„Eine Stimme muss reifen wie guter Wein“
Der italienische Tenor Vittorio Grigolo präsentiert auf seinem neuen Album italienische Arien des Verismo

Als Pastorello in Giacomo Puccinis „Tosca“ feierte Vittorio Grigolo früh ein spektakuläres Debüt am Teatro dell’Opera in Rom. „Io de‘ sospiri. Ve ne rimanno tanti…“ – mit glockenheller Stimme intonierte der Dreizehnjährige die kurze Partie des Hirtenjungen zu Beginn des dritten Aktes, wie man in einem in sozialen Netzwerken kursierenden Video aus dem Winter 1990/91 hören kann. Dass er mit wenigen Takten quasi über Nacht ins Licht der Öffentlichkeit rückte, verdankte er keinem Geringeren als Luciano Pavarotti, der die Rolle des Mario Cavaradossi sang. „Wenn Du genug übst, wirst Du die Nummer Eins werden“, schrieb ihm der weltberühmte Tenor auf eine Autogrammkarte. In der Presse wurde er bald als „Pavarottino“, kleiner Pavarotti, gehandelt.
„Für mich war das alles sehr aufregend“, erinnert sich Grigolo heute. „Pavarotti war mein Held, zu Hause hatte ich immer seine Aufnahmen gehört.“ Damals sang er schon seit mehreren Jahren im Knabenchor der Sixtinischen Kapelle, mit dem er sogar auf eine ausgedehnte Amerika-Tournee ging. An illustren Vorbildern mangelte es nicht – auch der Tenor Beniamino Gigli und der Bass Nazzareno De Angelis hatten in dem Chor ihr stimmliches Rüstzeug erhalten. Als Grigolo nach einem Gesangsstudium eine professionelle Sängerlaufbahn einschlug, blieb Pavarotti sein Mentor. „Bevor ich in Washington zum ersten Mal in Puccinis ‚La Bohème‘ auftrat, haben wir die Rolle des Rodolfo gemeinsam einstudiert.“
„Die Melodien mussten erst durch meinen Körper und meine Seele gehen.“
Das Etikett des Zöglings eines Startenors haftete ihm allerdings nicht lange an. Mit seinem strahlenden, mediterranen Timbre machte er in der internationalen Musikwelt rasch als vielversprechendes Talent von sich reden. 1998 debütierte als er als Don Narciso in Gioachino Rossinis „Il turco in Italia“ an der Kammeroper Wien, zwei Jahre später sang er mit 23 als jüngster Tenor bei einem Konzert in der Mailänder Scala. Zu den wichtigen Etappen seiner Karriere rechnet er auch Gaetano Donizettis „L’elisir d’amore“ in seiner Heimatstadt Rom. Das Repertoire, mit dem er an renommierten Häusern zu erleben ist, umfasst neben Mozart, Gounod oder Massenet vor allem die großen Rollen des italienischen Belcanto und Verismo.
Mit dem Tschechischen Nationalen Symphonieorchester unter Leitung von Pier Giorgio Morandi interpretiert Grigolo nun auf seinem neuesten Album „Verissimo“ berühmte und weniger bekannte italienische Arien vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert. „Zum einen bezieht sich der Titel auf die Stilrichtung des Verismo. Ich singe hier Arien wie ‚Mamma, quel vino è generoso‘ aus Mascagnis ‚Cavalleria rusticana‘, ‚Vesti la giubba’ aus Leoncavallos ‚Pagliacci‘ oder ‚La dolcissima effigie‘ aus ‚Adriana Lecouvreur‘ von Cilea“, sagt Grigolo. „Mit dem Superlativ ‚Verissimo‘ will ich aber auch ausdrücken, dass diese Aufnahme ein authentisches Bild von mir als reifem Künstler vermittelt. Mit 47 Jahren habe ich nicht mehr die Stimme eines Zwanzig- oder Dreißigjährigen. Hat man erst einmal die Vierzig überschritten, beginnt eigentlich die schönste Zeit für einen Sänger. Denn die wichtigsten Lektionen erteilt einem das Leben“, bekennt er. „Vor fünf oder sechs Jahren, als ich zum ersten Mal an das ‚Verissimo‘-Projekt dachte, war der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen. Während der Pandemie habe ich mich weiter in dieses Repertoire vertieft. Die Melodien mussten erst durch meinen Körper und meine Seele gehen, bevor ich sie auf meine Art nach außen tragen konnte.“
Auch Puccini, dessen hundertster Todestag in diesem Jahr begangen wird, ist auf der CD vertreten – etwa mit „Hai ben ragione“ aus „Il tabarro“, „Addio, fiorito asil“ aus „Madama Butterfly“ oder „Non piangere, Liù“ und „Nessun dorma“ aus „Turandot“. Eine Entdeckung ist dagegen „Apri la tua finestra!“ aus Mascagnis selten gespielter Oper „Iris“. All diese Stücke, die ihm am Herzen lägen, in einer Aufnahme zusammenzubringen, bedeute, etwas Bleibendes von sich zu hinterlassen, meint Grigolo. Der legendäre Tenor Enrico Caruso habe seinerzeit wohl als Erster erkannt, wie wichtig es sei, die Stimme auf einem Tonträger verewigen.
Seine Leidenschaft für die Oper verbindet Vittorio Grigolo mit der Liebe zu guten Weinen. In der Toskana, wo er geboren wurde, betätigt er sich seit einiger Zeit auch als Winzer. Neben einem Biowein namens „Opera Viva“ bringt er eine Edition unter dem Titel „L’elisir d’amore“ heraus – eine Anspielung auf seinen frühen Bühnenerfolg. „In Donizettis Oper wird ja schließlich Bordeaux und kein Liebestrank angeboten. Ich denke, dass ein Rotwein der Stimme eines Sängers ähnlich ist. Auch er braucht Zeit, um zu reifen.“
Als Pastorello in Giacomo Puccinis „Tosca“ feierte Vittorio Grigolo früh ein spektakuläres Debüt am Teatro dell’Opera in Rom. „Io de‘ sospiri. Ve ne rimanno tanti…“ – mit glockenheller Stimme intonierte der Dreizehnjährige die kurze Partie des Hirtenjungen zu Beginn des dritten Aktes, wie man in einem in sozialen Netzwerken kursierenden Video aus dem Winter 1990/91 hören kann. Dass er mit wenigen Takten quasi über Nacht ins Licht der Öffentlichkeit rückte, verdankte er keinem Geringeren als Luciano Pavarotti, der die Rolle des Mario Cavaradossi sang. „Wenn Du genug übst, wirst Du die Nummer Eins werden“, schrieb ihm der weltberühmte Tenor auf eine Autogrammkarte. In der Presse wurde er bald als „Pavarottino“, kleiner Pavarotti, gehandelt.
„Für mich war das alles sehr aufregend“, erinnert sich Grigolo heute. „Pavarotti war mein Held, zu Hause hatte ich immer seine Aufnahmen gehört.“ Damals sang er schon seit mehreren Jahren im Knabenchor der Sixtinischen Kapelle, mit dem er sogar auf eine ausgedehnte Amerika-Tournee ging. An illustren Vorbildern mangelte es nicht – auch der Tenor Beniamino Gigli und der Bass Nazzareno De Angelis hatten in dem Chor ihr stimmliches Rüstzeug erhalten. Als Grigolo nach einem Gesangsstudium eine professionelle Sängerlaufbahn einschlug, blieb Pavarotti sein Mentor. „Bevor ich in Washington zum ersten Mal in Puccinis ‚La Bohème‘ auftrat, haben wir die Rolle des Rodolfo gemeinsam einstudiert.“
„Die Melodien mussten erst durch meinen Körper und meine Seele gehen.“
Das Etikett des Zöglings eines Startenors haftete ihm allerdings nicht lange an. Mit seinem strahlenden, mediterranen Timbre machte er in der internationalen Musikwelt rasch als vielversprechendes Talent von sich reden. 1998 debütierte als er als Don Narciso in Gioachino Rossinis „Il turco in Italia“ an der Kammeroper Wien, zwei Jahre später sang er mit 23 als jüngster Tenor bei einem Konzert in der Mailänder Scala. Zu den wichtigen Etappen seiner Karriere rechnet er auch Gaetano Donizettis „L’elisir d’amore“ in seiner Heimatstadt Rom. Das Repertoire, mit dem er an renommierten Häusern zu erleben ist, umfasst neben Mozart, Gounod oder Massenet vor allem die großen Rollen des italienischen Belcanto und Verismo.
Mit dem Tschechischen Nationalen Symphonieorchester unter Leitung von Pier Giorgio Morandi interpretiert Grigolo nun auf seinem neuesten Album „Verissimo“ berühmte und weniger bekannte italienische Arien vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert. „Zum einen bezieht sich der Titel auf die Stilrichtung des Verismo. Ich singe hier Arien wie ‚Mamma, quel vino è generoso‘ aus Mascagnis ‚Cavalleria rusticana‘, ‚Vesti la giubba’ aus Leoncavallos ‚Pagliacci‘ oder ‚La dolcissima effigie‘ aus ‚Adriana Lecouvreur‘ von Cilea“, sagt Grigolo. „Mit dem Superlativ ‚Verissimo‘ will ich aber auch ausdrücken, dass diese Aufnahme ein authentisches Bild von mir als reifem Künstler vermittelt. Mit 47 Jahren habe ich nicht mehr die Stimme eines Zwanzig- oder Dreißigjährigen. Hat man erst einmal die Vierzig überschritten, beginnt eigentlich die schönste Zeit für einen Sänger. Denn die wichtigsten Lektionen erteilt einem das Leben“, bekennt er. „Vor fünf oder sechs Jahren, als ich zum ersten Mal an das ‚Verissimo‘-Projekt dachte, war der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen. Während der Pandemie habe ich mich weiter in dieses Repertoire vertieft. Die Melodien mussten erst durch meinen Körper und meine Seele gehen, bevor ich sie auf meine Art nach außen tragen konnte.“
Auch Puccini, dessen hundertster Todestag in diesem Jahr begangen wird, ist auf der CD vertreten – etwa mit „Hai ben ragione“ aus „Il tabarro“, „Addio, fiorito asil“ aus „Madama Butterfly“ oder „Non piangere, Liù“ und „Nessun dorma“ aus „Turandot“. Eine Entdeckung ist dagegen „Apri la tua finestra!“ aus Mascagnis selten gespielter Oper „Iris“. All diese Stücke, die ihm am Herzen lägen, in einer Aufnahme zusammenzubringen, bedeute, etwas Bleibendes von sich zu hinterlassen, meint Grigolo. Der legendäre Tenor Enrico Caruso habe seinerzeit wohl als Erster erkannt, wie wichtig es sei, die Stimme auf einem Tonträger verewigen.
Seine Leidenschaft für die Oper verbindet Vittorio Grigolo mit der Liebe zu guten Weinen. In der Toskana, wo er geboren wurde, betätigt er sich seit einiger Zeit auch als Winzer. Neben einem Biowein namens „Opera Viva“ bringt er eine Edition unter dem Titel „L’elisir d’amore“ heraus – eine Anspielung auf seinen frühen Bühnenerfolg. „In Donizettis Oper wird ja schließlich Bordeaux und kein Liebestrank angeboten. Ich denke, dass ein Rotwein der Stimme eines Sängers ähnlich ist. Auch er braucht Zeit, um zu reifen.“



