Interview & Porträt

Musikalische Gebete für den Frieden

Von
Corina Kolbe
Erschienen in der Printausgabe im
April 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Kaupo Kikkas
Foto: Kaupo Kikkas

Zum Komponieren kam Albena Petrovic schon als Kind. „Als ich anfing, Klavier zu spielen, habe ich auch gleich meine ersten Stücke geschrieben“, erinnert sich die Komponistin, die in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geboren wurde. Musik spielt in ihrer Familie seit mehreren Generationen eine große Rolle. Ihr Vater war Posaunist, bevor er sich dem Dirigieren zuwandte, und der Großvater komponierte Folkloremusik. „Mein Vater hat mich früh zu einem Kompositionslehrer geschickt, damit ich mir seriöse Grundlagen erarbeiten konnte. Kinder sehen ja von sich aus meist keinen Unterschied zwischen dem Komponieren und dem Improvisieren. Bei mir lief es aber anders. Mein Lehrer brachte mich sofort dazu, Stücke für verschiedene Instrumente zu schreiben – nicht nur für das Klavier.“ 

Ihren weiteren Weg sah Petrovic bald klar vor sich: „Ein Leben ohne Musik war für mich nie vorstellbar. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der die Beschäftigung damit selbstverständlich war. Frauen, die das Komponieren zu ihrem Beruf machen, kommen fast immer aus musikalischen Elternhäusern. Daran hat sich bis heute wenig geändert.“ In Luxemburg ist Petrovic inzwischen seit über 25 Jahren zu Hause. In der Umbruchzeit nach dem Mauerfall verließ sie das krisengeplagte Bulgarien, reiste kreuz und quer durch Europa und trat in Pianobars auf. Das Komponieren legte sie lange auf Eis. Erst in ihrer neuen Wahlheimat fand sie wieder die Motivation, selbst Musik zu schaffen. 

Als Künstlerin richtet sie ihren Blick seither häufig auf starke Frauen. Petrovics neues Album „Sanctuary“ beginnt mit einem „Ave Maria“ aus ihrer Radio-Oper „Ermesinde’s Long Walk“ auf einen Text von Peter Thabit Jones. Darin geht es um eine Adelige, die im Mittelalter in Luxemburg regierte und die kleine Grafschaft zu neuer Blüte führte. Bei den insgesamt zwölf vertonten Gedichten auf der Aufnahme handelt es sich größtenteils um Transkriptionen ursprünglich größer besetzter Werke für Klavier und Singstimme. „Ich verstehe sie als Gebete, die über eine bestimmte Konfession hinaus einen universellen Wunsch nach Frieden und Menschlichkeit ausdrücken. Diese Idee zieht sich wie ein roter Faden durch das CD-Programm“, erklärt die Komponistin. Die Mezzosopranistin Anna Bineta Diouf wird von der Pianistin Eugenia Radoslava begleitet, die Petrovic in Wien kennengelernt hat.

Im Zentrum von „Sanctuary“ steht die tragische Figur der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler, die vor den Nationalsozialisten aus Deutschland floh und 1945 vereinsamt und kulturell entwurzelt in Jerusalem starb. Mehrere Lieder auf Gedichte von Lasker-Schüler, die auf dem Album zu hören sind, stammen ursprünglich aus Petrovics Radio-Oper „The Blue Piano“, die 2023 im bulgarischen Rundfunk uraufgeführt wurde. Der Titel bezieht sich auf ein im Schweizer Exil entstandenes Gedicht von Lasker-Schüler, das später ihrem letzten, in Palästina veröffentlichten Lyrikband seinen Namen gab. Die Oper behandelt das Schicksal zweier Pianistinnen, die beide die Verfolgung durch diktatorische Regime überlebten. Véronique Lautard-Schewtschenka war während der Stalin-Diktatur jahrelang im sowjetischen Gulag inhaftiert, ein Holzbrett diente ihr dort als imaginäres Klavier. Die Jüdin Alice Hertz-Sommer kam in der NS-Zeit ins KZ Theresienstadt, wo sie mehr als hundert Konzerte gab. Petrovic ist davon überzeugt, dass diese Frauen aus dem Glauben an ihre Musik neue Lebenskraft schöpfen konnten. Lautard-Schewtschenka trat nach ihrer Rehabilitierung noch bis zu ihrem Tod 1982 regelmäßig in Konzerten auf. Hertz-Sommer starb 2014 im biblischen Alter von 110 Jahren in London.

„Mit meiner Musik will ich ein Zeichen für Hoffnung setzen“, sagt Petrovic. „Meine Kompositionen sind nicht experimentell. Ich verwende zwar ungewöhnliche Begleitinstrumente wie tibetische Klangschalen, Tamburine und andere kleine Schlaginstrumente. Dies aber nur, um eine spezielle Atmosphäre zu schaffen. Die Stücke sind sehr lyrisch, sie basieren alle auf Melodien, die meiner persönlichen Ästhetik entsprechen. Mit der menschlichen Stimme gehe ich auf eine traditionelle Weise um. Sänger dürfen bei mir immer Sänger bleiben.“ Auf ein Poem von Friedrich Nietzsche, „Die Krähen schrein“, folgen die Vertonungen zweier expressionistischer Gedichte von Lasker-Schüler, „Weltende“ und „Abschied“, die noch nicht öffentlich aufgeführt worden sind. Die Stücke, in denen Verzweiflung und die Vorahnung eines Weltuntergangs spürbar werden, spiegeln für die Komponistin auch die Stimmung wider, die wir in unseren heutigen unsicheren Zeiten erleben. Ebenfalls aus „The Blue Piano“ stammt „Je veux vivre“, das einzige Lied auf dem Album in französischer Sprache, mit dem sie das „heilige Leben“ feiern will. 

„Sanctuary“ bietet außerdem eine besondere Rarität, nämlich ein Gedicht des Malers Egon Schiele, der einer der prägenden Künstler der Wiener Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts war. „Über den moosriechenden schwarzumrandeten Parksee gleitet im Regenbogenfarbenschaum der hohe, ruhige, runde Schwan“, dichtete Schiele in eindrücklichen Bildern. Klavier und Perkussionsinstrumente schaffen hier eine mystische Atmosphäre, während Anna Bineta Diouf mit ihrer ausdrucksstarken Stimme expressionistisch tönende Akzente setzt. 

Die Mezzosopranistin ist für Petrovic eine ideale Besetzung. „Sie ist sehr begabt und außerdem erfahren im Umgang mit zeitgenössischer Musik.“ Das Album schließt mit einer weiteren Hommage an die mittelalterliche Gräfin Ermesinde, um mit Blick auf die Zukunft eine Botschaft der Zuversicht auszusenden. Albena Petrovic wünscht sich, mit ihrer Musik auch ein neues Publikum für die Genre Kunstlied und Oper zu gewinnen. „Ich richte mich nicht in erster Linie an Spezialisten, sondern an eine möglichst breite Zuhörerschaft – ganz normale Leute, die ich für meine Stücke begeistern möchte.“

Zum Komponieren kam Albena Petrovic schon als Kind. „Als ich anfing, Klavier zu spielen, habe ich auch gleich meine ersten Stücke geschrieben“, erinnert sich die Komponistin, die in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geboren wurde. Musik spielt in ihrer Familie seit mehreren Generationen eine große Rolle. Ihr Vater war Posaunist, bevor er sich dem Dirigieren zuwandte, und der Großvater komponierte Folkloremusik. „Mein Vater hat mich früh zu einem Kompositionslehrer geschickt, damit ich mir seriöse Grundlagen erarbeiten konnte. Kinder sehen ja von sich aus meist keinen Unterschied zwischen dem Komponieren und dem Improvisieren. Bei mir lief es aber anders. Mein Lehrer brachte mich sofort dazu, Stücke für verschiedene Instrumente zu schreiben – nicht nur für das Klavier.“ 

Ihren weiteren Weg sah Petrovic bald klar vor sich: „Ein Leben ohne Musik war für mich nie vorstellbar. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der die Beschäftigung damit selbstverständlich war. Frauen, die das Komponieren zu ihrem Beruf machen, kommen fast immer aus musikalischen Elternhäusern. Daran hat sich bis heute wenig geändert.“ In Luxemburg ist Petrovic inzwischen seit über 25 Jahren zu Hause. In der Umbruchzeit nach dem Mauerfall verließ sie das krisengeplagte Bulgarien, reiste kreuz und quer durch Europa und trat in Pianobars auf. Das Komponieren legte sie lange auf Eis. Erst in ihrer neuen Wahlheimat fand sie wieder die Motivation, selbst Musik zu schaffen. 

Als Künstlerin richtet sie ihren Blick seither häufig auf starke Frauen. Petrovics neues Album „Sanctuary“ beginnt mit einem „Ave Maria“ aus ihrer Radio-Oper „Ermesinde’s Long Walk“ auf einen Text von Peter Thabit Jones. Darin geht es um eine Adelige, die im Mittelalter in Luxemburg regierte und die kleine Grafschaft zu neuer Blüte führte. Bei den insgesamt zwölf vertonten Gedichten auf der Aufnahme handelt es sich größtenteils um Transkriptionen ursprünglich größer besetzter Werke für Klavier und Singstimme. „Ich verstehe sie als Gebete, die über eine bestimmte Konfession hinaus einen universellen Wunsch nach Frieden und Menschlichkeit ausdrücken. Diese Idee zieht sich wie ein roter Faden durch das CD-Programm“, erklärt die Komponistin. Die Mezzosopranistin Anna Bineta Diouf wird von der Pianistin Eugenia Radoslava begleitet, die Petrovic in Wien kennengelernt hat.

Im Zentrum von „Sanctuary“ steht die tragische Figur der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler, die vor den Nationalsozialisten aus Deutschland floh und 1945 vereinsamt und kulturell entwurzelt in Jerusalem starb. Mehrere Lieder auf Gedichte von Lasker-Schüler, die auf dem Album zu hören sind, stammen ursprünglich aus Petrovics Radio-Oper „The Blue Piano“, die 2023 im bulgarischen Rundfunk uraufgeführt wurde. Der Titel bezieht sich auf ein im Schweizer Exil entstandenes Gedicht von Lasker-Schüler, das später ihrem letzten, in Palästina veröffentlichten Lyrikband seinen Namen gab. Die Oper behandelt das Schicksal zweier Pianistinnen, die beide die Verfolgung durch diktatorische Regime überlebten. Véronique Lautard-Schewtschenka war während der Stalin-Diktatur jahrelang im sowjetischen Gulag inhaftiert, ein Holzbrett diente ihr dort als imaginäres Klavier. Die Jüdin Alice Hertz-Sommer kam in der NS-Zeit ins KZ Theresienstadt, wo sie mehr als hundert Konzerte gab. Petrovic ist davon überzeugt, dass diese Frauen aus dem Glauben an ihre Musik neue Lebenskraft schöpfen konnten. Lautard-Schewtschenka trat nach ihrer Rehabilitierung noch bis zu ihrem Tod 1982 regelmäßig in Konzerten auf. Hertz-Sommer starb 2014 im biblischen Alter von 110 Jahren in London.

„Mit meiner Musik will ich ein Zeichen für Hoffnung setzen“, sagt Petrovic. „Meine Kompositionen sind nicht experimentell. Ich verwende zwar ungewöhnliche Begleitinstrumente wie tibetische Klangschalen, Tamburine und andere kleine Schlaginstrumente. Dies aber nur, um eine spezielle Atmosphäre zu schaffen. Die Stücke sind sehr lyrisch, sie basieren alle auf Melodien, die meiner persönlichen Ästhetik entsprechen. Mit der menschlichen Stimme gehe ich auf eine traditionelle Weise um. Sänger dürfen bei mir immer Sänger bleiben.“ Auf ein Poem von Friedrich Nietzsche, „Die Krähen schrein“, folgen die Vertonungen zweier expressionistischer Gedichte von Lasker-Schüler, „Weltende“ und „Abschied“, die noch nicht öffentlich aufgeführt worden sind. Die Stücke, in denen Verzweiflung und die Vorahnung eines Weltuntergangs spürbar werden, spiegeln für die Komponistin auch die Stimmung wider, die wir in unseren heutigen unsicheren Zeiten erleben. Ebenfalls aus „The Blue Piano“ stammt „Je veux vivre“, das einzige Lied auf dem Album in französischer Sprache, mit dem sie das „heilige Leben“ feiern will. 

„Sanctuary“ bietet außerdem eine besondere Rarität, nämlich ein Gedicht des Malers Egon Schiele, der einer der prägenden Künstler der Wiener Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts war. „Über den moosriechenden schwarzumrandeten Parksee gleitet im Regenbogenfarbenschaum der hohe, ruhige, runde Schwan“, dichtete Schiele in eindrücklichen Bildern. Klavier und Perkussionsinstrumente schaffen hier eine mystische Atmosphäre, während Anna Bineta Diouf mit ihrer ausdrucksstarken Stimme expressionistisch tönende Akzente setzt. 

Die Mezzosopranistin ist für Petrovic eine ideale Besetzung. „Sie ist sehr begabt und außerdem erfahren im Umgang mit zeitgenössischer Musik.“ Das Album schließt mit einer weiteren Hommage an die mittelalterliche Gräfin Ermesinde, um mit Blick auf die Zukunft eine Botschaft der Zuversicht auszusenden. Albena Petrovic wünscht sich, mit ihrer Musik auch ein neues Publikum für die Genre Kunstlied und Oper zu gewinnen. „Ich richte mich nicht in erster Linie an Spezialisten, sondern an eine möglichst breite Zuhörerschaft – ganz normale Leute, die ich für meine Stücke begeistern möchte.“