak.

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