Der „Aufzeichner“ der Harmonie der Sterne
Der Komponist Urmas Sisask baute für sich eine eigene Musiksternwarte samt Planetarium. Seine kosmischen Klänge sind bis heute singulär

Sterne und Planeten in der klassischen Musik? Die erste – und oft einzige – Assoziation zu diesem Thema ist sicherlich Gustav Holsts berühmte Orchestersuite „The Planets“. In neuerer Zeit haben sich aber auch Komponisten wie Toru Takemitsu („Orion and Pleiades“, 1984), Philip Glass („Orion“, 2004) oder Kaija Saariaho („Asteroid 4179: Toutatis“, 2005) immer wieder mit dem Kosmos beschäftigt, doch auch diese Werke sind letztlich programmatisch konzipiert und nähern sich dem Thema über Inhalte, Assoziationen und Stimmungen, die vertont werden. Einen anderen und experimentellen Ansatz wählt John Cage, um den Kosmos „hörbar“ zu machen. In „Atlas Eclipticalis“ (1961) nutzte er für die Partitur Sternkarten als Blaupause, bei der die Position der Sterne am Himmel die Noten auf dem Papier bestimmen. Das ist ebenso „witzig“ wie zufällig, macht aus Cage aber noch lange keinen komponierenden Astronomen oder gar Kosmogoniker. Davon gab es nur einen – und der hat außerhalb seiner Heimat Estland noch immer nicht die Aufmerksamkeit erfahren, die seiner genial-exzentrischen Sternenmusik gebührt: Urmas Sisask.
Urmas Sisask, der am 9. September 1960 in Rapla südlich von Tallinn zur Welt kam, studierte bis 1985 Komposition bei René Eespere an der Estnischen Musikakademie. Die meiste Zeit seines Lebens wohnte und arbeitete er im Dorf Jäneda südöstlich von Tallinn und gründete dort zuerst den Kammerchor Jäneda – und am 20. Juli 1994 die erste und bis heute einzige Musiksternwarte der Welt. Zwei Jahre später kam ein Planetarium hinzu, das den ganzen in Estland sichtbaren Sternenhimmel zeigt und das Sisask ebenfalls selbst entworfen und gebaut hat. Hier gab er bis zu seinem Tod am 17. Dezember 2022 rund 120-mal pro Jahr seine in ganz Estland berühmten Konzerte, bei denen er auf dem Klavier seine Werke astronomisch erläuterte. Der Urmas Sisaski Muusikatähetorn (Musiksternenturm) samt Planetarium existiert bis heute und ist dem Jäneda Muuseum angeschlossen. Und aktuell ist es Urmas’ Tochter Tiiu Sisask, die dort regelmäßig Musik ihres Vaters aufführt und kommentiert.
Sisasks Klänge sind stets harmonisch
Bei einem Zoom-Call sagte mir Tiiu Sisask: „In seinem Musiksternenturm kam meinem Vater eine absolut geniale Idee: Musik nicht nur aus Emotionen heraus zu schaffen, sondern auf der Basis der Bewegungen der Himmelskörper. Die Bewegungen kosmischer Objekte lassen sich in hörbare Töne umrechnen. Um die Tonhöhen zu bestimmen, baute mein Vater ein fünf Meter langes Klaviersystem – eine Klaviatur des Universums! So kann man den Himmel spielen, und was man sieht, das wird auch hörbar.“ Aus ihrer weiteren Erzählung wird schnell klar: Urmas Sisask, der sich schon als Kind für Sterne und Planeten interessierte, war ein Gründungsmitglied der Estnischen Astronomischen Gesellschaft und genoss in seiner Heimat einen guten Ruf als Amateurastronom. Und da er sich zwischen seinen zwei Leidenschaften Astronomie und Musik nicht entscheiden konnte, wurde er der erste Astronom-Komponist. Nahezu alle seine Werke, vor allem die aus den Bereichen Chor- und Klaviermusik, „kreisen“ – wie Planeten – um die Sterne.
Sisasks Werke zum Themenfeld Astronomie lassen sich grob in zwei Kompositionsmethoden unterteilen. Die ältere ist eher intuitiv, gefühlsbetont und „programmatisch“ geleitet. Kompositionen auf Basis dieser Methode, die er auch in späteren Jahren (und nach der Entwicklung seiner eigenen „Planetentonleiter“) immer wieder einmal verwendete, sind etwa die Konzerte „Perseiden“ (1998) und „Leoniden“ (2001), für Violine beziehungsweise Flöte und Streichorchester oder die Kammerkomposition „Hale-Bopp“ (1999) für Flöte und Gitarre, in der Sisask seine Beobachtungen des Kometen in dessen Helligkeitsmaximum (im April 1997) „schildert“.
Zu seiner zweiten Methode fand Sisask 1987. Sie folgt den Ideen, die der Astronom, Astrologe und Naturphilosoph Johannes Kepler in seinem Hauptwerk „Harmonices Mundi libri V“ (Fünf Bücher über die Weltharmonik) 1619 entwickelt hatte. Aus seinen Berechnungen von Orbitalbewegungen der damals bekannten Planeten unseres Sonnensystems leitet Kepler darin für jeden einzelnen Planeten unterschiedliche Tonhöhen und -leitern ab. Es war die erste theoretische Verwirklichung einer alten, auf Pythagoras zurückgehenden Idee, wonach die Bewegung der Himmelskörper eine Art von Musik („Musica Universalis“, später auch „Sphärenmusik“ genannt) erzeugt, die das ganze Universum durchdringt. In seiner Oper „Die Harmonie der Welt“ (1957) hat Paul Hindemith dem Autor der „Harmonices Mundi“ ein Denkmal gesetzt – allerdings ohne dabei den Versuch zu unternehmen, Keplers musiktheoretische Berechnungen für die (moderne) Tonkunst fruchtbar zu machen. Das sollte Urmas Sisask vorbehalten bleiben.

Es würde zu weit führen, das musik-mathematische Berechnungssystem von Sisasks „Planetentonleiter“ im Detail zu rekonstruieren (wer es ganz genau wissen will, lese die Dissertation „Music of the Spheres: Astronomy and Shamanism in the Music of Urmas Sisask“ von David Michael Edmonds, 2012). Nur so viel: Aus den siderischen Umlaufzeiten der Planeten, gerechnet in Sekunden, und deren „Teilung durch Oktaven“ gelangt Sisask nach weiteren Zwischenschritten zu einer neuntönigen Reihe, die auf fünf reduziert wird, sodass sie am Ende der japanischen Hirajoshi-Pentatonik zum Verwechseln ähnlichsieht. Das Geniale daran: Trotz der astronomisch-mathematischen Berechnungen mit komplizierten Brüchen und Ableitungen ist das klangliche Ergebnis bei Sisask am Ende immer harmonisch und – ja, der Begriff ist hier durchaus am Platz – schön. Hier trifft er sich mit Pythagoras, von dem der Satz stammt: „Musik ist die Stimme des Universums, und alles, was existiert, schwingt in Harmonie.“ Sisask selbst hat seine Vorstellung vom Kosmos und die Aufgabe, die ihm darin zugewiesen ist, so beschrieben: „Unser siebzehn Milliarden Jahre altes Universum ist ein riesiges ‚Orgelwerk‘, das von Jehova erschaffen wurde. Durch die Schwerkraft bilden Galaxien, Sterne, Planeten, Kometen und andere Konstellationen gigantische Orgelpfeifen. Das ist das Credo meines Lebens und meiner Arbeit. Die Harmonie des Musikinstruments des Universums zu erlernen und sie den Menschen hörbar zu machen, ist meine Mission. Daher betrachte ich mich nicht als Komponist, sondern als Aufzeichner von Musik.“
Zu den Werken, die nach dieser zweiten Methode entstanden sind, zählen etwa die Sinfonie „Uranus“ (1994) für Trompete mit Orgel, Schamanentrommel und Didgeridoo, der Berechnungen der fünf größeren Uranusmonde um den Planeten zugrunde liegen, oder die insgesamt 24 Hymnen „Gloria Patri“ für gemischten Chor, die ausschließlich auf den fünf Tönen seiner Planetenskala aufgebaut sind und die zu seinen am häufigsten aufgeführten und eingespielten Werken zählen. (Die derzeit einzig erhältliche Aufnahme mit fünf Stücken daraus findet sich auf dem Tripel-Album „Baltic Voices“ mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor unter Paul Hillier, Harmonia mundi, 2018.)
Sisask „vertonte“ jedes der 88 Sternbilder
Eine Werkgruppe verdient ganz besondere Aufmerksamkeit: der Anfang der Achtzigerjahre begonnene und kurz vor Sisasks Tod abgeschlossene Klavierzyklus „Starry Sky Cycle“. Er gliedert sich in die fünf Teile Northern Sky, Southern Sky, Estonian Folk Sky, Equatorial Sky und Northern Polar Sky und „vertont“ alle 88 von der Internationalen Astronomischen Union verbindlich festgelegten Sternbilder. Dieser Zyklus ist fraglos das Hauptwerk des Esten – und er zählt für mich zum Faszinierendsten, was im 20. Jahrhundert für Klavier komponiert wurde. In seinem Umfang und „halbwissenschaftlichen“ Anspruch kann man ihn nur vergleichen mit dem „Catalogue d’oiseaux“ von Olivier Messiaen, den Sisask bewunderte. – Leider sind die beiden CDs mit einer Auswahl von Klavierstücken aus den Opera 10 und 52 („Northern“ und „Southern Sky“), gespielt vom mit Sisask befreundeten Pianisten Lauri Väinmaa, seit Ewigkeiten vergriffen. Es sind ikonische Deutungen, die einen intensiven Eindruck von Sisasks Credo vermitteln: „Der Sternenhimmel ist für uns alle ein offenes Buch, aber wir sind zu bequem, nach oben zu schauen. Die Menschen gehen mit gesenktem Kopf. Sie begreifen ihre Rolle im Weltall nicht.“
Ebenfalls eines seiner letzten Werke hat Urmas Sisask 2022 im Auftrag des amerikanischen Organisten James D. Hicks geschrieben. Es trägt den Titel „Carrus Major“ und huldigt dem Sternbild des Großen Wagens. Das 2025 auf Hicks’ Doppelalbum „Echoes of the Baltic Sea“ (Pro Organo) erschienene Werk bildet eine Art Quintessenz von Sisasks Schaffen. So resümiert Hicks: „Das himmlische Hauptthema hat einen strebsamen, aufwärts gerichteten Charakter, fast so, als würden mich diese Klänge persönlich in den Himmel begleiten. Die anschließende Melange aus folkloristischen Motiven bildet einen passenden Kontrast zu diesem himmlischen Bogen, mit Melodien, die tief im estnischen Boden verwurzelt sind. Etwa nach drei Vierteln des Stücks führt Sisask die Musik zu einem überwältigend dramatischen Höhepunkt, bevor die Sternmelodie ein letztes Mal erklingt und die Coda den Schluss bildet. Diese Passage bleibt einer der bedeutendsten musikalischen Momente meines Lebens.“

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