Zum Weinen schön
Charles Castronovo singt „neue“ Orchesterlieder von Puccini
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Bach reinigt und balanciert uns aus. Mozart schwebt mit uns in eine bessere Welt. Beethoven erhebt uns, Schubert macht uns traurig. Verdi beschleunigt und Wagner erregt uns. In Strauss dürfen wir baden, Schönberg, Berg und Schostakowitsch fordern uns heraus. Puccini aber bringt uns zum Weinen.
Das ist schön und gut, für Körper und Seele. Von solch kathartischer Wirkung schwärmten schließlich schon die alten Griechen. Doch hinterher, wenn Manon, Mimì, Floria Tosca, die kleine Frau Schmetterling, Schwester Angelica und die Sklavin Liù tot sind, dann ist es uns peinlich. „Weepie“, so heißen in der amerikanischen Filmbranche etwas verächtlich die Taschentücher-Filme für ein vornehmlich weibliches Publikum. Die freilich sehr genau und äußerst raffiniert auf der Tastatur der Emotionen zu spielen wissen. So wie Giacomo Puccini.
Am 22. Dezember 1858 wurde er im toskanischen Lucca geboren, vor 100 Jahren, am 29. November 1924 starb der starke Raucher in Brüssel an Kehlkopfkrebs. Und auch wenn wir ihn immer noch, wie Kurt Tucholsky, als „Verdi des kleinen Mannes“ abtun sollten, es wird ein langes Puccini-Jubiläumsjahr werden. Das sich freilich auf ein überschaubares Oeuvre konzentrierten wird. Neben ein paar durchaus vernachlässigbaren Instrumental- und Kirchenkompositionen reüssierte er vornehmlich mit nur zehn Musiktheaterwerken.
Puccini war freilich mehr als nur ein ziemlich mieser, kaltschnäuziger Charakter, der die Frauen ausnutzte und trotzdem unsterbliche, uns heute genauso wie bei ihrer Uraufführung anrührende Sopranrollen schuf. Der Zeitgenosse Armold Schönbergs und Sigmund Freuds, an technischen Innovationen vom Auto bis zum Kinoprojektor wie auch an der Musik seiner Tonsetzerkollegen und an den neuesten Stücken, Romanen, auch Filmen interessiert, war ein Moderner, der sich geschickt hinter Wohlklang und Süße, hinter altmodischem, aber treffsicherem Melodram, einem eminentem Theaterverständnis und präzis kalkulierter Gefühlslenkung zu verstecken wusste.

An seinen selten länger als zweieinhalb Stunden in Anspruch nehmenden, unglaublich sorgfältig gearbeiteten Partituren werkelte Giacomo Puccini meist mehrere Jahre. Je erfolgreicher er wurde, desto länger brauchte und desto mehr Skrupel hatte er.
Der Theaterbetrieb freilich sah seine Opern schnell als sichere Bank an, als Abonnentenfutter von unfehlbarer Wirkung, das man nicht sonderlich pflegen musste, um trotzdem die Kasse voll zu haben. Ähnlich abwertend gingen lange auch die Lexika mit dem höchstbezahlten Opernkomponisten aller Zeiten um. Der übrigens der letzte war, der sich – anders als etwa der zunehmend mit seinen Stücklängen Schwierigkeiten bekommende, ihn lebenslang als Rivalen fürchtende Richard Strauss – wirklich weltweit und nachhaltig im Opernbetrieb durchgesetzt hat.
Zum Jubiläum wird nun das gesamte Repertoire frisch aufpoliert. Vor allem die als wertvoller taxierte „La Fanciulla del West“ und das Einakter-Experiment des „Trittico“ werden fleißig neu inszeniert, aber auch „Turandot“ wird im Rahmen von weiblichem Empowerment auf den Bühnen weltweit neu interpretiert. Bereits seit 1930, seit 1966 alljährlich gibt es auch ein Puccini-Festival am See neben der Villa in Torre del Lago, wo der Meister von 1900 bis 1921 lebte und wo er auch begraben liegt.
Wie also ehrt man heute per Schallplatte einen Komponisten, dessen Werke alle in hervorragenden Einspielungen vorliegen? Man lässt sich etwas Einmaliges einfallen. 1989 veröffentlichte Plácido Domingo eine CD mit 16 unbekannten Puccini-Klavierliedern – Jugendwerken, Albumblättern, Gelegenheitskompositionen. Und auf dem Cover saß er als sommerlich weiß gekleidetes Puccini-Alter-Ego am Caféhaus-Tisch. Ähnlich präsentiert sich jetzt, wenn auch mit dunklem, etwas formellerem Tuch, der als Sohn sizilianischer und ecuadorianischer Eltern in New York geborene und in Kalifornien aufgewachsene Tenor Charles Castronovo.
Denn für ihn, der bisher nur den Rodolfo und den „La rondine“-Ruggero auf der Bühne gesungen hat – in Kürze kommt der Cavaradossi hinzu, hat Johannes X. Schachtner diese Lieder atmosphärisch authentisch und glaubwürdig orchestriert. Auf Empfehlung übrigens von Ivan Repušić, dem Chefdirigenten des Münchner Rundfunkorchester, dessen Artist-in-Residence Castronovo gegenwärtig ist. Und noch bevor die Lieder live erklingen werden, hat man sie bereits beim hausinternen Label BR Klassik eingespielt.
„Man kann hier ein wenig in die Puccini-Werkstadt schauen“, sagt Charles Castronovo, und man merkt, wie angetan er ist von dem ihm bisher unbekannten Schatz. „Da finden sich Kirchenlied und Canzone, ein 40 Sekunden langes vertontes Sprichwort, eine Rom-Hymne und vor allem so mancher, später prägnanter ausformulierter Opernariengedanke.“
Zudem singt es sich schön. „Die Instrumentierung klingt wirklich ziemlich typisch, deckt aber nie die Stimme zu. Eine Repertoirebereicherung“, so meint der weltweit gefragte Tenor. Und schmunzelt, denn „außerdem sehe ich in der sepiabraunen Puccini-Verkleidung wirklich aus wie mein sizilianischer Großvater auf den alten Familienfotos“.
Bach reinigt und balanciert uns aus. Mozart schwebt mit uns in eine bessere Welt. Beethoven erhebt uns, Schubert macht uns traurig. Verdi beschleunigt und Wagner erregt uns. In Strauss dürfen wir baden, Schönberg, Berg und Schostakowitsch fordern uns heraus. Puccini aber bringt uns zum Weinen.
Das ist schön und gut, für Körper und Seele. Von solch kathartischer Wirkung schwärmten schließlich schon die alten Griechen. Doch hinterher, wenn Manon, Mimì, Floria Tosca, die kleine Frau Schmetterling, Schwester Angelica und die Sklavin Liù tot sind, dann ist es uns peinlich. „Weepie“, so heißen in der amerikanischen Filmbranche etwas verächtlich die Taschentücher-Filme für ein vornehmlich weibliches Publikum. Die freilich sehr genau und äußerst raffiniert auf der Tastatur der Emotionen zu spielen wissen. So wie Giacomo Puccini.
Am 22. Dezember 1858 wurde er im toskanischen Lucca geboren, vor 100 Jahren, am 29. November 1924 starb der starke Raucher in Brüssel an Kehlkopfkrebs. Und auch wenn wir ihn immer noch, wie Kurt Tucholsky, als „Verdi des kleinen Mannes“ abtun sollten, es wird ein langes Puccini-Jubiläumsjahr werden. Das sich freilich auf ein überschaubares Oeuvre konzentrierten wird. Neben ein paar durchaus vernachlässigbaren Instrumental- und Kirchenkompositionen reüssierte er vornehmlich mit nur zehn Musiktheaterwerken.
Puccini war freilich mehr als nur ein ziemlich mieser, kaltschnäuziger Charakter, der die Frauen ausnutzte und trotzdem unsterbliche, uns heute genauso wie bei ihrer Uraufführung anrührende Sopranrollen schuf. Der Zeitgenosse Armold Schönbergs und Sigmund Freuds, an technischen Innovationen vom Auto bis zum Kinoprojektor wie auch an der Musik seiner Tonsetzerkollegen und an den neuesten Stücken, Romanen, auch Filmen interessiert, war ein Moderner, der sich geschickt hinter Wohlklang und Süße, hinter altmodischem, aber treffsicherem Melodram, einem eminentem Theaterverständnis und präzis kalkulierter Gefühlslenkung zu verstecken wusste.

An seinen selten länger als zweieinhalb Stunden in Anspruch nehmenden, unglaublich sorgfältig gearbeiteten Partituren werkelte Giacomo Puccini meist mehrere Jahre. Je erfolgreicher er wurde, desto länger brauchte und desto mehr Skrupel hatte er.
Der Theaterbetrieb freilich sah seine Opern schnell als sichere Bank an, als Abonnentenfutter von unfehlbarer Wirkung, das man nicht sonderlich pflegen musste, um trotzdem die Kasse voll zu haben. Ähnlich abwertend gingen lange auch die Lexika mit dem höchstbezahlten Opernkomponisten aller Zeiten um. Der übrigens der letzte war, der sich – anders als etwa der zunehmend mit seinen Stücklängen Schwierigkeiten bekommende, ihn lebenslang als Rivalen fürchtende Richard Strauss – wirklich weltweit und nachhaltig im Opernbetrieb durchgesetzt hat.
Zum Jubiläum wird nun das gesamte Repertoire frisch aufpoliert. Vor allem die als wertvoller taxierte „La Fanciulla del West“ und das Einakter-Experiment des „Trittico“ werden fleißig neu inszeniert, aber auch „Turandot“ wird im Rahmen von weiblichem Empowerment auf den Bühnen weltweit neu interpretiert. Bereits seit 1930, seit 1966 alljährlich gibt es auch ein Puccini-Festival am See neben der Villa in Torre del Lago, wo der Meister von 1900 bis 1921 lebte und wo er auch begraben liegt.
Wie also ehrt man heute per Schallplatte einen Komponisten, dessen Werke alle in hervorragenden Einspielungen vorliegen? Man lässt sich etwas Einmaliges einfallen. 1989 veröffentlichte Plácido Domingo eine CD mit 16 unbekannten Puccini-Klavierliedern – Jugendwerken, Albumblättern, Gelegenheitskompositionen. Und auf dem Cover saß er als sommerlich weiß gekleidetes Puccini-Alter-Ego am Caféhaus-Tisch. Ähnlich präsentiert sich jetzt, wenn auch mit dunklem, etwas formellerem Tuch, der als Sohn sizilianischer und ecuadorianischer Eltern in New York geborene und in Kalifornien aufgewachsene Tenor Charles Castronovo.
Denn für ihn, der bisher nur den Rodolfo und den „La rondine“-Ruggero auf der Bühne gesungen hat – in Kürze kommt der Cavaradossi hinzu, hat Johannes X. Schachtner diese Lieder atmosphärisch authentisch und glaubwürdig orchestriert. Auf Empfehlung übrigens von Ivan Repušić, dem Chefdirigenten des Münchner Rundfunkorchester, dessen Artist-in-Residence Castronovo gegenwärtig ist. Und noch bevor die Lieder live erklingen werden, hat man sie bereits beim hausinternen Label BR Klassik eingespielt.
„Man kann hier ein wenig in die Puccini-Werkstadt schauen“, sagt Charles Castronovo, und man merkt, wie angetan er ist von dem ihm bisher unbekannten Schatz. „Da finden sich Kirchenlied und Canzone, ein 40 Sekunden langes vertontes Sprichwort, eine Rom-Hymne und vor allem so mancher, später prägnanter ausformulierter Opernariengedanke.“
Zudem singt es sich schön. „Die Instrumentierung klingt wirklich ziemlich typisch, deckt aber nie die Stimme zu. Eine Repertoirebereicherung“, so meint der weltweit gefragte Tenor. Und schmunzelt, denn „außerdem sehe ich in der sepiabraunen Puccini-Verkleidung wirklich aus wie mein sizilianischer Großvater auf den alten Familienfotos“.



