Im Stift versteckt
Ganz im Westen Berlins schrieb Ernst Pepping die vielleicht großartigste evangelische Kirchenmusik nach Bach. Eine Spurensuche

Es geschah ausgerechnet im Hause des italienischen Staatspräsidenten Einaudi, dass sich Ernst Pepping als Atheist outete. Nachdem ihm die Gäste mit Vorhaltungen zugesetzt hatten, wie ein Ungläubiger denn nur Motetten und Choräle schreiben könne, flippte der Komponist ein wenig aus und rief: „So ein Unsinn, dazu muss man doch nicht gläubig sein. Wenn Sie einen Kriminalroman schreiben, begehen Sie den Mord, den Sie erzählen, doch auch nicht zuvor selbst!“
Ob er das ernst meinte? Pepping liebte Bonmots, Übertreibungen, Provokationen, seine Konversation war immer ziemlich kess und nicht selten ironisch. Fest steht, dass der Mann, der als bedeutendster Komponist evangelischer Kirchenmusik nach Bach gilt und fast fünfzig Jahre im Spandauer Johannesstift lebte, mit Religion nicht viel zu tun haben wollte.
Am Gemeindeleben und an den Gottesdiensten in Spandau nahm er nicht teil, die Bezeichnung „Kirchenmusikkomponist“ machte ihn wütend, und über die Singbewegung, die Schul- und Gebrauchsmusik goss er kübelweise Spott aus („Zeltlagerdasein mit Flaggenhissen und Kanonsingen“). Die Verspotteten rächten sich, indem sie seinen Stil als bizarr, gespreizt und unsingbar bezeichneten. Seine Entfernung von dieser Szene war so groß wie von allen anderen auch. Er hasste die Orgel und fand Bach oft langweilig, die Musik seiner Kollegen interessierte ihn kaum, sofern es sich nicht um Konkurrenten wie Paul Hindemith oder Hugo Distler handelte, die im Auge behalten werden mussten. Konzerte jedenfalls besuchte Pepping selten, er zog Radioübertragungen von Boxkämpfen vor.

Geboren wurde Ernst Pepping 1901 in Duisburg in einem eher kleinbürgerlichen Milieu, dem er auch später in Berlin treu blieb. Die mehrmals wöchentlich unternommene Fahrt von Spandau zur Musikhochschule am Steinplatz, wo Pepping von 1954 bis 1968 Komposition und Tonsatz lehrte, musste stets über Siemensstadt führen – die Arbeitersiedlung erinnerte ihn an den heimischen Ruhrpott.
Seine Bindung an Berlin war denkbar eng und denkbar locker zugleich. Während seines 1922 begonnenen Studiums in der Hauptstadt lernte er zu hungern, lebte in Gesellschaft einiger Wanzen zunächst in der Schöneberger Vorbergstraße und zog dann ins proletarische Friedrichshain, wo er sich bei einem Tabakhändler um die Ecke nebenbei ein paar Pfennige verdiente – und unter dem Ladentisch Karl Marx las. Seine Werke jener Jahre klangen avantgardistisch, wurden gelegentlich auf Festivals gespielt und regelmäßig verrissen. Von den Goldenen Zwanzigern keine Spur, das Elend war groß, 1926 brach er das Studium ohne Diplom ab und kehrte erst einmal ins Ruhrgebiet, nach Mühlheim/Ruhr, zurück, wo er sich als freischaffender Komponist durchschlug. Erst 1934 bekam Pepping eine feste Stelle an der Berliner Kirchenmusikschule im Spandauer Johannesstift. Dort ist er 1981 auch gestorben.
Das Stift ist noch heute ein pittoreskes Idyll weit draußen am Stadtrand. Pepping liebte die Distanz zur Welt, in jeder Beziehung. Und die Welt gestattete es in seinem Fall. Beschützt von höchsten kirchlichen Würdenträgern, gelang es ihm, während des Krieges „unabkömmlich“ gestellt zu werden. Er war kein Parteimitglied, übte keine offizielle Funktion aus, beteiligte sich nicht an den nationalsozialistischen Musikfesten. Seine Werke aber wurden gespielt, Karl Böhm hob 1939 die verspielt-harmlose und gleichwohl meisterliche erste Sinfonie aus der Taufe, drei Dutzend weitere deutsche Aufführungen sind belegt. 1943 dirigierte Furtwängler die ebenfalls neo-barocke, aber dunkler getönte zweite Sinfonie in Berlin, ein auf Schallplatte dokumentierter Höhepunkt der Pepping-Rezeption. Auch Schuricht, Keilberth, Konwitschny und einmal sogar Karajan haben ihn dirigiert. Allerdings standen die Orchesterwerke, sehr zu Peppings Kummer, immer im Schatten seines sakralen Schaffens.
Die schmerzliche Expressivität seines „Passionsberichts des Matthäus“ ist ein Wunder
Er bewohnte zusammen mit seiner Frau Marianne, der Tochter des Dirigenten Paul Scheinpflug, eine Sechs-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss der Musikschule, im so genannten Heinrich-Schütz-Haus. Marianne trug den Spitznamen „das blonde Gift im Stift“, zusammen waren sie unschlagbar. Das Ehepaar liebte berauschende Getränke, was zu häufigen Exzessen führte. Sie liebten Urlaubsreisen nach Bayern oder an den Lago Maggiore, wo Pepping grundsätzlich keine einzige Note schrieb, und sie liebten das zurückgezogene Leben in Spandau, vor allem den kleinen Garten, wo die beiden Kettenraucher 1945 reichlich Tabak anbauen konnten, aber auch das große, gleich hinter dem Heinrich-Schütz-Haus liegende Feld, das ihnen, stets von einem Hund begleitet, zur täglichen Promenade diente. Wer hinter dem Haus (es heißt heute Janusz-Korczak-Haus und beherbergt die Jugendhilfe des Stifts) Richtung Süden abbiegt, erreicht den kleinen Teich, ein weiteres Refugium des Spaziergängers Pepping. Hier sammelte er sein Material, komponiert hat er vorzugsweise nachts, und zwar auf seltsam sachliche Art; es war für ihn eine halb sportive, halb dienstliche Beschäftigung.
Dass dieser Sonderling höchst artistische Werke schrieb, die nur die Spandauer Kantorei und ganz wenige Elite-Chöre bewältigen konnten, Sakralwerke auf gleichsam instrumentalem Niveau, ohne jeden Verkündigungsanspruch, lässt sich eventuell noch aus einer mathematischen Spezialbegabung erklären – die schmerzliche Expressivität seiner „Missa Dona nobis pacem“, seines „Paul-Gerhardt-Liederbuchs“ und seines „Passionsberichts des Matthäus“ kann nur als Wunder begriffen werden. Diese Schöpfungen der unmittelbaren Nachkriegszeit haben ihn unsterblich gemacht. Sie sind noch immer der beste Weg zu Ernst Pepping, lohnender als ein Besuch auf dem Waldfriedhof Heerstraße, wo er unter einem schmucklosen Stein begraben liegt.
Im Johannestift erinnert nichts mehr an ihn, die Musikschule wurde 1998 geschlossen. Selbst in Berlins Kirchen wird Pepping öfter genannt als gesungen. Seine weltliche Vokalmusik ist größtenteils unbekannt, auch sein orchestrales Schaffen harrt – trotz zaghafter diskografischer Ansätze – der Wiederentdeckung. Ernst Pepping wurde, ebenso wie Blacher und Hartmann, von der Neuen Musik ab 1960 an den Rand gedrängt. Da von dieser radikalen Moderne kaum etwas übrig geblieben ist, könnten wir uns eigentlich getrost dem alten Neuen zuwenden. Auch der von Pepping vergötterte Haydn wird ja niemals altmodisch.
Es geschah ausgerechnet im Hause des italienischen Staatspräsidenten Einaudi, dass sich Ernst Pepping als Atheist outete. Nachdem ihm die Gäste mit Vorhaltungen zugesetzt hatten, wie ein Ungläubiger denn nur Motetten und Choräle schreiben könne, flippte der Komponist ein wenig aus und rief: „So ein Unsinn, dazu muss man doch nicht gläubig sein. Wenn Sie einen Kriminalroman schreiben, begehen Sie den Mord, den Sie erzählen, doch auch nicht zuvor selbst!“
Ob er das ernst meinte? Pepping liebte Bonmots, Übertreibungen, Provokationen, seine Konversation war immer ziemlich kess und nicht selten ironisch. Fest steht, dass der Mann, der als bedeutendster Komponist evangelischer Kirchenmusik nach Bach gilt und fast fünfzig Jahre im Spandauer Johannesstift lebte, mit Religion nicht viel zu tun haben wollte.
Am Gemeindeleben und an den Gottesdiensten in Spandau nahm er nicht teil, die Bezeichnung „Kirchenmusikkomponist“ machte ihn wütend, und über die Singbewegung, die Schul- und Gebrauchsmusik goss er kübelweise Spott aus („Zeltlagerdasein mit Flaggenhissen und Kanonsingen“). Die Verspotteten rächten sich, indem sie seinen Stil als bizarr, gespreizt und unsingbar bezeichneten. Seine Entfernung von dieser Szene war so groß wie von allen anderen auch. Er hasste die Orgel und fand Bach oft langweilig, die Musik seiner Kollegen interessierte ihn kaum, sofern es sich nicht um Konkurrenten wie Paul Hindemith oder Hugo Distler handelte, die im Auge behalten werden mussten. Konzerte jedenfalls besuchte Pepping selten, er zog Radioübertragungen von Boxkämpfen vor.

Geboren wurde Ernst Pepping 1901 in Duisburg in einem eher kleinbürgerlichen Milieu, dem er auch später in Berlin treu blieb. Die mehrmals wöchentlich unternommene Fahrt von Spandau zur Musikhochschule am Steinplatz, wo Pepping von 1954 bis 1968 Komposition und Tonsatz lehrte, musste stets über Siemensstadt führen – die Arbeitersiedlung erinnerte ihn an den heimischen Ruhrpott.
Seine Bindung an Berlin war denkbar eng und denkbar locker zugleich. Während seines 1922 begonnenen Studiums in der Hauptstadt lernte er zu hungern, lebte in Gesellschaft einiger Wanzen zunächst in der Schöneberger Vorbergstraße und zog dann ins proletarische Friedrichshain, wo er sich bei einem Tabakhändler um die Ecke nebenbei ein paar Pfennige verdiente – und unter dem Ladentisch Karl Marx las. Seine Werke jener Jahre klangen avantgardistisch, wurden gelegentlich auf Festivals gespielt und regelmäßig verrissen. Von den Goldenen Zwanzigern keine Spur, das Elend war groß, 1926 brach er das Studium ohne Diplom ab und kehrte erst einmal ins Ruhrgebiet, nach Mühlheim/Ruhr, zurück, wo er sich als freischaffender Komponist durchschlug. Erst 1934 bekam Pepping eine feste Stelle an der Berliner Kirchenmusikschule im Spandauer Johannesstift. Dort ist er 1981 auch gestorben.
Das Stift ist noch heute ein pittoreskes Idyll weit draußen am Stadtrand. Pepping liebte die Distanz zur Welt, in jeder Beziehung. Und die Welt gestattete es in seinem Fall. Beschützt von höchsten kirchlichen Würdenträgern, gelang es ihm, während des Krieges „unabkömmlich“ gestellt zu werden. Er war kein Parteimitglied, übte keine offizielle Funktion aus, beteiligte sich nicht an den nationalsozialistischen Musikfesten. Seine Werke aber wurden gespielt, Karl Böhm hob 1939 die verspielt-harmlose und gleichwohl meisterliche erste Sinfonie aus der Taufe, drei Dutzend weitere deutsche Aufführungen sind belegt. 1943 dirigierte Furtwängler die ebenfalls neo-barocke, aber dunkler getönte zweite Sinfonie in Berlin, ein auf Schallplatte dokumentierter Höhepunkt der Pepping-Rezeption. Auch Schuricht, Keilberth, Konwitschny und einmal sogar Karajan haben ihn dirigiert. Allerdings standen die Orchesterwerke, sehr zu Peppings Kummer, immer im Schatten seines sakralen Schaffens.
Die schmerzliche Expressivität seines „Passionsberichts des Matthäus“ ist ein Wunder
Er bewohnte zusammen mit seiner Frau Marianne, der Tochter des Dirigenten Paul Scheinpflug, eine Sechs-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss der Musikschule, im so genannten Heinrich-Schütz-Haus. Marianne trug den Spitznamen „das blonde Gift im Stift“, zusammen waren sie unschlagbar. Das Ehepaar liebte berauschende Getränke, was zu häufigen Exzessen führte. Sie liebten Urlaubsreisen nach Bayern oder an den Lago Maggiore, wo Pepping grundsätzlich keine einzige Note schrieb, und sie liebten das zurückgezogene Leben in Spandau, vor allem den kleinen Garten, wo die beiden Kettenraucher 1945 reichlich Tabak anbauen konnten, aber auch das große, gleich hinter dem Heinrich-Schütz-Haus liegende Feld, das ihnen, stets von einem Hund begleitet, zur täglichen Promenade diente. Wer hinter dem Haus (es heißt heute Janusz-Korczak-Haus und beherbergt die Jugendhilfe des Stifts) Richtung Süden abbiegt, erreicht den kleinen Teich, ein weiteres Refugium des Spaziergängers Pepping. Hier sammelte er sein Material, komponiert hat er vorzugsweise nachts, und zwar auf seltsam sachliche Art; es war für ihn eine halb sportive, halb dienstliche Beschäftigung.
Dass dieser Sonderling höchst artistische Werke schrieb, die nur die Spandauer Kantorei und ganz wenige Elite-Chöre bewältigen konnten, Sakralwerke auf gleichsam instrumentalem Niveau, ohne jeden Verkündigungsanspruch, lässt sich eventuell noch aus einer mathematischen Spezialbegabung erklären – die schmerzliche Expressivität seiner „Missa Dona nobis pacem“, seines „Paul-Gerhardt-Liederbuchs“ und seines „Passionsberichts des Matthäus“ kann nur als Wunder begriffen werden. Diese Schöpfungen der unmittelbaren Nachkriegszeit haben ihn unsterblich gemacht. Sie sind noch immer der beste Weg zu Ernst Pepping, lohnender als ein Besuch auf dem Waldfriedhof Heerstraße, wo er unter einem schmucklosen Stein begraben liegt.
Im Johannestift erinnert nichts mehr an ihn, die Musikschule wurde 1998 geschlossen. Selbst in Berlins Kirchen wird Pepping öfter genannt als gesungen. Seine weltliche Vokalmusik ist größtenteils unbekannt, auch sein orchestrales Schaffen harrt – trotz zaghafter diskografischer Ansätze – der Wiederentdeckung. Ernst Pepping wurde, ebenso wie Blacher und Hartmann, von der Neuen Musik ab 1960 an den Rand gedrängt. Da von dieser radikalen Moderne kaum etwas übrig geblieben ist, könnten wir uns eigentlich getrost dem alten Neuen zuwenden. Auch der von Pepping vergötterte Haydn wird ja niemals altmodisch.



