Interview & Porträt

Die Sensation der Freiheit

Von
Barbara Schulz
Erschienen in der Printausgabe im
November 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Laure Bernard
Foto: Laure Bernard

Herr Tharaud, Bachs Musik wurde unzählige Male transkribiert. Braucht es da ein weiteres Album? 

Ja! Ich liebe es, Musik zu transkribieren, und finde, es ist auch
für Nicht-Komponisten wichtig, ein wenig zu komponieren beziehungsweise die Musik auf der Tastatur zu verändern. Jeder Pianist hat doch seinen eigenen Sound auf dem Klavier. Deshalb spiele ich auch hauptsächlich eigene Transkriptionen. 

Klingt, als würden Sie das schon länger tun …

Bereits am Konservatorium habe ich entdeckt, dass das Klavier andere imitieren kann. Und so habe ich begonnen, Stücke zu transkribieren: Debussy, Ravel, Dukas, Villa-Lobos – Orchester, Chor, Solisten … Es war irgendwie ein Spiel. Im 19. Jahrhundert haben alle Pianisten auch komponiert, improvisiert und die Musik anderer Komponisten transkribiert. Heute brauchen wir das wieder! 

Aber warum Bach?

Weil ich die Passionen und Orchesterwerke auf dem Klavier liebe. Ich habe schon in jungen Jahren Bach transkribiert. Es bleibt am Ende immer Bach. Er ist einzigartig.

Sie schaffen damit eine neue Perspektive: Es ist jetzt ein neuer, Ihr eigener Sound von Bach.

Ja, das macht vieles leichter. Im Konzert kann ich noch Noten und Akkorde hinzufügen, kann ich die Musik bewegen – es ist ja meine eigene Partitur. Und noch während der Aufnahme kann ich sagen, dass ich eine Passage doch anders spielen möchte … Es ist die Sensation der Freiheit, wenn ich meine eigenen Transkriptionen spiele.

Ihre Transkriptionen klingen pur, man denkt nicht mehr an die Instrumente des Originals. 

Wenn ich Bach höre, dann interessiert es mich nicht, ob da eine Flöte oder ein Bass ist. Ich will nur die Botschaft von Bach. Ich brauche bei ihm diese Reinheit, dieses sehr Schlichte.

Ihr Spiel changiert zwischen meditativer Spiritualität und sachlicher Rationalität, bleibt aber auch in virtuosen Passagen zurückhaltend. Kommt Ihnen da die protestantische Strenge Bachs entgegen?

Möglicherweise. Was aber auf alle Fälle stimmt: Ich mag keine Übertreibungen. Es ist wichtig, so einfach wie möglich zu spielen. Ich glaube, dass Bach sehr bescheiden war, dabei sehr großzügig und mit einem großen Herzen ausgestattet – vielleicht aufgrund seiner Religiosität. 

 

Die Schlichtheit wirkt wie eine Übersetzung Bach’scher Gläubigkeit. Glauben Sie an Gott?

Nein. Ich glaube an eine Form von Gott, will heißen: Ich bin nicht religiös, glaube aber an viele Dinge, die über dem menschlichen Wesen stehen. Und tatsächlich: Höre ich Bach, kann ich fühlen, dass da jemand ist, der an mich glaubt. Es ist also andersherum: Ich glaube nicht an Gott, sondern daran, dass jemand an mich glaubt. Viele spirituelle Medien sagen, dass jeder Mensch jemanden im Himmel hat, der einen hört und versteht und einem den Weg weist, in jedem Moment, vom ersten bis zum letzten Tag des Lebens. In Frankreich sprechen wir da von einem kleinen Stern. Ich kann das manchmal auch bei Schubert fühlen, vielleicht auch mal bei Satie. Aber bei Bach ist es immer da, bei jedem Stück. Sobald ich diese Musik fühle, geht es mir besser. Ich spüre in diesen Momenten aber auch, dass ich ein Nichts bin in dieser Welt.

Demut also?

Ja, unbedingt! Es geht uns besser dabei. 

Wir sollten also mehr Bach hören?

Ja, bitte, versuchen Sie es! Fünf Minuten Bach jeden Morgen, das genügt für einen guten Tag. Auch Camille Saint-Saëns spielte jeden Morgen ein Präludium und eine Fuge von Bach.

Gab es Herausforderungen bei den Transkriptionen, die Sie bei Bach nicht erwartet hätten?

 Nun, ich habe versucht, andere Teile der Matthäus-Passion zu transkribieren, aber manchmal findet man keine gute Lösung auf dem modernen Klavier. Die Arien und die langsamen Stücke sind wunderschön auf dem Klavier. Die schnelleren sind manchmal sehr schwer. Oder die Stücke mit Orchester und Chor – da steckt oft zu viel Information drin.

Was nehmen die Hörer mit, wenn sie Ihr Album hören?

Ich hoffe, ich kann den Menschen helfen mit meiner Musik. Mein ganzes Leben lang will ich das schon, und seien es nur zwei Minuten. Wenn jemand im Konzertsaal seine Sorgen oder Schmerzen auch nur für ein paar Minuten vergessen kann, bin ich glücklich.

Herr Tharaud, Bachs Musik wurde unzählige Male transkribiert. Braucht es da ein weiteres Album? 

Ja! Ich liebe es, Musik zu transkribieren, und finde, es ist auch
für Nicht-Komponisten wichtig, ein wenig zu komponieren beziehungsweise die Musik auf der Tastatur zu verändern. Jeder Pianist hat doch seinen eigenen Sound auf dem Klavier. Deshalb spiele ich auch hauptsächlich eigene Transkriptionen. 

Klingt, als würden Sie das schon länger tun …

Bereits am Konservatorium habe ich entdeckt, dass das Klavier andere imitieren kann. Und so habe ich begonnen, Stücke zu transkribieren: Debussy, Ravel, Dukas, Villa-Lobos – Orchester, Chor, Solisten … Es war irgendwie ein Spiel. Im 19. Jahrhundert haben alle Pianisten auch komponiert, improvisiert und die Musik anderer Komponisten transkribiert. Heute brauchen wir das wieder! 

Aber warum Bach?

Weil ich die Passionen und Orchesterwerke auf dem Klavier liebe. Ich habe schon in jungen Jahren Bach transkribiert. Es bleibt am Ende immer Bach. Er ist einzigartig.

Sie schaffen damit eine neue Perspektive: Es ist jetzt ein neuer, Ihr eigener Sound von Bach.

Ja, das macht vieles leichter. Im Konzert kann ich noch Noten und Akkorde hinzufügen, kann ich die Musik bewegen – es ist ja meine eigene Partitur. Und noch während der Aufnahme kann ich sagen, dass ich eine Passage doch anders spielen möchte … Es ist die Sensation der Freiheit, wenn ich meine eigenen Transkriptionen spiele.

Ihre Transkriptionen klingen pur, man denkt nicht mehr an die Instrumente des Originals. 

Wenn ich Bach höre, dann interessiert es mich nicht, ob da eine Flöte oder ein Bass ist. Ich will nur die Botschaft von Bach. Ich brauche bei ihm diese Reinheit, dieses sehr Schlichte.

Ihr Spiel changiert zwischen meditativer Spiritualität und sachlicher Rationalität, bleibt aber auch in virtuosen Passagen zurückhaltend. Kommt Ihnen da die protestantische Strenge Bachs entgegen?

Möglicherweise. Was aber auf alle Fälle stimmt: Ich mag keine Übertreibungen. Es ist wichtig, so einfach wie möglich zu spielen. Ich glaube, dass Bach sehr bescheiden war, dabei sehr großzügig und mit einem großen Herzen ausgestattet – vielleicht aufgrund seiner Religiosität. 

 

Die Schlichtheit wirkt wie eine Übersetzung Bach’scher Gläubigkeit. Glauben Sie an Gott?

Nein. Ich glaube an eine Form von Gott, will heißen: Ich bin nicht religiös, glaube aber an viele Dinge, die über dem menschlichen Wesen stehen. Und tatsächlich: Höre ich Bach, kann ich fühlen, dass da jemand ist, der an mich glaubt. Es ist also andersherum: Ich glaube nicht an Gott, sondern daran, dass jemand an mich glaubt. Viele spirituelle Medien sagen, dass jeder Mensch jemanden im Himmel hat, der einen hört und versteht und einem den Weg weist, in jedem Moment, vom ersten bis zum letzten Tag des Lebens. In Frankreich sprechen wir da von einem kleinen Stern. Ich kann das manchmal auch bei Schubert fühlen, vielleicht auch mal bei Satie. Aber bei Bach ist es immer da, bei jedem Stück. Sobald ich diese Musik fühle, geht es mir besser. Ich spüre in diesen Momenten aber auch, dass ich ein Nichts bin in dieser Welt.

Demut also?

Ja, unbedingt! Es geht uns besser dabei. 

Wir sollten also mehr Bach hören?

Ja, bitte, versuchen Sie es! Fünf Minuten Bach jeden Morgen, das genügt für einen guten Tag. Auch Camille Saint-Saëns spielte jeden Morgen ein Präludium und eine Fuge von Bach.

Gab es Herausforderungen bei den Transkriptionen, die Sie bei Bach nicht erwartet hätten?

 Nun, ich habe versucht, andere Teile der Matthäus-Passion zu transkribieren, aber manchmal findet man keine gute Lösung auf dem modernen Klavier. Die Arien und die langsamen Stücke sind wunderschön auf dem Klavier. Die schnelleren sind manchmal sehr schwer. Oder die Stücke mit Orchester und Chor – da steckt oft zu viel Information drin.

Was nehmen die Hörer mit, wenn sie Ihr Album hören?

Ich hoffe, ich kann den Menschen helfen mit meiner Musik. Mein ganzes Leben lang will ich das schon, und seien es nur zwei Minuten. Wenn jemand im Konzertsaal seine Sorgen oder Schmerzen auch nur für ein paar Minuten vergessen kann, bin ich glücklich.