Interview & Porträt

Paris in allen Facetten

Von
Götz Thieme
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Irène Zandel
Foto: Irène Zandel

Trotz der ungeheuren kulturellen Energien in Berlin und Wien zur gleichen Zeit: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Paris die Welthauptstadt der Musik, des Tanzes und der Kunst. Eine der vielen Facetten waren die letzten Zuckungen der Belle Époque mit ihrem dekadenten Dekor, dem Lichterglanz der Salons. Und einer ihrer schillerndsten Protagonisten, in Deutschland zu wenig bekannt, war der Sänger, Komponist, Pianist und Dirigent Reynaldo Hahn. In der Literatur immerhin ist er als Gefährte von Marcel Proust eine gesetzte Fußnote. 1874 in Caracas geboren als Sohn einer Venezolanerin spanisch-baskischer Abstammung und eines aus Hamburg stammenden jüdischen Kaufmanns, war Hahn als Fünfjähriger mit seiner vermögenden Eltern nach Paris gekommen und hatte im Mai 1894 im Salon von Madeleine Lemaire die Bekanntschaft mit dem scheu-sensiblen Schriftsteller gemacht. Aus der zweijährigen Affäre erwuchs bis zu Prousts Tod 1922 eine intensive Freundschaft. Hahn hat ein umfangreiches musikalisches Werk hinterlassen: Opern, Ballette und Operetten wie die witzige „Ciboulette“ – die Titelheldin heißt Schnittlauch! Und die Geschichte beginnt in einem Lokal, das „Zum rauchenden Hund“ heißt! Dazu kommen Kammer- und Klaviermusik und vor allem rund hundert Lieder, die der Bariton auch öffentlich sang – es gibt einige Aufnahmen von ihm, bei denen er sich selbst am Klavier begleitet hat.

Hahns Klavierkonzert ist leicht fassbar, voller Melodien, farbig und hervorragend orchestriert

William Youn, der mit vielfach gelobten Gesamtaufnahmen der Klaviersonaten von Mozart und Schubert bekannt geworden ist, hat nun ein französisches Album aufgenommen, das ein originelles Schlaglicht auf die Pariser Musikszene von 1879 bis 1931 wirft – von der Entstehung von Gabriel Faurés Ballade op. 19, die Youn hier in der Version für Klavier und Orchester spielt, bis zur Uraufführung von Hahns Klavierkonzert am 4. Februar 1931 im Théâtre des Champs-Elysées. Wie es zum Konzeptalbum gekommen ist und wie er Reynaldo Hahn für sich entdeckt hat, erzählt Youn Mitte Dezember am Telefon: „Ich habe einige Kammermusik von Gabriel Fauré gespielt und mir danach überlegt, was es noch aus dieser Zeit gibt, das auch für Aufnahmeprojekte geeignet ist. Da ich sehr neugierig bin, wollte ich etwas jenseits von Ravel und Debussy finden. Da bin ich auf Reynaldo Hahn gestoßen, von dem man ja vor allem die Lieder kennt und von dem man weiß, dass er der Liebhaber von Marcel Proust war. Als ich die Noten seines Klavierkonzerts in Händen hielt, fand ich das gleich ganz toll und eigen.“

Im Hintergrund zwitschern Vögel, William Youn befindet sich gerade in Positano an der Amalfiküste, wo er für die Wilhelm Kempff Kulturstiftung einen Meisterkurs über Robert Schumanns Kammermusik gibt. „Bei Hahn fasziniert mich auch, dass sich der Zeitgeist, diese Welt der Salons, der Belle Époque deutlicher in seiner Musik spiegelt als etwa bei Ravel und Debussy, deren Werke auf mich zeitloser wirken.“ In dieser Mischung aus Schönheitssuche und Melancholie sieht Youn, der aus Südkorea stammt und seit vielen Jahren in München lebt, den Grund, warum Hahn im „ernsthaften“ Deutschland so selten gespielt wird. 

Das Klavierkonzert wird im deutschen Konzertbetrieb so gut wie nie aufgeführt. Dabei sei es leicht fassbar, voller Melodien, farbig, hervorragend orchestriert und handwerklich von allererster Güte, schwärmt Youn. Allerdings auch ziemlich schwer zu spielen. Hahn war selbst ein hervorragender Pianist und hat es für Magda Tagliaferro komponiert, Schülerin von Alfred Cortot und eine der führenden französischen Pianistinnen ihrer Zeit.

Für die bewegten Sechzehntel-Figurationen unter den Melodielinien benötige man das sogenannte Jeu perlé, erklärt Youn. Der Begriff fiel erstmals 1836 bei der Beschreibung von Sigismund Thalbergs Klavierspiel. Dessen Lehrer Friedrich Kalkbrenner hatte eine Technik entwickelt, die auf äußerst schnelle, geschmeidige und gleichmäßige Fingerbewegung zielte und später in den französischen Konservatorien gelehrt wurde. Die „versteckte Virtuosität“ bei Hahn erfordere genau diese Technik, die, so Youn, die französische Aussprache spiegele, bei der im Gegensatz zum Deutschen die Konsonanten leicht und flüssig artikuliert werden.

Neben dem Klavierkonzert hat Youn für sein Doppelalbum weitere Werke eingespielt. Zunächst eigene Übertragungen zweier der bekanntesten Lieder von Hahn: „À Chloris“, das erste Stück von Hahn, das Youn kennengelernt hat, und „L’heure exquise“. Für beide bat der Pianist die Tontechniker, die Mikrofone dichter am Flügel zu positionieren, um die intime Räumlichkeit eines Salons zu evozieren. Tatsächlich klingt der Steinway auf Schloss Elmau, wo die Aufnahmen im Oktober 2023 entstanden sind, sonorer, die Mittel- und Basslage samtig.

Nadia Boulangers „Fantaisie variée“ ist ein üppiges, wucherndes Traumwerk voller Leidenschaft

Eine Rarität ist Gabriel Faurés Fantaisie op. 111 für Klavier und Orchester. Obwohl elegant und voller Pastellfarben, erschien sie Youn zunächst „ziemlich abstrakt“ – vor allem durch die zunehmenden Wiederholungen. „Einmal bin ich aus Korea nach München zurückgeflogen und habe dabei den Sonnenaufgang beobachtet. Dabei kam mir die Fantaisie in den Sinn, und plötzlich habe ich das Stück verstanden, das Visionäre, die Weite darin“, erzählt Youn. Und wirklich, in seiner Aufnahme mit dem fabelhaft mitgehenden Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Valentin Uryupin, bekommt das Stück einen beinahe hypnotischen Zug.

Noch seltener zu hören ist Nadia Boulangers „Fantaisie variée“ für Klavier und Orchester. So selbstbewusst Boulanger später als bedeutende Lehrerin aufgetreten ist, als Komponistin hielt sie sich für unbegabt, das Genie sei ihre jüngere Schwester Lili gewesen, die 1918 im Alter von 24 Jahren starb. Nadias Werk, entstanden 1912, erklingt in dieser Aufnahme erstmals vollständig. In der neuen Partitur-Ausgabe der Editions Leduc sind die Striche – rund vierzig Takte –, die damals bei den wenigen Aufführungen vorgenommen wurden, geöffnet worden. Es ist ein üppiges, wucherndes Traumwerk in Technicolor, voller fantastischer Wendungen und Leidenschaft – Boulanger komponierte es für den 35 Jahre älteren Pianisten Raoul Pugno, ihre großen Liebe. Nadia Boulanger überlebte ihn um 65 Jahre – ohne ihn je zu vergessen.

Trotz der ungeheuren kulturellen Energien in Berlin und Wien zur gleichen Zeit: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Paris die Welthauptstadt der Musik, des Tanzes und der Kunst. Eine der vielen Facetten waren die letzten Zuckungen der Belle Époque mit ihrem dekadenten Dekor, dem Lichterglanz der Salons. Und einer ihrer schillerndsten Protagonisten, in Deutschland zu wenig bekannt, war der Sänger, Komponist, Pianist und Dirigent Reynaldo Hahn. In der Literatur immerhin ist er als Gefährte von Marcel Proust eine gesetzte Fußnote. 1874 in Caracas geboren als Sohn einer Venezolanerin spanisch-baskischer Abstammung und eines aus Hamburg stammenden jüdischen Kaufmanns, war Hahn als Fünfjähriger mit seiner vermögenden Eltern nach Paris gekommen und hatte im Mai 1894 im Salon von Madeleine Lemaire die Bekanntschaft mit dem scheu-sensiblen Schriftsteller gemacht. Aus der zweijährigen Affäre erwuchs bis zu Prousts Tod 1922 eine intensive Freundschaft. Hahn hat ein umfangreiches musikalisches Werk hinterlassen: Opern, Ballette und Operetten wie die witzige „Ciboulette“ – die Titelheldin heißt Schnittlauch! Und die Geschichte beginnt in einem Lokal, das „Zum rauchenden Hund“ heißt! Dazu kommen Kammer- und Klaviermusik und vor allem rund hundert Lieder, die der Bariton auch öffentlich sang – es gibt einige Aufnahmen von ihm, bei denen er sich selbst am Klavier begleitet hat.

Hahns Klavierkonzert ist leicht fassbar, voller Melodien, farbig und hervorragend orchestriert

William Youn, der mit vielfach gelobten Gesamtaufnahmen der Klaviersonaten von Mozart und Schubert bekannt geworden ist, hat nun ein französisches Album aufgenommen, das ein originelles Schlaglicht auf die Pariser Musikszene von 1879 bis 1931 wirft – von der Entstehung von Gabriel Faurés Ballade op. 19, die Youn hier in der Version für Klavier und Orchester spielt, bis zur Uraufführung von Hahns Klavierkonzert am 4. Februar 1931 im Théâtre des Champs-Elysées. Wie es zum Konzeptalbum gekommen ist und wie er Reynaldo Hahn für sich entdeckt hat, erzählt Youn Mitte Dezember am Telefon: „Ich habe einige Kammermusik von Gabriel Fauré gespielt und mir danach überlegt, was es noch aus dieser Zeit gibt, das auch für Aufnahmeprojekte geeignet ist. Da ich sehr neugierig bin, wollte ich etwas jenseits von Ravel und Debussy finden. Da bin ich auf Reynaldo Hahn gestoßen, von dem man ja vor allem die Lieder kennt und von dem man weiß, dass er der Liebhaber von Marcel Proust war. Als ich die Noten seines Klavierkonzerts in Händen hielt, fand ich das gleich ganz toll und eigen.“

Im Hintergrund zwitschern Vögel, William Youn befindet sich gerade in Positano an der Amalfiküste, wo er für die Wilhelm Kempff Kulturstiftung einen Meisterkurs über Robert Schumanns Kammermusik gibt. „Bei Hahn fasziniert mich auch, dass sich der Zeitgeist, diese Welt der Salons, der Belle Époque deutlicher in seiner Musik spiegelt als etwa bei Ravel und Debussy, deren Werke auf mich zeitloser wirken.“ In dieser Mischung aus Schönheitssuche und Melancholie sieht Youn, der aus Südkorea stammt und seit vielen Jahren in München lebt, den Grund, warum Hahn im „ernsthaften“ Deutschland so selten gespielt wird. 

Das Klavierkonzert wird im deutschen Konzertbetrieb so gut wie nie aufgeführt. Dabei sei es leicht fassbar, voller Melodien, farbig, hervorragend orchestriert und handwerklich von allererster Güte, schwärmt Youn. Allerdings auch ziemlich schwer zu spielen. Hahn war selbst ein hervorragender Pianist und hat es für Magda Tagliaferro komponiert, Schülerin von Alfred Cortot und eine der führenden französischen Pianistinnen ihrer Zeit.

Für die bewegten Sechzehntel-Figurationen unter den Melodielinien benötige man das sogenannte Jeu perlé, erklärt Youn. Der Begriff fiel erstmals 1836 bei der Beschreibung von Sigismund Thalbergs Klavierspiel. Dessen Lehrer Friedrich Kalkbrenner hatte eine Technik entwickelt, die auf äußerst schnelle, geschmeidige und gleichmäßige Fingerbewegung zielte und später in den französischen Konservatorien gelehrt wurde. Die „versteckte Virtuosität“ bei Hahn erfordere genau diese Technik, die, so Youn, die französische Aussprache spiegele, bei der im Gegensatz zum Deutschen die Konsonanten leicht und flüssig artikuliert werden.

Neben dem Klavierkonzert hat Youn für sein Doppelalbum weitere Werke eingespielt. Zunächst eigene Übertragungen zweier der bekanntesten Lieder von Hahn: „À Chloris“, das erste Stück von Hahn, das Youn kennengelernt hat, und „L’heure exquise“. Für beide bat der Pianist die Tontechniker, die Mikrofone dichter am Flügel zu positionieren, um die intime Räumlichkeit eines Salons zu evozieren. Tatsächlich klingt der Steinway auf Schloss Elmau, wo die Aufnahmen im Oktober 2023 entstanden sind, sonorer, die Mittel- und Basslage samtig.

Nadia Boulangers „Fantaisie variée“ ist ein üppiges, wucherndes Traumwerk voller Leidenschaft

Eine Rarität ist Gabriel Faurés Fantaisie op. 111 für Klavier und Orchester. Obwohl elegant und voller Pastellfarben, erschien sie Youn zunächst „ziemlich abstrakt“ – vor allem durch die zunehmenden Wiederholungen. „Einmal bin ich aus Korea nach München zurückgeflogen und habe dabei den Sonnenaufgang beobachtet. Dabei kam mir die Fantaisie in den Sinn, und plötzlich habe ich das Stück verstanden, das Visionäre, die Weite darin“, erzählt Youn. Und wirklich, in seiner Aufnahme mit dem fabelhaft mitgehenden Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Valentin Uryupin, bekommt das Stück einen beinahe hypnotischen Zug.

Noch seltener zu hören ist Nadia Boulangers „Fantaisie variée“ für Klavier und Orchester. So selbstbewusst Boulanger später als bedeutende Lehrerin aufgetreten ist, als Komponistin hielt sie sich für unbegabt, das Genie sei ihre jüngere Schwester Lili gewesen, die 1918 im Alter von 24 Jahren starb. Nadias Werk, entstanden 1912, erklingt in dieser Aufnahme erstmals vollständig. In der neuen Partitur-Ausgabe der Editions Leduc sind die Striche – rund vierzig Takte –, die damals bei den wenigen Aufführungen vorgenommen wurden, geöffnet worden. Es ist ein üppiges, wucherndes Traumwerk in Technicolor, voller fantastischer Wendungen und Leidenschaft – Boulanger komponierte es für den 35 Jahre älteren Pianisten Raoul Pugno, ihre großen Liebe. Nadia Boulanger überlebte ihn um 65 Jahre – ohne ihn je zu vergessen.