Interview & Porträt

„Gemeinsam musizieren ist die perfekte Paartherapie“

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Irène Zandel
Foto: Irène Zandel

Es war eine glückliche Fügung, dass Aglika Genova und Liuben Dimitrov Ende 1995 als Klavierduo zusammenfanden. Neun Monate später gewannen sie den ARD-Wettbewerb und beschlossen, fortan nicht mehr nur privat, sondern auch beruflich ein Paar zu werden. Längst gelten sie als eines der besten Klavierduos der Welt, und geradezu enzyklopädisch haben sie die Gesamtwerke für zwei Klaviere oder zu vier Händen von Rachmaninow, Schostakowitsch, Amy Beach, Clementi, J. Chr. Bach, Reinecke u. a. aufgenommen – und zuletzt von Claude Debussy. Beide wurden in Bulgarien geboren, sind griechischer Abstammung und leben seit Langem in der Nähe von Hannover. Beim Interview mit Kaffee und Kuchen in einem Café in Hameln – zu Hause wurden bereits die Koffer für die nächste Tournee gepackt – erwiesen sich die beiden als sehr lebendige, fröhliche und eloquente Gesprächspartner. Beide fallen einander immer wieder ins Wort, wollen aber offensichtlich stets dasselbe sagen, sodass sie sich nicht genervt, sondern eher bestärkt fühlen. Die beiden wirken auf faszinierende Weise symbiotisch.

Frau Genova, Herr Dimitrov, herzlichen Glückwunsch zu dreißig Jahren Klavierduo. Was reizt Sie so an diesem Genre?

Sie: Duo ist Solo mal zwei. So haben wir es von Anfang an verstanden. Wir sind ja beide solistisch ausgebildet worden, in der Neuhaus-Tradition in Bulgarien bei den Professoren Julia und Konstantin Ganev und danach von Vladimir Krainev an der Musikhochschule in Hannover. Das war wirklich ein Gottesgeschenk. Er hatte Liuben in Tokio und mich in Deutschland jeweils bei Solowettbewerben gehört und hat uns eingeladen, bei ihm zu studieren.

Er: Junge Klavier-Löwen, so hat er uns damals genannt. (lachen)

Sie: Hannover war damals wirklich eine legendäre Ausbildungsstätte. Eines Tages hatten wir zum Aufwärmen nur zwei Flügel in einem Raum, also haben wir beide synchron die Chopin-Etüde op. 25 Nr. 11 gespielt. Genau dann schaute Professor Götzke herein, hörte uns und sagte: Aglika und Liuben, ihr seid doch schon ein Paar – wir waren zusammen nach Deutschland gekommen und waren bestimmt schon fünf Jahre zusammen –, wollt ihr nicht beim Kammermusikwettbewerb in einem Monat als Duo mitmachen? Aber mit richtigen Werken für Klavierduo! Professor Krainev sagte nur: Probiert es mal. Und wir haben den ersten Preis gewonnen – vor all den eingespielten Trios, Quartetten und allerlei anderen Ensembles. Krainev saß im Saal und fand es sehr interessant, das war sein Wort.

Hat er Sie unterrichtet?

Sie: Bis zu seinem Ableben 2011 hat er mit uns stets gearbeitet. Damals meinte er: Kinder, lasst uns jetzt was im Ausland versuchen. Dann werden wir sehen, ob euer Weg sich bestätigt. Dann haben wir den Bellini-Wettbewerb in Italien gewonnen, dann folgte Tokio, dann der ARD-Wettbewerb.

Er: Wir haben eine zweite Soloklasse-Aufnahmeprüfung als Duo abgelegt, und Krainev unterrichtete uns als einziges Duo in seiner Klasse. Man muss sagen, in der Neuhaus-Tradition geht alles sehr intensiv. Wir hatten Krainev am Anfang gefragt: Was sind Ihre Empfehlungen fürs Repertoire? Und er sagte sofort: Mozart-Sonate für zwei Klaviere, Schubert-Fantasie, Rachmaninow zweite Suite, Poulenc Sonate für zwei Klaviere, Lutoslawski-Variationen. Gleich wurde ein Weg vorgeschrieben, und dem sind wir gefolgt ohne Wenn und Aber und voller Überzeugung. Wir haben stundenlang am Klavier gesessen, haben alles auswendig gelernt. Diese Woche dieses Werk, nächste Woche das andere, es lief alles nach einem Plan. Nur so konnte man beim ARD-Wettbewerb gewinnen. Es wurde keine Zeit vergeudet, und das war gut so. Später haben wir immer wieder Studierende erlebt, die ihre Zeit einfach so verprasst haben. Ach, den Wettbewerb kann ich auch nächstes Jahr machen. Warum soll ich mich jetzt stressen? Die lassen einfach so die Zeit zwischen den Fingern durchrutschen.

Sie: Wir haben es riskiert, und das war absolut richtig. Nach dem ARD-Wettbewerb kam Ende 1997 noch der Murray-Dranoff-Wettbewerb in Miami, das waren die beiden Gipfel aller Klavierduo-Wettbewerbe, und danach war klar: Das ist unser Weg!

Er: Nach dem ARD-Wettbewerb gab es auch viele Anfragen für Solokonzertauftritte, aber wir haben gesagt: Nein, wir sind jetzt das Klavierduo Genova und Dimitrov. Sie können uns gern einladen, aber nur als Duo. Das war wirklich eine harte Entscheidung.

Sie: Seit Herbst 1995 hat keiner von uns beiden mehr öffentlich solo gespielt. Das hat natürlich alle gewundert. Wir haben mit fünf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne gestanden, haben mit neun als Solisten mit Orchester gespielt, jeder von uns hat jeweils 25 Wettbewerbe für Klavier solo gewonnen, wir hatten ein riesiges Solorepertoire erarbeitet. Eine harte Entscheidung, die wir aber bis heute nicht mal für eine Sekunde bereut haben.

Wie war denn dieser erste Moment, als Sie Duo gespielt haben?

Sie: Es war sofort klar: Der Mann spielt den Bass, die Frau den Sopran. Wenn wir an einem Klavier spielen, und ich würde den Bass spielen, würde ich hinter Liuben nicht mehr zu sehen sein. (lachen) Darüber haben wir nie diskutiert. Beim ARD-Wettbewerb gab es im Pflichtprogramm die ersten vierhändigen Werke, Mozart und Schubert. Das war für uns eine Art Schock. Diese Händeakrobatik, dieses Ballett, das man da aufführt. Professor Krainev hatte natürlich wenig Erfahrung mit Duos, aber als Schüler von Neuhaus hatte er diese Vogelperspektive auf die Partitur, und er sagte sofort: Aglitschka, Liubatschka, ihr müsst ganz andere Fingersätze nehmen, weil ihr die Tastatur teilen müsst.

Er: Wir hatten ja vorher als Solo-Studierende in ganz anderer Form zusammengespielt: Einer spielte den Solopart eines Klavierkonzertes, der andere spielte das Orchester, Rachmaninow 2 oder Beethoven 3 zum Beispiel. Aber beim vierhändigen Klavierspiel muss man oft anders handeln, als man es eigentlich als Solist gelernt hat.

Sie: Es war lustig: Im Sommer 1995 haben wir uns für einen Solowettbewerb in Korea vorbereitet, und da musste ich für Liuben beim ersten Brahms-Konzert das Orchester spielen. Raten Sie mal, mit wem Krainev mehr gemeckert hat. Natürlich mit dem Orchester. Er hat geschimpft, dass ich die Fuge vermasselt habe. Ich hatte das nicht geübt, weil ich mein eigenes Solorepertoire lernen musste.

Er: Diese Erfahrungen mit der Orchesterbegleitung haben uns später auch im Klavierduo sehr geholfen. Dieses Verständnis, dass nie einer nur die Begleitung spielt oder sich zurücklehnen kann nach dem Motto: Das klingt schon irgendwie. Nein, wenn die großen Komponisten das so geschrieben haben, dann hat es einen Sinn, eine Bedeutung, man muss alles mit Respekt und Hingabe spielen.

Was macht den Unterschied, ob Sie mit einem Geiger oder einem Sänger oder einem zweiten Klavier zusammenspielen?

Er: Zwei Klaviere zu spielen, ist etwas ganz anderes – weil man mit einem Spiegelbild von sich selbst kommuniziert. Du hast einen Partner, der am gleichen Instrument sitzt und mit denselben Schwierigkeiten kämpft – und sie hoffentlich löst. Mit einem Geiger oder Sänger arbeitet man natürlich musikalisch, aber rein technisch kann man weniger Ratschläge geben.

Sie: Das Klavier produziert den Klang in einem Sekundenbruchteil. Man drückt die Taste, und der Klang ist sofort da. Das ist bei anderen Instrumenten anders.

Er: Sänger oder Bläser bereiten ihren Einsatz vor, indem sie Luft holen. Auch Streicher brauchen einen Moment, bevor der Klang erzeugt wird. Am Klavier drückt man eine Taste, und der Klang ist da. Da kann man miteinander nur kommunizieren, indem man einander in die Augen schaut und vor allem zusammen atmet. Das Klavier ist doch eine Art Schlaginstrument. Und gegen diese Seite seiner Natur muss man ankämpfen. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass man mit einem Partner zusammenspielt, der fünf Meter entfernt ist. Man muss lernen, zusammen zu atmen. Das ist übrigens auch oft das Problem, wenn ein Pianist mit einem Orchester spielt. Und das ist auch einer der wichtigsten Aspekte, den die Duos in unserer Klasse an der hannoverschen Musikhochschule gelernt haben: zu atmen. Wir haben nicht nur Pianisten unterrichtet, die Profiduos werden wollten, sondern auch Pianisten, die das für ein, zwei, fünf Semester lernen wollten. Die wussten hinterher alle, wie man mit einem Orchester spielt. Die Gefahr ist groß, dass Pianisten in ihrer eigenen Box leben. Das ist meine Welt, mehr brauche ich nicht. Wir haben ihnen die Welt geöffnet und gezeigt, wie sie mit anderen Musikern kommunizieren.

Mussten Sie nicht an einem gemeinsamen Klang ­arbeiten?

Er: Das hat bei uns einfach funktioniert, weil wir dieselbe Grundlage haben – die Neuhaus-Tradition.

Sie: Unsere Professoren in Bulgarien, die Ganevs, haben uns mit fünf Jahren ausgewählt. Liuben aus Rousse, mich aus Plovdiv. Wir haben einen sehr ähnlichen Werdegang. Das hilft auch, wenn wir uns ein Stück erarbeiten. Das Hauptziel bei jedem neuen Werk ist, dass wir den Text so präzise wie möglich lesen und dadurch zu verstehen versuchen. Natürlich darf ich mich als Künstler entfalten, aber ich muss einen gewissen Rahmen respektieren, den der Komponist vorgibt. Und das Wissen um diesen Rahmen bildet sich über viele Jahre, durch Besuche von Sinfoniekonzerten, Opernabenden und Orgelkonzerten, durch Kontakte mit Dirigenten und anderen Musikern, durch Besuche von Ausstellungen, Kino, Theater, durch das Lesen von Hintergrundinformationen usw.

Und Sie sind sich immer einig?

Sie: Natürlich nicht. Wir diskutieren und streiten, wir sind Menschen, manchmal liegen auch bei uns die Nerven blank.

Er: Und dann denken wir oft an Professor Krainev, der uns immer wieder zum Notentext zurückgebracht hat. Dann sagte er: Du möchtest es schneller und du langsamer spielen? Guckt in den Text, schaut euch die Dramaturgie an, dirigiert und spürt der inneren Logik nach. Und dann findet ihr die Lösung.

Sie: Krainev hat sich nie sofort auf eine Seite geschlagen. Er zündete sich eine Zigarette an – was ihn leider das Leben kostete – und sagte: Kinder, spielt es mir vor. Und dann sehen wir mal … Nachdem wir ihm das Werk vorgespielt hatten, war für uns alles glasklar. Dann fragte er mit einem warmen Lächeln im Gesicht: Und, wo war das Problem? Es gab keines mehr.

Trotzdem: Was ist so toll am Duospiel, dass Sie nichts anderes mehr machen wollten. Oder waren Sie so verliebt, dass Sie den ganzen Tag miteinander verbringen wollten?

Er: Das sowieso. (lachen)

Sie: Stellen Sie sich vor: Wir gehen in ein paar Tagen auf eine große Amerika-Tournee. Da müssen wir eine Menge Sachen erledigen. Wir müssen uns überlegen, was wir einpacken für kalte Tage und für warme Tage, dann üben wir die Polowetzer Tänze oder die drei Nocturnes von Debussy, dann überlegen wir uns, was wir heute kochen und wer den Salat macht. Dieses Umschalten zwischen der Musik und dem profanen Leben macht mich manchmal verrückt.

Er: Manchmal muss man zum Staubsauger greifen und das ganze Haus gründlich säubern, um sich auszutoben. Wenn wir Streit hatten, uns dann aber ans Klavier setzen und spielen, haben wir spätestens nach einer halben Stunde alles vergessen, und der Grund des Streits ist von alleine einfach verflogen. Gemeinsam musizieren ist die perfekte Paartherapie! Musik reinigt die Seele und den Geist. In kürzester Zeit findet man sich in einer anderen Welt, und die alltäglichen Sachen sind weggewischt.

Das klingt perfekt, und es ist ein spektakuläres Format fürs Publikum. Warum gibt es dann so wenige Klavierduos?

Er: Nicht jeder fühlt sich wohl dabei, mit jemand anderem zu kommunizieren, der das gleiche Instrument spielt. Man muss den Erfolg teilen wollen. Aber auch die Schwierigkeiten. Und man muss immer für den Partner da sein, wenn er oder sie sich physisch oder psychisch nicht gut fühlt. Es gab Reisen, wo wir mit heftigen Erkältungen zu kämpfen hatten. Da muss man dann gemeinsam durch. Diese tiefe Verbundenheit muss einfach da sein, das kann man sich nicht erarbeiten.

Sie: Solistisch hätte jeder von uns vermutlich große Erfolge feiern können, so haben es uns damals die Musikgurus prophezeit. Aber ich glaube, die Liebe zueinander und zur Musik hat uns, zwei Solisten, so stark magnetisiert und zueinandergebracht, dass wir es uns einfach nicht anders vorstellen konnten. Wir spielen wunderschöne Musik, das Publikum ist hingerissen, Menschen sagen uns nach dem Konzert, ihnen sei es vor dem Konzert nicht gut gegangen, aber danach fühlen sie sich voller Energie und wie neu geboren. Wir sind beide gläubige Menschen, und irgendwie hat Gott uns gezeigt, dass das unser Weg ist, dass wir zusammen stark sind.

Warum haben Sie aufgehört zu unterrichten?

Er: Wir hatten ja keine Professur in Hannover, weil wir immer gesagt haben: Konzerte stehen an erster Stelle, dann kommen CD-Aufnahmen und dann alles andere. Wir haben aber die Klavierduo-Klasse an der Musikhochschule fünfzehn Jahre lang geleitet. Wenn wir unterrichtet haben, haben wir unsere ganze Energie den Studierenden gegeben. Unser Auto war oft das letzte auf dem Parkplatz, wir haben manchmal bis ein oder zwei Uhr morgens unterrichtet und das Hauptgebäude als Letzte verlassen – weil wir erst Feierabend machen wollten, wenn wir im Unterricht wirklich etwas geschafft hatten. Aber die Umstände haben sich geändert. Da kamen immer öfter Studierende, die zum Beispiel „Ma mère l’oye“ oder „Scaramouche“ spielten und nicht wussten, wer oder was das ist. Die wussten teilweise auch nicht, was Cadenza bedeutet oder wie man Ravel, Debussy oder Beethoven ausspricht. Sie spielten Rachmaninow mit so einer Aggressivität, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Sie waren nie in einer Kirche, um sich eine Orgel oder einen Choralgesang anzuhören. Man versuchte, ihnen die Verbindungen zwischen der Musik, die sie spielten, und Filmen oder Gemälden zu erklären und Beispiele zu geben, und nach einer halben Stunde fragten sie: Also muss ich schneller oder langsamer spielen?

Sie: Aber das Schlimmste für mich war, wie die Flügel in Hannover aussahen. Da fand man Schokolade, Erdbeeren, Himbeeren, Knoblauch drin, alles Mögliche. Und in einen Steinway-Flügel, der vermutlich 150.000 Euro gekostet hat, hat jemand in den Lack eingeritzt: I love you, mit Herzchen. Respekt für das Instrument ist ein Fremdwort geworden.

Er: Meisterkurse machen wir weiterhin, auch auf unserer Amerika-Tournee werden wir fast nach jedem Konzert einen Meisterkurs geben, für Solisten und für Duos.

Sie: Nun beginnt wieder etwas Neues für uns. Wir haben wieder mehr Zeit für Konzerte.

Gibt es denn guten Nachwuchs?

Er: Es gibt immer wieder sehr interessante Paare mit großem Potenzial. Aber immer wieder trennen sich Duos auch, weil die Liebe leidet und der eine jemand anderen findet. Das ist bei vielversprechenden Duos dann sehr schade.

Es muss hart sein, sich gegen das großartige Repertoire für Klavier solo oder mit Orchester zu entscheiden. Gibt es „gleichwertigen“ Ersatz im Duorepertoire?

Er: Selbstverständlich. Weit mehr als nur „Ersatz“. Es gibt im Duorepertoire so viele tolle Werke, die es lohnen, dass man sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden viele Werke für das gemeinsame Spiel mit Schülerinnen und Schülern oder für Hausmusik komponiert. Geniale Werke. Im 19. Jahrhundert ist das Klavierduo dann zu einer ernst zu nehmenden Gattung geworden. Und man muss an alle diese Werke sehr sorgfältig und respektvoll herangehen. Das Konzert für zwei Klaviere und Orchester von Max Bruch ist ein Paradebeispiel dafür. Zwei Schwestern in den USA hatten Bruch kontaktiert, und er hat das Werk für sie geschrieben. Aber das Konzert war für sie technisch zu schwer, und so haben sie einfach einen Satz gestrichen. Zum Glück hat man in den 1970er Jahren die Originalmanuskripte wiedergefunden, und heute können wir das Werk in der Originalform spielen.

Sie: Da wird leider auch viel Show geboten. Wir haben unseren Studierenden immer gesagt: Wenn ihr zum Beispiel die Sonate für zwei Klaviere von Mozart spielt, hört euch nicht Aufnahmen mit anderen Klavierduos an, sondern lest zuerst gründlich den Notentext, hört Mozarts Sinfonien und Opern, und dann werdet ihr selbst entdecken, wie diese Sonate klingen soll. Und irgendwann entwickelt ihr ein tieferes Verständnis, was das Duospiel ausmacht.

Ist das Repertoire groß genug?

Sie: Es ist riesig! Wir haben gerade angefangen, das Gesamtwerk von Germaine Tailleferre aufzunehmen.

Er: Es ist faszinierend, immer wieder auf Komponisten zu stoßen, die viel für Klavierduo geschrieben haben, die ihre Gedanken und Emotionen in diesem Medium ausgedrückt haben. In einem Meisterkurs haben wir mal mit zwei Teilnehmerinnen die Bach-Variationen von Carl Reinecke erarbeitet. Da stecken so viel Wärme und Emotionen drin, dass wir uns gleich am Abend hingesetzt und im Internet geguckt haben, was es noch von Reinecke gibt. Den kannten wir nur als Namen aus der Musikgeschichte. Und dann stellten wir fest: Er hat rund 180 Minuten Musik geschrieben für zwei Klaviere. Tolle Werke! Wertvolle Werke! Hörenswerte Werke!

Sie: Oder Debussy. Wenn ein Komponist von dieser Größenordnung sich dieses Mediums annimmt und sagt: Ich möchte mich in diesem Genre ausdrücken, dann muss da etwas drin sein. Er hat eben genau diesen Klang gesucht. Oder die Sonaten von Johann Christian Bach, da unterhalten sich zwei Pianisten auf Augenhöhe, das ist wie ein Duett in der Oper.

Er: Ein Klavierduo-Werk ist geradezu wie ein sinfonisches Werk. Man muss alle Stimmen, die in beiden Partien verteilt sind und darin ständig ihre Position wechseln, absolut respektvoll behandeln. Und deshalb lassen wir unsere solistische Energie voll und ganz in das Duospiel einfließen. So haben wir von Anfang an gearbeitet, und so arbeiten wir auch weiterhin. Jeder von uns entwickelt seine Partie zuerst solistisch. Dann erst treffen wir uns und fangen an, diese zwei Welten verschmelzen zu lassen.

Spielen Sie denn abwechselnd zu Hause, oder haben Sie zwei getrennte Studios?

Er: Wir haben ein großes Haus mit drei Flügeln, einer steht weit entfernt am anderen Ende des Hauses, damit wir parallel solistisch üben können, ohne uns gegenseitig zu stören. Die zwei Instrumente, die in unserem Probenraum zusammenstehen, wurden damals extra von der Firma Seiler für uns angefertigt, weil wir spezielle Wünsche hatten.

Sie nehmen gern CDs auf, oder?

Sie: Wenn wir in Kritiken lesen: Referenzaufnahme, dann bedeutet uns das sehr viel. Da fühlt man, die Arbeit hat sich gelohnt, man hat etwas von sich gegeben und etwas erreicht. Ich glaube, die CDs werden nie verschwinden.

Aber Sie arbeiten nicht mehr mit cpo zusammen?

Sie: Bei der Debussy-Trilogie hat es dort zeitlich nicht gepasst. Oehms/Naxos dagegen wollte es gern veröffentlichen und hatte die Kapazitäten, und deshalb sind die drei CDs mit dem Gesamtwerk für Klavierduo von Debussy nun da erschienen.

Haben Sie sich den Debussy bewusst für Ihren dreißigsten Geburtstag als Duo aufgehoben?

Er: Debussy begleitet uns unser Leben lang. Als Kinder haben wir schon Debussy gespielt, auch später bei Wettbewerben, und wir haben auch als Duo früh seine Musik gespielt. Aber wir hatten immer das Gefühl, dass man gerade für Debussy einen objektiveren Blick auf das Geschehen in der Musik haben muss. Wie es schon Stanislawski, der Neuhaus des Theaters, gesagt hat: Wenn man auf der Bühne mit dem einen Auge weint, muss das andere trocken bleiben, um alles zu beobachten und zu kontrollieren. So ist es auch bei Debussy. Die Musik ist richtig emotional, aber man darf sich als Interpret nicht komplett emotional hineinziehen lassen, man muss zwischen sich und dem Geschehen ein bisschen Luft lassen.

Sie: Hinzu kommt, dass Debussys Musik enorm vielschichtig ist, man braucht immens viele Farben. Bis man sich diese Palette an Farben aufgebaut hat und bis man es wirklich schafft, aus einer Art Vogelperspektive auf die Musik zu schauen, das dauert, das braucht Erfahrung, das bildet sich erst mit den Jahren.

Nach dreißig Jahren haben Sie sich ein enormes Repertoire aufgebaut. Sind Sie immer noch neugierig auf Neuentdeckungen?

Er: Unbedingt. Manches entdeckt man auch, ohne es zu wollen. Zum Beispiel, als wir Arensky aufgenommen haben, da haben wir uns vorher mit seiner Biografie beschäftigt, was für ein Mensch war er, wie hat er gelebt, mit wem hatte er zu tun, und kamen dann schnell auf Tanejew und andere. Und da entdeckten wir, dass die auch geniale Werke für Klavierduo geschrieben haben. Das sind alles Komponisten von Gewicht und Bedeutung. Es ist faszinierend, immer wieder Neues zu entdecken.

Sie: Was aber wichtig ist zu sagen: Unsere Konzertprogramme sind ganz anders aufgebaut als unsere CDs. Mit unseren Aufnahmen dokumentieren wir das Werk einzelner Komponisten, unsere Konzertprogramme stellen wir in der Regel bunt zusammen. Was wir in den nächsten Konzerten spielen, hat oft nichts oder nur wenig mit dem zu tun, was wir für die nächste Aufnahme vorbereiten. Das macht das Leben manchmal schwierig, weil wir so viel Musik im Kopf haben. Aber es ist sehr erfüllend!

Es war eine glückliche Fügung, dass Aglika Genova und Liuben Dimitrov Ende 1995 als Klavierduo zusammenfanden. Neun Monate später gewannen sie den ARD-Wettbewerb und beschlossen, fortan nicht mehr nur privat, sondern auch beruflich ein Paar zu werden. Längst gelten sie als eines der besten Klavierduos der Welt, und geradezu enzyklopädisch haben sie die Gesamtwerke für zwei Klaviere oder zu vier Händen von Rachmaninow, Schostakowitsch, Amy Beach, Clementi, J. Chr. Bach, Reinecke u. a. aufgenommen – und zuletzt von Claude Debussy. Beide wurden in Bulgarien geboren, sind griechischer Abstammung und leben seit Langem in der Nähe von Hannover. Beim Interview mit Kaffee und Kuchen in einem Café in Hameln – zu Hause wurden bereits die Koffer für die nächste Tournee gepackt – erwiesen sich die beiden als sehr lebendige, fröhliche und eloquente Gesprächspartner. Beide fallen einander immer wieder ins Wort, wollen aber offensichtlich stets dasselbe sagen, sodass sie sich nicht genervt, sondern eher bestärkt fühlen. Die beiden wirken auf faszinierende Weise symbiotisch.

Frau Genova, Herr Dimitrov, herzlichen Glückwunsch zu dreißig Jahren Klavierduo. Was reizt Sie so an diesem Genre?

Sie: Duo ist Solo mal zwei. So haben wir es von Anfang an verstanden. Wir sind ja beide solistisch ausgebildet worden, in der Neuhaus-Tradition in Bulgarien bei den Professoren Julia und Konstantin Ganev und danach von Vladimir Krainev an der Musikhochschule in Hannover. Das war wirklich ein Gottesgeschenk. Er hatte Liuben in Tokio und mich in Deutschland jeweils bei Solowettbewerben gehört und hat uns eingeladen, bei ihm zu studieren.

Er: Junge Klavier-Löwen, so hat er uns damals genannt. (lachen)

Sie: Hannover war damals wirklich eine legendäre Ausbildungsstätte. Eines Tages hatten wir zum Aufwärmen nur zwei Flügel in einem Raum, also haben wir beide synchron die Chopin-Etüde op. 25 Nr. 11 gespielt. Genau dann schaute Professor Götzke herein, hörte uns und sagte: Aglika und Liuben, ihr seid doch schon ein Paar – wir waren zusammen nach Deutschland gekommen und waren bestimmt schon fünf Jahre zusammen –, wollt ihr nicht beim Kammermusikwettbewerb in einem Monat als Duo mitmachen? Aber mit richtigen Werken für Klavierduo! Professor Krainev sagte nur: Probiert es mal. Und wir haben den ersten Preis gewonnen – vor all den eingespielten Trios, Quartetten und allerlei anderen Ensembles. Krainev saß im Saal und fand es sehr interessant, das war sein Wort.

Hat er Sie unterrichtet?

Sie: Bis zu seinem Ableben 2011 hat er mit uns stets gearbeitet. Damals meinte er: Kinder, lasst uns jetzt was im Ausland versuchen. Dann werden wir sehen, ob euer Weg sich bestätigt. Dann haben wir den Bellini-Wettbewerb in Italien gewonnen, dann folgte Tokio, dann der ARD-Wettbewerb.

Er: Wir haben eine zweite Soloklasse-Aufnahmeprüfung als Duo abgelegt, und Krainev unterrichtete uns als einziges Duo in seiner Klasse. Man muss sagen, in der Neuhaus-Tradition geht alles sehr intensiv. Wir hatten Krainev am Anfang gefragt: Was sind Ihre Empfehlungen fürs Repertoire? Und er sagte sofort: Mozart-Sonate für zwei Klaviere, Schubert-Fantasie, Rachmaninow zweite Suite, Poulenc Sonate für zwei Klaviere, Lutoslawski-Variationen. Gleich wurde ein Weg vorgeschrieben, und dem sind wir gefolgt ohne Wenn und Aber und voller Überzeugung. Wir haben stundenlang am Klavier gesessen, haben alles auswendig gelernt. Diese Woche dieses Werk, nächste Woche das andere, es lief alles nach einem Plan. Nur so konnte man beim ARD-Wettbewerb gewinnen. Es wurde keine Zeit vergeudet, und das war gut so. Später haben wir immer wieder Studierende erlebt, die ihre Zeit einfach so verprasst haben. Ach, den Wettbewerb kann ich auch nächstes Jahr machen. Warum soll ich mich jetzt stressen? Die lassen einfach so die Zeit zwischen den Fingern durchrutschen.

Sie: Wir haben es riskiert, und das war absolut richtig. Nach dem ARD-Wettbewerb kam Ende 1997 noch der Murray-Dranoff-Wettbewerb in Miami, das waren die beiden Gipfel aller Klavierduo-Wettbewerbe, und danach war klar: Das ist unser Weg!

Er: Nach dem ARD-Wettbewerb gab es auch viele Anfragen für Solokonzertauftritte, aber wir haben gesagt: Nein, wir sind jetzt das Klavierduo Genova und Dimitrov. Sie können uns gern einladen, aber nur als Duo. Das war wirklich eine harte Entscheidung.

Sie: Seit Herbst 1995 hat keiner von uns beiden mehr öffentlich solo gespielt. Das hat natürlich alle gewundert. Wir haben mit fünf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne gestanden, haben mit neun als Solisten mit Orchester gespielt, jeder von uns hat jeweils 25 Wettbewerbe für Klavier solo gewonnen, wir hatten ein riesiges Solorepertoire erarbeitet. Eine harte Entscheidung, die wir aber bis heute nicht mal für eine Sekunde bereut haben.

Wie war denn dieser erste Moment, als Sie Duo gespielt haben?

Sie: Es war sofort klar: Der Mann spielt den Bass, die Frau den Sopran. Wenn wir an einem Klavier spielen, und ich würde den Bass spielen, würde ich hinter Liuben nicht mehr zu sehen sein. (lachen) Darüber haben wir nie diskutiert. Beim ARD-Wettbewerb gab es im Pflichtprogramm die ersten vierhändigen Werke, Mozart und Schubert. Das war für uns eine Art Schock. Diese Händeakrobatik, dieses Ballett, das man da aufführt. Professor Krainev hatte natürlich wenig Erfahrung mit Duos, aber als Schüler von Neuhaus hatte er diese Vogelperspektive auf die Partitur, und er sagte sofort: Aglitschka, Liubatschka, ihr müsst ganz andere Fingersätze nehmen, weil ihr die Tastatur teilen müsst.

Er: Wir hatten ja vorher als Solo-Studierende in ganz anderer Form zusammengespielt: Einer spielte den Solopart eines Klavierkonzertes, der andere spielte das Orchester, Rachmaninow 2 oder Beethoven 3 zum Beispiel. Aber beim vierhändigen Klavierspiel muss man oft anders handeln, als man es eigentlich als Solist gelernt hat.

Sie: Es war lustig: Im Sommer 1995 haben wir uns für einen Solowettbewerb in Korea vorbereitet, und da musste ich für Liuben beim ersten Brahms-Konzert das Orchester spielen. Raten Sie mal, mit wem Krainev mehr gemeckert hat. Natürlich mit dem Orchester. Er hat geschimpft, dass ich die Fuge vermasselt habe. Ich hatte das nicht geübt, weil ich mein eigenes Solorepertoire lernen musste.

Er: Diese Erfahrungen mit der Orchesterbegleitung haben uns später auch im Klavierduo sehr geholfen. Dieses Verständnis, dass nie einer nur die Begleitung spielt oder sich zurücklehnen kann nach dem Motto: Das klingt schon irgendwie. Nein, wenn die großen Komponisten das so geschrieben haben, dann hat es einen Sinn, eine Bedeutung, man muss alles mit Respekt und Hingabe spielen.

Was macht den Unterschied, ob Sie mit einem Geiger oder einem Sänger oder einem zweiten Klavier zusammenspielen?

Er: Zwei Klaviere zu spielen, ist etwas ganz anderes – weil man mit einem Spiegelbild von sich selbst kommuniziert. Du hast einen Partner, der am gleichen Instrument sitzt und mit denselben Schwierigkeiten kämpft – und sie hoffentlich löst. Mit einem Geiger oder Sänger arbeitet man natürlich musikalisch, aber rein technisch kann man weniger Ratschläge geben.

Sie: Das Klavier produziert den Klang in einem Sekundenbruchteil. Man drückt die Taste, und der Klang ist sofort da. Das ist bei anderen Instrumenten anders.

Er: Sänger oder Bläser bereiten ihren Einsatz vor, indem sie Luft holen. Auch Streicher brauchen einen Moment, bevor der Klang erzeugt wird. Am Klavier drückt man eine Taste, und der Klang ist da. Da kann man miteinander nur kommunizieren, indem man einander in die Augen schaut und vor allem zusammen atmet. Das Klavier ist doch eine Art Schlaginstrument. Und gegen diese Seite seiner Natur muss man ankämpfen. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass man mit einem Partner zusammenspielt, der fünf Meter entfernt ist. Man muss lernen, zusammen zu atmen. Das ist übrigens auch oft das Problem, wenn ein Pianist mit einem Orchester spielt. Und das ist auch einer der wichtigsten Aspekte, den die Duos in unserer Klasse an der hannoverschen Musikhochschule gelernt haben: zu atmen. Wir haben nicht nur Pianisten unterrichtet, die Profiduos werden wollten, sondern auch Pianisten, die das für ein, zwei, fünf Semester lernen wollten. Die wussten hinterher alle, wie man mit einem Orchester spielt. Die Gefahr ist groß, dass Pianisten in ihrer eigenen Box leben. Das ist meine Welt, mehr brauche ich nicht. Wir haben ihnen die Welt geöffnet und gezeigt, wie sie mit anderen Musikern kommunizieren.

Mussten Sie nicht an einem gemeinsamen Klang ­arbeiten?

Er: Das hat bei uns einfach funktioniert, weil wir dieselbe Grundlage haben – die Neuhaus-Tradition.

Sie: Unsere Professoren in Bulgarien, die Ganevs, haben uns mit fünf Jahren ausgewählt. Liuben aus Rousse, mich aus Plovdiv. Wir haben einen sehr ähnlichen Werdegang. Das hilft auch, wenn wir uns ein Stück erarbeiten. Das Hauptziel bei jedem neuen Werk ist, dass wir den Text so präzise wie möglich lesen und dadurch zu verstehen versuchen. Natürlich darf ich mich als Künstler entfalten, aber ich muss einen gewissen Rahmen respektieren, den der Komponist vorgibt. Und das Wissen um diesen Rahmen bildet sich über viele Jahre, durch Besuche von Sinfoniekonzerten, Opernabenden und Orgelkonzerten, durch Kontakte mit Dirigenten und anderen Musikern, durch Besuche von Ausstellungen, Kino, Theater, durch das Lesen von Hintergrundinformationen usw.

Und Sie sind sich immer einig?

Sie: Natürlich nicht. Wir diskutieren und streiten, wir sind Menschen, manchmal liegen auch bei uns die Nerven blank.

Er: Und dann denken wir oft an Professor Krainev, der uns immer wieder zum Notentext zurückgebracht hat. Dann sagte er: Du möchtest es schneller und du langsamer spielen? Guckt in den Text, schaut euch die Dramaturgie an, dirigiert und spürt der inneren Logik nach. Und dann findet ihr die Lösung.

Sie: Krainev hat sich nie sofort auf eine Seite geschlagen. Er zündete sich eine Zigarette an – was ihn leider das Leben kostete – und sagte: Kinder, spielt es mir vor. Und dann sehen wir mal … Nachdem wir ihm das Werk vorgespielt hatten, war für uns alles glasklar. Dann fragte er mit einem warmen Lächeln im Gesicht: Und, wo war das Problem? Es gab keines mehr.

Trotzdem: Was ist so toll am Duospiel, dass Sie nichts anderes mehr machen wollten. Oder waren Sie so verliebt, dass Sie den ganzen Tag miteinander verbringen wollten?

Er: Das sowieso. (lachen)

Sie: Stellen Sie sich vor: Wir gehen in ein paar Tagen auf eine große Amerika-Tournee. Da müssen wir eine Menge Sachen erledigen. Wir müssen uns überlegen, was wir einpacken für kalte Tage und für warme Tage, dann üben wir die Polowetzer Tänze oder die drei Nocturnes von Debussy, dann überlegen wir uns, was wir heute kochen und wer den Salat macht. Dieses Umschalten zwischen der Musik und dem profanen Leben macht mich manchmal verrückt.

Er: Manchmal muss man zum Staubsauger greifen und das ganze Haus gründlich säubern, um sich auszutoben. Wenn wir Streit hatten, uns dann aber ans Klavier setzen und spielen, haben wir spätestens nach einer halben Stunde alles vergessen, und der Grund des Streits ist von alleine einfach verflogen. Gemeinsam musizieren ist die perfekte Paartherapie! Musik reinigt die Seele und den Geist. In kürzester Zeit findet man sich in einer anderen Welt, und die alltäglichen Sachen sind weggewischt.

Das klingt perfekt, und es ist ein spektakuläres Format fürs Publikum. Warum gibt es dann so wenige Klavierduos?

Er: Nicht jeder fühlt sich wohl dabei, mit jemand anderem zu kommunizieren, der das gleiche Instrument spielt. Man muss den Erfolg teilen wollen. Aber auch die Schwierigkeiten. Und man muss immer für den Partner da sein, wenn er oder sie sich physisch oder psychisch nicht gut fühlt. Es gab Reisen, wo wir mit heftigen Erkältungen zu kämpfen hatten. Da muss man dann gemeinsam durch. Diese tiefe Verbundenheit muss einfach da sein, das kann man sich nicht erarbeiten.

Sie: Solistisch hätte jeder von uns vermutlich große Erfolge feiern können, so haben es uns damals die Musikgurus prophezeit. Aber ich glaube, die Liebe zueinander und zur Musik hat uns, zwei Solisten, so stark magnetisiert und zueinandergebracht, dass wir es uns einfach nicht anders vorstellen konnten. Wir spielen wunderschöne Musik, das Publikum ist hingerissen, Menschen sagen uns nach dem Konzert, ihnen sei es vor dem Konzert nicht gut gegangen, aber danach fühlen sie sich voller Energie und wie neu geboren. Wir sind beide gläubige Menschen, und irgendwie hat Gott uns gezeigt, dass das unser Weg ist, dass wir zusammen stark sind.

Warum haben Sie aufgehört zu unterrichten?

Er: Wir hatten ja keine Professur in Hannover, weil wir immer gesagt haben: Konzerte stehen an erster Stelle, dann kommen CD-Aufnahmen und dann alles andere. Wir haben aber die Klavierduo-Klasse an der Musikhochschule fünfzehn Jahre lang geleitet. Wenn wir unterrichtet haben, haben wir unsere ganze Energie den Studierenden gegeben. Unser Auto war oft das letzte auf dem Parkplatz, wir haben manchmal bis ein oder zwei Uhr morgens unterrichtet und das Hauptgebäude als Letzte verlassen – weil wir erst Feierabend machen wollten, wenn wir im Unterricht wirklich etwas geschafft hatten. Aber die Umstände haben sich geändert. Da kamen immer öfter Studierende, die zum Beispiel „Ma mère l’oye“ oder „Scaramouche“ spielten und nicht wussten, wer oder was das ist. Die wussten teilweise auch nicht, was Cadenza bedeutet oder wie man Ravel, Debussy oder Beethoven ausspricht. Sie spielten Rachmaninow mit so einer Aggressivität, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Sie waren nie in einer Kirche, um sich eine Orgel oder einen Choralgesang anzuhören. Man versuchte, ihnen die Verbindungen zwischen der Musik, die sie spielten, und Filmen oder Gemälden zu erklären und Beispiele zu geben, und nach einer halben Stunde fragten sie: Also muss ich schneller oder langsamer spielen?

Sie: Aber das Schlimmste für mich war, wie die Flügel in Hannover aussahen. Da fand man Schokolade, Erdbeeren, Himbeeren, Knoblauch drin, alles Mögliche. Und in einen Steinway-Flügel, der vermutlich 150.000 Euro gekostet hat, hat jemand in den Lack eingeritzt: I love you, mit Herzchen. Respekt für das Instrument ist ein Fremdwort geworden.

Er: Meisterkurse machen wir weiterhin, auch auf unserer Amerika-Tournee werden wir fast nach jedem Konzert einen Meisterkurs geben, für Solisten und für Duos.

Sie: Nun beginnt wieder etwas Neues für uns. Wir haben wieder mehr Zeit für Konzerte.

Gibt es denn guten Nachwuchs?

Er: Es gibt immer wieder sehr interessante Paare mit großem Potenzial. Aber immer wieder trennen sich Duos auch, weil die Liebe leidet und der eine jemand anderen findet. Das ist bei vielversprechenden Duos dann sehr schade.

Es muss hart sein, sich gegen das großartige Repertoire für Klavier solo oder mit Orchester zu entscheiden. Gibt es „gleichwertigen“ Ersatz im Duorepertoire?

Er: Selbstverständlich. Weit mehr als nur „Ersatz“. Es gibt im Duorepertoire so viele tolle Werke, die es lohnen, dass man sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden viele Werke für das gemeinsame Spiel mit Schülerinnen und Schülern oder für Hausmusik komponiert. Geniale Werke. Im 19. Jahrhundert ist das Klavierduo dann zu einer ernst zu nehmenden Gattung geworden. Und man muss an alle diese Werke sehr sorgfältig und respektvoll herangehen. Das Konzert für zwei Klaviere und Orchester von Max Bruch ist ein Paradebeispiel dafür. Zwei Schwestern in den USA hatten Bruch kontaktiert, und er hat das Werk für sie geschrieben. Aber das Konzert war für sie technisch zu schwer, und so haben sie einfach einen Satz gestrichen. Zum Glück hat man in den 1970er Jahren die Originalmanuskripte wiedergefunden, und heute können wir das Werk in der Originalform spielen.

Sie: Da wird leider auch viel Show geboten. Wir haben unseren Studierenden immer gesagt: Wenn ihr zum Beispiel die Sonate für zwei Klaviere von Mozart spielt, hört euch nicht Aufnahmen mit anderen Klavierduos an, sondern lest zuerst gründlich den Notentext, hört Mozarts Sinfonien und Opern, und dann werdet ihr selbst entdecken, wie diese Sonate klingen soll. Und irgendwann entwickelt ihr ein tieferes Verständnis, was das Duospiel ausmacht.

Ist das Repertoire groß genug?

Sie: Es ist riesig! Wir haben gerade angefangen, das Gesamtwerk von Germaine Tailleferre aufzunehmen.

Er: Es ist faszinierend, immer wieder auf Komponisten zu stoßen, die viel für Klavierduo geschrieben haben, die ihre Gedanken und Emotionen in diesem Medium ausgedrückt haben. In einem Meisterkurs haben wir mal mit zwei Teilnehmerinnen die Bach-Variationen von Carl Reinecke erarbeitet. Da stecken so viel Wärme und Emotionen drin, dass wir uns gleich am Abend hingesetzt und im Internet geguckt haben, was es noch von Reinecke gibt. Den kannten wir nur als Namen aus der Musikgeschichte. Und dann stellten wir fest: Er hat rund 180 Minuten Musik geschrieben für zwei Klaviere. Tolle Werke! Wertvolle Werke! Hörenswerte Werke!

Sie: Oder Debussy. Wenn ein Komponist von dieser Größenordnung sich dieses Mediums annimmt und sagt: Ich möchte mich in diesem Genre ausdrücken, dann muss da etwas drin sein. Er hat eben genau diesen Klang gesucht. Oder die Sonaten von Johann Christian Bach, da unterhalten sich zwei Pianisten auf Augenhöhe, das ist wie ein Duett in der Oper.

Er: Ein Klavierduo-Werk ist geradezu wie ein sinfonisches Werk. Man muss alle Stimmen, die in beiden Partien verteilt sind und darin ständig ihre Position wechseln, absolut respektvoll behandeln. Und deshalb lassen wir unsere solistische Energie voll und ganz in das Duospiel einfließen. So haben wir von Anfang an gearbeitet, und so arbeiten wir auch weiterhin. Jeder von uns entwickelt seine Partie zuerst solistisch. Dann erst treffen wir uns und fangen an, diese zwei Welten verschmelzen zu lassen.

Spielen Sie denn abwechselnd zu Hause, oder haben Sie zwei getrennte Studios?

Er: Wir haben ein großes Haus mit drei Flügeln, einer steht weit entfernt am anderen Ende des Hauses, damit wir parallel solistisch üben können, ohne uns gegenseitig zu stören. Die zwei Instrumente, die in unserem Probenraum zusammenstehen, wurden damals extra von der Firma Seiler für uns angefertigt, weil wir spezielle Wünsche hatten.

Sie nehmen gern CDs auf, oder?

Sie: Wenn wir in Kritiken lesen: Referenzaufnahme, dann bedeutet uns das sehr viel. Da fühlt man, die Arbeit hat sich gelohnt, man hat etwas von sich gegeben und etwas erreicht. Ich glaube, die CDs werden nie verschwinden.

Aber Sie arbeiten nicht mehr mit cpo zusammen?

Sie: Bei der Debussy-Trilogie hat es dort zeitlich nicht gepasst. Oehms/Naxos dagegen wollte es gern veröffentlichen und hatte die Kapazitäten, und deshalb sind die drei CDs mit dem Gesamtwerk für Klavierduo von Debussy nun da erschienen.

Haben Sie sich den Debussy bewusst für Ihren dreißigsten Geburtstag als Duo aufgehoben?

Er: Debussy begleitet uns unser Leben lang. Als Kinder haben wir schon Debussy gespielt, auch später bei Wettbewerben, und wir haben auch als Duo früh seine Musik gespielt. Aber wir hatten immer das Gefühl, dass man gerade für Debussy einen objektiveren Blick auf das Geschehen in der Musik haben muss. Wie es schon Stanislawski, der Neuhaus des Theaters, gesagt hat: Wenn man auf der Bühne mit dem einen Auge weint, muss das andere trocken bleiben, um alles zu beobachten und zu kontrollieren. So ist es auch bei Debussy. Die Musik ist richtig emotional, aber man darf sich als Interpret nicht komplett emotional hineinziehen lassen, man muss zwischen sich und dem Geschehen ein bisschen Luft lassen.

Sie: Hinzu kommt, dass Debussys Musik enorm vielschichtig ist, man braucht immens viele Farben. Bis man sich diese Palette an Farben aufgebaut hat und bis man es wirklich schafft, aus einer Art Vogelperspektive auf die Musik zu schauen, das dauert, das braucht Erfahrung, das bildet sich erst mit den Jahren.

Nach dreißig Jahren haben Sie sich ein enormes Repertoire aufgebaut. Sind Sie immer noch neugierig auf Neuentdeckungen?

Er: Unbedingt. Manches entdeckt man auch, ohne es zu wollen. Zum Beispiel, als wir Arensky aufgenommen haben, da haben wir uns vorher mit seiner Biografie beschäftigt, was für ein Mensch war er, wie hat er gelebt, mit wem hatte er zu tun, und kamen dann schnell auf Tanejew und andere. Und da entdeckten wir, dass die auch geniale Werke für Klavierduo geschrieben haben. Das sind alles Komponisten von Gewicht und Bedeutung. Es ist faszinierend, immer wieder Neues zu entdecken.

Sie: Was aber wichtig ist zu sagen: Unsere Konzertprogramme sind ganz anders aufgebaut als unsere CDs. Mit unseren Aufnahmen dokumentieren wir das Werk einzelner Komponisten, unsere Konzertprogramme stellen wir in der Regel bunt zusammen. Was wir in den nächsten Konzerten spielen, hat oft nichts oder nur wenig mit dem zu tun, was wir für die nächste Aufnahme vorbereiten. Das macht das Leben manchmal schwierig, weil wir so viel Musik im Kopf haben. Aber es ist sehr erfüllend!