Interview & Porträt

Vom Wüten der Welt

Von
Stefan Pieper
Erschienen in der Printausgabe im
April 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Der Countertenor Alois Mühlbacher studierte Schauspiel in Linz und Sologesang in Wien, zurzeit setzt er sein Masterstudium in London bei Michael Chance fort. Foto: Alexander Eder
Der Countertenor Alois Mühlbacher studierte Schauspiel in Linz und Sologesang in Wien, zurzeit setzt er sein Masterstudium in London bei Michael Chance fort. Foto: Alexander Eder

Festivals sind atmosphärische und soziale Verstärker für musikalische Erfahrungen. Die Reise an einen anderen Ort, das Eintauchen in die Atmosphäre und die Begegnung mit Gleichgesinnten öffnet die Sinne für so manches, was man vorher vielleicht nicht für möglich gehalten hat. Der neue Intendant des Barockfestivals im niederösterreichischen Sankt Pölten, Alois Mühlbacher, strengt sich für die erste von ihm kuratierte Ausgabe mächtig an, hierfür die Parameter zu setzen. Das spürt man im Gespräch mit dem jungen Countertenor, der kürzlich an der Mailänder Scala debütierte, deutlich.

Barockmusik und was historisch daraus bis in unsere Gegenwart folgte, bildet vom 25. Mai bis 9. Juni den roten Faden für Konzerte, Lesungen, aber auch Workshops und Kunstinstallationen. Alois Mühlbacher gibt sich vorfreudig, zugleich ist seine Haltung zu aktuellen Zeitumständen nachdenklich. Geht es um Programmverantwortung, hat unter den herrschenden Bedingungen vor allem das Wörtchen „Verantwortung“ Gewicht: „Mir ist es persönlich sehr wichtig, das Thema Frieden in das Festival zu integrieren. Gerade jetzt ist es wichtig, Orte zu schaffen, an denen Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Kunst zu erleben.“ Das Festival-Motto „Vom Wüten der Welt“ hat Alois Mühlbacher von Maarten ´t Harts gleichnamigem Roman aus den 1990er Jahren übernommen. Das setzt sich in der programmatischen Leitidee fort, die bis zur Programmauswahl für die Konzerte reicht. Martin Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ umschreibt besagtes Toben der Welt, aber auch das Aufbäumen dagegen. Letzteres leistet hier Johann Sebastian Bachs Musik und wirkt dabei besänftigend. Beim Eröffnungskonzert kommt diese Aufgabe dem Vokalensemble Company of Music und dem Barockorchester Monismo zu.

Foto: Lukas Kalteis

Alois Mühlbacher betont, wie wichtig es sei, das Leben dankbar  auszukosten, solange es möglich ist. Aber er möchte in Sankt Pölten auch ein kulturelles Statement liefern: „Wir wollen keine politischen Programme verkünden, aber vielleicht können wir mit unserem Festival einen kleinen Beitrag dazu leisten, um auf dem Weg über die Musik über die Realität zu reflektieren.“

Um mit einer engagierten Programmplanung einem gewählten Motto gerecht zu werden, braucht es gestalterische Freiheit. Mühlbacher möchte gar nicht mit prominenten internationalen Namen brillieren, da er das Ausschöpfen der eigenen Netzwerke für zielführender hält. Festivals, die von aktiven Musikern kuratiert werden, bekommen dadurch oft erst ihren individuellen „Sound“. Das lehrt die Erfahrung und darauf hofft auch der neue Festivalleiter: „Es ist aufregend, wie sich die verschiedenen Projekte entwickeln, besonders auch mit der Einbindung eines befreundeten Komponisten.“

„Mir ist es persönlich sehr wichtig, das Thema Frieden in das Festival zu integrieren.“

Alte und neue Klangwelten sollen sich verbinden, wenn Helmut Jasbar, ein Wiener Radiomacher, Komponist und E-Gitarrist, mit dem Lautenisten Hubert Hoffmann gemeinsame Sache macht. Sie begleiten eine Rezitation aktueller Texte mit der Schauspielerin Verena Altenberger musikalisch. Die Einbindung einer prominenten Schauspielerin erweist sich oft als Publikumsmagnet, der im Idealfall neue Zuhörerschaften jenseits des Spezialistenkreises zum Festivalbesuch animiert. Musik und Literatur berühren sich ebenso, wenn der Theaterstar Michael Maertens lyrische Texte von Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert liest. Dazu musiziert Gunar Letzbor gemeinsam mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria die Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber.

Alois Mühlbacher hat immer an seine Sache geglaubt. Er wollte unbedingt singen, also trat er in den Chor der Sankt Florianer Sängerknaben ein. Nach dem Stimmbruch blieb seine Liebe zur hohen Stimmlage erhalten und machte aus dem Knabensopran eine Countertenorstimme, die heute auf Opernbühnen, im Oratorienfach und in vielen Gegenwartsproduktionen gefragt ist. Das künstlerische Selbstbewusstsein, das damit einhergeht, könnte sich auch für die Kuratierung eines Festivals als sichere Bank erweisen – ganz abgesehen von Mühlbachers jugendlicher Ausstrahlung, die ebenfalls neues, jüngeres Publikum nach Sankt Pölten lockt. Da ist es Ehrensache, dass Mühlbacher auch selbst auf der Bühne steht, um zusammen mit seinem Ensemble Pallidor Vivaldis „Nisi Dominus“ aufzuführen.

Ein Blick über die Dächer der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Foto: Josef Bollwein

Zu den Spielorten des Festivals gehören Kirchen, eine ehemalige Sy­nagoge, aber auch der Domplatz, wo ein DJ-Event Bachs Cello-Musik mit dem Beat der Gegenwart synchronisiert. Barockmusik war ja einst auch zum Tanzen da. Diese historisch begründbare Antithese zur etwas erstarrten bürgerlichen Rezeptionshaltung verschafft sich gleich mehrfach im Festivalprogramm Gehör. Alois Mühlbacher freut sich, dass er Margit Legler, eine der führenden Spezialistinnen für historischen Tanz und Schauspielkunst, und ihr Ensemble „Les Plaisirs de la Danse“ für einen Abend mit dem Titel „Krieg und Frieden“ gewinnen konnte. Ebenso gespannt sein darf man auf das große Finale, eine neue Choreografie der spanischen Tänzerin Alba Nadal zur „Kunst der Fuge“.

Barockmusik ist historisch betrachtet „alt“, aber ihre Relevanz für andere Musiken macht sie dennoch zeitlos. Alois Mühlbachers Festivalprogramm zeugt vom Willen, Kreise zu schließen: „Ich denke, es gibt zwei starke Ideen in meinem Programm. Zum einen geht es darum, die Zeit, in der wir leben und was in der Welt passiert, widerzuspiegeln. Zum anderen darum, die Barockmusik in ihrer Pracht zu zeigen und gleichzeitig eine Verbindung zur modernen Welt herzustellen.“

Festivals sind atmosphärische und soziale Verstärker für musikalische Erfahrungen. Die Reise an einen anderen Ort, das Eintauchen in die Atmosphäre und die Begegnung mit Gleichgesinnten öffnet die Sinne für so manches, was man vorher vielleicht nicht für möglich gehalten hat. Der neue Intendant des Barockfestivals im niederösterreichischen Sankt Pölten, Alois Mühlbacher, strengt sich für die erste von ihm kuratierte Ausgabe mächtig an, hierfür die Parameter zu setzen. Das spürt man im Gespräch mit dem jungen Countertenor, der kürzlich an der Mailänder Scala debütierte, deutlich.

Barockmusik und was historisch daraus bis in unsere Gegenwart folgte, bildet vom 25. Mai bis 9. Juni den roten Faden für Konzerte, Lesungen, aber auch Workshops und Kunstinstallationen. Alois Mühlbacher gibt sich vorfreudig, zugleich ist seine Haltung zu aktuellen Zeitumständen nachdenklich. Geht es um Programmverantwortung, hat unter den herrschenden Bedingungen vor allem das Wörtchen „Verantwortung“ Gewicht: „Mir ist es persönlich sehr wichtig, das Thema Frieden in das Festival zu integrieren. Gerade jetzt ist es wichtig, Orte zu schaffen, an denen Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Kunst zu erleben.“ Das Festival-Motto „Vom Wüten der Welt“ hat Alois Mühlbacher von Maarten ´t Harts gleichnamigem Roman aus den 1990er Jahren übernommen. Das setzt sich in der programmatischen Leitidee fort, die bis zur Programmauswahl für die Konzerte reicht. Martin Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ umschreibt besagtes Toben der Welt, aber auch das Aufbäumen dagegen. Letzteres leistet hier Johann Sebastian Bachs Musik und wirkt dabei besänftigend. Beim Eröffnungskonzert kommt diese Aufgabe dem Vokalensemble Company of Music und dem Barockorchester Monismo zu.

Foto: Lukas Kalteis

Alois Mühlbacher betont, wie wichtig es sei, das Leben dankbar  auszukosten, solange es möglich ist. Aber er möchte in Sankt Pölten auch ein kulturelles Statement liefern: „Wir wollen keine politischen Programme verkünden, aber vielleicht können wir mit unserem Festival einen kleinen Beitrag dazu leisten, um auf dem Weg über die Musik über die Realität zu reflektieren.“

Um mit einer engagierten Programmplanung einem gewählten Motto gerecht zu werden, braucht es gestalterische Freiheit. Mühlbacher möchte gar nicht mit prominenten internationalen Namen brillieren, da er das Ausschöpfen der eigenen Netzwerke für zielführender hält. Festivals, die von aktiven Musikern kuratiert werden, bekommen dadurch oft erst ihren individuellen „Sound“. Das lehrt die Erfahrung und darauf hofft auch der neue Festivalleiter: „Es ist aufregend, wie sich die verschiedenen Projekte entwickeln, besonders auch mit der Einbindung eines befreundeten Komponisten.“

„Mir ist es persönlich sehr wichtig, das Thema Frieden in das Festival zu integrieren.“

Alte und neue Klangwelten sollen sich verbinden, wenn Helmut Jasbar, ein Wiener Radiomacher, Komponist und E-Gitarrist, mit dem Lautenisten Hubert Hoffmann gemeinsame Sache macht. Sie begleiten eine Rezitation aktueller Texte mit der Schauspielerin Verena Altenberger musikalisch. Die Einbindung einer prominenten Schauspielerin erweist sich oft als Publikumsmagnet, der im Idealfall neue Zuhörerschaften jenseits des Spezialistenkreises zum Festivalbesuch animiert. Musik und Literatur berühren sich ebenso, wenn der Theaterstar Michael Maertens lyrische Texte von Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert liest. Dazu musiziert Gunar Letzbor gemeinsam mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria die Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber.

Alois Mühlbacher hat immer an seine Sache geglaubt. Er wollte unbedingt singen, also trat er in den Chor der Sankt Florianer Sängerknaben ein. Nach dem Stimmbruch blieb seine Liebe zur hohen Stimmlage erhalten und machte aus dem Knabensopran eine Countertenorstimme, die heute auf Opernbühnen, im Oratorienfach und in vielen Gegenwartsproduktionen gefragt ist. Das künstlerische Selbstbewusstsein, das damit einhergeht, könnte sich auch für die Kuratierung eines Festivals als sichere Bank erweisen – ganz abgesehen von Mühlbachers jugendlicher Ausstrahlung, die ebenfalls neues, jüngeres Publikum nach Sankt Pölten lockt. Da ist es Ehrensache, dass Mühlbacher auch selbst auf der Bühne steht, um zusammen mit seinem Ensemble Pallidor Vivaldis „Nisi Dominus“ aufzuführen.

Ein Blick über die Dächer der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Foto: Josef Bollwein

Zu den Spielorten des Festivals gehören Kirchen, eine ehemalige Sy­nagoge, aber auch der Domplatz, wo ein DJ-Event Bachs Cello-Musik mit dem Beat der Gegenwart synchronisiert. Barockmusik war ja einst auch zum Tanzen da. Diese historisch begründbare Antithese zur etwas erstarrten bürgerlichen Rezeptionshaltung verschafft sich gleich mehrfach im Festivalprogramm Gehör. Alois Mühlbacher freut sich, dass er Margit Legler, eine der führenden Spezialistinnen für historischen Tanz und Schauspielkunst, und ihr Ensemble „Les Plaisirs de la Danse“ für einen Abend mit dem Titel „Krieg und Frieden“ gewinnen konnte. Ebenso gespannt sein darf man auf das große Finale, eine neue Choreografie der spanischen Tänzerin Alba Nadal zur „Kunst der Fuge“.

Barockmusik ist historisch betrachtet „alt“, aber ihre Relevanz für andere Musiken macht sie dennoch zeitlos. Alois Mühlbachers Festivalprogramm zeugt vom Willen, Kreise zu schließen: „Ich denke, es gibt zwei starke Ideen in meinem Programm. Zum einen geht es darum, die Zeit, in der wir leben und was in der Welt passiert, widerzuspiegeln. Zum anderen darum, die Barockmusik in ihrer Pracht zu zeigen und gleichzeitig eine Verbindung zur modernen Welt herzustellen.“