Interview & Porträt

Pure Emotion

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Andrej Grilc
Foto: Andrej Grilc

Auf den ersten Blick sind sie ein sehr ungleiches Paar: Bernhard Reichel, den ich schon vor dem Café treffe und der sich gleich als „Bernhard“ vorstellt, der in Wien geborene, jetzt in Bremen lebende Lautenist, ein eloquenter, trotz seiner langen Haare eher bodenständig wirkender Mann, der sich mit seinem Ensemble Musica getutscht ganz auf die italienische Musik der Jahrzehnte zwischen 1550 und 1650 konzentriert – „besser hundert Jahre gut machen und wirklich kennen als 500 Jahre so halb“, sagt er später im Gespräch mit einem Grinsen hinüber zu seiner Mitstreiterin. Und Pia Davila, die Sopranistin, die mühelos zwischen Alter und Neuer Musik hin und herpendelt, die Monteverdi und Merula ebenso gern und gut singt wie Stockhausen oder auch eine Uraufführung – und Mozart sowieso – und die sofort als Südländerin durchgehen könnte, wüsste man nicht, dass ihr mexikanischer Nachname (auf der ersten Silbe betont) angeheiratet und sie eine waschechte Berlinerin ist, die nach dem Studium in Hamburg nun in Potsdam lebt. „Wir verstehen uns trotzdem“, sagt Pia Davila lachend, als ich sie auf ihre so unterschiedlichen musikalischen Einsatzgebiete anspreche. Und dass sie „viel Spaß in den Proben“ hatten, glaubt man ihnen sofort. 

Bernhard Reichels Repertoire auf Laute und Gitarre erstreckt sich bis ins 19. Jahrhundert. Foto: Lux Studio Productions Berlin

Dabei heißt ihr im März erschienenes gemeinsames Album „Dolente Partita“, schmerzlicher Abschied, und ist ein absolut ernsthaftes – und sehr gelungenes – Projekt. Zentrales Stück ist Tarquinio Merulas geniale „Canzonetta sopra la nanna“, mit dem die Muttergottes ihren Sohn in den Schlaf wiegt und zwischen Glücksgefühlen und dunklen Vorahnungen hin- und hergerissen wird. Pia Davila sang das Stück, begleitet nur von der Laute Bernhard Reichels, bei ihrem Konzertexamen 2018 in Hamburg. 2020 gründete Reichel, gemeinsam mit dem Cembalisten Julius Lorscheider, das Ensemble Musica getutscht. Er entwickelte um Merulas Canzonetta herum ein abendfüllendes Konzertprogramm in der Besetzung Gesang, Barockgeige (Mechthild Karkow), Blockflöte (Claudius Kamp), Laute und Cembalo – und schließlich entstand die Idee, es auf CD zu bannen.

Das Programm mit dem Untertitel „Madonne e Maddalena“ ist aber nicht nur musikalisch überzeugend, sondern auch kulturhistorisch spannend. Zum einen kam in Italien um 1600 der Wunsch auf, die Musik möge, wie die anderen Künste auch, die Zuhörer nicht mehr nur erfreuen oder belehren, sondern auch emotional bewegen. Zum anderen versuchte die katholische Kirche im Zuge der Gegenbewegung wieder Land zu gewinnen beim einfachen Volk. So wurden aus Maria, Maria Magdalena und den Heiligen „echte“ Menschen mit Gefühlen und Seelenregungen. Man adaptierte den Stil der noch ganz neuen weltlichen Oper für geistliche Musik, und mehr noch, man nahm Liebeslieder mit zum Teil sogar eindeutig erotischem Subtext, wie sie an den Adelshöfen gesungen wurden, und bezog sie auf Jesus oder die Mutter Gottes. 

„O wie oft am Tag, Herr, rufe ich nach dir, sehne ich mich danach, deine heiligen Augen zu genießen. Komm zurück, ob, komm jetzt zurück, süßer Gott, ich kann nicht mehr ohne dich leben.“ Es ist eine Frömmigkeit, die uns sehr merkwürdig anmutet, und in der Tat erinnert das an eine Folge von „Southpark“, von der Bernhard Reichel erzählt. Da kommt ein Mensch auf die Idee, mit „Christian Rock“ Geld zu verdienen. Er nimmt Popsongs, ersetzt „Baby“ durch „Jesus“ und singt mit großem Erfolg: „Jesus, I want to hold you, Jesus, I want to touch you.“ 

In Rom gab es zum Beispiel Konvente, in denen Prostituierte freie Unterkunft und Logis bekamen und sich dafür Lieder anhören mussten, in denen Maria Magdalena, die „heilige Sünderin“, bekehrt wird. Um ihnen nahezulegen: Was sie geschafft hat, könnt Ihr auch!

Dennoch sind diese Arien, Lamenti und Canzonen nicht nur Musik von zum Teil großer emotionaler Kraft und Spannung – sie wurden auch geschrieben, um die Hörer in ihrem christlichen, katholischen Glauben zu stärken. Darf man die heute einfach so profanisieren als „schöne Musik“?

„Nein, diese Musik muss etwas vermitteln. Es geht um tiefe Gefühle, die wir alle schon erlebt haben. Wir waren alle schon verliebt, wir hatten alle schon Verlustängste. Während des Musizierens darf man keine Distanz wahren, da muss man glauben“, sagt Bernhard Reichel. „Aber wenn man solch ein Programm zusammenstellt, braucht man diese Distanz schon. Wir wollen in der Alten Musik einen kritischen Blick auf eine Epoche werfen und gucken, was war da los. Wie man damals mit den Liebesliedern verfahren ist, ist ulkig – aber auch berührend. Das ist ein spannender Aspekt der Kulturgeschichte, finde ich.“

Und Pia Davila ergänzt: „Ob man die Musik religiös nimmt oder nicht, muss jeder Zuhörer selbst entscheiden. Aber interessanterweise hören alle, von denen ich weiß, sie in einem geschützten Rahmen, sie sitzen zuhause mit dem Ehepartner bei einem Glas Wein und konzentrieren sich auf die Musik. Ich habe noch von niemandem gehört, der sie im Auto nebenbei laufen lässt.“

Besonders spannend ist die Wahl der instrumentalen Intermezzi. Es sind fünf Sonaten oder Sinfonien von Salamone Rossi, der Sänger und Geiger am Hofe zu Mantua war – und Jude. „Ich wollte keine religiöse CD machen“, sagt Bernhard Reichel. „Wenn wir an das Italien der Renaissance denken, haben wir oft dieses Klischee von der kulturellen Hochblüte, von der Schönheit im Kopf. Aber es gab auch eine andere Seite. Es gab in Mantua ein Ghetto, die Bewohner mussten ein gelbes Abzeichen tragen. Salamone Rossi und seiner Schwester, der Sängerin Europa Rossi, war erlaubt, am Hof zu arbeiten. Seine Werke wurden gedruckt, es gibt auch geistliche jüdische Musik von ihm. Aber mit dem Einfall der Habsburger wurde das Ghetto dem Erdboden gleichgemacht, und seitdem fehlt jede Spur von ihm und seiner Schwester.“ 

Auch Paolo Quagliati, Domenico Mazzocchi oder Giovanni Rovetta sind Namen, die man kaum kennt, Reichel hat einige Forschungsarbeit in das Programm investiert. Wie er überhaupt, gemeinsam mit seinen Mitstreitern im Ensemble, ungewöhnliche Programme in der Bremer Konzertreihe von Musica getutscht präsentiert. 

Da geht es zum Beispiel (am 25. Mai im Bremer Sendesaal) um die inneren Konflikte zwischen Hedonismus und Moral, mit Stargast Hana Blažiková,  um das Zusammentreffen von Tragödie und Komödie (im Oktober) oder auch um die Geschichte eines Mittagsgelages 1567 im Vatikan – mit Büffet nach historischen Rezepten (das war leider schon im Februar).

Bremen hat sich überhaupt zu einem lebendigen Zentrum für Alte Musik entwickelt. Doch freut sich Bernhard Reichel sehr über die Zusammenarbeit mit Pia Davila, die eben nicht der „ziemlich geschlossenen“ Alte-Musik-Szene entstammt. „Sie bringt diese Opernerfahrung ein, die ich in der Szene sehr misse. Wie man einen Charakter formt, der konsequent handelt, dieses Handlungsdenken, das lernt man in der Oper.“

Was Pia Davila gar nicht so stehen lassen will. „Es ist bei Liedern ein ähnlicher Arbeitsprozess. Auch da überlegt man sich, was das für eine Person ist, die da singt. Man muss die Emotionen ja auch zu den Leuten transportieren, die in unserem Fall die italienischen Texte nicht verstehen. Es ist schön, sich zu überlegen: Wie singt jemand, der traurig ist und schließlich zu einer Erlösung findet. Wie stelle ich diesen Prozess stimmlich dar? Da fange ich mit einem wärmeren, vibratoreicheren Klang an, wo man vielleicht mehr atmet, und geht dann hinüber zu einem helleren vibratolosen Klang. Und manchmal wechseln die Emotionen von der größten Freude zur furchtbarsten Verzweiflung unglaublich schnell.  Das muss man zusammen im Ensemble gestalten, das ist eine herausfordernde, aber sehr schöne Arbeit.“

Bernhard Reichel nennt als Beispiele die Magdalenen-Lamenti von Monteverdi und Frescobaldi: Maria Magdalena sitzt unter dem Kreuz und trauert, kommt aber schließlich zu dem Ergebnis: Eigentlich ist es gut, dass Jesus gestorben ist. Nun werden wir erlöst, und darüber freue ich mich. Bei Monteverdi dauert dieser Prozess sieben Minuten, bei Frescobaldi zweieinhalb. Das musikalisch glaubhaft darzustellen, ist in der Tat herausfordernd. Wie man überhaupt über die Musik von vor 500 Jahren vieles weiß – aber vieles eben auch nicht. „Man hat schon Quellen, aber man wechselt ständig die Meinung. Wir haben vieles ausprobiert und vieles wieder verworfen“, sagt Bernhard Reichel. Und Pia Davila ergänzt: „Wir haben natürlich einen historischen Ansatz. Aber wir erfüllen die Musik mit unserer Musikalität, mit unseren Emotionen von heute.“ Und Reichel wieder: „Wir müssen unsere Zuhörer richtig durchschütteln, das ist unsere Aufgabe, und das hätte Monteverdi sicher auch so gesehen. Wir müssen sie zum Weinen bringen, da darf niemand mit trockenen Augen aus dem Konzert gehen.“

Zum Schluss muss aber noch aufgelöst werden, woher denn der kuriose Name des Ensembles, Musica getutscht, stammt: Es ist der Titel (in Kurzform) des ältesten gedruckten Handbuchs über Musikinstrumente, erschienen 1511 in Basel. „Ich mag den Namen“, sagt Pia Davila. „Er ist wissenschaftlich fundiert, er ist witzig, und jeder fragt sich, was er bedeutet.“ In der Tat kein schlechter Ansatz für ein Alte-Musik-Ensemble.

Und da wir schon dabei sind: Warum lautet der Untertitel des Albums im Plural „Madonne e Maddalena“, wo es doch um die Muttergottes geht? „Ganz ehrlich?“, fragt Bernhard Reichel und grinst. „Das ist ein Tippfehler. Der Titel war eigentlich viel länger, den haben wir in letzter Minute geändert, und dann ist der Fehler da reingeraten. Ich habe gehofft, es merkt niemand. Wenn die Kritiken nicht ganz schlecht sind, kann man das vielleicht verraten.“ Ich denke, das kann man. Das Album „Dolente Partita“ ist nämlich wirklich sehr gelungen – was übrigens auch Reinmar Emans in seiner Rezension auf S. 73 so sieht.

Auf den ersten Blick sind sie ein sehr ungleiches Paar: Bernhard Reichel, den ich schon vor dem Café treffe und der sich gleich als „Bernhard“ vorstellt, der in Wien geborene, jetzt in Bremen lebende Lautenist, ein eloquenter, trotz seiner langen Haare eher bodenständig wirkender Mann, der sich mit seinem Ensemble Musica getutscht ganz auf die italienische Musik der Jahrzehnte zwischen 1550 und 1650 konzentriert – „besser hundert Jahre gut machen und wirklich kennen als 500 Jahre so halb“, sagt er später im Gespräch mit einem Grinsen hinüber zu seiner Mitstreiterin. Und Pia Davila, die Sopranistin, die mühelos zwischen Alter und Neuer Musik hin und herpendelt, die Monteverdi und Merula ebenso gern und gut singt wie Stockhausen oder auch eine Uraufführung – und Mozart sowieso – und die sofort als Südländerin durchgehen könnte, wüsste man nicht, dass ihr mexikanischer Nachname (auf der ersten Silbe betont) angeheiratet und sie eine waschechte Berlinerin ist, die nach dem Studium in Hamburg nun in Potsdam lebt. „Wir verstehen uns trotzdem“, sagt Pia Davila lachend, als ich sie auf ihre so unterschiedlichen musikalischen Einsatzgebiete anspreche. Und dass sie „viel Spaß in den Proben“ hatten, glaubt man ihnen sofort. 

Bernhard Reichels Repertoire auf Laute und Gitarre erstreckt sich bis ins 19. Jahrhundert. Foto: Lux Studio Productions Berlin

Dabei heißt ihr im März erschienenes gemeinsames Album „Dolente Partita“, schmerzlicher Abschied, und ist ein absolut ernsthaftes – und sehr gelungenes – Projekt. Zentrales Stück ist Tarquinio Merulas geniale „Canzonetta sopra la nanna“, mit dem die Muttergottes ihren Sohn in den Schlaf wiegt und zwischen Glücksgefühlen und dunklen Vorahnungen hin- und hergerissen wird. Pia Davila sang das Stück, begleitet nur von der Laute Bernhard Reichels, bei ihrem Konzertexamen 2018 in Hamburg. 2020 gründete Reichel, gemeinsam mit dem Cembalisten Julius Lorscheider, das Ensemble Musica getutscht. Er entwickelte um Merulas Canzonetta herum ein abendfüllendes Konzertprogramm in der Besetzung Gesang, Barockgeige (Mechthild Karkow), Blockflöte (Claudius Kamp), Laute und Cembalo – und schließlich entstand die Idee, es auf CD zu bannen.

Das Programm mit dem Untertitel „Madonne e Maddalena“ ist aber nicht nur musikalisch überzeugend, sondern auch kulturhistorisch spannend. Zum einen kam in Italien um 1600 der Wunsch auf, die Musik möge, wie die anderen Künste auch, die Zuhörer nicht mehr nur erfreuen oder belehren, sondern auch emotional bewegen. Zum anderen versuchte die katholische Kirche im Zuge der Gegenbewegung wieder Land zu gewinnen beim einfachen Volk. So wurden aus Maria, Maria Magdalena und den Heiligen „echte“ Menschen mit Gefühlen und Seelenregungen. Man adaptierte den Stil der noch ganz neuen weltlichen Oper für geistliche Musik, und mehr noch, man nahm Liebeslieder mit zum Teil sogar eindeutig erotischem Subtext, wie sie an den Adelshöfen gesungen wurden, und bezog sie auf Jesus oder die Mutter Gottes. 

„O wie oft am Tag, Herr, rufe ich nach dir, sehne ich mich danach, deine heiligen Augen zu genießen. Komm zurück, ob, komm jetzt zurück, süßer Gott, ich kann nicht mehr ohne dich leben.“ Es ist eine Frömmigkeit, die uns sehr merkwürdig anmutet, und in der Tat erinnert das an eine Folge von „Southpark“, von der Bernhard Reichel erzählt. Da kommt ein Mensch auf die Idee, mit „Christian Rock“ Geld zu verdienen. Er nimmt Popsongs, ersetzt „Baby“ durch „Jesus“ und singt mit großem Erfolg: „Jesus, I want to hold you, Jesus, I want to touch you.“ 

In Rom gab es zum Beispiel Konvente, in denen Prostituierte freie Unterkunft und Logis bekamen und sich dafür Lieder anhören mussten, in denen Maria Magdalena, die „heilige Sünderin“, bekehrt wird. Um ihnen nahezulegen: Was sie geschafft hat, könnt Ihr auch!

Dennoch sind diese Arien, Lamenti und Canzonen nicht nur Musik von zum Teil großer emotionaler Kraft und Spannung – sie wurden auch geschrieben, um die Hörer in ihrem christlichen, katholischen Glauben zu stärken. Darf man die heute einfach so profanisieren als „schöne Musik“?

„Nein, diese Musik muss etwas vermitteln. Es geht um tiefe Gefühle, die wir alle schon erlebt haben. Wir waren alle schon verliebt, wir hatten alle schon Verlustängste. Während des Musizierens darf man keine Distanz wahren, da muss man glauben“, sagt Bernhard Reichel. „Aber wenn man solch ein Programm zusammenstellt, braucht man diese Distanz schon. Wir wollen in der Alten Musik einen kritischen Blick auf eine Epoche werfen und gucken, was war da los. Wie man damals mit den Liebesliedern verfahren ist, ist ulkig – aber auch berührend. Das ist ein spannender Aspekt der Kulturgeschichte, finde ich.“

Und Pia Davila ergänzt: „Ob man die Musik religiös nimmt oder nicht, muss jeder Zuhörer selbst entscheiden. Aber interessanterweise hören alle, von denen ich weiß, sie in einem geschützten Rahmen, sie sitzen zuhause mit dem Ehepartner bei einem Glas Wein und konzentrieren sich auf die Musik. Ich habe noch von niemandem gehört, der sie im Auto nebenbei laufen lässt.“

Besonders spannend ist die Wahl der instrumentalen Intermezzi. Es sind fünf Sonaten oder Sinfonien von Salamone Rossi, der Sänger und Geiger am Hofe zu Mantua war – und Jude. „Ich wollte keine religiöse CD machen“, sagt Bernhard Reichel. „Wenn wir an das Italien der Renaissance denken, haben wir oft dieses Klischee von der kulturellen Hochblüte, von der Schönheit im Kopf. Aber es gab auch eine andere Seite. Es gab in Mantua ein Ghetto, die Bewohner mussten ein gelbes Abzeichen tragen. Salamone Rossi und seiner Schwester, der Sängerin Europa Rossi, war erlaubt, am Hof zu arbeiten. Seine Werke wurden gedruckt, es gibt auch geistliche jüdische Musik von ihm. Aber mit dem Einfall der Habsburger wurde das Ghetto dem Erdboden gleichgemacht, und seitdem fehlt jede Spur von ihm und seiner Schwester.“ 

Auch Paolo Quagliati, Domenico Mazzocchi oder Giovanni Rovetta sind Namen, die man kaum kennt, Reichel hat einige Forschungsarbeit in das Programm investiert. Wie er überhaupt, gemeinsam mit seinen Mitstreitern im Ensemble, ungewöhnliche Programme in der Bremer Konzertreihe von Musica getutscht präsentiert. 

Da geht es zum Beispiel (am 25. Mai im Bremer Sendesaal) um die inneren Konflikte zwischen Hedonismus und Moral, mit Stargast Hana Blažiková,  um das Zusammentreffen von Tragödie und Komödie (im Oktober) oder auch um die Geschichte eines Mittagsgelages 1567 im Vatikan – mit Büffet nach historischen Rezepten (das war leider schon im Februar).

Bremen hat sich überhaupt zu einem lebendigen Zentrum für Alte Musik entwickelt. Doch freut sich Bernhard Reichel sehr über die Zusammenarbeit mit Pia Davila, die eben nicht der „ziemlich geschlossenen“ Alte-Musik-Szene entstammt. „Sie bringt diese Opernerfahrung ein, die ich in der Szene sehr misse. Wie man einen Charakter formt, der konsequent handelt, dieses Handlungsdenken, das lernt man in der Oper.“

Was Pia Davila gar nicht so stehen lassen will. „Es ist bei Liedern ein ähnlicher Arbeitsprozess. Auch da überlegt man sich, was das für eine Person ist, die da singt. Man muss die Emotionen ja auch zu den Leuten transportieren, die in unserem Fall die italienischen Texte nicht verstehen. Es ist schön, sich zu überlegen: Wie singt jemand, der traurig ist und schließlich zu einer Erlösung findet. Wie stelle ich diesen Prozess stimmlich dar? Da fange ich mit einem wärmeren, vibratoreicheren Klang an, wo man vielleicht mehr atmet, und geht dann hinüber zu einem helleren vibratolosen Klang. Und manchmal wechseln die Emotionen von der größten Freude zur furchtbarsten Verzweiflung unglaublich schnell.  Das muss man zusammen im Ensemble gestalten, das ist eine herausfordernde, aber sehr schöne Arbeit.“

Bernhard Reichel nennt als Beispiele die Magdalenen-Lamenti von Monteverdi und Frescobaldi: Maria Magdalena sitzt unter dem Kreuz und trauert, kommt aber schließlich zu dem Ergebnis: Eigentlich ist es gut, dass Jesus gestorben ist. Nun werden wir erlöst, und darüber freue ich mich. Bei Monteverdi dauert dieser Prozess sieben Minuten, bei Frescobaldi zweieinhalb. Das musikalisch glaubhaft darzustellen, ist in der Tat herausfordernd. Wie man überhaupt über die Musik von vor 500 Jahren vieles weiß – aber vieles eben auch nicht. „Man hat schon Quellen, aber man wechselt ständig die Meinung. Wir haben vieles ausprobiert und vieles wieder verworfen“, sagt Bernhard Reichel. Und Pia Davila ergänzt: „Wir haben natürlich einen historischen Ansatz. Aber wir erfüllen die Musik mit unserer Musikalität, mit unseren Emotionen von heute.“ Und Reichel wieder: „Wir müssen unsere Zuhörer richtig durchschütteln, das ist unsere Aufgabe, und das hätte Monteverdi sicher auch so gesehen. Wir müssen sie zum Weinen bringen, da darf niemand mit trockenen Augen aus dem Konzert gehen.“

Zum Schluss muss aber noch aufgelöst werden, woher denn der kuriose Name des Ensembles, Musica getutscht, stammt: Es ist der Titel (in Kurzform) des ältesten gedruckten Handbuchs über Musikinstrumente, erschienen 1511 in Basel. „Ich mag den Namen“, sagt Pia Davila. „Er ist wissenschaftlich fundiert, er ist witzig, und jeder fragt sich, was er bedeutet.“ In der Tat kein schlechter Ansatz für ein Alte-Musik-Ensemble.

Und da wir schon dabei sind: Warum lautet der Untertitel des Albums im Plural „Madonne e Maddalena“, wo es doch um die Muttergottes geht? „Ganz ehrlich?“, fragt Bernhard Reichel und grinst. „Das ist ein Tippfehler. Der Titel war eigentlich viel länger, den haben wir in letzter Minute geändert, und dann ist der Fehler da reingeraten. Ich habe gehofft, es merkt niemand. Wenn die Kritiken nicht ganz schlecht sind, kann man das vielleicht verraten.“ Ich denke, das kann man. Das Album „Dolente Partita“ ist nämlich wirklich sehr gelungen – was übrigens auch Reinmar Emans in seiner Rezension auf S. 73 so sieht.