Interview & Porträt

„Bei Liszt ist so viel zu entdecken“

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
März 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: www.yoavlevanon.com
Foto: www.yoavlevanon.com

Sich mit 19 Jahren auf der großen Bühne eines Klavierfestivals gegen Martha Argerich, Elisabeth Leonskaja und Michail Pletnew zu behaupten, das ist schon was. Beim Festival Le Piano Symphonique im Januar in Luzern spielte Yoav Levanon gemeinsam mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter dessen Chefdirigent Michael Sanderling die beiden Klavierkonzerte von Franz Liszt. Und wurde gefeiert für seinen mächtigen, kristallinen Ton und die rasenden Finger, aber auch für seine musikalische Eleganz und sein Feingefühl. Der Israeli, der seit kurzem in Bad Kissingen wohnt und mit seiner schlanken Figur und den halblangen Haaren tatsächlich etwas Liszthaftes an sich hat, genoss das Bad in der Menge sichtlich. Zum letzten Verbeugen kam er wie ein D-Zug an die Rampe, winkte und bedankte sich mit zahlreichen Herzzeichen. So extrovertiert wirkt er abseits der Bühne aber überhaupt nicht.

Herr Levanon, die Liszt-Konzerte und den Totentanz haben Sie hier in Luzern tagsüber aufgenommen. Sind Sie sind glücklich mit Ihren ersten Orchestereinspielungen?

Sehr. Ich habe 2023 mit dem Orchester und Michael Sanderling das erste Klavierkonzert von Paderewski gespielt, das war fantastisch. Michael Sanderling ist ein Dirigent, der offen ist und zuhört. Ich bin noch jung, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich wirklich ernst, ich kann Ideen mit ihm austauschen. Der Saal ist toll, den Produzenten kenne ich von meinen ersten beiden Aufnahmen. Es ist intensiv, macht aber Freude.

Im Februar werden Sie sich mit den Journalisten über Rachmaninows Etudes-Tableaux op. 39 unterhalten, dann erscheint Ihre Aufnahme vom letzten Jahr als digitales Album.

Es ist verrückt. Man nimmt etwas auf, und es erscheint viel später. Die Rachmaninow-Etüden waren mir auch ein Herzensanliegen. Der Liszt wird vermutlich erst in einem Jahr erscheinen.

Es gibt schon so viele Aufnahmen. Warum nehmen Sie überhaupt noch Alben auf?

Wenn ein Konzert vorbei ist, ist es vorbei, niemand kann es mehr hören. Ein Video ist ebenfalls nach ein paar Jahren weg. Mit Aufnahmen kann man etwas bewahren durch die Zeiten. Eine Freundin hat mich vor ein paar Jahren gewarnt: Das Musik-Business ist schlimm, unterschreibe keinen Vertrag, verkaufe deine Seele nicht. Ich liebe es, wie manche Leute über Dinge reden, von denen sie keine Ahnung haben. (lacht) Ich bin glücklich bei Warner – ich kenne ja kein anderes Label. Das Schöne ist, dass sie einem zuhören und versuchen zu verstehen, was man möchte. Natürlich müssen sie Geld verdienen, sie müssen strategisch denken, aber ich habe das Gefühl, es geht ihnen vor allem um die Musik. Als Major-Label haben sie viel Macht, sie können über die Aufnahme- und Musikgeschichte, über die Frage, was bewahrt wird für die Nachwelt, mitentscheiden. Ich denke, sie versuchen etwas künstlerisch Bleibendes zu schaffen. Wenn ich etwas aufnehme, weiß ich, Menschen werden das sogar noch hören können, wenn ich tot bin. Es ist wie eine Live-Performance, aber erweitert. Es ist so perfekt, durch die Aufnahme, die Abmischung, den ganzen Prozess, wie man es nie live zu hören bekommen kann. Es ist eine andere Art, Musik zu präsentieren.

Sagen Sie sich – oder sagt Ihnen die Plattenfirma: Es muss etwas ganz Besonderes werden?

Nein, das habe ich nie von ihnen gehört. Wir Menschen haben den Wunsch, andere glücklich zu machen. Und unser Ego möchte, dass wir andere Menschen beeindrucken. Wenn ich einen Liszt spiele, könnte ich die Leute beeindrucken, indem ich es rasend schnell spiele. Wenn man noch kein großer Name ist, ist die Verführung groß. Aber es darf nicht um mich gehen. Ich muss das machen, was die Musik braucht, nicht mehr und nichts anderes. Und das Lustige ist: Je mehr man äußere Effekte weglässt, desto beeindruckender ist es fürs Publikum. Ich muss nichts Neues oder Besonderes zeigen.

Rachmaninow und Liszt sind Werke, für die man wirklich schnelle Finger braucht. Steht Ihnen diese Musik nahe – oder ist diese Repertoirewahl doch eine strategische Entscheidung?

Es gibt diese strategischen Fragen. Aber darüber denke ich nicht nach. Das gefällt mir an meinem Label, dass sie nicht versuchen, mich so schnell wie möglich „groß“ zu machen. Sie versuchen mich zu präsentieren, wie ich bin, als seriösen Künstler. Ich möchte ich selbst bleiben. Chopin und Liszt waren und sind sehr wichtig für mich, auch Rachmaninow. Das waren die größten Pianisten und Künstlerpersönlichkeiten ihrer Zeit, Liszt wurde gefeiert wie Michael Jackson. Ich habe viel Liszt und Chopin gespielt, das hat mir geholfen herauszufinden, was auf dem Klavier alles möglich ist. Und es hat meine Technik verbessert. Es ist wichtig, dass man nicht in diesem technischen Bereich stecken bleibt. Die Technik zu lernen ist hart, aber wenn man einmal darüber hinaus ist, wenn das Technische keine Schwierigkeit mehr darstellt, dann ist die Virtuosität einfach ein Weg, sich auszudrücken. Mozart ist genauso schwer wie Liszt, aber auf andere Art. Wie zwei Maler, die verschiedene Pinsel verwendet haben.

Foto: Nir Slakman

Es muss ein schönes Gefühl sein, über den Schwierigkeiten zu stehen.

Das macht Spaß, absolut. Ich spiele gern solche virtuosen Stücke. Aber darüber denke ich nicht nach. Es gibt Leute, die sagen: Mozart kannst du später spielen, jetzt musst du Liszt spielen, so lange du wie ein Sportler noch im besten Alter bist. Aber ich spiele Liszt, weil das tolle Musik ist, da ist so viel zu entdecken. Er fasziniert mich aber auch als Persönlichkeit, er hat wirklich die Musik revolutioniert: durch seine Programme, durch die Inszenierung – er hat das Klavier so positioniert, dass das Publikum ihm ins Gesicht sehen konnte –, aber auch durch die Werke selbst. Die beiden Klavierkonzerte brachen zum Beispiel völlig mit der gängigen dreisätzigen Form.

Alle Welt macht sich Sorgen über die Zukunft der klassischen Musik. Und genau hier wollen Sie nun ihre Berufsleben aufbauen.

Stirbt die klassische Musik? Das ist die Frage. Wenn ich mit jungen Leuten rede, merke ich oft: Sie mögen klassische Musik. Aber eben nicht nur, sie mögen auch andere Musik, und sie gehen nicht oft ins Konzert. Da ist ein großes Potenzial, und da haben wir alle eine große Verantwortung, finde ich. Aber worüber ich mir Gedanken mache, ist: Was kann ich in der Welt bewegen? Und wie kann ich gleichzeitig glücklich sein und mit mir im Einklang leben? Ìch tue etwas, was ich wirklich liebe – und wo ich etwas zu geben habe, denke ich. Ich mag auch andere Musik. Aber die Klassik ist besonders in vielen Belangen. Ich mache mir da keine Gedanken. Wenn ich von klassischer Musik nicht mehr leben kann, werde ich etwas anderes finden. Im Moment lebe ich, als würde die klassische Musik nie sterben.

Hatten Sie jemals die Chance, nicht Musiker zu werden?

Ich bin mit Musik aufgewachsen. Meine Mutter ist Geigerin, mein Bruder ist Gitarrist, er hat gerade sein Studium in Berlin abgeschlossen, wir hatten zu Hause ein Klavier, und deshalb hab ich mit drei Jahren angefangen zu spielen. Und damit ich nicht nur so herumklimpere, haben meine Eltern mich zu einem Lehrer gebracht. Dann hat sich alles ganz allmählich entwickelt. Als ich mit elf das Chopin-Konzert Nr. 1 mit Daniel Oren aufgeführt habe, da habe ich entschieden, das ist es, was ich mein Leben lang tun möchte. Von da an bin ich seltener zur Schule gegangen und schließlich ganz zu Hause unterrichtet worden. Aber meine Eltern haben mich nie gedrängt. Sie haben mich immer unterstützt, mir immer gesagt, wie stolz sie auf mich sind. Aber sie haben mich auch immer wieder gefragt: Bist du dir sicher, dass du diesen Weg einschlagen willst? Das ist ein anderes Leben als das übliche. Aber ich mag es, bis heute. Man muss viel reisen, man muss viel vor dem Klavier sitzen. Aber das ist das richtige für mich. Ich wollte nie etwas anderes machen.

Ein richtiges Musikstudium haben Sie nicht absolviert, oder?

Ich hatte bei einem Lehrer am Konservatorium Unterricht, und ich hatte früh schon Theoriestunden bei einem Professor von der Hochschule. Und dann habe ich viel aus den Begegnungen mit großartigen Pianisten gelernt, Künstlern, die ich bewundere, wie Murray Perrahia und András Schiff.

Es ist ein ulkiger Beruf: Sie gehen auf die Bühne, spielen den Leuten etwas vor und gehen wieder.

Verrückt, oder? Man bewegt seine Finger auf schwarzen und weißen Dingern und wird dafür bezahlt. Aber es ist toll! Ich liebe das. Ich gebe gern Konzerte. Man teilt die Musik mit anderen Menschen, und das ist mir das wichtigste: das Musikerlebnis und meine Leidenschaft, meine Passion für die Musik mit anderen zu teilen. Gefährlich wird es, wenn man den Applaus braucht. Wenn man diese Stimulanz von außen braucht, wenn man sich dauernd fragt, was die Leute von einem denken, das ist toxisch. Man muss das von innen heraus wollen.

„Das ist das richtige für mich. Ich wollte nie etwas anderes machen.“

Man spürt, dass Sie sich auf der Bühne wohl fühlen.

Das tue ich. Ich bin glücklich, dass ich mehr und mehr Konzerte spielen darf. 

Ist das der schönste Teil des Pianistenlebens?

Ich glaube, es ist die Kombination aus Vorbereitung und Konzert, die es ausmacht. Man arbeitet an der Musik, entwickelt eine Vision und arbeitet dann daran, diese Vision zum Leben kommen zu lassen. Und dann vermittelt man sie anderen Menschen – im Konzert oder auch mit einer Aufnahme. Das gehört alles zusammen.

Aber es ist ein einsames Leben.

Das stimmt. Man übt und ist viel allein. Auch mit den Orchestermusikern unterhält man sich eigentlich nicht. Aber ich fühle mich nicht einsam. Ich bin immer von Menschen umgeben. Ich habe meine Familie um mich, mein Vater begleitet mich gerade, das ist schön, weil er mir vieles abnimmt. Und ich lerne viele Leute kennen. Ich kann nicht viel Zeit mit ihnen verbringen, weil ich dann wieder weiterreise, aber ich lerne im Moment sehr viele Menschen kann, das ist toll.

Sie haben beim Konzert den Klavierhocker sehr kunstvoll herumgewirbelt. Warum das?

Es geht um den Höhenversteller, der ist meist hinten, aber für mich macht es mehr Sinn, dass er vorne ist. Deshalb drehe ich den Hocker oft herum. Und inzwischen habe ich Übung, das mit Schwung zu machen. Das ist lustig, weil die Leute sowas nicht erwarten. Wenn es eines Tages mit der klassischen Musik nicht mehr klappen sollte, vielleicht werde ich dann professioneller Stuhldreher.

Sich mit 19 Jahren auf der großen Bühne eines Klavierfestivals gegen Martha Argerich, Elisabeth Leonskaja und Michail Pletnew zu behaupten, das ist schon was. Beim Festival Le Piano Symphonique im Januar in Luzern spielte Yoav Levanon gemeinsam mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter dessen Chefdirigent Michael Sanderling die beiden Klavierkonzerte von Franz Liszt. Und wurde gefeiert für seinen mächtigen, kristallinen Ton und die rasenden Finger, aber auch für seine musikalische Eleganz und sein Feingefühl. Der Israeli, der seit kurzem in Bad Kissingen wohnt und mit seiner schlanken Figur und den halblangen Haaren tatsächlich etwas Liszthaftes an sich hat, genoss das Bad in der Menge sichtlich. Zum letzten Verbeugen kam er wie ein D-Zug an die Rampe, winkte und bedankte sich mit zahlreichen Herzzeichen. So extrovertiert wirkt er abseits der Bühne aber überhaupt nicht.

Herr Levanon, die Liszt-Konzerte und den Totentanz haben Sie hier in Luzern tagsüber aufgenommen. Sind Sie sind glücklich mit Ihren ersten Orchestereinspielungen?

Sehr. Ich habe 2023 mit dem Orchester und Michael Sanderling das erste Klavierkonzert von Paderewski gespielt, das war fantastisch. Michael Sanderling ist ein Dirigent, der offen ist und zuhört. Ich bin noch jung, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich wirklich ernst, ich kann Ideen mit ihm austauschen. Der Saal ist toll, den Produzenten kenne ich von meinen ersten beiden Aufnahmen. Es ist intensiv, macht aber Freude.

Im Februar werden Sie sich mit den Journalisten über Rachmaninows Etudes-Tableaux op. 39 unterhalten, dann erscheint Ihre Aufnahme vom letzten Jahr als digitales Album.

Es ist verrückt. Man nimmt etwas auf, und es erscheint viel später. Die Rachmaninow-Etüden waren mir auch ein Herzensanliegen. Der Liszt wird vermutlich erst in einem Jahr erscheinen.

Es gibt schon so viele Aufnahmen. Warum nehmen Sie überhaupt noch Alben auf?

Wenn ein Konzert vorbei ist, ist es vorbei, niemand kann es mehr hören. Ein Video ist ebenfalls nach ein paar Jahren weg. Mit Aufnahmen kann man etwas bewahren durch die Zeiten. Eine Freundin hat mich vor ein paar Jahren gewarnt: Das Musik-Business ist schlimm, unterschreibe keinen Vertrag, verkaufe deine Seele nicht. Ich liebe es, wie manche Leute über Dinge reden, von denen sie keine Ahnung haben. (lacht) Ich bin glücklich bei Warner – ich kenne ja kein anderes Label. Das Schöne ist, dass sie einem zuhören und versuchen zu verstehen, was man möchte. Natürlich müssen sie Geld verdienen, sie müssen strategisch denken, aber ich habe das Gefühl, es geht ihnen vor allem um die Musik. Als Major-Label haben sie viel Macht, sie können über die Aufnahme- und Musikgeschichte, über die Frage, was bewahrt wird für die Nachwelt, mitentscheiden. Ich denke, sie versuchen etwas künstlerisch Bleibendes zu schaffen. Wenn ich etwas aufnehme, weiß ich, Menschen werden das sogar noch hören können, wenn ich tot bin. Es ist wie eine Live-Performance, aber erweitert. Es ist so perfekt, durch die Aufnahme, die Abmischung, den ganzen Prozess, wie man es nie live zu hören bekommen kann. Es ist eine andere Art, Musik zu präsentieren.

Sagen Sie sich – oder sagt Ihnen die Plattenfirma: Es muss etwas ganz Besonderes werden?

Nein, das habe ich nie von ihnen gehört. Wir Menschen haben den Wunsch, andere glücklich zu machen. Und unser Ego möchte, dass wir andere Menschen beeindrucken. Wenn ich einen Liszt spiele, könnte ich die Leute beeindrucken, indem ich es rasend schnell spiele. Wenn man noch kein großer Name ist, ist die Verführung groß. Aber es darf nicht um mich gehen. Ich muss das machen, was die Musik braucht, nicht mehr und nichts anderes. Und das Lustige ist: Je mehr man äußere Effekte weglässt, desto beeindruckender ist es fürs Publikum. Ich muss nichts Neues oder Besonderes zeigen.

Rachmaninow und Liszt sind Werke, für die man wirklich schnelle Finger braucht. Steht Ihnen diese Musik nahe – oder ist diese Repertoirewahl doch eine strategische Entscheidung?

Es gibt diese strategischen Fragen. Aber darüber denke ich nicht nach. Das gefällt mir an meinem Label, dass sie nicht versuchen, mich so schnell wie möglich „groß“ zu machen. Sie versuchen mich zu präsentieren, wie ich bin, als seriösen Künstler. Ich möchte ich selbst bleiben. Chopin und Liszt waren und sind sehr wichtig für mich, auch Rachmaninow. Das waren die größten Pianisten und Künstlerpersönlichkeiten ihrer Zeit, Liszt wurde gefeiert wie Michael Jackson. Ich habe viel Liszt und Chopin gespielt, das hat mir geholfen herauszufinden, was auf dem Klavier alles möglich ist. Und es hat meine Technik verbessert. Es ist wichtig, dass man nicht in diesem technischen Bereich stecken bleibt. Die Technik zu lernen ist hart, aber wenn man einmal darüber hinaus ist, wenn das Technische keine Schwierigkeit mehr darstellt, dann ist die Virtuosität einfach ein Weg, sich auszudrücken. Mozart ist genauso schwer wie Liszt, aber auf andere Art. Wie zwei Maler, die verschiedene Pinsel verwendet haben.

Foto: Nir Slakman

Es muss ein schönes Gefühl sein, über den Schwierigkeiten zu stehen.

Das macht Spaß, absolut. Ich spiele gern solche virtuosen Stücke. Aber darüber denke ich nicht nach. Es gibt Leute, die sagen: Mozart kannst du später spielen, jetzt musst du Liszt spielen, so lange du wie ein Sportler noch im besten Alter bist. Aber ich spiele Liszt, weil das tolle Musik ist, da ist so viel zu entdecken. Er fasziniert mich aber auch als Persönlichkeit, er hat wirklich die Musik revolutioniert: durch seine Programme, durch die Inszenierung – er hat das Klavier so positioniert, dass das Publikum ihm ins Gesicht sehen konnte –, aber auch durch die Werke selbst. Die beiden Klavierkonzerte brachen zum Beispiel völlig mit der gängigen dreisätzigen Form.

Alle Welt macht sich Sorgen über die Zukunft der klassischen Musik. Und genau hier wollen Sie nun ihre Berufsleben aufbauen.

Stirbt die klassische Musik? Das ist die Frage. Wenn ich mit jungen Leuten rede, merke ich oft: Sie mögen klassische Musik. Aber eben nicht nur, sie mögen auch andere Musik, und sie gehen nicht oft ins Konzert. Da ist ein großes Potenzial, und da haben wir alle eine große Verantwortung, finde ich. Aber worüber ich mir Gedanken mache, ist: Was kann ich in der Welt bewegen? Und wie kann ich gleichzeitig glücklich sein und mit mir im Einklang leben? Ìch tue etwas, was ich wirklich liebe – und wo ich etwas zu geben habe, denke ich. Ich mag auch andere Musik. Aber die Klassik ist besonders in vielen Belangen. Ich mache mir da keine Gedanken. Wenn ich von klassischer Musik nicht mehr leben kann, werde ich etwas anderes finden. Im Moment lebe ich, als würde die klassische Musik nie sterben.

Hatten Sie jemals die Chance, nicht Musiker zu werden?

Ich bin mit Musik aufgewachsen. Meine Mutter ist Geigerin, mein Bruder ist Gitarrist, er hat gerade sein Studium in Berlin abgeschlossen, wir hatten zu Hause ein Klavier, und deshalb hab ich mit drei Jahren angefangen zu spielen. Und damit ich nicht nur so herumklimpere, haben meine Eltern mich zu einem Lehrer gebracht. Dann hat sich alles ganz allmählich entwickelt. Als ich mit elf das Chopin-Konzert Nr. 1 mit Daniel Oren aufgeführt habe, da habe ich entschieden, das ist es, was ich mein Leben lang tun möchte. Von da an bin ich seltener zur Schule gegangen und schließlich ganz zu Hause unterrichtet worden. Aber meine Eltern haben mich nie gedrängt. Sie haben mich immer unterstützt, mir immer gesagt, wie stolz sie auf mich sind. Aber sie haben mich auch immer wieder gefragt: Bist du dir sicher, dass du diesen Weg einschlagen willst? Das ist ein anderes Leben als das übliche. Aber ich mag es, bis heute. Man muss viel reisen, man muss viel vor dem Klavier sitzen. Aber das ist das richtige für mich. Ich wollte nie etwas anderes machen.

Ein richtiges Musikstudium haben Sie nicht absolviert, oder?

Ich hatte bei einem Lehrer am Konservatorium Unterricht, und ich hatte früh schon Theoriestunden bei einem Professor von der Hochschule. Und dann habe ich viel aus den Begegnungen mit großartigen Pianisten gelernt, Künstlern, die ich bewundere, wie Murray Perrahia und András Schiff.

Es ist ein ulkiger Beruf: Sie gehen auf die Bühne, spielen den Leuten etwas vor und gehen wieder.

Verrückt, oder? Man bewegt seine Finger auf schwarzen und weißen Dingern und wird dafür bezahlt. Aber es ist toll! Ich liebe das. Ich gebe gern Konzerte. Man teilt die Musik mit anderen Menschen, und das ist mir das wichtigste: das Musikerlebnis und meine Leidenschaft, meine Passion für die Musik mit anderen zu teilen. Gefährlich wird es, wenn man den Applaus braucht. Wenn man diese Stimulanz von außen braucht, wenn man sich dauernd fragt, was die Leute von einem denken, das ist toxisch. Man muss das von innen heraus wollen.

„Das ist das richtige für mich. Ich wollte nie etwas anderes machen.“

Man spürt, dass Sie sich auf der Bühne wohl fühlen.

Das tue ich. Ich bin glücklich, dass ich mehr und mehr Konzerte spielen darf. 

Ist das der schönste Teil des Pianistenlebens?

Ich glaube, es ist die Kombination aus Vorbereitung und Konzert, die es ausmacht. Man arbeitet an der Musik, entwickelt eine Vision und arbeitet dann daran, diese Vision zum Leben kommen zu lassen. Und dann vermittelt man sie anderen Menschen – im Konzert oder auch mit einer Aufnahme. Das gehört alles zusammen.

Aber es ist ein einsames Leben.

Das stimmt. Man übt und ist viel allein. Auch mit den Orchestermusikern unterhält man sich eigentlich nicht. Aber ich fühle mich nicht einsam. Ich bin immer von Menschen umgeben. Ich habe meine Familie um mich, mein Vater begleitet mich gerade, das ist schön, weil er mir vieles abnimmt. Und ich lerne viele Leute kennen. Ich kann nicht viel Zeit mit ihnen verbringen, weil ich dann wieder weiterreise, aber ich lerne im Moment sehr viele Menschen kann, das ist toll.

Sie haben beim Konzert den Klavierhocker sehr kunstvoll herumgewirbelt. Warum das?

Es geht um den Höhenversteller, der ist meist hinten, aber für mich macht es mehr Sinn, dass er vorne ist. Deshalb drehe ich den Hocker oft herum. Und inzwischen habe ich Übung, das mit Schwung zu machen. Das ist lustig, weil die Leute sowas nicht erwarten. Wenn es eines Tages mit der klassischen Musik nicht mehr klappen sollte, vielleicht werde ich dann professioneller Stuhldreher.