„Ein erhebendes Gefühl“
Der Thomasorganist Johannes Lang über „seine“ Orgel, klare Regeln und den Flow des Konzerts

Dieses Projekt hat große Wellen geschlagen: Am 31. Oktober 2025 um 13.30 Uhr setzte sich der Leipziger Thomasorganist an die „Bachorgel“, um sämtliche Orgelwerke Johann Sebastian Bachs zu spielen. Den letzten Ton schlug er am 1. November gegen 10.45 Uhr an – wobei er nach jeweils siebzig Minuten Musik eine Viertelstunde Pause einlegte. Das Ganze wurde live auf Arte übertragen, und man überlegt, den Mitschnitt auf 22 Vinyl-LPs herauszubringen. Zum Bachfest 2027 wird Johannes Lang den Bachmarathon wiederholen, dann dürfte die Thomaskirche, Bachs alte Wirkungsstätte, gerammelt voll werden. Der 36-Jährige hat Kirchenmusik und Cembalo in Freiburg studiert und war Kantor in Freiburg, Lörrach und Potsdam, ehe er nach Leipzig berufen wurde.
Herr Lang, müssen Sie sich manchmal noch zwicken, dass Sie jetzt Thomasorganist sind?
Ach, nach vier Jahren habe ich mich dran gewöhnt. Aber natürlich ist da ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich hatte immer gedacht, Mensch, das wäre was, wenn man sich darauf bewerben könnte. Ich war überrascht, dass es 2022 schon so weit war, dass Ullrich Böhme in Rente ging. Es ist schön, dass es mit der Bewerbung geklappt hat.
Sind Sie mit dem Wissen darum aufgewachsen, dass Ihr Urgroßvater Günther Ramin hier Thomasorganist und -kantor war?
Mein Großvater hat viel von seinem Vater erzählt, er hat auch den Thomanerbund in Westdeutschland zusammengehalten. Aber es gab bei uns keine Ramin-Heiligenverehrung. Die Hauptmotivation waren für mich der Ort und die Möglichkeiten hier. Was musikalisch gefordert ist, passt gut zu mir.
Thomasorganist ist für einen Organisten so was wie für einen Orchestergeiger die Konzertmeisterstelle der Berliner Philharmoniker, oder?
Kann man so sagen, ja. Ich fühle mich hier sehr wohl, weil die Stelle eine sehr schöne Mischung bietet aus künstlerischem Anspruch und den besonderen Orgeln, dazu die Lehrtätigkeit an der Hochschule, und man wird viel zu Konzerten eingeladen. Es ist viel zu tun, aber ich habe das Gefühl, dass ich mich gut einbringen kann mit dem, was ich kann.
Zur Jobbeschreibung gehört sicherlich Bach. Aber muss man direkt den ganzen Bach spielen?
Natürlich nicht. Und ich bin auch nicht der Erste, sondern nach allem, was ich rausbekommen konnte, der Fünfte, die ersten drei waren im Jahr 2000, Barry Jordan in Magdeburg, Alexander Fiseisky in Düsseldorf und Paul Jacobs in New York, später folgte Curt Sather in den USA. Aber das wusste ich vorher nicht. Ich war aber der Erste hier in Leipzig und der Erste mit so einer großen medialen Begleitung.
Was hat Sie auf die Idee gebracht?
Ich wusste schon immer, dass ich Ausdauer habe und dass es mir nichts ausmacht, lange zu üben. Und in der Corona-Zeit, als ich an der Friedenskirche in Potsdam Kantor war, durften wir zu Ostern 2020 die Kirchentür öffnen, aber noch niemanden reinlassen. Ich wurde gefragt, ob ich nicht etwas spielen könnte für die Leute, die einen Osterspaziergang im Park von Sanssouci machten. Da habe ich einfach alles gespielt, was ich oben an der Orgel an Noten liegen hatte. Ich war ganz überrascht, als schon drei Stunden herum waren. Und da dachte ich mir, Mensch, kann man das nicht mit Bach machen? Seitdem hat mich diese Idee verfolgt. Und vorletztes Jahr habe ich mir gesagt: Ich muss aufhören, drüber nachzudenken, ich muss das jetzt einfach machen. Dann hab ich für mich einen Testlauf gemacht. Ich hatte viele von den kurzen Stücken noch nicht im Repertoire, aber ich hab’s trotzdem versucht und einige Werke vom Blatt gespielt. Es hat funktioniert. Ich hab morgens um sechs Uhr angefangen und bis nachts um halb vier gespielt. Auch schon in vierzehn Blöcken, die Anregung hatte ich in Lübeck bekommen. Da war ich im Vorjahr als einer von vierzehn Organisten eingeladen gewesen, das Gesamtwerk zu spielen. Nach dem Testlauf hab ich mich dann noch mal mit Christoph Wolff in Verbindung gesetzt, der die endgültige Reihenfolge ausgearbeitet hat – und auch darauf geachtet hat, dass wir kein Werk übersehen. Wir sind ja dem Kirchenjahr gefolgt, vom Advent bis zum Ende des Kirchenjahres. Die freien Stücke haben wir dahin gesetzt, wohin sie stimmungsmäßig passen. Und den Abschluss bildete der dritte Teil der Klavierübung.
Und wie war es? Kommt man da in einen Flow?
Absolut, das ist das, was einem die Kraft und die Energie gibt durchzuhalten. Irgendwann kommt der Punkt, wo man das Gefühl hat, man hat sich richtig eingespielt und ist voll im Kontakt mit dem Instrument und mit dem Publikum. Natürlich muss man vieles sehr genau vorbereiten. Die Registrierungen müssen vorbereitet sein, die Notenbände müssen bereitliegen mit den Seitenzahlen, und die Registranten müssen instruiert sein. Die haben sich abgewechselt, wir hatten insgesamt sechs. Die mussten drauf achten, dass keine Fehler passieren. Es wurde ja live übertragen, und wenn man dann ein Stück überspringt und falsche Titel eingeblendet werden, ist das blöd.
Ist denn eindeutig, was zum Bach-Werk gehört und was nicht?
Nein, man muss Entscheidungen treffen. Es gibt viele Stücke in Frühfassung und Spätfassung und natürlich Stücke von zweifelhafter Echtheit. Ich hab mir klare Regeln gesetzt: Ich hab immer nur die Spätfassung gespielt, bis auf zwei Ausnahmen, wo ich auch die Frühfassung genommen habe, weil die sich so unterscheidet, dass es fast ein anderes Stück ist. Und ich habe nur die Stücke genommen, die im aktuellen BWV drinstehen, und alle Fragmente weggelassen. Wenn man alle zweifelhaften Werke dazunehmen würde und die Werke für andere Tasteninstrumente, die man sehr gut auf der Orgel darstellen kann, also aus meiner Sicht alle Cembalo-Werke, könnte man den Marathon vermutlich problemlos auf dreißig Stunden ausdehnen.
Wobei sich natürlich die Frage stellt, ist das wirklich alles gute Musik?
Also ich hatte wirklich den Eindruck, in diesem Marathon war kein schlechtes Stück dabei. Es gibt ein Trio, in D-Moll BWV 583, das nicht ganz diese Qualität hat, da frage ich mich, ob das wirklich von Bach stammt. Ich denke, es kommt darauf an, wie es zusammengestellt ist. Alle Neumeister-Choräle hintereinander, das würde keinen Spaß machen.
War denn die Kirche voll?
Nein, aber zwischendurch waren mal vierhundert Leute da, und nachts waren es nie weniger als fünfzig. Ich hatte befürchtet, ich würde da ganz alleine spielen. Ungefähr vierzig Leute haben den Marathon komplett mitgemacht. Das fand ich beeindruckend.
Es gibt also siebzehn bis achtzehn Stunden Orgelmusik von Bach nach dem BWV, und nun sind zwei Stücke entdeckt worden, die ein paar Minuten dauern. Ist das wirklich so eine Sensation?
Sie gewähren einen Blick auf den ganz frühen Bach, den wir so noch nicht hatten. Für mich ist die g-Moll-Ciacona das überzeugendere Stück, weil in der d-Moll-Ciacona ein paar Wendungen drin sind, die für mich nicht typisch Bach sind. Aber ich muss sagen: Ich bin ein großer Liebhaber und ein gewisser Kenner, aber ich betreibe nicht diese Forschungsarbeit wie das Bach-Archiv. Ich hab volles Vertrauen, wenn die sagen, das ist echter Bach. Das Bild von Bach wird etwas menschlicher durch diese beiden Funde. Man sieht, auch Bach ist ein Lernender gewesen, und er hat sich enorm schnell entwickelt.
Aber werden es die Werke ins Repertoire schaffen?
Die sind relativ schnell zu lernen und sicherlich eine Bereicherung für alle nicht ganz im Profibereich agierenden Organisten. Und alle Arten von Chaconnes sind sehr eingängig, jeder Popsong funktioniert quasi nach dem Prinzip der Chaconne. Insofern glaube ich, dass auch das Publikum seine Freude daran haben kann.
Dürfen Sie eigentlich als Bach-Organist auch was anderes spielen als Bach?
Klar, das mache ich auch. Ich habe es in meinem ersten Jahr allerdings auch erlebt, dass ich César Franck gespielt habe, und die Thomaner haben ausnahmsweise mal nichts von Bach gesungen, und da sagten einige Touristen, sie kommen extra von weit her angereist, und es gibt keinen Bach zu hören.
Nur auf Bach reduziert zu werden, kann wahrscheinlich auch nerven.
Na ja, die Musik ist so gut, und wir haben eben den Auftrag, uns Bachs Musik besonders anzunehmen. Aber dadurch, dass wir diese beiden unterschiedlichen Orgeln haben, können wir viele Dinge machen. Man könnte auch den ganzen Reger als Marathon hier machen, aber dafür wäre ich nicht ganz der Richtige. Ich könnte mir sowieso niemanden vorstellen, der sich dieses Projekts annehmen wollte. Von der Länge her ist das Reger-Oeuvre ähnlich wie Bachs, aber es ist einfach deutlich anstrengender zu spielen – und auch zu hören, denke ich. Aber hier herrscht eine große Offenheit. Ich improvisiere ja auch gern. Und es gibt ja auch noch andere Thomaskantoren und -organisten, die gute Musik komponiert haben.

Man hat ja hier das Gemäuer der Kirche, die zu Bachs Zeiten schon so dastand, aber die Innenausstattung hat sich sehr verändert – und eine originale Orgel gibt es auch nicht mehr.
Es ist schade, dass im 19. Jahrhundert so viel Geld da war, dass man diese ganzen Umbauten machen konnte. Wo man kein Geld hatte, da sind tolle alte Orgeln erhalten geblieben. Der Raum hat zu Bachs Zeiten sicherlich etwas anders geklungen durch die Holzeinbauten, aber die Steine atmen noch irgendwie diese Energie.
Klingt denn die Bachorgel wie zu Bachs Zeiten?
Ja. Man hat ja 1967 schon eine Schuke-Orgel eingeweiht, ein sehr gutes Instrument, aber doch weit entfernt – mangels Wissen und vielleicht auch aus der Ästhetik der Zeit heraus – von einem historischen Instrument. Und deshalb gab es im Jahr 2000 die Initiative, die Bachorgel noch mal neu zu bauen und sich deutlich stärker an den historischen Vorbildern zu orientieren. Man hat dann äußerlich die Orgel der Universitätskirche kopiert, die 1968 gesprengt wurde, und klanglich hat man sich an der Sterzing-Orgel der Eisenacher Georgenkirche orientiert, also dem Instrument, mit dessen Klängen Bach aufgewachsen ist. Das war damals der größte Orgelneubau in Mitteldeutschland, die Disposition hatte Bachs Onkel entworfen. Für seine großen Orgelwerke hatte Bach vermutlich diese Klänge im Ohr, ein bisschen schneidiger, ein bisschen feiner als das, was wir zum Beispiel von Gottfried Silbermann kennen. Auch mit ganz speziellen Registern, wie sie für Thüringen typisch sind. Das war, wie ich finde, sehr visionär im Jahr 2000.
Sind Sie eigentlich froh, dass Sie sich nicht mit Chorsängerinnen und -sängern herumplagen müssen?
Ich hatte ja vorher in Potsdam eine Stelle mit einem Chorschwerpunkt und hab das auch wahnsinnig gerne gemacht. Aber klar, die Orgel ist mein Herzensinstrument. Hier kann ich mich wirklich auf die Orgel fokussieren. Man ist, wenn man mit Chören arbeitet, noch stärker in die Gemeinde eingebunden, völlig klar. Manche haben mich auch gefragt, ob mir nicht das Dirigieren fehlt. Da muss ich sagen, ich habe so viel zu tun, dass ich gar keine Zeit habe, darüber nachzudenken.
Spielen Sie mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester auch Cembalo – was Sie ja auch studiert haben?
Nein, ich bleibe an der Orgel.
Als Organist geben Sie ja nicht nur Konzerte, sondern Sie sind immer in die Gottesdienste eingebunden.
Und damit bin ich auch sehr zufrieden. Ich bin gläubiger Christ, ich freue mich total, dass ich an dieser Verkündigung mitwirken kann, das ist für mich eine ganz essenzielle Sache. Was noch zur Stelle gehört, sind viele Konzertanfragen – die ich gar nicht alle wahrnehmen kann – und ein Lehrauftrag an der Hochschule. Im Moment habe ich sechs Studenten, das ist das Maximum, was ich leisten kann. Die unterrichte ich hier in der Kirche, da freuen sich die Studenten natürlich. Und ich muss nicht weg. Das ist vielleicht der einzige Nachteil – meine Wohnung liegt gleich um die Ecke, dadurch bewege ich mich nicht mehr so viel wie früher.
Eine Dienstwohnung, wie sie schon Bach hatte?
Nein, die Zeiten sind schon lange vorbei.
Was fasziniert Sie denn eigentlich am Orgelspiel?
Wenn Sie den großen Gemeindegesang begleiten, das ist unwahrscheinlich. Meine Lieblingschoräle sind die beiden von Philipp Nikolai, „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Wenn Sie da den Thomanerchor und die gesamte Gemeinde mit 1500 Leuten begleiten, das ist so ein erhebendes Gefühl, das ist für mich das Schönste am Organistenberuf.
Nervt es nicht, dass Sie die Gemeinde immer mitziehen müssen?
Hier nicht, das ist eine ganz tolle Gemeinde, was das Singen anbelangt. Klar, die Kirche ist nicht immer voll. Bei den Motetten und den großen Gottesdiensten schon, aber manchmal sind vielleicht auch nur 200 oder 150 Leute da. Aber die wollen’s dann auch wissen, mit denen kann man toll musizieren, die sind musikalisch bewandert. Was mich auch sehr interessiert, ist, im Rahmen der Improvisation oder der Begleitung der Strophen eine klare Textausdeutung zu machen. Also nicht nur die immer gleichen Harmonien drunterzulegen, sondern das je nach der Bedeutung des Textes auch zu verändern. Das machen die hier relativ klaglos mit. (lacht)
Da kommt kein Kirchenvorstand und beschwert sich?
Ich nehme lieber mal eine falsche Note in Kauf, und dafür ist es lebendig musiziert. Es gab schon mal eine Nachfrage, warum da jetzt so fremde Harmonien erklingen. Aber man kann das ja gut erklären. Und die meisten Rückmeldungen, die ich bekomme, sind positiv. Glauben ist etwas sehr Abstraktes. Und die Musik schafft Momente, wo es irgendwie fassbar wird oder wo man gut mitschwingen kann. Deswegen ist die Musik in der Kirche so wesentlich.
Sie müssen als Organist auch damit leben, nicht im Rampenlicht zu stehen.
Mir geht’s ums Klangerlebnis, und ob die Leute mich beim Spielen sehen oder nicht, interessiert mich weniger. So ein Geltungsbedürfnis habe ich nicht. Aber ich lass mir auch gern beim Spielen zugucken. Die Bachorgel steht ja auf der Nordempore, und wenn es voll ist, habe ich viele Leute um mich herum.
Sind Sie übers Klavier an die Orgel gekommen?
Ja, aber ich hab schon sehr früh mit der Orgel angefangen. Ich bin mit meinen Eltern mit sechs Jahren aus Ratingen nach Südwestdeutschland gezogen. Anfangs war die Geige mein Lieblingsinstrument. Mein Vater hatte ein Klaviertrio, und der Geiger und der Klang des Instruments haben mich fasziniert. Aber ich war bald enttäuscht, dass es nicht so klang, wie ich es im Ohr hatte – wobei ich trotzdem fünf, sechs Jahre Geige gespielt habe. Direkt im Nachbarhaus wohnte eine sehr gute Klavierlehrerin, und so habe ich mit sieben mit Klavier angefangen. Aber meine größte Liebe waren – und sind – die Kirchenglocken. Da bin ich eines Samstagabends in unserem Dorf zur Kirche gegangen, um zu sehen, wie das funktioniert. Damals gab es noch keinen Läuteautomaten, sondern die Glocken wurden von Hand eingestellt. Ich kam mit der Küsterin ins Gespräch und durfte dann auch in den Gottesdiensten läuten. Und da hab ich dann immer die Orgelklänge gehört. Das hat mich fasziniert. Meine Eltern haben mich zum Glück gefördert, die haben nicht gesagt, mit acht bist du noch zu klein. Ich hab in Basel bei einer Lehrerin angefangen, die auch toll war und mich einfach hat machen lassen. Ich hatte immer schon sehr ambitionierte Pläne, ich wollte mit zehn Jahren unbedingt „die“ d-Moll-Toccata spielen. Eigentlich viel zu schwer für mich, aber sie hat mich nicht gebremst, und ich hab mich da durchgebissen. Und ein ganz wichtiger Aspekt für mich war immer schon das Thema Orgelbau. Die Technik, die hinter der Orgel steht, fasziniert mich total bis heute. Mein Vater hat mir damals „Das Buch von der Orgel“ von Hans Klotz geschenkt, wo grundsätzlich die Funktionsweise einer Orgel und die verschiedenen technischen Systeme erklärt werden, das hab ich verschlungen.
Man hat ja als Nicht-Organist manchmal das Gefühl, das Instrument ist wichtiger als der Organist.
(lacht) Da ist was dran. Jedes Instrument ist halt ganz individuell. Auf den Konzertpodien gibt es drei, vier Klaviermodelle, alles andere ist dann wirklich Spezialistentum. Beim Orgelbau ist das völlig anders, jedes Instrument ist eigens geplant. Jeder Orgelbauer hat natürlich eine gewisse Philosophie und seine Grundideen, aber dennoch sind die Instrumente unterschiedlich. Deswegen wird so viel darüber gesprochen. Und dabei gerät vielleicht manchmal in den Hintergrund, dass es dann doch immer vom Spieler abhängt, wie eine Orgel klingt. Wie erkennt jemand das Instrument? Wie erkennt er den Raum? Wie interagiert er damit? Und wie schafft er es, dieses Instrument wirklich lebendig zum Klingen zu bringen? Das ist, finde ich, bei der Orgel die größte Herausforderung. Weil das Instrument an sich ja relativ starr ist. Ich kann verstehen, dass viele Leute mit Orgelklang nichts anfangen können. Was aus meiner Perspektive aber daran liegt, dass Orgel wirklich oft sehr starr und undifferenziert gespielt wird. Und natürlich gibt es auch viele Orgeln, die dieses Feste, ein bisschen Unflexible im Klang tragen.
Aber den Klang modellieren Sie vor allem durch die Register, oder?
Sie können auch durch den Anschlag sehr viel machen. Wie ich artikuliere, wie ich die Längen und Kürzen der Noten gut abwäge, dass ich dadurch eine Dynamik erzeugen kann beim Spielen, das ist ganz essenziell. Wenn ich das nicht mache, dann kann ich selbst auf der schönsten Orgel ziemlich undifferenzierte Klänge erzeugen.
Stört es Sie nicht, dass Sie sich vor jedem Gastkonzert mit der Orgel und den Registern vertraut machen müssen? Sie können sich nicht einfach dransetzen und ein Konzert geben.
Dadurch bekommt man immer wieder neue Reize. Man muss immer neu die Klangfarben finden in den Registern, das ist total interessant. Allerdings muss ich sagen, ich bin hier in der Thomaskirche mit zwei wirklich tollen Orgeln gesegnet. Es ist schön, mal aus Leipzig rauszukommen, aber es ist selten, dass ich auf Instrumenten spiele, die das Niveau unserer Orgeln hier haben.
Sie sind auch ausgebildeter oder vereidigter Glockensachverständiger. Was machen Sie da?
Vereidigt wird man nicht, es ist eine Ausbildung, die von den beiden großen Kirchen in Deutschland angeboten wird mit Kursen, und dann legt man eine Prüfung ab. Wegen meiner Hundert-Prozent-Stelle hier arbeite ich so gut wie gar nicht mehr in dem Bereich. Aber wenn Fragen kommen, stehe ich natürlich zur Verfügung. In Potsdam habe ich einige kleinere Projekte betreut. Eine Kirche braucht eine neue Glocke, oder es stehen Baumaßnahmen am Turm an, oder es gibt Beschwerden aus der Nachbarschaft, dass die Glocke zu laut ist oder was auch immer. Dann haben Sie als Sachverständiger die Aufgabe zu vermitteln und eine gewisse Fachaufsicht auszuüben über die Fachfirmen. Oft weiß die Gemeinde nicht genau, wie sie ihre Wünsche umsetzen kann, und da freut sich die Glockengießerei, wenn die Wünsche klar formuliert und gut begleitet werden.
Wie legt man denn solch ein Geläut fest?
Wenn Ihr Turm im leeren Raum steht, dann können Sie ganz nach Geschmack, nach Finanzen und den baulichen Möglichkeiten des Turmes entscheiden. Aber meist gibt es ja noch andere Glocken in der Nachbarschaft, und dann sollten die Glocken zueinanderpassen. Auch hier in der Leipziger Innenstadt sind die Geläute aufeinander abgestimmt. Allein schon, dass man dieselbe Stimmtonhöhe hat. Thomas- und Nikolaikirche können perfekt zusammenläuten, die ergeben eine weitgespannte Tonleiter über zwei Oktaven. Und wenn es schon ein historisches Geläut gibt, das ergänzt werden soll, muss man eine Glocke dazugießen, die klanglich passt. Da gehört viel Erfahrung dazu.
Gibt es noch viele Glockengießereien in Deutschland?
Nein, vier oder fünf große sind es nur noch. Auch weil der Markt gesättigt ist. Was vor allem vorkommt, ist, dass Glocken aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die aus Eisen und Stahl gegossen wurden, ersetzt werden. Überwiegend leben die Gießereien von den Wartungen und Montagen und vielleicht auch mal Reparaturen. Mit dem Neuguss lässt sich eigentlich kaum Geld verdienen. Es gibt überhaupt nur noch zwei Firmen, eine in Holland, eine in Österreich, die in der Lage sind, große Glocken über sechs oder sieben Tonnen zu gießen.
Eine letzte Frage: Sie überlegen ja, den Mitschnitt des Bach-Marathons auf Vinyl zu pressen. Kann man Orgelklang überhaupt in einer Aufnahme abbilden?
Ich würde sagen, das wirkliche Erlebnis im Raum kann nicht zu hundert Prozent abgebildet werden. Es gibt aber Hörperspektiven, die Sie im Raum nicht einnehmen können. Sie können mit sechs Mikrofonen, die auf verschiedenen Höhen positioniert sind, einen relativ runden, gemischten Orgelklang hinbekommen und tolle klangliche Erlebnisse, die Sie so im Raum nicht wahrnehmen können. Und natürlich freut man sich auch, mal eine wirklich perfekte Darbietung ohne irgendwelche störenden Nebengeräusche zu hören. Also ich höre mir von Kollegen sehr gerne auch Orgel-CDs an. Und was den Mitschnitt angeht: Natürlich gehen bei solch einer Menge Musik auch mal ein paar Dinge daneben, da hätte ich schon ein paar Wünsche für Nachschnitte. Aber es sollte nicht viel sein, das Lebendige des Live-Eindrucks mit gewissen Nebengeräuschen, die nun mal da waren, das wäre schön festzuhalten. Ich glaube, es gibt noch keine Bach-komplett-Aufnahme als Live-Mitschnitt. Und alles auf einer Orgel gespielt. Ich glaube, das wäre ein spannendes Projekt. Ich hätte mir das übrigens auf einer anderen Orgel auch nicht vorstellen können. Die Orgel hier ist sehr groß mit sechzig Registern, sie bietet also sehr differenzierte Klänge. Wir haben Pfeifen in historischer Bauart, auch die Stimmung ist historisch inspiriert, aber die mechanische Traktur ist nach den neuesten Erkenntnissen des Orgelbaus gemacht. Sie ist leichtgängig, man kann viele Nuancen ausspielen. Ich weiß nicht, ob ich das auf einer historischen Orgel überhaupt geschafft hätte über achtzehn Stunden. Das wäre spannend rauszufinden: Wie viele Töne spielt man insgesamt? Und wie viel Gramm bewegt man pro Anschlag? Es macht einen Unterschied, ob man so ein Projekt an einer leichten Traktur wie hier oder an einer großen Barockorgel angeht.
Dieses Projekt hat große Wellen geschlagen: Am 31. Oktober 2025 um 13.30 Uhr setzte sich der Leipziger Thomasorganist an die „Bachorgel“, um sämtliche Orgelwerke Johann Sebastian Bachs zu spielen. Den letzten Ton schlug er am 1. November gegen 10.45 Uhr an – wobei er nach jeweils siebzig Minuten Musik eine Viertelstunde Pause einlegte. Das Ganze wurde live auf Arte übertragen, und man überlegt, den Mitschnitt auf 22 Vinyl-LPs herauszubringen. Zum Bachfest 2027 wird Johannes Lang den Bachmarathon wiederholen, dann dürfte die Thomaskirche, Bachs alte Wirkungsstätte, gerammelt voll werden. Der 36-Jährige hat Kirchenmusik und Cembalo in Freiburg studiert und war Kantor in Freiburg, Lörrach und Potsdam, ehe er nach Leipzig berufen wurde.
Herr Lang, müssen Sie sich manchmal noch zwicken, dass Sie jetzt Thomasorganist sind?
Ach, nach vier Jahren habe ich mich dran gewöhnt. Aber natürlich ist da ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich hatte immer gedacht, Mensch, das wäre was, wenn man sich darauf bewerben könnte. Ich war überrascht, dass es 2022 schon so weit war, dass Ullrich Böhme in Rente ging. Es ist schön, dass es mit der Bewerbung geklappt hat.
Sind Sie mit dem Wissen darum aufgewachsen, dass Ihr Urgroßvater Günther Ramin hier Thomasorganist und -kantor war?
Mein Großvater hat viel von seinem Vater erzählt, er hat auch den Thomanerbund in Westdeutschland zusammengehalten. Aber es gab bei uns keine Ramin-Heiligenverehrung. Die Hauptmotivation waren für mich der Ort und die Möglichkeiten hier. Was musikalisch gefordert ist, passt gut zu mir.
Thomasorganist ist für einen Organisten so was wie für einen Orchestergeiger die Konzertmeisterstelle der Berliner Philharmoniker, oder?
Kann man so sagen, ja. Ich fühle mich hier sehr wohl, weil die Stelle eine sehr schöne Mischung bietet aus künstlerischem Anspruch und den besonderen Orgeln, dazu die Lehrtätigkeit an der Hochschule, und man wird viel zu Konzerten eingeladen. Es ist viel zu tun, aber ich habe das Gefühl, dass ich mich gut einbringen kann mit dem, was ich kann.
Zur Jobbeschreibung gehört sicherlich Bach. Aber muss man direkt den ganzen Bach spielen?
Natürlich nicht. Und ich bin auch nicht der Erste, sondern nach allem, was ich rausbekommen konnte, der Fünfte, die ersten drei waren im Jahr 2000, Barry Jordan in Magdeburg, Alexander Fiseisky in Düsseldorf und Paul Jacobs in New York, später folgte Curt Sather in den USA. Aber das wusste ich vorher nicht. Ich war aber der Erste hier in Leipzig und der Erste mit so einer großen medialen Begleitung.
Was hat Sie auf die Idee gebracht?
Ich wusste schon immer, dass ich Ausdauer habe und dass es mir nichts ausmacht, lange zu üben. Und in der Corona-Zeit, als ich an der Friedenskirche in Potsdam Kantor war, durften wir zu Ostern 2020 die Kirchentür öffnen, aber noch niemanden reinlassen. Ich wurde gefragt, ob ich nicht etwas spielen könnte für die Leute, die einen Osterspaziergang im Park von Sanssouci machten. Da habe ich einfach alles gespielt, was ich oben an der Orgel an Noten liegen hatte. Ich war ganz überrascht, als schon drei Stunden herum waren. Und da dachte ich mir, Mensch, kann man das nicht mit Bach machen? Seitdem hat mich diese Idee verfolgt. Und vorletztes Jahr habe ich mir gesagt: Ich muss aufhören, drüber nachzudenken, ich muss das jetzt einfach machen. Dann hab ich für mich einen Testlauf gemacht. Ich hatte viele von den kurzen Stücken noch nicht im Repertoire, aber ich hab’s trotzdem versucht und einige Werke vom Blatt gespielt. Es hat funktioniert. Ich hab morgens um sechs Uhr angefangen und bis nachts um halb vier gespielt. Auch schon in vierzehn Blöcken, die Anregung hatte ich in Lübeck bekommen. Da war ich im Vorjahr als einer von vierzehn Organisten eingeladen gewesen, das Gesamtwerk zu spielen. Nach dem Testlauf hab ich mich dann noch mal mit Christoph Wolff in Verbindung gesetzt, der die endgültige Reihenfolge ausgearbeitet hat – und auch darauf geachtet hat, dass wir kein Werk übersehen. Wir sind ja dem Kirchenjahr gefolgt, vom Advent bis zum Ende des Kirchenjahres. Die freien Stücke haben wir dahin gesetzt, wohin sie stimmungsmäßig passen. Und den Abschluss bildete der dritte Teil der Klavierübung.
Und wie war es? Kommt man da in einen Flow?
Absolut, das ist das, was einem die Kraft und die Energie gibt durchzuhalten. Irgendwann kommt der Punkt, wo man das Gefühl hat, man hat sich richtig eingespielt und ist voll im Kontakt mit dem Instrument und mit dem Publikum. Natürlich muss man vieles sehr genau vorbereiten. Die Registrierungen müssen vorbereitet sein, die Notenbände müssen bereitliegen mit den Seitenzahlen, und die Registranten müssen instruiert sein. Die haben sich abgewechselt, wir hatten insgesamt sechs. Die mussten drauf achten, dass keine Fehler passieren. Es wurde ja live übertragen, und wenn man dann ein Stück überspringt und falsche Titel eingeblendet werden, ist das blöd.
Ist denn eindeutig, was zum Bach-Werk gehört und was nicht?
Nein, man muss Entscheidungen treffen. Es gibt viele Stücke in Frühfassung und Spätfassung und natürlich Stücke von zweifelhafter Echtheit. Ich hab mir klare Regeln gesetzt: Ich hab immer nur die Spätfassung gespielt, bis auf zwei Ausnahmen, wo ich auch die Frühfassung genommen habe, weil die sich so unterscheidet, dass es fast ein anderes Stück ist. Und ich habe nur die Stücke genommen, die im aktuellen BWV drinstehen, und alle Fragmente weggelassen. Wenn man alle zweifelhaften Werke dazunehmen würde und die Werke für andere Tasteninstrumente, die man sehr gut auf der Orgel darstellen kann, also aus meiner Sicht alle Cembalo-Werke, könnte man den Marathon vermutlich problemlos auf dreißig Stunden ausdehnen.
Wobei sich natürlich die Frage stellt, ist das wirklich alles gute Musik?
Also ich hatte wirklich den Eindruck, in diesem Marathon war kein schlechtes Stück dabei. Es gibt ein Trio, in D-Moll BWV 583, das nicht ganz diese Qualität hat, da frage ich mich, ob das wirklich von Bach stammt. Ich denke, es kommt darauf an, wie es zusammengestellt ist. Alle Neumeister-Choräle hintereinander, das würde keinen Spaß machen.
War denn die Kirche voll?
Nein, aber zwischendurch waren mal vierhundert Leute da, und nachts waren es nie weniger als fünfzig. Ich hatte befürchtet, ich würde da ganz alleine spielen. Ungefähr vierzig Leute haben den Marathon komplett mitgemacht. Das fand ich beeindruckend.
Es gibt also siebzehn bis achtzehn Stunden Orgelmusik von Bach nach dem BWV, und nun sind zwei Stücke entdeckt worden, die ein paar Minuten dauern. Ist das wirklich so eine Sensation?
Sie gewähren einen Blick auf den ganz frühen Bach, den wir so noch nicht hatten. Für mich ist die g-Moll-Ciacona das überzeugendere Stück, weil in der d-Moll-Ciacona ein paar Wendungen drin sind, die für mich nicht typisch Bach sind. Aber ich muss sagen: Ich bin ein großer Liebhaber und ein gewisser Kenner, aber ich betreibe nicht diese Forschungsarbeit wie das Bach-Archiv. Ich hab volles Vertrauen, wenn die sagen, das ist echter Bach. Das Bild von Bach wird etwas menschlicher durch diese beiden Funde. Man sieht, auch Bach ist ein Lernender gewesen, und er hat sich enorm schnell entwickelt.
Aber werden es die Werke ins Repertoire schaffen?
Die sind relativ schnell zu lernen und sicherlich eine Bereicherung für alle nicht ganz im Profibereich agierenden Organisten. Und alle Arten von Chaconnes sind sehr eingängig, jeder Popsong funktioniert quasi nach dem Prinzip der Chaconne. Insofern glaube ich, dass auch das Publikum seine Freude daran haben kann.
Dürfen Sie eigentlich als Bach-Organist auch was anderes spielen als Bach?
Klar, das mache ich auch. Ich habe es in meinem ersten Jahr allerdings auch erlebt, dass ich César Franck gespielt habe, und die Thomaner haben ausnahmsweise mal nichts von Bach gesungen, und da sagten einige Touristen, sie kommen extra von weit her angereist, und es gibt keinen Bach zu hören.
Nur auf Bach reduziert zu werden, kann wahrscheinlich auch nerven.
Na ja, die Musik ist so gut, und wir haben eben den Auftrag, uns Bachs Musik besonders anzunehmen. Aber dadurch, dass wir diese beiden unterschiedlichen Orgeln haben, können wir viele Dinge machen. Man könnte auch den ganzen Reger als Marathon hier machen, aber dafür wäre ich nicht ganz der Richtige. Ich könnte mir sowieso niemanden vorstellen, der sich dieses Projekts annehmen wollte. Von der Länge her ist das Reger-Oeuvre ähnlich wie Bachs, aber es ist einfach deutlich anstrengender zu spielen – und auch zu hören, denke ich. Aber hier herrscht eine große Offenheit. Ich improvisiere ja auch gern. Und es gibt ja auch noch andere Thomaskantoren und -organisten, die gute Musik komponiert haben.

Man hat ja hier das Gemäuer der Kirche, die zu Bachs Zeiten schon so dastand, aber die Innenausstattung hat sich sehr verändert – und eine originale Orgel gibt es auch nicht mehr.
Es ist schade, dass im 19. Jahrhundert so viel Geld da war, dass man diese ganzen Umbauten machen konnte. Wo man kein Geld hatte, da sind tolle alte Orgeln erhalten geblieben. Der Raum hat zu Bachs Zeiten sicherlich etwas anders geklungen durch die Holzeinbauten, aber die Steine atmen noch irgendwie diese Energie.
Klingt denn die Bachorgel wie zu Bachs Zeiten?
Ja. Man hat ja 1967 schon eine Schuke-Orgel eingeweiht, ein sehr gutes Instrument, aber doch weit entfernt – mangels Wissen und vielleicht auch aus der Ästhetik der Zeit heraus – von einem historischen Instrument. Und deshalb gab es im Jahr 2000 die Initiative, die Bachorgel noch mal neu zu bauen und sich deutlich stärker an den historischen Vorbildern zu orientieren. Man hat dann äußerlich die Orgel der Universitätskirche kopiert, die 1968 gesprengt wurde, und klanglich hat man sich an der Sterzing-Orgel der Eisenacher Georgenkirche orientiert, also dem Instrument, mit dessen Klängen Bach aufgewachsen ist. Das war damals der größte Orgelneubau in Mitteldeutschland, die Disposition hatte Bachs Onkel entworfen. Für seine großen Orgelwerke hatte Bach vermutlich diese Klänge im Ohr, ein bisschen schneidiger, ein bisschen feiner als das, was wir zum Beispiel von Gottfried Silbermann kennen. Auch mit ganz speziellen Registern, wie sie für Thüringen typisch sind. Das war, wie ich finde, sehr visionär im Jahr 2000.
Sind Sie eigentlich froh, dass Sie sich nicht mit Chorsängerinnen und -sängern herumplagen müssen?
Ich hatte ja vorher in Potsdam eine Stelle mit einem Chorschwerpunkt und hab das auch wahnsinnig gerne gemacht. Aber klar, die Orgel ist mein Herzensinstrument. Hier kann ich mich wirklich auf die Orgel fokussieren. Man ist, wenn man mit Chören arbeitet, noch stärker in die Gemeinde eingebunden, völlig klar. Manche haben mich auch gefragt, ob mir nicht das Dirigieren fehlt. Da muss ich sagen, ich habe so viel zu tun, dass ich gar keine Zeit habe, darüber nachzudenken.
Spielen Sie mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester auch Cembalo – was Sie ja auch studiert haben?
Nein, ich bleibe an der Orgel.
Als Organist geben Sie ja nicht nur Konzerte, sondern Sie sind immer in die Gottesdienste eingebunden.
Und damit bin ich auch sehr zufrieden. Ich bin gläubiger Christ, ich freue mich total, dass ich an dieser Verkündigung mitwirken kann, das ist für mich eine ganz essenzielle Sache. Was noch zur Stelle gehört, sind viele Konzertanfragen – die ich gar nicht alle wahrnehmen kann – und ein Lehrauftrag an der Hochschule. Im Moment habe ich sechs Studenten, das ist das Maximum, was ich leisten kann. Die unterrichte ich hier in der Kirche, da freuen sich die Studenten natürlich. Und ich muss nicht weg. Das ist vielleicht der einzige Nachteil – meine Wohnung liegt gleich um die Ecke, dadurch bewege ich mich nicht mehr so viel wie früher.
Eine Dienstwohnung, wie sie schon Bach hatte?
Nein, die Zeiten sind schon lange vorbei.
Was fasziniert Sie denn eigentlich am Orgelspiel?
Wenn Sie den großen Gemeindegesang begleiten, das ist unwahrscheinlich. Meine Lieblingschoräle sind die beiden von Philipp Nikolai, „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Wenn Sie da den Thomanerchor und die gesamte Gemeinde mit 1500 Leuten begleiten, das ist so ein erhebendes Gefühl, das ist für mich das Schönste am Organistenberuf.
Nervt es nicht, dass Sie die Gemeinde immer mitziehen müssen?
Hier nicht, das ist eine ganz tolle Gemeinde, was das Singen anbelangt. Klar, die Kirche ist nicht immer voll. Bei den Motetten und den großen Gottesdiensten schon, aber manchmal sind vielleicht auch nur 200 oder 150 Leute da. Aber die wollen’s dann auch wissen, mit denen kann man toll musizieren, die sind musikalisch bewandert. Was mich auch sehr interessiert, ist, im Rahmen der Improvisation oder der Begleitung der Strophen eine klare Textausdeutung zu machen. Also nicht nur die immer gleichen Harmonien drunterzulegen, sondern das je nach der Bedeutung des Textes auch zu verändern. Das machen die hier relativ klaglos mit. (lacht)
Da kommt kein Kirchenvorstand und beschwert sich?
Ich nehme lieber mal eine falsche Note in Kauf, und dafür ist es lebendig musiziert. Es gab schon mal eine Nachfrage, warum da jetzt so fremde Harmonien erklingen. Aber man kann das ja gut erklären. Und die meisten Rückmeldungen, die ich bekomme, sind positiv. Glauben ist etwas sehr Abstraktes. Und die Musik schafft Momente, wo es irgendwie fassbar wird oder wo man gut mitschwingen kann. Deswegen ist die Musik in der Kirche so wesentlich.
Sie müssen als Organist auch damit leben, nicht im Rampenlicht zu stehen.
Mir geht’s ums Klangerlebnis, und ob die Leute mich beim Spielen sehen oder nicht, interessiert mich weniger. So ein Geltungsbedürfnis habe ich nicht. Aber ich lass mir auch gern beim Spielen zugucken. Die Bachorgel steht ja auf der Nordempore, und wenn es voll ist, habe ich viele Leute um mich herum.
Sind Sie übers Klavier an die Orgel gekommen?
Ja, aber ich hab schon sehr früh mit der Orgel angefangen. Ich bin mit meinen Eltern mit sechs Jahren aus Ratingen nach Südwestdeutschland gezogen. Anfangs war die Geige mein Lieblingsinstrument. Mein Vater hatte ein Klaviertrio, und der Geiger und der Klang des Instruments haben mich fasziniert. Aber ich war bald enttäuscht, dass es nicht so klang, wie ich es im Ohr hatte – wobei ich trotzdem fünf, sechs Jahre Geige gespielt habe. Direkt im Nachbarhaus wohnte eine sehr gute Klavierlehrerin, und so habe ich mit sieben mit Klavier angefangen. Aber meine größte Liebe waren – und sind – die Kirchenglocken. Da bin ich eines Samstagabends in unserem Dorf zur Kirche gegangen, um zu sehen, wie das funktioniert. Damals gab es noch keinen Läuteautomaten, sondern die Glocken wurden von Hand eingestellt. Ich kam mit der Küsterin ins Gespräch und durfte dann auch in den Gottesdiensten läuten. Und da hab ich dann immer die Orgelklänge gehört. Das hat mich fasziniert. Meine Eltern haben mich zum Glück gefördert, die haben nicht gesagt, mit acht bist du noch zu klein. Ich hab in Basel bei einer Lehrerin angefangen, die auch toll war und mich einfach hat machen lassen. Ich hatte immer schon sehr ambitionierte Pläne, ich wollte mit zehn Jahren unbedingt „die“ d-Moll-Toccata spielen. Eigentlich viel zu schwer für mich, aber sie hat mich nicht gebremst, und ich hab mich da durchgebissen. Und ein ganz wichtiger Aspekt für mich war immer schon das Thema Orgelbau. Die Technik, die hinter der Orgel steht, fasziniert mich total bis heute. Mein Vater hat mir damals „Das Buch von der Orgel“ von Hans Klotz geschenkt, wo grundsätzlich die Funktionsweise einer Orgel und die verschiedenen technischen Systeme erklärt werden, das hab ich verschlungen.
Man hat ja als Nicht-Organist manchmal das Gefühl, das Instrument ist wichtiger als der Organist.
(lacht) Da ist was dran. Jedes Instrument ist halt ganz individuell. Auf den Konzertpodien gibt es drei, vier Klaviermodelle, alles andere ist dann wirklich Spezialistentum. Beim Orgelbau ist das völlig anders, jedes Instrument ist eigens geplant. Jeder Orgelbauer hat natürlich eine gewisse Philosophie und seine Grundideen, aber dennoch sind die Instrumente unterschiedlich. Deswegen wird so viel darüber gesprochen. Und dabei gerät vielleicht manchmal in den Hintergrund, dass es dann doch immer vom Spieler abhängt, wie eine Orgel klingt. Wie erkennt jemand das Instrument? Wie erkennt er den Raum? Wie interagiert er damit? Und wie schafft er es, dieses Instrument wirklich lebendig zum Klingen zu bringen? Das ist, finde ich, bei der Orgel die größte Herausforderung. Weil das Instrument an sich ja relativ starr ist. Ich kann verstehen, dass viele Leute mit Orgelklang nichts anfangen können. Was aus meiner Perspektive aber daran liegt, dass Orgel wirklich oft sehr starr und undifferenziert gespielt wird. Und natürlich gibt es auch viele Orgeln, die dieses Feste, ein bisschen Unflexible im Klang tragen.
Aber den Klang modellieren Sie vor allem durch die Register, oder?
Sie können auch durch den Anschlag sehr viel machen. Wie ich artikuliere, wie ich die Längen und Kürzen der Noten gut abwäge, dass ich dadurch eine Dynamik erzeugen kann beim Spielen, das ist ganz essenziell. Wenn ich das nicht mache, dann kann ich selbst auf der schönsten Orgel ziemlich undifferenzierte Klänge erzeugen.
Stört es Sie nicht, dass Sie sich vor jedem Gastkonzert mit der Orgel und den Registern vertraut machen müssen? Sie können sich nicht einfach dransetzen und ein Konzert geben.
Dadurch bekommt man immer wieder neue Reize. Man muss immer neu die Klangfarben finden in den Registern, das ist total interessant. Allerdings muss ich sagen, ich bin hier in der Thomaskirche mit zwei wirklich tollen Orgeln gesegnet. Es ist schön, mal aus Leipzig rauszukommen, aber es ist selten, dass ich auf Instrumenten spiele, die das Niveau unserer Orgeln hier haben.
Sie sind auch ausgebildeter oder vereidigter Glockensachverständiger. Was machen Sie da?
Vereidigt wird man nicht, es ist eine Ausbildung, die von den beiden großen Kirchen in Deutschland angeboten wird mit Kursen, und dann legt man eine Prüfung ab. Wegen meiner Hundert-Prozent-Stelle hier arbeite ich so gut wie gar nicht mehr in dem Bereich. Aber wenn Fragen kommen, stehe ich natürlich zur Verfügung. In Potsdam habe ich einige kleinere Projekte betreut. Eine Kirche braucht eine neue Glocke, oder es stehen Baumaßnahmen am Turm an, oder es gibt Beschwerden aus der Nachbarschaft, dass die Glocke zu laut ist oder was auch immer. Dann haben Sie als Sachverständiger die Aufgabe zu vermitteln und eine gewisse Fachaufsicht auszuüben über die Fachfirmen. Oft weiß die Gemeinde nicht genau, wie sie ihre Wünsche umsetzen kann, und da freut sich die Glockengießerei, wenn die Wünsche klar formuliert und gut begleitet werden.
Wie legt man denn solch ein Geläut fest?
Wenn Ihr Turm im leeren Raum steht, dann können Sie ganz nach Geschmack, nach Finanzen und den baulichen Möglichkeiten des Turmes entscheiden. Aber meist gibt es ja noch andere Glocken in der Nachbarschaft, und dann sollten die Glocken zueinanderpassen. Auch hier in der Leipziger Innenstadt sind die Geläute aufeinander abgestimmt. Allein schon, dass man dieselbe Stimmtonhöhe hat. Thomas- und Nikolaikirche können perfekt zusammenläuten, die ergeben eine weitgespannte Tonleiter über zwei Oktaven. Und wenn es schon ein historisches Geläut gibt, das ergänzt werden soll, muss man eine Glocke dazugießen, die klanglich passt. Da gehört viel Erfahrung dazu.
Gibt es noch viele Glockengießereien in Deutschland?
Nein, vier oder fünf große sind es nur noch. Auch weil der Markt gesättigt ist. Was vor allem vorkommt, ist, dass Glocken aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die aus Eisen und Stahl gegossen wurden, ersetzt werden. Überwiegend leben die Gießereien von den Wartungen und Montagen und vielleicht auch mal Reparaturen. Mit dem Neuguss lässt sich eigentlich kaum Geld verdienen. Es gibt überhaupt nur noch zwei Firmen, eine in Holland, eine in Österreich, die in der Lage sind, große Glocken über sechs oder sieben Tonnen zu gießen.
Eine letzte Frage: Sie überlegen ja, den Mitschnitt des Bach-Marathons auf Vinyl zu pressen. Kann man Orgelklang überhaupt in einer Aufnahme abbilden?
Ich würde sagen, das wirkliche Erlebnis im Raum kann nicht zu hundert Prozent abgebildet werden. Es gibt aber Hörperspektiven, die Sie im Raum nicht einnehmen können. Sie können mit sechs Mikrofonen, die auf verschiedenen Höhen positioniert sind, einen relativ runden, gemischten Orgelklang hinbekommen und tolle klangliche Erlebnisse, die Sie so im Raum nicht wahrnehmen können. Und natürlich freut man sich auch, mal eine wirklich perfekte Darbietung ohne irgendwelche störenden Nebengeräusche zu hören. Also ich höre mir von Kollegen sehr gerne auch Orgel-CDs an. Und was den Mitschnitt angeht: Natürlich gehen bei solch einer Menge Musik auch mal ein paar Dinge daneben, da hätte ich schon ein paar Wünsche für Nachschnitte. Aber es sollte nicht viel sein, das Lebendige des Live-Eindrucks mit gewissen Nebengeräuschen, die nun mal da waren, das wäre schön festzuhalten. Ich glaube, es gibt noch keine Bach-komplett-Aufnahme als Live-Mitschnitt. Und alles auf einer Orgel gespielt. Ich glaube, das wäre ein spannendes Projekt. Ich hätte mir das übrigens auf einer anderen Orgel auch nicht vorstellen können. Die Orgel hier ist sehr groß mit sechzig Registern, sie bietet also sehr differenzierte Klänge. Wir haben Pfeifen in historischer Bauart, auch die Stimmung ist historisch inspiriert, aber die mechanische Traktur ist nach den neuesten Erkenntnissen des Orgelbaus gemacht. Sie ist leichtgängig, man kann viele Nuancen ausspielen. Ich weiß nicht, ob ich das auf einer historischen Orgel überhaupt geschafft hätte über achtzehn Stunden. Das wäre spannend rauszufinden: Wie viele Töne spielt man insgesamt? Und wie viel Gramm bewegt man pro Anschlag? Es macht einen Unterschied, ob man so ein Projekt an einer leichten Traktur wie hier oder an einer großen Barockorgel angeht.



