Ein Cis-Dur-Akkord als Hoffnung
Das Eliot Quartett beginnt im Holzhausenschlösschen der Frankfurter Bürgerstiftung einen Schostakowitsch-Zyklus.

Ein Schostakowitsch-Zyklus in Zeiten des Ukraine-Krieges – darf man das? „Das ist gerade jetzt sehr wichtig“, sagt Dmitry Hahalin, der Bratscher des Eliot Quartetts. „Wir beide, Maryana und ich, kommen aus Russland, und wir sehen, dass sich viele Sachen wiederholen. Was wir in Schostakowitschs Briefen lesen: Wie soll man mit der Situation umgehen, soll man emigrieren, soll man in die innere Emigration gehen? Das fragen sich jetzt wieder viele Menschen. Seine Musik kann uns viel erklären über den Totalitarismus.“
Hahalin und die Geigerin Maryana Osipova haben in Moskau studiert. Der Cellist Michael Preuß kommt aus Leipzig, Alexander Sachs, der zweite Geiger, ist Kanadier und der einzige, der bei unserem Treffen in einem Café in Frankfurt nicht dabei ist. 2014 haben sich die vier an der Frankfurter Musikhochschule als Quartett gefunden, inzwischen gelten sie als eines der spannendsten der Szene. Bis zu Schostakowitschs 50. Todestag im August 2025 wollen sie alle seine 15 Streichquartette aufführen, in zwölf Konzerten im idyllischen Holzhausenschlösschen im Zentrum vom Frankfurt.
„Wir lieben diese Musik. Wir haben den Zyklus lange vor dem Ausbruch des Krieges geplant. Das war keine politische Aussage“, sagt Maryana Osipova. „Aber er ist jetzt natürlich zu einem politischen Statement geworden“, fügt Michael Preuß an. „Schostakowitsch ist politische Musik, das war uns schon immer klar. Was sich geändert hat, ist die Reaktion des Publikums. Wenn wir in Einführungen darüber sprechen, unter welchen Umständen er gelebt und das Stück geschrieben hat, was er zum Beispiel an Motiven aus der jüdischen Musik verarbeitet hat, dann reagieren die Leute sehr stark, das ist ihnen viel näher gerückt, habe ich das Gefühl.“
Aber Schostakowitsch taugt nicht wirklich zum Vorbild, spiele ich noch einmal den Advocatus Diaboli. „Wer käme denn da überhaupt in Frage?“, entgegnet Dmitry Hahalin. „Obwohl er in der kommunistischen Partei war und manche Werke geschrieben hat, die politisch korrekt waren, ist seine Figur eigentlich viel komplizierter. Alles spricht dafür, dass er ein guter Mensch war und nicht nur auf der Seite der Macht stand. Zum Beispiel verwendet er im vierten Streichquartett viele jüdische Motive – in einer Zeit, in der es besonders viele Prozesse gegen Juden gab. Jedenfalls hat er das Stück komponiert in dem Wissen, dass es nicht aufgeführt würde bis zu Stalins Tod.“
„Einige seine Sinfonien waren Auftragswerke des Regimes“, führt Michael Preuß den Gedanken weiter. „Da gibt es diese Ebene des Hurra-Patriotismus, den er bedienen muss, den er aber auch bricht durch die Harmonik, das Tempo – und er hat immer befürchtet, dass die staatliche Stellen darauf reagieren würden. Im Streichquartett war das anders. Da konnte er ehrlich sein.“
Im Holzhausenschlösschen werden die Eliots die 15 Streichquartette mit anderen Werken kombinieren – weshalb die Konzertreihe auch den Namen „DSCH & beyond“ trägt. Bach als sein Lieblingskomponist versteht sich von selbst. Aber Schubert? „Da zeigen wir seine romantische Seite“, erklärt Dmitry Hahalin. „Man sagt immer, Schostakowitsch sei unromantisch. Aber das stimmt nicht, der langsame Satz im Quartett
Nr. 14 zum Beispiel ist ein ganz romantisches Stück – unglaublich!“
„Und wir beenden den Zyklus mit Beethovens op. 131“, ergänzt Maryana Osipova. „Er wollte 24 Quartette schreiben, hat aber nur 15 geschafft. Wir kombinieren sein letztes Quartett mit Beethovens Nr. 14, und das Konzert heißt: ‚Schostakowitsch unsterblich‘. Das ist eine spannende Kombination, es gibt viele ähnliche Momente. Unser Zyklus endet mit einem Cis-Dur-Akkord – als Hoffnung auf ein besseres Leben.“
Beim ersten Konzert am 8. Februar erklingen neben Schostakowitschs Quartett Nr. 1 auch sein Streichquintett und das Quartett von Anton Webern, am 22. Februar stehen Stücke von Strawinsky, Glasunow und anderen Russen auf dem Programm. Konzert Nr. 3 folgt dann erst im April.
„Zwölf Konzerte in einer Saison wären zu viel gewesen“, erläutert Michael Preuß. „Aber kürzer wollten wir die Reihe auch nicht anlegen. So muss man eben alle zwei Monate nach Frankfurt kommen“, fügt er grinsend hinzu.
Verlockend ist dabei auch die Konzertstätte: das kleine Wasserschlösschen im Holzhausenpark. Es gehört der Stadt und wird betrieben von der Frankfurter Bürgerstiftung, die da ein enormes, weitgehend privat finanziertes Kulturprogramm auf die Beine stellt. Vor einigen Jahren richtete die Stiftung eine Residenz für Streichquartette ein, und die Eliots waren die ersten, die eine kleine Konzertreihe programmieren durften. „Seitdem ist das unser Lieblingsort“, schwärmt Maryana Osipova. „Wir dürfen da oft proben. Der Park, das Wasser ringsum – dieser Ort hat einen Zauber, das ist sehr inspirierend.“
„Und dass uns die Bürgerstiftung ermöglicht, diesen Zyklus zu veranstalten, ist auch eine tolle Sache“, sagt Michael Preuß. „Es hat einen enormen Reiz, dass man sich wirklich mal auf diese Werke konzentrieren kann. Und ehrlich gesagt haben wir noch nicht alle gespielt. Das ist eine schöne Herausforderung.“
Zum Schluss aber muss noch das Rätsel gelüftet werden, warum sich die vier nach dem Schriftsteller T.S. Eliot benannt haben. „Er war stark inspiriert von Beethoven. Der Name funktioniert in jeder Sprache, und wir machen gern Projekte mit Literatur“, sagt Maryana Osipova. Und warum dann nicht gleich Beethoven-Quartett? „Der Name war vergeben“, erklärt Dmitry Hahalin. „Das Beethoven-Quartett war das Lieblingsquartett von Schostakowitsch, das fast all seine Werke uraufgeführt hat – noch vor dem Borodin-Quartett.“ Und so wäre nebenbei auch wieder eine Wissenslücke gefüllt.
Ein Schostakowitsch-Zyklus in Zeiten des Ukraine-Krieges – darf man das? „Das ist gerade jetzt sehr wichtig“, sagt Dmitry Hahalin, der Bratscher des Eliot Quartetts. „Wir beide, Maryana und ich, kommen aus Russland, und wir sehen, dass sich viele Sachen wiederholen. Was wir in Schostakowitschs Briefen lesen: Wie soll man mit der Situation umgehen, soll man emigrieren, soll man in die innere Emigration gehen? Das fragen sich jetzt wieder viele Menschen. Seine Musik kann uns viel erklären über den Totalitarismus.“
Hahalin und die Geigerin Maryana Osipova haben in Moskau studiert. Der Cellist Michael Preuß kommt aus Leipzig, Alexander Sachs, der zweite Geiger, ist Kanadier und der einzige, der bei unserem Treffen in einem Café in Frankfurt nicht dabei ist. 2014 haben sich die vier an der Frankfurter Musikhochschule als Quartett gefunden, inzwischen gelten sie als eines der spannendsten der Szene. Bis zu Schostakowitschs 50. Todestag im August 2025 wollen sie alle seine 15 Streichquartette aufführen, in zwölf Konzerten im idyllischen Holzhausenschlösschen im Zentrum vom Frankfurt.
„Wir lieben diese Musik. Wir haben den Zyklus lange vor dem Ausbruch des Krieges geplant. Das war keine politische Aussage“, sagt Maryana Osipova. „Aber er ist jetzt natürlich zu einem politischen Statement geworden“, fügt Michael Preuß an. „Schostakowitsch ist politische Musik, das war uns schon immer klar. Was sich geändert hat, ist die Reaktion des Publikums. Wenn wir in Einführungen darüber sprechen, unter welchen Umständen er gelebt und das Stück geschrieben hat, was er zum Beispiel an Motiven aus der jüdischen Musik verarbeitet hat, dann reagieren die Leute sehr stark, das ist ihnen viel näher gerückt, habe ich das Gefühl.“
Aber Schostakowitsch taugt nicht wirklich zum Vorbild, spiele ich noch einmal den Advocatus Diaboli. „Wer käme denn da überhaupt in Frage?“, entgegnet Dmitry Hahalin. „Obwohl er in der kommunistischen Partei war und manche Werke geschrieben hat, die politisch korrekt waren, ist seine Figur eigentlich viel komplizierter. Alles spricht dafür, dass er ein guter Mensch war und nicht nur auf der Seite der Macht stand. Zum Beispiel verwendet er im vierten Streichquartett viele jüdische Motive – in einer Zeit, in der es besonders viele Prozesse gegen Juden gab. Jedenfalls hat er das Stück komponiert in dem Wissen, dass es nicht aufgeführt würde bis zu Stalins Tod.“
„Einige seine Sinfonien waren Auftragswerke des Regimes“, führt Michael Preuß den Gedanken weiter. „Da gibt es diese Ebene des Hurra-Patriotismus, den er bedienen muss, den er aber auch bricht durch die Harmonik, das Tempo – und er hat immer befürchtet, dass die staatliche Stellen darauf reagieren würden. Im Streichquartett war das anders. Da konnte er ehrlich sein.“
Im Holzhausenschlösschen werden die Eliots die 15 Streichquartette mit anderen Werken kombinieren – weshalb die Konzertreihe auch den Namen „DSCH & beyond“ trägt. Bach als sein Lieblingskomponist versteht sich von selbst. Aber Schubert? „Da zeigen wir seine romantische Seite“, erklärt Dmitry Hahalin. „Man sagt immer, Schostakowitsch sei unromantisch. Aber das stimmt nicht, der langsame Satz im Quartett
Nr. 14 zum Beispiel ist ein ganz romantisches Stück – unglaublich!“
„Und wir beenden den Zyklus mit Beethovens op. 131“, ergänzt Maryana Osipova. „Er wollte 24 Quartette schreiben, hat aber nur 15 geschafft. Wir kombinieren sein letztes Quartett mit Beethovens Nr. 14, und das Konzert heißt: ‚Schostakowitsch unsterblich‘. Das ist eine spannende Kombination, es gibt viele ähnliche Momente. Unser Zyklus endet mit einem Cis-Dur-Akkord – als Hoffnung auf ein besseres Leben.“
Beim ersten Konzert am 8. Februar erklingen neben Schostakowitschs Quartett Nr. 1 auch sein Streichquintett und das Quartett von Anton Webern, am 22. Februar stehen Stücke von Strawinsky, Glasunow und anderen Russen auf dem Programm. Konzert Nr. 3 folgt dann erst im April.
„Zwölf Konzerte in einer Saison wären zu viel gewesen“, erläutert Michael Preuß. „Aber kürzer wollten wir die Reihe auch nicht anlegen. So muss man eben alle zwei Monate nach Frankfurt kommen“, fügt er grinsend hinzu.
Verlockend ist dabei auch die Konzertstätte: das kleine Wasserschlösschen im Holzhausenpark. Es gehört der Stadt und wird betrieben von der Frankfurter Bürgerstiftung, die da ein enormes, weitgehend privat finanziertes Kulturprogramm auf die Beine stellt. Vor einigen Jahren richtete die Stiftung eine Residenz für Streichquartette ein, und die Eliots waren die ersten, die eine kleine Konzertreihe programmieren durften. „Seitdem ist das unser Lieblingsort“, schwärmt Maryana Osipova. „Wir dürfen da oft proben. Der Park, das Wasser ringsum – dieser Ort hat einen Zauber, das ist sehr inspirierend.“
„Und dass uns die Bürgerstiftung ermöglicht, diesen Zyklus zu veranstalten, ist auch eine tolle Sache“, sagt Michael Preuß. „Es hat einen enormen Reiz, dass man sich wirklich mal auf diese Werke konzentrieren kann. Und ehrlich gesagt haben wir noch nicht alle gespielt. Das ist eine schöne Herausforderung.“
Zum Schluss aber muss noch das Rätsel gelüftet werden, warum sich die vier nach dem Schriftsteller T.S. Eliot benannt haben. „Er war stark inspiriert von Beethoven. Der Name funktioniert in jeder Sprache, und wir machen gern Projekte mit Literatur“, sagt Maryana Osipova. Und warum dann nicht gleich Beethoven-Quartett? „Der Name war vergeben“, erklärt Dmitry Hahalin. „Das Beethoven-Quartett war das Lieblingsquartett von Schostakowitsch, das fast all seine Werke uraufgeführt hat – noch vor dem Borodin-Quartett.“ Und so wäre nebenbei auch wieder eine Wissenslücke gefüllt.



