Interview & Porträt

Mein wichtigster Begleiter

Von
Dorothea Walchshäusl
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Sasha Gusov
Foto: Sasha Gusov

Am Klavier scheut Boris Giltburg einfache Antworten. Mit höchstem Anspruch und großer Demut zugleich sucht er nach dem Kern der Musik: befreit von vorschnellen Deutungen und Klischees. 1984 in Moskau geboren, zog Giltburg im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Tel Aviv. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er bei seiner Mutter, später studierte er bei Arie Vardi und gewann 2013 den ersten Preis beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel.

Heute ist Giltburg international gefragt, konzertiert mit führenden Orchestern der Welt, ist in der aktuellen Saison Artist in Residence bei der Dresdner Philharmonie und nimmt regelmäßig CDs für Naxos auf. Er hat sich intensiv mit Beethoven, Schostakowitsch und Prokofjew auseinandergesetzt, gilt aber vor allem als einer der führenden Interpreten der Werke von Rachmaninow. Gerade ist sein neuestes Album mit Fantasie- und Salonstücken Rachmaninows erschienen.

Herr Giltburg, Sie sind auch ein passionierter Fotograf, Übersetzer und Wanderer. Haben Sie die Musik immer mit dabei im Kopf, wenn Sie sich anderen Dingen widmen?

Nein, so hollywoodartig ist das leider nicht. Eher im Gegenteil: Meine musikalische Arbeit kann ich ausschließlich am Klavier machen. Es gibt ja viele Kollegen, die im Kopf üben können. Dinu Lipati hatte angeblich schon die komplette Interpretation im Kopf, wenn er sich zum ersten Mal ans Klavier setzte für ein neues Stück. Ich finde das unglaublich und sehr bewundernswert, aber ich selbst kann das nicht. Meine Arbeit ist physisch mit den Tasten verbunden. Am Klavier bekomme ich meine Ideen, am Klavier verstehe ich das Stück. Deshalb liebe ich auch das Üben so sehr, weil es meine einzige Möglichkeit ist, diese Arbeit zu tun und mich mit der Musik auseinanderzusetzen. Während ich übe, tauche ich komplett ab und gehe mit dem Komponisten hoch konzentriert in einen Dialog

Ist dieser Zustand mit Meditation vergleichbar?

Absolut. Ich habe in meiner Freizeit schon öfters versucht, zu meditieren, doch so für sich stehend kann ich das überhaupt nicht. Meine Gedanken sind überall. Aber am Klavier gibt es Momente, bei denen ich während des Übens in einen regelrechten Flow komme, in dem ich die Zeit nicht mehr wahrnehme und den Raum um mich herum. Gleichzeitig bin ich dabei extrem präsent, es ist fast, als würde ich den Fluss der Gedanken strömen sehen. Das ist enorm spannend und gelingt mir ausschließlich am Klavier. Ich muss das Stück dazu schon spielen können, dann hat mein Gehirn Raum und Kraft, um auf Wanderschaft zu gehen.

Sie beschäftigen sich intensiv mit Sprache, übersetzen hebräische Kurzgeschichten ins Englische und schreiben über verschiedene Werke. Ist die Musik für Sie mit einer Sprache vergleichbar?

Das ist eine schwierige Frage. Einerseits ist die Musik tatsächlich wie eine Sprache, und wenn man eine neue Sprache lernt, gibt es eine Reihe von Dingen, die man beherrschen muss, um in der Lage zu sein zu sprechen – die Wörter, die Grammatik, den Satzbau, die Aussprache und so weiter. Bei der Musik ist das ähnlich. Aktuell erarbeite ich zum Beispiel das „Wohltemperierte Klavier“. Bach hat eine ganz bestimmte Sprache, die ich liebe und die mir als Zuhörer schon sehr vertraut ist. Aber als Interpret habe ich bislang kaum Bach pur gespielt. Die erste Herausforderung ist es deshalb nicht, die 24 Präludien und Fugen zu lernen, sondern Bachs individuelle Sprache. Erst wenn ich die beherrsche, kann ich auch seine Werke spielen. Andererseits hat die Musik eben keine semantische Bedeutung, abgesehen von Programmmusik. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es gefährlich ist, eine Geschichte in die Musik hineinzulesen.

Welche Gefahr besteht dabei?

Die Musik wird dann durch die Sprache begrenzt. Wie Rilke so schön gesagt hat: „Ich fürchte mich so sehr vor der Menschen Wort, sie sprechen alles so deutlich aus.“ Genau so ist es. Dabei ist das ja die große Kraft der reinen Instrumentalmusik: dass jeder die Möglichkeit hat, sie so zu empfinden, wie er das will. Insofern ist Musik extrem individuell. Gleichzeitig geht es bei großen Komponisten wie bei Schriftstellern immer um universelle Emotionen und Wahrheiten. Die Noten sind der erste Schritt, wie die Wörter. Aber was dahintersteht, ist subjektiv und objektiv zugleich. Nur deshalb gibt es ja auch Interpretationen. Wenn es nur darum ginge, alle Noten korrekt zu spielen, könnte das auch ein Roboter tun. Das ist wie bei einem Text von Shakespeare. Jeder kann ihn vorlesen, aber nur wenige so, dass man etwas Tiefes und Wahres empfindet. Das ist das große Ziel beim Spielen für mich.

Woran erkennen Sie, ob eine Interpretation  gelungen ist?

Eine stimmige Interpretation ist ein absolutes Phänomen, schließlich sehen wir alle etwas anderes in einem Stück Musik. Und doch muss es im Konzert so überzeugend klingen, dass es für den Interpreten und für seine Zuhörer – in diesem Augenblick – die einzige Wahrheit ist. Man kann das eindrucksvoll erleben, wenn man dasselbe Stück erst von einem großen Interpreten anhört und direkt danach von einem anderen. Manchmal könnten die beiden Interpretationen unterschiedlicher kaum sein, und doch klingt jede im Moment des Spiels so, als wäre sie die einzig gültige Wahrheit und Möglichkeit, dieses Stück zu spielen. Ich glaube, das kommt von der inneren Überzeugung. Wenn man selbst zu viel zweifelt, dann spürt das das Publikum.

Wie gelangen Sie zu einer für Sie gültigen Interpretation?

Der Punkt ist: Wenn ich schon eine Interpretation im Kopf habe, bevor ich überhaupt die Noten kenne, begrenzt das die Musik und macht mich unfrei. Am besten finde ich es deshalb, erst mal gar nichts im Kopf zu haben und einfach zu lernen. Sobald ich das Stück spielen kann, lege ich das iPhone neben die Tastatur und filme mich und höre den Mitschnitt ab. So bekomme ich ein Feedback. Und meistens finde ich das erst mal ziemlich schlecht. (lacht)

Sie nehmen sich beim Üben auf?

Jeden Tag. Das ist meine wichtigste Arbeitshilfe. Ich habe mein Leben lang nach einer Formel gesucht, um gut zu spielen. Das ist nun mein Algorithmus. Ich nehme mich auf, höre mich an, vergleiche mein Spiel mit der Partitur und denke darüber nach, was noch nicht so funktioniert an Klang, Phrasierung, Tempo … Und dann beginne ich von vorne. Das alles nimmt sehr viel Zeit und Energie in Anspruch und ist oft auch sehr frustrierend, weil es meist lange dauert, bis ich an einen Punkt gelange, an dem ich merke, dass es besser klingt. Aber diese Distanz durch das Anhören ist für mich essenziell.

Sie haben sich intensiv mit Rachmaninow beschäftigt, vor Kurzem ist Ihr siebtes Album mit seinen Werken erschienen, mit den Fantasie- und Salonstücken. Was fasziniert Sie so an ihm?

Rachmaninows Musik wird ja oft als hochromantisch und einzige Woge von Emotionen beschrieben. Und natürlich gäbe es ohne Emotionen keinen Rachmaninow. Aber wenn man seine Partituren genau betrachtet, steckt dahinter ein unglaublich scharfer Intellekt. Er wusste ganz genau, wie er all seine kompositorischen Mittel einsetzen muss, und hatte eine große Werkzeugkiste, um die verschiedenen Ausdrücke zu erreichen. Deshalb sind Interpretationen seiner Musik immer dann am besten, wenn sie sehr genau der Partitur folgen. Nur dann erklingt am Ende auch ein Rachmaninow, der zwar sehr emotional und berührend ist, aber eben keine schmalzige Hollywood-Musik.

Wird Rachmaninow Ihrer Erfahrung nach hier oft missverstanden?

Ja, absolut. In manchen musikwissenschaftlichen Kreisen gibt es immer noch die Diskussion, ob er ein ernst zu nehmender Komponist ist, und wird bis heute Theodor Adorno zitiert, der Rachmaninows Klavierkonzerte als „Kitsch, der sich als Kunst ausgibt“, bezeichnete. Das ist ein wirklich grobes Missverständnis, und ich finde es schlimm, dass ein so großer Denker so etwas gesagt hat. Dabei war er ja leider nicht der Einzige.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Rachmaninow derart verkannt wurde?

Vielleicht kommt es daher, wie seine Werke oft gespielt werden: mit viel zu viel Schmalz und ungenau. Aber wenn man seine eigenen Aufnahmen hört, dann merkt man, wie er seine Musik eigentlich gedacht hat. Sie sind so edel und tief empfunden, aber nie süß, nie sentimental oder kitschig.

Welche Bedeutung hat Rachmaninow in Ihrem Leben?

Er ist mein wichtigster Begleiter, und wenn ich nur einen Komponisten behalten dürfte, würde ich Rachmaninow wählen. Obwohl ich natürlich sehr traurig wäre ohne Beethoven, Ravel, Bach und all die anderen. Aber Rachmaninow ist der Komponist, den ich am leichtesten verstehe. Das war schon von Anfang an so. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, hat mir meine Großmutter einige seiner Präludien vorgespielt, und ich wollte sie unbedingt selbst spielen lernen. Seine Musik ist mir unmittelbar klar. Das geht mir auch bei Prokofjew, Mussorgsky, Tschaikowsky oder Schostakowitsch so.

Lauter russische Komponisten. Denken Sie, das liegt an Ihrer russischen Herkunft?

Ich weiß es nicht, irgendwie scheint diese Erklärung zu simpel. Aber es steht außer Frage, dass mir die russische Musik extrem nahe ist.

Ist Russland eine Art Heimat für Sie?

Weil ich so viel reise, ist meine Heimat jeweils der Ort, an dem meine Familie ist. Außerdem wird Israel immer meine Heimat sein, meine Eltern und viele meiner Freunde leben dort, und ich selbst habe dort 25 Jahre gewohnt. Aber zu Russland spüre ich eine besondere Verbundenheit. Ich hatte ein regelrechtes Erweckungserlebnis vor drei Jahren in London. Da wurde dort die dokumentarische Oper „Russia: Today“ aufgeführt, und ich bin mit ein paar Freunden als Zuhörer hingegangen. Es war ein A-cappella-Werk auf Basis eines orthodoxen Requiems. Die Texte waren eine Mischung aus der Messe und Interviews mit Menschen zur heutigen Situation in Russland, zu ihrer Identität als Russen und ihren Gedanken zu Russlands Vergangenheit und Zukunft. Meine Freunde fanden die Oper einfach nur interessant und anregend. Für mich war das ein Stoß in den Magen.

Was haben Sie empfunden?

Ich war unglaublich berührt. Und mir wurde klar, dass ich für immer eine Beziehung zu Russland in mir haben werde, obwohl ich nur wenige Jahre dort gelebt habe. Meine Verbindung zur russischen Kultur, zur Musik, Poesie und Sprache, ist absolut intuitiv. Allerdings hat das nichts mit dem aktuellen Land zu tun. Immer, wenn ich dort gespielt habe, habe ich mich wie ein Fremder gefühlt. Letztlich ist das eine Dichotomie: Mit dem kulturellen Russland bin ich aufs Engste verbunden. Das reale Russland ist mir ganz fern.

Am Klavier scheut Boris Giltburg einfache Antworten. Mit höchstem Anspruch und großer Demut zugleich sucht er nach dem Kern der Musik: befreit von vorschnellen Deutungen und Klischees. 1984 in Moskau geboren, zog Giltburg im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Tel Aviv. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er bei seiner Mutter, später studierte er bei Arie Vardi und gewann 2013 den ersten Preis beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel.

Heute ist Giltburg international gefragt, konzertiert mit führenden Orchestern der Welt, ist in der aktuellen Saison Artist in Residence bei der Dresdner Philharmonie und nimmt regelmäßig CDs für Naxos auf. Er hat sich intensiv mit Beethoven, Schostakowitsch und Prokofjew auseinandergesetzt, gilt aber vor allem als einer der führenden Interpreten der Werke von Rachmaninow. Gerade ist sein neuestes Album mit Fantasie- und Salonstücken Rachmaninows erschienen.

Herr Giltburg, Sie sind auch ein passionierter Fotograf, Übersetzer und Wanderer. Haben Sie die Musik immer mit dabei im Kopf, wenn Sie sich anderen Dingen widmen?

Nein, so hollywoodartig ist das leider nicht. Eher im Gegenteil: Meine musikalische Arbeit kann ich ausschließlich am Klavier machen. Es gibt ja viele Kollegen, die im Kopf üben können. Dinu Lipati hatte angeblich schon die komplette Interpretation im Kopf, wenn er sich zum ersten Mal ans Klavier setzte für ein neues Stück. Ich finde das unglaublich und sehr bewundernswert, aber ich selbst kann das nicht. Meine Arbeit ist physisch mit den Tasten verbunden. Am Klavier bekomme ich meine Ideen, am Klavier verstehe ich das Stück. Deshalb liebe ich auch das Üben so sehr, weil es meine einzige Möglichkeit ist, diese Arbeit zu tun und mich mit der Musik auseinanderzusetzen. Während ich übe, tauche ich komplett ab und gehe mit dem Komponisten hoch konzentriert in einen Dialog

Ist dieser Zustand mit Meditation vergleichbar?

Absolut. Ich habe in meiner Freizeit schon öfters versucht, zu meditieren, doch so für sich stehend kann ich das überhaupt nicht. Meine Gedanken sind überall. Aber am Klavier gibt es Momente, bei denen ich während des Übens in einen regelrechten Flow komme, in dem ich die Zeit nicht mehr wahrnehme und den Raum um mich herum. Gleichzeitig bin ich dabei extrem präsent, es ist fast, als würde ich den Fluss der Gedanken strömen sehen. Das ist enorm spannend und gelingt mir ausschließlich am Klavier. Ich muss das Stück dazu schon spielen können, dann hat mein Gehirn Raum und Kraft, um auf Wanderschaft zu gehen.

Sie beschäftigen sich intensiv mit Sprache, übersetzen hebräische Kurzgeschichten ins Englische und schreiben über verschiedene Werke. Ist die Musik für Sie mit einer Sprache vergleichbar?

Das ist eine schwierige Frage. Einerseits ist die Musik tatsächlich wie eine Sprache, und wenn man eine neue Sprache lernt, gibt es eine Reihe von Dingen, die man beherrschen muss, um in der Lage zu sein zu sprechen – die Wörter, die Grammatik, den Satzbau, die Aussprache und so weiter. Bei der Musik ist das ähnlich. Aktuell erarbeite ich zum Beispiel das „Wohltemperierte Klavier“. Bach hat eine ganz bestimmte Sprache, die ich liebe und die mir als Zuhörer schon sehr vertraut ist. Aber als Interpret habe ich bislang kaum Bach pur gespielt. Die erste Herausforderung ist es deshalb nicht, die 24 Präludien und Fugen zu lernen, sondern Bachs individuelle Sprache. Erst wenn ich die beherrsche, kann ich auch seine Werke spielen. Andererseits hat die Musik eben keine semantische Bedeutung, abgesehen von Programmmusik. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es gefährlich ist, eine Geschichte in die Musik hineinzulesen.

Welche Gefahr besteht dabei?

Die Musik wird dann durch die Sprache begrenzt. Wie Rilke so schön gesagt hat: „Ich fürchte mich so sehr vor der Menschen Wort, sie sprechen alles so deutlich aus.“ Genau so ist es. Dabei ist das ja die große Kraft der reinen Instrumentalmusik: dass jeder die Möglichkeit hat, sie so zu empfinden, wie er das will. Insofern ist Musik extrem individuell. Gleichzeitig geht es bei großen Komponisten wie bei Schriftstellern immer um universelle Emotionen und Wahrheiten. Die Noten sind der erste Schritt, wie die Wörter. Aber was dahintersteht, ist subjektiv und objektiv zugleich. Nur deshalb gibt es ja auch Interpretationen. Wenn es nur darum ginge, alle Noten korrekt zu spielen, könnte das auch ein Roboter tun. Das ist wie bei einem Text von Shakespeare. Jeder kann ihn vorlesen, aber nur wenige so, dass man etwas Tiefes und Wahres empfindet. Das ist das große Ziel beim Spielen für mich.

Woran erkennen Sie, ob eine Interpretation  gelungen ist?

Eine stimmige Interpretation ist ein absolutes Phänomen, schließlich sehen wir alle etwas anderes in einem Stück Musik. Und doch muss es im Konzert so überzeugend klingen, dass es für den Interpreten und für seine Zuhörer – in diesem Augenblick – die einzige Wahrheit ist. Man kann das eindrucksvoll erleben, wenn man dasselbe Stück erst von einem großen Interpreten anhört und direkt danach von einem anderen. Manchmal könnten die beiden Interpretationen unterschiedlicher kaum sein, und doch klingt jede im Moment des Spiels so, als wäre sie die einzig gültige Wahrheit und Möglichkeit, dieses Stück zu spielen. Ich glaube, das kommt von der inneren Überzeugung. Wenn man selbst zu viel zweifelt, dann spürt das das Publikum.

Wie gelangen Sie zu einer für Sie gültigen Interpretation?

Der Punkt ist: Wenn ich schon eine Interpretation im Kopf habe, bevor ich überhaupt die Noten kenne, begrenzt das die Musik und macht mich unfrei. Am besten finde ich es deshalb, erst mal gar nichts im Kopf zu haben und einfach zu lernen. Sobald ich das Stück spielen kann, lege ich das iPhone neben die Tastatur und filme mich und höre den Mitschnitt ab. So bekomme ich ein Feedback. Und meistens finde ich das erst mal ziemlich schlecht. (lacht)

Sie nehmen sich beim Üben auf?

Jeden Tag. Das ist meine wichtigste Arbeitshilfe. Ich habe mein Leben lang nach einer Formel gesucht, um gut zu spielen. Das ist nun mein Algorithmus. Ich nehme mich auf, höre mich an, vergleiche mein Spiel mit der Partitur und denke darüber nach, was noch nicht so funktioniert an Klang, Phrasierung, Tempo … Und dann beginne ich von vorne. Das alles nimmt sehr viel Zeit und Energie in Anspruch und ist oft auch sehr frustrierend, weil es meist lange dauert, bis ich an einen Punkt gelange, an dem ich merke, dass es besser klingt. Aber diese Distanz durch das Anhören ist für mich essenziell.

Sie haben sich intensiv mit Rachmaninow beschäftigt, vor Kurzem ist Ihr siebtes Album mit seinen Werken erschienen, mit den Fantasie- und Salonstücken. Was fasziniert Sie so an ihm?

Rachmaninows Musik wird ja oft als hochromantisch und einzige Woge von Emotionen beschrieben. Und natürlich gäbe es ohne Emotionen keinen Rachmaninow. Aber wenn man seine Partituren genau betrachtet, steckt dahinter ein unglaublich scharfer Intellekt. Er wusste ganz genau, wie er all seine kompositorischen Mittel einsetzen muss, und hatte eine große Werkzeugkiste, um die verschiedenen Ausdrücke zu erreichen. Deshalb sind Interpretationen seiner Musik immer dann am besten, wenn sie sehr genau der Partitur folgen. Nur dann erklingt am Ende auch ein Rachmaninow, der zwar sehr emotional und berührend ist, aber eben keine schmalzige Hollywood-Musik.

Wird Rachmaninow Ihrer Erfahrung nach hier oft missverstanden?

Ja, absolut. In manchen musikwissenschaftlichen Kreisen gibt es immer noch die Diskussion, ob er ein ernst zu nehmender Komponist ist, und wird bis heute Theodor Adorno zitiert, der Rachmaninows Klavierkonzerte als „Kitsch, der sich als Kunst ausgibt“, bezeichnete. Das ist ein wirklich grobes Missverständnis, und ich finde es schlimm, dass ein so großer Denker so etwas gesagt hat. Dabei war er ja leider nicht der Einzige.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Rachmaninow derart verkannt wurde?

Vielleicht kommt es daher, wie seine Werke oft gespielt werden: mit viel zu viel Schmalz und ungenau. Aber wenn man seine eigenen Aufnahmen hört, dann merkt man, wie er seine Musik eigentlich gedacht hat. Sie sind so edel und tief empfunden, aber nie süß, nie sentimental oder kitschig.

Welche Bedeutung hat Rachmaninow in Ihrem Leben?

Er ist mein wichtigster Begleiter, und wenn ich nur einen Komponisten behalten dürfte, würde ich Rachmaninow wählen. Obwohl ich natürlich sehr traurig wäre ohne Beethoven, Ravel, Bach und all die anderen. Aber Rachmaninow ist der Komponist, den ich am leichtesten verstehe. Das war schon von Anfang an so. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, hat mir meine Großmutter einige seiner Präludien vorgespielt, und ich wollte sie unbedingt selbst spielen lernen. Seine Musik ist mir unmittelbar klar. Das geht mir auch bei Prokofjew, Mussorgsky, Tschaikowsky oder Schostakowitsch so.

Lauter russische Komponisten. Denken Sie, das liegt an Ihrer russischen Herkunft?

Ich weiß es nicht, irgendwie scheint diese Erklärung zu simpel. Aber es steht außer Frage, dass mir die russische Musik extrem nahe ist.

Ist Russland eine Art Heimat für Sie?

Weil ich so viel reise, ist meine Heimat jeweils der Ort, an dem meine Familie ist. Außerdem wird Israel immer meine Heimat sein, meine Eltern und viele meiner Freunde leben dort, und ich selbst habe dort 25 Jahre gewohnt. Aber zu Russland spüre ich eine besondere Verbundenheit. Ich hatte ein regelrechtes Erweckungserlebnis vor drei Jahren in London. Da wurde dort die dokumentarische Oper „Russia: Today“ aufgeführt, und ich bin mit ein paar Freunden als Zuhörer hingegangen. Es war ein A-cappella-Werk auf Basis eines orthodoxen Requiems. Die Texte waren eine Mischung aus der Messe und Interviews mit Menschen zur heutigen Situation in Russland, zu ihrer Identität als Russen und ihren Gedanken zu Russlands Vergangenheit und Zukunft. Meine Freunde fanden die Oper einfach nur interessant und anregend. Für mich war das ein Stoß in den Magen.

Was haben Sie empfunden?

Ich war unglaublich berührt. Und mir wurde klar, dass ich für immer eine Beziehung zu Russland in mir haben werde, obwohl ich nur wenige Jahre dort gelebt habe. Meine Verbindung zur russischen Kultur, zur Musik, Poesie und Sprache, ist absolut intuitiv. Allerdings hat das nichts mit dem aktuellen Land zu tun. Immer, wenn ich dort gespielt habe, habe ich mich wie ein Fremder gefühlt. Letztlich ist das eine Dichotomie: Mit dem kulturellen Russland bin ich aufs Engste verbunden. Das reale Russland ist mir ganz fern.