Interview & Porträt

„Seine Partituren sind wie Gemälde“

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Christophe Abramowitz
Foto: Christophe Abramowitz

George Enescu ist im internationalen Konzertleben und auf Tonträgern immer noch sträflich unterrepräsentiert. Cristian Măcelaru möchte das ändern – und er ist für diese Aufgabe in der Tat  prädestiniert. Der Rumäne, Jahrgang 1980, ist wie Enescu studierter Geiger und komponiert, allerdings nur nebenbei. Vor allem aber ist er ein gefragter Dirigent. Seit 2019 und noch bis 2025 leitet er das WDR Sinfonieorchester, seit 2021 auch das Orchestre National de France. Und seit 2023 ist er auch Künstlerischer Leiter des George Enescu Festivals in Bukarest. Wir trafen uns zum Interview in einer Hotellobby in Dresden, wo er an jenem Märzabend die Dresdner Philharmoniker dirigierte.

Herr Măcelaru, Sie schreiben im Booklet, George Enescu sei Ihr persönlicher Held. Warum?

Enescu war unzweifelhaft eines der größten Talente des 20. Jahrhunderts, ein phänomenaler Komponist mit einer sehr klaren Arbeitsethik. Aber mein Held ist er vor allem wegen seiner Persönlichkeit. Er war sehr zugewandt, er gab sehr viel als Lehrer und Mentor, und es gibt so viele Geschichten darüber, was für ein großartiger Mensch er war. Seine Musik mochte ich schon immer, aber je mehr ich über seine Persönlichkeit erfahren habe, desto mehr wurde mir klar, wie einzigartig er war. Er blieb immer auf dem Boden, war großzügig, leider starb er in großer Armut. Es ist mir ein großes Anliegen, sein Erbe zu pflegen.

Was war er für ein Komponist?

Für mich ist Enescu der faszinierendste Komponist überhaupt! Man kennt vor allem die beiden Rhapsodien, die er als Teenager geschrieben hat. Die erste ist überbekannt, die zweite auch wunderschön. Aber er hat mit jeder neuen Komposition seinen Stil entwickelt – und ist dabei durch enorm viele verschiedene Stile gegangen. Der Weg, den er von den Rhapsodien bis zu seinem letzten Werk, das streng seriell und sehr mathematisch konstruiert ist, zurückgelegt hat, ist ganz erstaunlich. Er hat neoklassizistische Werke geschrieben, bevor der Neoklassizismus populär war. Er hat neoromantische Musik geschrieben noch vor Mahler, er schrieb im deutschen Stil, stark beeinflusst von Wagner und Strauss, war aber in der Instrumentierung eher französisch orientiert. Er war ja zunächst auf der Hochschule in Wien, dann in Paris. Er hat alles aufgesogen, was er da gelernt hat, und zu etwas ganz Eigenem verarbeitet. Das finde ich faszinierend. Und wenn man die reifen Werke anschaut, die Oper „Oedipe“ oder die Sinfonien, dann findet man da eine Komplexität wie bei keinem anderen Komponisten. Vergleicht man seine Partituren mit denen von Mahler, denkt man, da seien zwei Sinfonien übereinander in Enescus Partitur, so komplex ist das. Die zweite Sinfonie beginnt er mit einem kurzen Motiv, und die ganze Stunde, die die Sinfonie dauert, arbeitet er nur mit drei oder vier kurzen Motiven, die auf alle nur möglichen Weisen verarbeitet, verlängert, verkürzt, umgekehrt werden, die als Melodien oder als rhythmische Gesten auftauchen. Es gibt keine einzige Note, die nicht ganz bewusst gesetzt ist und ihren Sinn hat. Und um das deutlich zu machen, hat er begonnen, wirklich alles zu notieren. Wenn Sie in die dritte Sinfonie schauen, dann ist jede Note, ich übertreibe nicht, wirklich jede Note mit einem Zusatzzeichen versehen, manche Noten haben drei oder vier Zeichen. Akzente, dynamische Angaben, dolce, nicht zu viel usw. Seine Partituren wirken wie Gemälde, das ist überwältigend.

Mögen Sie das denn als Dirigent?

Ja! Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum er das macht. Nicht, weil er den Dirigenten einengen möchte. Nein, er möchte ihm seinen musikalischen Stil nahebringen, indem er ihn zwingt, sich Zeit zu nehmen, um wirklich in das Werk einzutauchen. Das liebe ich. Ich liebe es, wenn ich keine Fragen mehr habe über die Absicht des Komponisten. Wenn man Richard Strauss’ Musik anschaut: Die ist fast so komplex wie die von Enescu, aber was die Zusatzzeichen angeht, notiert Strauss fast nichts. An vielen Stellen muss man Entscheidungen treffen, während bei Enescu alles da ist. Es schafft so viel mehr Klarheit für mich als Dirigent beim Versuch zu verstehen, was ihm wichtig ist, was der Charakter der Musik ist, die ich dem Orchester vermitteln muss. 

Cristian Măcelaru dirigiert das Orchestre National de France. Foto: Radio France / Christophe Abramowitz

Aber es gibt immer noch Freiheit zu interpretieren?

Natürlich, eine Menge. Er sagt zum Beispiel nichts über das Tempo. Er sagt nur: hier nicht zu schnell, hier leggiero, und er hat einen Begriff eingeführt, den ich wunderbar finde: parlando rubato. Man soll also spielen, als sei es gesprochene Sprache. Wenn man seine Aufnahmen hört, weiß man sofort, was er meinte: ein bisschen portato, ein bisschen legato. Bei ihm ist es immer etwas von verschiedenen Dingen, die zusammenkommen müssen.

Viele Musiker sagen, Sie würden gern die alten Komponisten fragen, wie sie was gemeint haben. Bei Enescu haben Sie das Gefühl, Sie wissen genau, was er wollte?

Sehr genau. Ich verstehe die Entscheidungen, die er getroffen hat. Denn ich weiß, wo seine Musik herkommt, was sie repräsentiert: Die Wurzeln liegen in der rumänischen Volksmusik, in all seinen Werken gibt es folkloristische Elemente. Nicht unbedingt als Zitat, aber als ein Gefühl. Wenn man das einmal verstanden hat, dann wird alles klar und verständlich. Ich würde ihn sehr gerne treffen, aber wegen seiner Persönlichkeit. Nicht um ihn nach seiner Musik zu fragen. Er war sehr darauf bedacht, dass die Werke, die er fertiggestellt hat – und viele seiner Werke sind unvollendet geblieben –, wirklich durchgearbeitet sind, das sind absolute Meisterwerke.

Diese Verwurzelung in der rumänischen Volksmusik ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er mit sieben Jahren Rumänien verließ, um in Wien zu studieren!

Aber er ist immer wieder zurückgekehrt und hat auch zwischendurch in Rumänien gewohnt. Aber nehmen Sie Dvořák: Dvořák ist erst so tief in die Gefühlswelt der tschechischen Volksmusik eingetaucht, als er in die USA gegangen war. Es geht den Menschen so, wenn sie ihr Land verlassen – das ist eine Art Melancholie, die mit der Volksmusik verbunden wird. Das spürt man bei Enescu von Anfang an – weil er Rumänien eben so früh verlassen hat. Für ihn ist rumänische Volksmusik immer mit Melancholie verbunden. Und mit der Vorstellung von etwas sehr Schönem, das er erinnert – mehr als dass er es erlebt. Das war auch bei Bartók so, nachdem er in die USA emigriert war. 

Warum hat Enescu seine Sinfonien nur dreisätzig angelegt? Er ist doch mit dem „klassischen“ viersätzigen Format in Wien groß geworden.

Die zweite Sinfonie hat vier Sätze, aber es stimmt, der dritte Satz ist sehr kurz und eher eine Introduktion in den letzten Satz. Das ist der französische Einfluss. Enescu hat viel mit Formen experimentiert. Der Komponist, der ihn am meisten beeinflusst hat, war Richard Wagner. Gut, wir haben eine Sinfonie von Wagner, aber das ist ein Frühwerk. Für Enescu stand das Entwickeln neuer Ideen, das Entdecken neuer Dinge im Vordergrund, er wandelte sich permanent. Mir kommen seine Werke wie eine einzige Improvisation vor. Und er erzählt im Grunde eine Geschichte in all seinen Werken. Wie in der zweiten Sinfonie, das macht so viel Sinn für mich, wenn im letzten Satz das große Thema wiederkehrt und er darum bittet, dass die Blechbläser aufstehen. (singt das Thema) Sie kennen sicherlich das „Höllentor“ von Rodin – da taucht jede Figur, die Rodin je erschaffen hat, wieder auf. Genauso ist es im letzten Satz von Enescus zweiter Sinfonie. Da baut er diese Spannung auf – und auf dem Höhepunkt taucht jede Note, die er jemals komponiert hat, wieder auf. Das hab ich dem Orchester bei der Aufnahme gesagt: Denken Sie an das „Höllentor“, das ist ein epischer Moment. Wenn da die Bläser plötzlich aufstehen – das ist ergreifend für mich als Dirigent. Solch ein Moment war ihm wichtiger, als sich einer Form zu unterwerfen. Die Viersätzigkeit war kein Ziel für ihn, obwohl er Brahms’ Musik liebte. Er hat sogar am ersten Pult gespielt in Wien, als Brahms seine vierte Sinfonie dirigiert hat. Davon hat er seiner Familie in einem Brief berichtet. Ich würde sagen, die Sinfonien sind Wagner mit einem französischen Klang.

„Strauss hat die Instrumentalisten an ihre Grenzen gebracht, und Enescu ist noch etwas weitergegangen.“

Warum ist Enescu so unterschätzt?

Das hat mehrere Gründe. Der erste: Seine erste Rhapsodie ist so bekannt – alle Menschen erwarten solch eine Musik beim Namen Enescu. Und dann sind sie enttäuscht, wenn sie die Sinfonien hören. Der zweite Grund ist: Die Sinfonien sind unglaublich schwer zu spielen. Viel schwieriger als Mahlers Sinfonien. Nehmen Sie eine Tondichtung von Richard Strauss, machen Sie sie etwas schwerer und doppelt so lang – dann sind Sie bei Enescu. Strauss hat die Instrumentalisten an ihre Grenzen gebracht, und Enescu ist noch etwas weitergegangen. Und das dritte ist: Er war nicht die Persönlichkeit, um sich und seine Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Strawinsky war ein toller Komponist, aber er war auch ein PR-Genie. Strauss kam aus einer Familie, die etabliert war, er musste nie um seine Identität kämpfen. Ich habe gerade wieder die Pariser Kritiken gelesen über Enescus zweite Sinfonie – die waren vernichtend. Da wird er „Zigeunergeiger“ genannt. Jetzt versucht der Zigeunergeiger auch noch, eine Sinfonie zu schreiben… Solche Kritiken haben die Menschen beeinflusst, man konnte sich kein eigenes Bild machen durchs Radio oder durch Aufnahmen. Enescu wurde von vielen nicht ernstgenommen als Komponist. Und der Grund, warum Mahler so populär geworden ist, liegt auch darin, dass er einige leidenschaftliche und einflussreiche Anhänger hatte, die seine Musik überall und immer wieder aufgeführt haben. Solche Fürsprecher, wie es Leonard Bernstein für Mahler war, hatte Enescu nicht. Ich setze mich überall für Enescu ein, und ich hoffe, es wird mit der Zeit einen ähnlichen Effekt haben.

Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele wird Măcelaru im Stadion dasOrchestre National de France dirigieren. Foto: Christophe Abramowitz

Aber das ist sicherlich nicht einfach, wenn die Sinfonien so schwer zu spielen sind.

Das stimmt. Und die Besetzungen sind groß. Die zweite Sinfonie verlangt ein Klavier, ein Harmonium, eine Celesta und eine Orgel, für die dritte braucht man einen Chor und drei Arten von Tubas. Aber mein Traum ist es, dass durch diese Aufnahmen jetzt mehr Menschen Enescu wahrnehmen. Es ist das erste Mal, dass ein großes französisches Orchester Enescus Sinfonien aufnimmt – ich glaube, das ist eine gute Kombination: ein französisches Orchester und ein rumänischer Dirigent. Und die Deutsche Grammophon hat zum ersten Mal Enescus Sinfonien im Katalog – spät, aber immerhin. Ich finde, Enescus Sinfonien sollten Teil des Kernrepertoires sein!

Was würden Sie empfehlen, wenn man mal reinhören will?

Den zweiten Satz der dritten Sinfonie, das Scherzo. (singt das Thema) Phantastisch! Alles ist toll, aber um die dritte Sinfonie, das ist meine liebste Sinfonie, zu entdecken, muss man sich Zeit nehmen. Der erste Satz muss sich entwickeln können. Und hören Sie nicht den dritten Satz vor den ersten beiden. Sonst macht er keinen Sinn.

Sie sind auch künstlerischer Leiter des Enescu-Festivals in Bukarest. Ist das ein guter Ort, Enescu kennenzulernen?

Das Festival wurde 1958, drei Jahre nach Enescus Tod, gegründet. Die rumänische Regierung hatte damals realisiert, dass Enescu der bedeutendste Künstler war, den das Land je hervorgebracht hat. Rumänien stand stark unter sowjetischem Einfluss, Enescu bildete eine Brücke zum Westen, er war ja auch französischer Staatsbürger gewesen. Und so wurde entschieden, dieses Festival zu gründen – mit dem erklärten Ziel, Enescus Musik bekannter zu machen. Über die Jahrzehnte war das Festival, je nach politischer Lage, mal mehr, mal weniger bedeutend. Aber im Moment ist es, würde ich sagen, eines der, wenn nicht das bedeutendste Festival in der klassischen Musikwelt. Allein schon durch die schiere Größe: Wir haben vier Wochen lang jeden Tag drei, vier, fünf Konzerte. Jedes große Orchester der Welt kommt, jeder bedeutende Musiker ist da. Und alle müssen Enescu spielen, das ist eine Vorgabe. Wir versuchen es zu schaffen, dass man im Verlauf des Festivals jedes oder zumindest fast jedes Werk von Enescu erleben kann. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein amerikanisches Orchester eine Enescu-Sinfonie interpretiert und danach ein deutsches Orchester. Also: Wenn man Enescus Musik wirklich kennenlernen will – das Enescu Festival ist der beste Ort dafür!

Kommen wir zum Schluss noch auf Ihre Biografie zu sprechen: Sie sind das jüngste von zehn Geschwistern und zum Geigenstudium in die USA gegangen?

Das stimmt. Ich spiele sogar heute Abend im Konzert Geige, ein Werk von mir für Violine und Querflöte. Ich bin ein Hobby-Komponist, und manchmal fragen die Orchester, ob ich nicht ein eigenes Werk aufführen will. Heute scheint es zu passen. Aber als ich Rumänien verlassen habe, war ich wirklich fokussiert auf die Geige, das war meine einzige Leidenschaft. 

Mit 19 Jahren wurden Sie Konzertmeister des Miami Symphony Orchestra und kamen erst zehn Jahre später zum Dirigieren.

Das erste Mal, dass ich dirigiert habe, war so eine tolle Erfahrung, da war es um mich geschehen. Ich war überall Konzertmeister gewesen, im Schulorchester, im Studentenorchester, dann als Profi – eine Gruppe anzuführen war für mich normal. Aber als Konzertmeister muss man sich auch noch um all die technischen Dinge des Geigenspiels kümmern, und ich bin froh, dass ich diesen Druck, richtig gut Geige zu spielen, los bin. Als Dirigent kann ich mich wirklich auf die Musik konzentrieren.

Und dann war es wie im Märchen: Sie haben Ihren Durchbruch geschafft als Einspringer für Pierre Boulez.

Ja, das hat mir viele Türen geöffnet – was ich aber erst später gemerkt habe. Ich war damals Assisting Conductor in Philadelphia. Boulez wurde krank, und das Chicago Symphony Orchestra rief mich zwei Wochen vorher an und fragte, ob ich kommen und ihm assistieren könnte – und notfalls auch das Konzert übernehmen würde. Ich sagte: Natürlich! Und vor der ersten Probe war schon klar, er konnte nicht dirigieren, er hatte etwas am Auge. Er fragte mich, ob ich einverstanden wäre, wenn er bei den Proben dabei wäre. Ich sagte: Gern. Und dann saß er die ganze Zeit neben mir unten auf dem Dirigentenpodium und sagte kein Wort. Das war ziemlich speziell. 

„Boulez saß die ganze Zeit neben mir unten auf dem Dirigentenpodium und 

sagte kein Wort.“

Was stand auf dem Programm?

Schönbergs „Pierrot Lunaire“ und „L’histoire du soldat“ von Strawinsky mit Bühne und Schauspielern, ein typisches Boulez-Programm. Und ein Jahr später passierte das gleiche noch mal – Boulez war immer einmal im Jahr, im Februar, in Chicago. Wieder hatte er Probleme mit dem Auge. Und diesmal war es das schwierigste Programm, das ich jemals dirigiert habe: Debussys „Jeux“, dann das zweite Klavierkonzert von Bartók mit Yefim Bronfman, nach der Pause Bartóks Divertimento für Streichorchester und Strawinskys „Chant du rossignol“.

Warum verlassen Sie das WDR Sinfonierochester im nächsten Jahr?

Es ist ein phänomenales Orchester, die Zusammenarbeit läuft wunderbar. Aber ich bin ein großer Freund davon, aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Ich bleibe „Artistic Partner“, ich werde jedes Jahr drei, vier Wochen in Köln sein. Ich möchte einfach mehr Zeit haben, ich möchte mehr komponieren, ich hab kleine Kinder, für ich die da sein möchte. Und zwei Orchester zu leiten, ist toll, aber auch schwierig.

Und dann verlassen Sie auch wieder Bonn?

In der Pandemie war es schön in Bonn, wir haben direkt am Wald gelebt. Aber nach der Pandemie sind wir nach Paris gezogen.

George Enescu ist im internationalen Konzertleben und auf Tonträgern immer noch sträflich unterrepräsentiert. Cristian Măcelaru möchte das ändern – und er ist für diese Aufgabe in der Tat  prädestiniert. Der Rumäne, Jahrgang 1980, ist wie Enescu studierter Geiger und komponiert, allerdings nur nebenbei. Vor allem aber ist er ein gefragter Dirigent. Seit 2019 und noch bis 2025 leitet er das WDR Sinfonieorchester, seit 2021 auch das Orchestre National de France. Und seit 2023 ist er auch Künstlerischer Leiter des George Enescu Festivals in Bukarest. Wir trafen uns zum Interview in einer Hotellobby in Dresden, wo er an jenem Märzabend die Dresdner Philharmoniker dirigierte.

Herr Măcelaru, Sie schreiben im Booklet, George Enescu sei Ihr persönlicher Held. Warum?

Enescu war unzweifelhaft eines der größten Talente des 20. Jahrhunderts, ein phänomenaler Komponist mit einer sehr klaren Arbeitsethik. Aber mein Held ist er vor allem wegen seiner Persönlichkeit. Er war sehr zugewandt, er gab sehr viel als Lehrer und Mentor, und es gibt so viele Geschichten darüber, was für ein großartiger Mensch er war. Seine Musik mochte ich schon immer, aber je mehr ich über seine Persönlichkeit erfahren habe, desto mehr wurde mir klar, wie einzigartig er war. Er blieb immer auf dem Boden, war großzügig, leider starb er in großer Armut. Es ist mir ein großes Anliegen, sein Erbe zu pflegen.

Was war er für ein Komponist?

Für mich ist Enescu der faszinierendste Komponist überhaupt! Man kennt vor allem die beiden Rhapsodien, die er als Teenager geschrieben hat. Die erste ist überbekannt, die zweite auch wunderschön. Aber er hat mit jeder neuen Komposition seinen Stil entwickelt – und ist dabei durch enorm viele verschiedene Stile gegangen. Der Weg, den er von den Rhapsodien bis zu seinem letzten Werk, das streng seriell und sehr mathematisch konstruiert ist, zurückgelegt hat, ist ganz erstaunlich. Er hat neoklassizistische Werke geschrieben, bevor der Neoklassizismus populär war. Er hat neoromantische Musik geschrieben noch vor Mahler, er schrieb im deutschen Stil, stark beeinflusst von Wagner und Strauss, war aber in der Instrumentierung eher französisch orientiert. Er war ja zunächst auf der Hochschule in Wien, dann in Paris. Er hat alles aufgesogen, was er da gelernt hat, und zu etwas ganz Eigenem verarbeitet. Das finde ich faszinierend. Und wenn man die reifen Werke anschaut, die Oper „Oedipe“ oder die Sinfonien, dann findet man da eine Komplexität wie bei keinem anderen Komponisten. Vergleicht man seine Partituren mit denen von Mahler, denkt man, da seien zwei Sinfonien übereinander in Enescus Partitur, so komplex ist das. Die zweite Sinfonie beginnt er mit einem kurzen Motiv, und die ganze Stunde, die die Sinfonie dauert, arbeitet er nur mit drei oder vier kurzen Motiven, die auf alle nur möglichen Weisen verarbeitet, verlängert, verkürzt, umgekehrt werden, die als Melodien oder als rhythmische Gesten auftauchen. Es gibt keine einzige Note, die nicht ganz bewusst gesetzt ist und ihren Sinn hat. Und um das deutlich zu machen, hat er begonnen, wirklich alles zu notieren. Wenn Sie in die dritte Sinfonie schauen, dann ist jede Note, ich übertreibe nicht, wirklich jede Note mit einem Zusatzzeichen versehen, manche Noten haben drei oder vier Zeichen. Akzente, dynamische Angaben, dolce, nicht zu viel usw. Seine Partituren wirken wie Gemälde, das ist überwältigend.

Mögen Sie das denn als Dirigent?

Ja! Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum er das macht. Nicht, weil er den Dirigenten einengen möchte. Nein, er möchte ihm seinen musikalischen Stil nahebringen, indem er ihn zwingt, sich Zeit zu nehmen, um wirklich in das Werk einzutauchen. Das liebe ich. Ich liebe es, wenn ich keine Fragen mehr habe über die Absicht des Komponisten. Wenn man Richard Strauss’ Musik anschaut: Die ist fast so komplex wie die von Enescu, aber was die Zusatzzeichen angeht, notiert Strauss fast nichts. An vielen Stellen muss man Entscheidungen treffen, während bei Enescu alles da ist. Es schafft so viel mehr Klarheit für mich als Dirigent beim Versuch zu verstehen, was ihm wichtig ist, was der Charakter der Musik ist, die ich dem Orchester vermitteln muss. 

Cristian Măcelaru dirigiert das Orchestre National de France. Foto: Radio France / Christophe Abramowitz

Aber es gibt immer noch Freiheit zu interpretieren?

Natürlich, eine Menge. Er sagt zum Beispiel nichts über das Tempo. Er sagt nur: hier nicht zu schnell, hier leggiero, und er hat einen Begriff eingeführt, den ich wunderbar finde: parlando rubato. Man soll also spielen, als sei es gesprochene Sprache. Wenn man seine Aufnahmen hört, weiß man sofort, was er meinte: ein bisschen portato, ein bisschen legato. Bei ihm ist es immer etwas von verschiedenen Dingen, die zusammenkommen müssen.

Viele Musiker sagen, Sie würden gern die alten Komponisten fragen, wie sie was gemeint haben. Bei Enescu haben Sie das Gefühl, Sie wissen genau, was er wollte?

Sehr genau. Ich verstehe die Entscheidungen, die er getroffen hat. Denn ich weiß, wo seine Musik herkommt, was sie repräsentiert: Die Wurzeln liegen in der rumänischen Volksmusik, in all seinen Werken gibt es folkloristische Elemente. Nicht unbedingt als Zitat, aber als ein Gefühl. Wenn man das einmal verstanden hat, dann wird alles klar und verständlich. Ich würde ihn sehr gerne treffen, aber wegen seiner Persönlichkeit. Nicht um ihn nach seiner Musik zu fragen. Er war sehr darauf bedacht, dass die Werke, die er fertiggestellt hat – und viele seiner Werke sind unvollendet geblieben –, wirklich durchgearbeitet sind, das sind absolute Meisterwerke.

Diese Verwurzelung in der rumänischen Volksmusik ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er mit sieben Jahren Rumänien verließ, um in Wien zu studieren!

Aber er ist immer wieder zurückgekehrt und hat auch zwischendurch in Rumänien gewohnt. Aber nehmen Sie Dvořák: Dvořák ist erst so tief in die Gefühlswelt der tschechischen Volksmusik eingetaucht, als er in die USA gegangen war. Es geht den Menschen so, wenn sie ihr Land verlassen – das ist eine Art Melancholie, die mit der Volksmusik verbunden wird. Das spürt man bei Enescu von Anfang an – weil er Rumänien eben so früh verlassen hat. Für ihn ist rumänische Volksmusik immer mit Melancholie verbunden. Und mit der Vorstellung von etwas sehr Schönem, das er erinnert – mehr als dass er es erlebt. Das war auch bei Bartók so, nachdem er in die USA emigriert war. 

Warum hat Enescu seine Sinfonien nur dreisätzig angelegt? Er ist doch mit dem „klassischen“ viersätzigen Format in Wien groß geworden.

Die zweite Sinfonie hat vier Sätze, aber es stimmt, der dritte Satz ist sehr kurz und eher eine Introduktion in den letzten Satz. Das ist der französische Einfluss. Enescu hat viel mit Formen experimentiert. Der Komponist, der ihn am meisten beeinflusst hat, war Richard Wagner. Gut, wir haben eine Sinfonie von Wagner, aber das ist ein Frühwerk. Für Enescu stand das Entwickeln neuer Ideen, das Entdecken neuer Dinge im Vordergrund, er wandelte sich permanent. Mir kommen seine Werke wie eine einzige Improvisation vor. Und er erzählt im Grunde eine Geschichte in all seinen Werken. Wie in der zweiten Sinfonie, das macht so viel Sinn für mich, wenn im letzten Satz das große Thema wiederkehrt und er darum bittet, dass die Blechbläser aufstehen. (singt das Thema) Sie kennen sicherlich das „Höllentor“ von Rodin – da taucht jede Figur, die Rodin je erschaffen hat, wieder auf. Genauso ist es im letzten Satz von Enescus zweiter Sinfonie. Da baut er diese Spannung auf – und auf dem Höhepunkt taucht jede Note, die er jemals komponiert hat, wieder auf. Das hab ich dem Orchester bei der Aufnahme gesagt: Denken Sie an das „Höllentor“, das ist ein epischer Moment. Wenn da die Bläser plötzlich aufstehen – das ist ergreifend für mich als Dirigent. Solch ein Moment war ihm wichtiger, als sich einer Form zu unterwerfen. Die Viersätzigkeit war kein Ziel für ihn, obwohl er Brahms’ Musik liebte. Er hat sogar am ersten Pult gespielt in Wien, als Brahms seine vierte Sinfonie dirigiert hat. Davon hat er seiner Familie in einem Brief berichtet. Ich würde sagen, die Sinfonien sind Wagner mit einem französischen Klang.

„Strauss hat die Instrumentalisten an ihre Grenzen gebracht, und Enescu ist noch etwas weitergegangen.“

Warum ist Enescu so unterschätzt?

Das hat mehrere Gründe. Der erste: Seine erste Rhapsodie ist so bekannt – alle Menschen erwarten solch eine Musik beim Namen Enescu. Und dann sind sie enttäuscht, wenn sie die Sinfonien hören. Der zweite Grund ist: Die Sinfonien sind unglaublich schwer zu spielen. Viel schwieriger als Mahlers Sinfonien. Nehmen Sie eine Tondichtung von Richard Strauss, machen Sie sie etwas schwerer und doppelt so lang – dann sind Sie bei Enescu. Strauss hat die Instrumentalisten an ihre Grenzen gebracht, und Enescu ist noch etwas weitergegangen. Und das dritte ist: Er war nicht die Persönlichkeit, um sich und seine Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Strawinsky war ein toller Komponist, aber er war auch ein PR-Genie. Strauss kam aus einer Familie, die etabliert war, er musste nie um seine Identität kämpfen. Ich habe gerade wieder die Pariser Kritiken gelesen über Enescus zweite Sinfonie – die waren vernichtend. Da wird er „Zigeunergeiger“ genannt. Jetzt versucht der Zigeunergeiger auch noch, eine Sinfonie zu schreiben… Solche Kritiken haben die Menschen beeinflusst, man konnte sich kein eigenes Bild machen durchs Radio oder durch Aufnahmen. Enescu wurde von vielen nicht ernstgenommen als Komponist. Und der Grund, warum Mahler so populär geworden ist, liegt auch darin, dass er einige leidenschaftliche und einflussreiche Anhänger hatte, die seine Musik überall und immer wieder aufgeführt haben. Solche Fürsprecher, wie es Leonard Bernstein für Mahler war, hatte Enescu nicht. Ich setze mich überall für Enescu ein, und ich hoffe, es wird mit der Zeit einen ähnlichen Effekt haben.

Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele wird Măcelaru im Stadion dasOrchestre National de France dirigieren. Foto: Christophe Abramowitz

Aber das ist sicherlich nicht einfach, wenn die Sinfonien so schwer zu spielen sind.

Das stimmt. Und die Besetzungen sind groß. Die zweite Sinfonie verlangt ein Klavier, ein Harmonium, eine Celesta und eine Orgel, für die dritte braucht man einen Chor und drei Arten von Tubas. Aber mein Traum ist es, dass durch diese Aufnahmen jetzt mehr Menschen Enescu wahrnehmen. Es ist das erste Mal, dass ein großes französisches Orchester Enescus Sinfonien aufnimmt – ich glaube, das ist eine gute Kombination: ein französisches Orchester und ein rumänischer Dirigent. Und die Deutsche Grammophon hat zum ersten Mal Enescus Sinfonien im Katalog – spät, aber immerhin. Ich finde, Enescus Sinfonien sollten Teil des Kernrepertoires sein!

Was würden Sie empfehlen, wenn man mal reinhören will?

Den zweiten Satz der dritten Sinfonie, das Scherzo. (singt das Thema) Phantastisch! Alles ist toll, aber um die dritte Sinfonie, das ist meine liebste Sinfonie, zu entdecken, muss man sich Zeit nehmen. Der erste Satz muss sich entwickeln können. Und hören Sie nicht den dritten Satz vor den ersten beiden. Sonst macht er keinen Sinn.

Sie sind auch künstlerischer Leiter des Enescu-Festivals in Bukarest. Ist das ein guter Ort, Enescu kennenzulernen?

Das Festival wurde 1958, drei Jahre nach Enescus Tod, gegründet. Die rumänische Regierung hatte damals realisiert, dass Enescu der bedeutendste Künstler war, den das Land je hervorgebracht hat. Rumänien stand stark unter sowjetischem Einfluss, Enescu bildete eine Brücke zum Westen, er war ja auch französischer Staatsbürger gewesen. Und so wurde entschieden, dieses Festival zu gründen – mit dem erklärten Ziel, Enescus Musik bekannter zu machen. Über die Jahrzehnte war das Festival, je nach politischer Lage, mal mehr, mal weniger bedeutend. Aber im Moment ist es, würde ich sagen, eines der, wenn nicht das bedeutendste Festival in der klassischen Musikwelt. Allein schon durch die schiere Größe: Wir haben vier Wochen lang jeden Tag drei, vier, fünf Konzerte. Jedes große Orchester der Welt kommt, jeder bedeutende Musiker ist da. Und alle müssen Enescu spielen, das ist eine Vorgabe. Wir versuchen es zu schaffen, dass man im Verlauf des Festivals jedes oder zumindest fast jedes Werk von Enescu erleben kann. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein amerikanisches Orchester eine Enescu-Sinfonie interpretiert und danach ein deutsches Orchester. Also: Wenn man Enescus Musik wirklich kennenlernen will – das Enescu Festival ist der beste Ort dafür!

Kommen wir zum Schluss noch auf Ihre Biografie zu sprechen: Sie sind das jüngste von zehn Geschwistern und zum Geigenstudium in die USA gegangen?

Das stimmt. Ich spiele sogar heute Abend im Konzert Geige, ein Werk von mir für Violine und Querflöte. Ich bin ein Hobby-Komponist, und manchmal fragen die Orchester, ob ich nicht ein eigenes Werk aufführen will. Heute scheint es zu passen. Aber als ich Rumänien verlassen habe, war ich wirklich fokussiert auf die Geige, das war meine einzige Leidenschaft. 

Mit 19 Jahren wurden Sie Konzertmeister des Miami Symphony Orchestra und kamen erst zehn Jahre später zum Dirigieren.

Das erste Mal, dass ich dirigiert habe, war so eine tolle Erfahrung, da war es um mich geschehen. Ich war überall Konzertmeister gewesen, im Schulorchester, im Studentenorchester, dann als Profi – eine Gruppe anzuführen war für mich normal. Aber als Konzertmeister muss man sich auch noch um all die technischen Dinge des Geigenspiels kümmern, und ich bin froh, dass ich diesen Druck, richtig gut Geige zu spielen, los bin. Als Dirigent kann ich mich wirklich auf die Musik konzentrieren.

Und dann war es wie im Märchen: Sie haben Ihren Durchbruch geschafft als Einspringer für Pierre Boulez.

Ja, das hat mir viele Türen geöffnet – was ich aber erst später gemerkt habe. Ich war damals Assisting Conductor in Philadelphia. Boulez wurde krank, und das Chicago Symphony Orchestra rief mich zwei Wochen vorher an und fragte, ob ich kommen und ihm assistieren könnte – und notfalls auch das Konzert übernehmen würde. Ich sagte: Natürlich! Und vor der ersten Probe war schon klar, er konnte nicht dirigieren, er hatte etwas am Auge. Er fragte mich, ob ich einverstanden wäre, wenn er bei den Proben dabei wäre. Ich sagte: Gern. Und dann saß er die ganze Zeit neben mir unten auf dem Dirigentenpodium und sagte kein Wort. Das war ziemlich speziell. 

„Boulez saß die ganze Zeit neben mir unten auf dem Dirigentenpodium und 

sagte kein Wort.“

Was stand auf dem Programm?

Schönbergs „Pierrot Lunaire“ und „L’histoire du soldat“ von Strawinsky mit Bühne und Schauspielern, ein typisches Boulez-Programm. Und ein Jahr später passierte das gleiche noch mal – Boulez war immer einmal im Jahr, im Februar, in Chicago. Wieder hatte er Probleme mit dem Auge. Und diesmal war es das schwierigste Programm, das ich jemals dirigiert habe: Debussys „Jeux“, dann das zweite Klavierkonzert von Bartók mit Yefim Bronfman, nach der Pause Bartóks Divertimento für Streichorchester und Strawinskys „Chant du rossignol“.

Warum verlassen Sie das WDR Sinfonierochester im nächsten Jahr?

Es ist ein phänomenales Orchester, die Zusammenarbeit läuft wunderbar. Aber ich bin ein großer Freund davon, aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Ich bleibe „Artistic Partner“, ich werde jedes Jahr drei, vier Wochen in Köln sein. Ich möchte einfach mehr Zeit haben, ich möchte mehr komponieren, ich hab kleine Kinder, für ich die da sein möchte. Und zwei Orchester zu leiten, ist toll, aber auch schwierig.

Und dann verlassen Sie auch wieder Bonn?

In der Pandemie war es schön in Bonn, wir haben direkt am Wald gelebt. Aber nach der Pandemie sind wir nach Paris gezogen.