Interview & Porträt

„Ich glaube, Bruckner wäre glücklich.“

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Axel Bahr
Foto: Axel Bahr

Zu den wichtigen Bruckner-Dirigenten unserer Zeit gehört ohne Zweifel ein Mann, der fernab des Jet-Set-Konzertlebens seiner Bruckner-Leidenschaft frönt. 2006 gab Gerd Schaller seinen Posten als Generalmusikdirektor in Magdeburg auf, um nur noch frei zu arbeiten. Seit 2011 führt und nimmt er mit der Philharmonie Festiva, gebildet aus Musikern der großen Orchester Süddeutschlands, im oberfränkischen Ebrach alle Symphonien Anton Bruckners in allen wichtigen Fassungen auf. Über 20 CDs sind inzwischen bei Profil Edition Günter Hänssler erschienen.

Herr Schaller, ist es bei Bruckner wie bei Beethoven: Ab der dritten Symphonie kommen die Meisterwerke, dann wird’s erst richtig schön?

Finde ich nicht. Die Zweite ist ein vollwertiger Bruckner. Und eigentlich müsste sie beliebt sein, denn sie ist noch so nah bei Beethoven und Schubert. Jeder Komponist wird ja bewusst oder unbewusst von anderen beeinflusst, und diese beiden waren, denke ich, Bruckners Vorbilder. Vielleicht ist sie deshalb nicht so bekannt, weil sie lyrisch beginnt und noch nicht das Klischee des Weihevollen bedient, auf das Bruckner leider oft reduziert wird. Und sicherlich auch, weil das Hauptthema nicht so einprägsam ist – was man schon damals bemängelt hat. Aber die Farbigkeit, die starken Kontraste – das ist das, was mich besonders interessiert an der Zweiten. Die Erste ist ungestümer, in der Zweiten entwickelt Bruckner schon mehr seinen Personalstil.

Da hört man auch nicht mehr so viel Wagner.

Das hat man ihm aber auch in der Dritten vorgeworfen: die Wagner-Zitate, die gar keine sind. Ich möchte fast sagen, Wagner lag damals in der Luft. Bei Bruckner findet man Anklänge, aber nie ein Zitat. Wenn er zitiert, dann sich selbst, das gibt es. Aber andere hat er nie zitiert.

Kann man dann sagen, dass die Zweite seine erste „vollgültige“, individuell ausgereifte Symphonie ist?

Schon die Studiensymphonie ist „vollgültig“. Jede seiner Symphonien hat eine starke Eigencharakteristik. Ich sehe das auch nicht als Entwicklung von schwächeren zu besseren Werken. Oder vom Anfänger zum Meister. Man merkt schon bei der Studiensymphonie: Die stammt von einem ganz besonderen Komponisten – der sich natürlich noch sucht und finden muss. In der Zweiten hat er sich dann gefunden. Was hier noch nicht so ausgeprägt ist, ist dieses Mystische, das man mit Bruckner verbindet. Dabei ist auch das Adagio der Zweiten wunderschön! Bruckner war ein Meister des langsamen Satzes, das haben schon die Zeitgenossen an ihm gerühmt. Erst mit der Dritten ist der typische Bruckner-Klang dann voll da. Aber ich möchte die Frühwerke nicht missen, auch nicht die geistlichen Werke. Der Psalm 146 zum Beispiel ist ein herrliches Werk, aber nahezu vergessen – weil eben dieses typische Weihevolle noch nicht da ist.

Foto: Mile Cindric

Böse Stimmen sagen, Bruckner habe neun- oder elfmal dieselbe Symphonie geschrieben. Sie sagen: Er hat über 20 Symphonien geschrieben, oder?

Naja, das sage ich nicht. Das symphonische Grundmaterial ist in der frühen und der späten Fassung der zweiten Symphonie dasselbe. Es ist, wie wenn man einem Improvisator ein Thema gibt, das er dann ausarbeitet. Das Grundmaterial, das Erkennungsmaterial, wenn man so will, rührt er nicht an.

Dennoch: Von der Dritten und der Vierten gibt es vier bis fünf Fassungen, von der Zweiten und der Achten drei. Ist es wirklich sinnvoll, von „der Zweiten“ oder „der Dritten“ zu sprechen?

Zunächst einmal: Für mich darf man nur dann von Fassungen sprechen, wenn wesentliche, hörbare Unterschiede vorhanden sind, in der Form, der Länge, dem Aufbau, der Ausformulierung der Themen, Durchführung usw. Bei der Zweiten ist es nicht so entscheidend, ob ich die erste oder die zweite Fassung spiele – weil da das Grundmaterial so stark und so fest ist. Anders ist es bei der Vierten, wo die Spätfassung sich gravierend von der Frühfassung unterscheidet. Das hat man oft bei Bruckner, dass die erste Fassung, der erste Wurf ganz anders ist als das, was an Fassungen folgt. Insofern stimmt es: Man kann nicht von „der Vierten“ sprechen. Das Scherzo ist ein komplett anderes Stück.

Für Bruckner selbst war immer die letzte Version die „gültige“. Insofern setzen Sie sich doch über Bruckners Willen hinweg, wenn Sie die früheren Fassungen spielen.

Das stimmt, aber dieses Dilemma hat er selbst verschuldet. Er hätte die früheren Fassungen ja vernichten können. Stattdessen hat er sie fein säuberlich aufgehoben. Er musste damit rechnen, dass man auch diese Noten wieder spielen würde. Deshalb hab ich da keinerlei Skrupel.

Wenn Sie in der Zeitung lesen würden, im österreichischen Nationalarchiv oder wo auch immer sei ein Klavierkonzert von Bruckner gefunden worden – würden Sie das glauben?

Nein! Das würde nicht passen. Er hat ja außer geistlichen Werken und Symphonien so gut wie nichts geschrieben. Gut, das Streichquintett, aber das ist sehr symphonisch gedacht. Bruckner hat sogar für sein eigenes Instrument, die Orgel, fast nichts hinterlassen. Was wir da von ihm haben, sind Gelegenheitswerke oder Übungsstücke. Auch Variationszyklen gibt es nicht von ihm, das entspricht nicht seiner geistigen Haltung

Muss man also sagen: Bruckner war ein genialer Nischenkomponist, der eine ganz spezifische kompositorische Idee verfolgt und immer weiter vervollkommnet hat?

Was die Gattung betrifft, war er sehr begrenzt, das stimmt. Das war seine Ausdrucksform. Er hatte sich ein Schema erarbeitet, das er dann immer neu gefüllt hat, mit wenigen Abweichungen. Das war immer die Sonatenhauptsatzform, die übrigens schon damals als altmodisch galt. Das hat ihm gereicht.

„In den Pausen passiert das Entscheidende. Wenn wir innehalten, haben wir die Möglichkeit, den Dingen nachzuspüren.“

Wie geht es Ihnen damit? Sie verbringen ja sehr viel Zeit mit Bruckner.

Naja, ich hab auch sehr viel anderes dirigiert. Aber irgendwann kam der Punkt, dass ich mich intensiv mit Bruckner beschäftigen wollte. Und ich bin ehrlich gesagt über mich selbst erstaunt, dass ich mich immer noch und mit immer neuer Begeisterung den verschiedenen Fassungen widme. Als nächstes werde ich die vierte Symphonie in der Spätfassung aufnehmen, dann kommt die Dritte in einer mittleren Fassung, dann noch die Achte in der Spätfassung und die Neunte mit meinem Finalsatz – den ich zum dritten Mal revidiert habe. Vielleicht färbt Bruckner da schon ab. Ich genieße es, dass man inzwischen einen ungezwungeneren Umgang pflegen kann mit diesen Komponisten, die man früher doch sehr auf ein Podest gehoben hat, gerade Bruckner mit seiner sakralen Sphäre. Das ist Gott sei Dank nicht mehr der Fall. Bruckner war ein Mensch wie du und ich, der in seinen Symphonien seine Gefühle und seine Hoffnungen zum Ausdruck bringt – das ist das schöne bei ihm. Wahrscheinlich inspiriert mich das auch so stark.

Das Hoffnungsvolle?

Was es genau ist, kann ich nicht sagen. Da wird etwas vermittelt, was mich im Innersten anspricht. Natürlich gibt es auch das Grüblerische, das Dunkle in seinen Werken. Aber es gibt immer auch eine Hoffnung, ein Licht am Ende des Tunnels, etwas Höheres. Es ist keine religiöse Musik, aber das religiöse Moment ist bei Bruckner doch ganz wichtig. Ohne das ist Bruckner nicht denkbar – weil es in seinem Leben so präsent war. Es ist immer etwas Feierliches in seiner Musik, sie ist herausgehoben aus den Niederungen des Alltags. Er gibt nicht nur seine ganzen Emotionen, seinen Weltschmerz in die Musik, nein, es gibt immer auch eine Lösung für ihn – und das transportiert die Musik. Sie hebt mich in andere Dimensionen. Und es ist bis jetzt noch nicht langweilig geworden.

Jeder Klassikfreund erkennt Bruckner sofort. Aber vermutlich haben die meisten damit Probleme, Themen und Sätze den einzelnen Symphonien zuzuordnen. Gibt es einen Trick, sich das zu merken?

Muss man sich das merken? Es geht doch bei Musik um Emotionen. Wenn man ein Stück hört, soll man sich hineinfühlen, und ob das nun die Nummer Acht oder die Nummer Sieben ist, ist doch eigentlich egal.

Foto: Axel Bahr

Sie waren gerade in St. Florian und haben auf Bruckners Orgel gespielt. Haben Sie einen Genius loci gespürt?

Das hat schon was, weil der ganze Ort diesen Geist atmet. Aber diesen Geist spüre ich auch in der Klosterkirche von Ebrach, wenn wir unsere CDs aufnehmen, die ist von der Größe und vom Hall ganz ähnlich. Durch die Musik ist ein besonderer Geist herstellbar – und zwar in jedem Konzertsaal. In St. Florian habe ich allerdings schon manchmal gedacht: Da unten liegt er jetzt. Aber die Orgel ist nicht mehr die originale. Es gibt Pfeifen, die schon Bruckner zum Klingen gebracht hat, aber das Werk an sich ist später stark verändert worden. Ich habe auch auf dem Harmonium gespielt, das Bruckner damals fürs Konservatorium in Wien angeschafft hat. Da hat mich der satte Klang beeindruckt, ein sehr runder, weicher Klang, nie schrill, immer eingebettet in einer guten Grundierung. Man spürt die Klangästhetik des 19. Jahrhunderts, wenn man an dem Instrument sitzt. – Jeder Mensch ist geprägt durch die Umgebung, in der er aufwächst. Bruckners Musik ist für den Konzertsaal geschrieben, vermutlich hat er nie daran gedacht hat, dass eine Kirche mal ein Aufführungsort sein könnte. Dennoch merke ich, dass die Musik durch die Dimensionen des Kirchenraumes gewinnt. Die zweite Symphonie wird ja auch als „Pausensymphonie“ bezeichnet – was damals nicht positiv gemeint war. Aber wenn man das Werk in einer Kirche aufführt, merkt man, wie wichtig die Pausen sind. Man spürt die architektonische Dimension auch im Klang, das Spiel mit dem Raum. Man merkt, diese Musik braucht ihre Zeit. 

Aber die Zweite hat nicht mehr Pausen als die späteren Symphonien, oder?

Nein, aber bei der Zweiten war das eben etwas Neues. Mit den Pausen schafft Bruckner eine starke Gliederung. Man braucht Zeit zum Einatmen und zum Ausatmen, und diese Zeit nimmt er sich einfach. Das spürt man im Kirchenraum besonders. Aber natürlich kann man das auch im Konzertsaal realisieren. Denn der Spannungsbogen geht ja weiter. Man muss es schaffen, dass das Ganze ein großer Fluss wird – dann wird’s inter­essant. Dass diese Module nicht aneinandergeklebt werden, sondern organisch immer weiter führen. Das ist das Schwierige. Es wird ja eine große Geschichte erzählt, jede Symphonie hat ihre Entwicklung, ihre Dramaturgie, ein Thema erfährt eine Wandlung, eine Metamorphose, es kommt anders heraus, als es hineingegangen ist. Das ist das Faszinierende. 

Jetten Sie jetzt im Bruckner-Jahr um die Welt – oder ziehen Sie sich heraus?

Nein, ich dirigiere nicht mehr so viel, sondern gönne mir den Luxus, einzutauchen. Ich glaube an Fügung, ans Schicksal. Man muss sich Zeit lassen. Das Wesentliche entsteht, wenn nichts passiert. Da sind wir wieder bei den Pausen – generell in der Musik. In den Pausen passiert das Entscheidende. Denn wenn wir innehalten, dann haben wir auch die Möglichkeit, den Dingen nachzuspüren – ich sage bewusst nicht: nachzudenken. Insofern ist mein Terminkalender, was Bruckner betrifft, mit drei Aufnahmen in diesem Jahr gut gefüllt, mehr Bruckner muss gar nicht sein.

Es gab ja zahlreiche Komponisten, die von Bruckner stark inspiriert wurden. Können Sie Brucknerianern, die sich eine zwölfte oder dreizehnte Symphonie wünschen, ein Werk empfehlen?

Eine richtige Bruckner-Schule gibt es nicht. Der einzige Nachfolger im Sinne seines Kompositionssystems war Arnold Schönberg, und der klingt weiß Gott nicht nach Bruckner. Das ist für mich der einzige legitime Nachfolger von Bruckner.

Ein Brucknerianer, der sich eine weitere Bruckner-Symphonie wünscht –

… muss sich eine schreiben.

Oder sich Ihre Instrumentierung des Streichquintetts anhören.

(lacht) Das ist aus einer inneren Empfindung heraus entstanden. Das war ein Experiment – das mir großen Spaß gemacht hat. Dieses Element der Freude finde ich übrigens ganz wichtig in der Musik. Warum soll man solche Sachen also nicht mal versuchen? Aber haben wir jetzt eine neue Symphonie von Bruckner? Ich denke: Nein. Ich glaube, dass meine Instrumentierung, bei der ich ja nur einige wenige Passagen aus den Streichern in die Bläser gelegt und sonst nichts verändert habe, vor allem die Struktur verdeutlicht. Das Streichquintett hat zwar symphonische Intentionen und Dimensionen, ist aber keine verkappte Symphonie.

Bruckner war ja ein großer Improvisator. Würde er uns nicht für verrückt erklären, dass wir seine Werke immer wieder aufführen und uns über die einzelnen Fassungen unterhalten?

Er wäre total erstaunt. Aber er wäre auch erfreut – dass er nichts mehr ändern muss. Dass wir es wirklich so aufführen, wie es da steht. Und vielleicht würde er auch über sich selbst nachdenken und überlegen: Vielleicht hätte ich das doch nicht ändern sollen, vielleicht war diese Frühfassung doch nicht so schlecht. Er wäre vermutlich auch überrascht, wie es heute klingt – mit unserem modernen Instrumentarium, und mit welcher Ernsthaftigkeit wir uns seiner Musik widmen. Und vielleicht würde er manches, was die Dynamik betrifft, auch ändern aufgrund des Klangeindrucks, der heute bekäme. Insgesamt glaube ich, Bruckner wäre glücklich.

Zu den wichtigen Bruckner-Dirigenten unserer Zeit gehört ohne Zweifel ein Mann, der fernab des Jet-Set-Konzertlebens seiner Bruckner-Leidenschaft frönt. 2006 gab Gerd Schaller seinen Posten als Generalmusikdirektor in Magdeburg auf, um nur noch frei zu arbeiten. Seit 2011 führt und nimmt er mit der Philharmonie Festiva, gebildet aus Musikern der großen Orchester Süddeutschlands, im oberfränkischen Ebrach alle Symphonien Anton Bruckners in allen wichtigen Fassungen auf. Über 20 CDs sind inzwischen bei Profil Edition Günter Hänssler erschienen.

Herr Schaller, ist es bei Bruckner wie bei Beethoven: Ab der dritten Symphonie kommen die Meisterwerke, dann wird’s erst richtig schön?

Finde ich nicht. Die Zweite ist ein vollwertiger Bruckner. Und eigentlich müsste sie beliebt sein, denn sie ist noch so nah bei Beethoven und Schubert. Jeder Komponist wird ja bewusst oder unbewusst von anderen beeinflusst, und diese beiden waren, denke ich, Bruckners Vorbilder. Vielleicht ist sie deshalb nicht so bekannt, weil sie lyrisch beginnt und noch nicht das Klischee des Weihevollen bedient, auf das Bruckner leider oft reduziert wird. Und sicherlich auch, weil das Hauptthema nicht so einprägsam ist – was man schon damals bemängelt hat. Aber die Farbigkeit, die starken Kontraste – das ist das, was mich besonders interessiert an der Zweiten. Die Erste ist ungestümer, in der Zweiten entwickelt Bruckner schon mehr seinen Personalstil.

Da hört man auch nicht mehr so viel Wagner.

Das hat man ihm aber auch in der Dritten vorgeworfen: die Wagner-Zitate, die gar keine sind. Ich möchte fast sagen, Wagner lag damals in der Luft. Bei Bruckner findet man Anklänge, aber nie ein Zitat. Wenn er zitiert, dann sich selbst, das gibt es. Aber andere hat er nie zitiert.

Kann man dann sagen, dass die Zweite seine erste „vollgültige“, individuell ausgereifte Symphonie ist?

Schon die Studiensymphonie ist „vollgültig“. Jede seiner Symphonien hat eine starke Eigencharakteristik. Ich sehe das auch nicht als Entwicklung von schwächeren zu besseren Werken. Oder vom Anfänger zum Meister. Man merkt schon bei der Studiensymphonie: Die stammt von einem ganz besonderen Komponisten – der sich natürlich noch sucht und finden muss. In der Zweiten hat er sich dann gefunden. Was hier noch nicht so ausgeprägt ist, ist dieses Mystische, das man mit Bruckner verbindet. Dabei ist auch das Adagio der Zweiten wunderschön! Bruckner war ein Meister des langsamen Satzes, das haben schon die Zeitgenossen an ihm gerühmt. Erst mit der Dritten ist der typische Bruckner-Klang dann voll da. Aber ich möchte die Frühwerke nicht missen, auch nicht die geistlichen Werke. Der Psalm 146 zum Beispiel ist ein herrliches Werk, aber nahezu vergessen – weil eben dieses typische Weihevolle noch nicht da ist.

Foto: Mile Cindric

Böse Stimmen sagen, Bruckner habe neun- oder elfmal dieselbe Symphonie geschrieben. Sie sagen: Er hat über 20 Symphonien geschrieben, oder?

Naja, das sage ich nicht. Das symphonische Grundmaterial ist in der frühen und der späten Fassung der zweiten Symphonie dasselbe. Es ist, wie wenn man einem Improvisator ein Thema gibt, das er dann ausarbeitet. Das Grundmaterial, das Erkennungsmaterial, wenn man so will, rührt er nicht an.

Dennoch: Von der Dritten und der Vierten gibt es vier bis fünf Fassungen, von der Zweiten und der Achten drei. Ist es wirklich sinnvoll, von „der Zweiten“ oder „der Dritten“ zu sprechen?

Zunächst einmal: Für mich darf man nur dann von Fassungen sprechen, wenn wesentliche, hörbare Unterschiede vorhanden sind, in der Form, der Länge, dem Aufbau, der Ausformulierung der Themen, Durchführung usw. Bei der Zweiten ist es nicht so entscheidend, ob ich die erste oder die zweite Fassung spiele – weil da das Grundmaterial so stark und so fest ist. Anders ist es bei der Vierten, wo die Spätfassung sich gravierend von der Frühfassung unterscheidet. Das hat man oft bei Bruckner, dass die erste Fassung, der erste Wurf ganz anders ist als das, was an Fassungen folgt. Insofern stimmt es: Man kann nicht von „der Vierten“ sprechen. Das Scherzo ist ein komplett anderes Stück.

Für Bruckner selbst war immer die letzte Version die „gültige“. Insofern setzen Sie sich doch über Bruckners Willen hinweg, wenn Sie die früheren Fassungen spielen.

Das stimmt, aber dieses Dilemma hat er selbst verschuldet. Er hätte die früheren Fassungen ja vernichten können. Stattdessen hat er sie fein säuberlich aufgehoben. Er musste damit rechnen, dass man auch diese Noten wieder spielen würde. Deshalb hab ich da keinerlei Skrupel.

Wenn Sie in der Zeitung lesen würden, im österreichischen Nationalarchiv oder wo auch immer sei ein Klavierkonzert von Bruckner gefunden worden – würden Sie das glauben?

Nein! Das würde nicht passen. Er hat ja außer geistlichen Werken und Symphonien so gut wie nichts geschrieben. Gut, das Streichquintett, aber das ist sehr symphonisch gedacht. Bruckner hat sogar für sein eigenes Instrument, die Orgel, fast nichts hinterlassen. Was wir da von ihm haben, sind Gelegenheitswerke oder Übungsstücke. Auch Variationszyklen gibt es nicht von ihm, das entspricht nicht seiner geistigen Haltung

Muss man also sagen: Bruckner war ein genialer Nischenkomponist, der eine ganz spezifische kompositorische Idee verfolgt und immer weiter vervollkommnet hat?

Was die Gattung betrifft, war er sehr begrenzt, das stimmt. Das war seine Ausdrucksform. Er hatte sich ein Schema erarbeitet, das er dann immer neu gefüllt hat, mit wenigen Abweichungen. Das war immer die Sonatenhauptsatzform, die übrigens schon damals als altmodisch galt. Das hat ihm gereicht.

„In den Pausen passiert das Entscheidende. Wenn wir innehalten, haben wir die Möglichkeit, den Dingen nachzuspüren.“

Wie geht es Ihnen damit? Sie verbringen ja sehr viel Zeit mit Bruckner.

Naja, ich hab auch sehr viel anderes dirigiert. Aber irgendwann kam der Punkt, dass ich mich intensiv mit Bruckner beschäftigen wollte. Und ich bin ehrlich gesagt über mich selbst erstaunt, dass ich mich immer noch und mit immer neuer Begeisterung den verschiedenen Fassungen widme. Als nächstes werde ich die vierte Symphonie in der Spätfassung aufnehmen, dann kommt die Dritte in einer mittleren Fassung, dann noch die Achte in der Spätfassung und die Neunte mit meinem Finalsatz – den ich zum dritten Mal revidiert habe. Vielleicht färbt Bruckner da schon ab. Ich genieße es, dass man inzwischen einen ungezwungeneren Umgang pflegen kann mit diesen Komponisten, die man früher doch sehr auf ein Podest gehoben hat, gerade Bruckner mit seiner sakralen Sphäre. Das ist Gott sei Dank nicht mehr der Fall. Bruckner war ein Mensch wie du und ich, der in seinen Symphonien seine Gefühle und seine Hoffnungen zum Ausdruck bringt – das ist das schöne bei ihm. Wahrscheinlich inspiriert mich das auch so stark.

Das Hoffnungsvolle?

Was es genau ist, kann ich nicht sagen. Da wird etwas vermittelt, was mich im Innersten anspricht. Natürlich gibt es auch das Grüblerische, das Dunkle in seinen Werken. Aber es gibt immer auch eine Hoffnung, ein Licht am Ende des Tunnels, etwas Höheres. Es ist keine religiöse Musik, aber das religiöse Moment ist bei Bruckner doch ganz wichtig. Ohne das ist Bruckner nicht denkbar – weil es in seinem Leben so präsent war. Es ist immer etwas Feierliches in seiner Musik, sie ist herausgehoben aus den Niederungen des Alltags. Er gibt nicht nur seine ganzen Emotionen, seinen Weltschmerz in die Musik, nein, es gibt immer auch eine Lösung für ihn – und das transportiert die Musik. Sie hebt mich in andere Dimensionen. Und es ist bis jetzt noch nicht langweilig geworden.

Jeder Klassikfreund erkennt Bruckner sofort. Aber vermutlich haben die meisten damit Probleme, Themen und Sätze den einzelnen Symphonien zuzuordnen. Gibt es einen Trick, sich das zu merken?

Muss man sich das merken? Es geht doch bei Musik um Emotionen. Wenn man ein Stück hört, soll man sich hineinfühlen, und ob das nun die Nummer Acht oder die Nummer Sieben ist, ist doch eigentlich egal.

Foto: Axel Bahr

Sie waren gerade in St. Florian und haben auf Bruckners Orgel gespielt. Haben Sie einen Genius loci gespürt?

Das hat schon was, weil der ganze Ort diesen Geist atmet. Aber diesen Geist spüre ich auch in der Klosterkirche von Ebrach, wenn wir unsere CDs aufnehmen, die ist von der Größe und vom Hall ganz ähnlich. Durch die Musik ist ein besonderer Geist herstellbar – und zwar in jedem Konzertsaal. In St. Florian habe ich allerdings schon manchmal gedacht: Da unten liegt er jetzt. Aber die Orgel ist nicht mehr die originale. Es gibt Pfeifen, die schon Bruckner zum Klingen gebracht hat, aber das Werk an sich ist später stark verändert worden. Ich habe auch auf dem Harmonium gespielt, das Bruckner damals fürs Konservatorium in Wien angeschafft hat. Da hat mich der satte Klang beeindruckt, ein sehr runder, weicher Klang, nie schrill, immer eingebettet in einer guten Grundierung. Man spürt die Klangästhetik des 19. Jahrhunderts, wenn man an dem Instrument sitzt. – Jeder Mensch ist geprägt durch die Umgebung, in der er aufwächst. Bruckners Musik ist für den Konzertsaal geschrieben, vermutlich hat er nie daran gedacht hat, dass eine Kirche mal ein Aufführungsort sein könnte. Dennoch merke ich, dass die Musik durch die Dimensionen des Kirchenraumes gewinnt. Die zweite Symphonie wird ja auch als „Pausensymphonie“ bezeichnet – was damals nicht positiv gemeint war. Aber wenn man das Werk in einer Kirche aufführt, merkt man, wie wichtig die Pausen sind. Man spürt die architektonische Dimension auch im Klang, das Spiel mit dem Raum. Man merkt, diese Musik braucht ihre Zeit. 

Aber die Zweite hat nicht mehr Pausen als die späteren Symphonien, oder?

Nein, aber bei der Zweiten war das eben etwas Neues. Mit den Pausen schafft Bruckner eine starke Gliederung. Man braucht Zeit zum Einatmen und zum Ausatmen, und diese Zeit nimmt er sich einfach. Das spürt man im Kirchenraum besonders. Aber natürlich kann man das auch im Konzertsaal realisieren. Denn der Spannungsbogen geht ja weiter. Man muss es schaffen, dass das Ganze ein großer Fluss wird – dann wird’s inter­essant. Dass diese Module nicht aneinandergeklebt werden, sondern organisch immer weiter führen. Das ist das Schwierige. Es wird ja eine große Geschichte erzählt, jede Symphonie hat ihre Entwicklung, ihre Dramaturgie, ein Thema erfährt eine Wandlung, eine Metamorphose, es kommt anders heraus, als es hineingegangen ist. Das ist das Faszinierende. 

Jetten Sie jetzt im Bruckner-Jahr um die Welt – oder ziehen Sie sich heraus?

Nein, ich dirigiere nicht mehr so viel, sondern gönne mir den Luxus, einzutauchen. Ich glaube an Fügung, ans Schicksal. Man muss sich Zeit lassen. Das Wesentliche entsteht, wenn nichts passiert. Da sind wir wieder bei den Pausen – generell in der Musik. In den Pausen passiert das Entscheidende. Denn wenn wir innehalten, dann haben wir auch die Möglichkeit, den Dingen nachzuspüren – ich sage bewusst nicht: nachzudenken. Insofern ist mein Terminkalender, was Bruckner betrifft, mit drei Aufnahmen in diesem Jahr gut gefüllt, mehr Bruckner muss gar nicht sein.

Es gab ja zahlreiche Komponisten, die von Bruckner stark inspiriert wurden. Können Sie Brucknerianern, die sich eine zwölfte oder dreizehnte Symphonie wünschen, ein Werk empfehlen?

Eine richtige Bruckner-Schule gibt es nicht. Der einzige Nachfolger im Sinne seines Kompositionssystems war Arnold Schönberg, und der klingt weiß Gott nicht nach Bruckner. Das ist für mich der einzige legitime Nachfolger von Bruckner.

Ein Brucknerianer, der sich eine weitere Bruckner-Symphonie wünscht –

… muss sich eine schreiben.

Oder sich Ihre Instrumentierung des Streichquintetts anhören.

(lacht) Das ist aus einer inneren Empfindung heraus entstanden. Das war ein Experiment – das mir großen Spaß gemacht hat. Dieses Element der Freude finde ich übrigens ganz wichtig in der Musik. Warum soll man solche Sachen also nicht mal versuchen? Aber haben wir jetzt eine neue Symphonie von Bruckner? Ich denke: Nein. Ich glaube, dass meine Instrumentierung, bei der ich ja nur einige wenige Passagen aus den Streichern in die Bläser gelegt und sonst nichts verändert habe, vor allem die Struktur verdeutlicht. Das Streichquintett hat zwar symphonische Intentionen und Dimensionen, ist aber keine verkappte Symphonie.

Bruckner war ja ein großer Improvisator. Würde er uns nicht für verrückt erklären, dass wir seine Werke immer wieder aufführen und uns über die einzelnen Fassungen unterhalten?

Er wäre total erstaunt. Aber er wäre auch erfreut – dass er nichts mehr ändern muss. Dass wir es wirklich so aufführen, wie es da steht. Und vielleicht würde er auch über sich selbst nachdenken und überlegen: Vielleicht hätte ich das doch nicht ändern sollen, vielleicht war diese Frühfassung doch nicht so schlecht. Er wäre vermutlich auch überrascht, wie es heute klingt – mit unserem modernen Instrumentarium, und mit welcher Ernsthaftigkeit wir uns seiner Musik widmen. Und vielleicht würde er manches, was die Dynamik betrifft, auch ändern aufgrund des Klangeindrucks, der heute bekäme. Insgesamt glaube ich, Bruckner wäre glücklich.