Interview & Porträt

Operndiva unter Kirschblüten

Von
Eva Blaskewitz
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Zhen Chen und der Dirigent Thomas Rösner im Rittersaal des Schlosses Mannheim. Foto: no-te.com/cucui
Zhen Chen und der Dirigent Thomas Rösner im Rittersaal des Schlosses Mannheim. Foto: no-te.com/cucui

Mannheim hatte er sich anders vorgestellt: klein, „irgendwie deutsch“, voller historischer Gebäude. Stattdessen fand sich Zhen Chen, als er aus dem Bahnhof kam, in einer Stadt, wie er sie irgendwo in seiner US-amerikanischen Wahlheimat erwartet hätte: international, kosmopolitisch, „es gibt alle Arten von Essen, man sieht die unterschiedlichsten Menschen. Nach ein paar Tagen habe ich mich überhaupt nicht mehr fremd gefühlt.“ 

Im vergangenen Sommer ist Zhen Chen zum ersten Mal nach Mannheim gereist, um mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester Mozart-Konzerte aufzunehmen. Das Orchester, 1952 gegründet, sieht sich als Nachfolger der berühmten Mannheimer Hofkapelle und hat sich insbesondere den Werken der Mannheimer Schule, Stamitz, Cannabich & Co., verpflichtet. Und Mozarts, in dessen Leben Mannheim eine wichtige Rolle gespielt hat: Hier machte er auf seiner ersten Reise ohne den Vater Station, hier lernte er Aloysia Weber, die große Liebe seines Lebens, kennen und ihre Schwester Constanze, die er später heiratete. Und auch wenn aus der erhofften Anstellung als Hofkapellmeister nichts wurde, konnte Mozart festhalten: „Wie ich Mannheim liebe, so liebt auch Mannheim mich.“

„Wir brauchen mehr schöne Dinge. So wie Mozart. Dann wird die Welt ein bisschen besser.“

Mit den beiden Konzerten, die Zhen Chen für seine erste Mozart-CD ausgewählt hat, KV 450 und 467, beschreitet der Komponist neue Wege: in der Emanzipation des Orchesters, in der Brillanz des Klavierparts, in der formalen Gestaltung. Und beide verbreiten, findet Zhen Chen, eine besonders positive Stimmung. „Seit der Pandemie sind wir durch schwere Zeiten gegangen. Ich wollte den Menschen etwas geben, was Freude macht, was die schlimmen Erfahrungen vergessen lässt und uns das Gefühl gibt, dass das Leben schön ist.“

Wenige Tage nach dem Videogespräch, in dem er das erzählt, wird Zhen Chen erneut nach Mannheim reisen, um die beiden Moll-Konzerte einzuspielen. „Mozart hat zwei Gesichter“, sagt er, „wir wollen beide zeigen. Und ich möchte ausloten, wie groß ich den Unterschied zwischen diesen beiden sehr heiteren Konzerten und den beiden dunklen in Moll gestalten kann.“ 

Mozarts Musik begleitet Zhen Chen schon fast sein ganzes Leben lang. So gut wie alle Sonaten hat er als Schüler gespielt: „In meiner Jugend war Mozart für chinesische Klavierlehrer das perfekte Mittel, um die Disziplin, die Finger, das Gehör zu trainieren. Seine Musik ist so rein und klar, dass man nichts verstecken kann. Falsche Noten hört jeder sofort.“ 

Heute begeistert ihn vor allem das Natürliche, das er mit dieser Musik verbindet. „Bei Mozart spüre ich nichts von der Anstrengung des Komponierens. Die Werke sind einfach da, wie Wind, Wasser, eine Blume. Das macht Mozart für mich zu einem wahren Genie.“ 

Dass Zhen Chen zu Mozart und überhaupt zur klassischen Musik gekommen ist, war keineswegs selbstverständlich. Er sei ein sehr lautes Kind gewesen, erzählt er lachend, und habe die ganze Zeit gesungen. Ein Musiklehrer habe seiner Mutter den Tipp gegeben, ihm ein Klavier zu kaufen: „So war ich beschäftigt, und sie konnte sich um ihre eigenen Sachen kümmern.“ Als er mit 13 beginnen wollte, sich auf eine professionelle Musikerlaufbahn vorzubereiten, wäre es in seiner Familie, in der fast alle Mediziner sind, beinah zum Krach gekommen. Aber Zhen Chen setzte sich durch. Er studierte am Zentralen Musikkonservatorium in Peking, einer Elitehochschule, aus der auch Lang Lang und Yuja Wang hervorgegangen sind. Nach dem Bachelor-Abschluss wechselte er an die Manhattan School of Music in New York, wo er den Masterabschluss im Fach Klavier machte und heute selbst unterrichtet.

Mozarts Musik sei wie ein Drama, wie eine Opernhandlung, findet Zhen Chen. Er brauche für jeden Abschnitt ein Bild oder eine Geschichte. „Wenn ich das nicht habe, wird die Musik die Zuhörer, denke ich, nicht berühren.“ Zum Beispiel im ersten Satz des C-Dur-Konzerts das freundliche Seitenthema: Da steht ihm vor Augen, wie er an einem windigen Mai-Tag unter einem Kirschbaum in Washington stand. „Dort gibt es hunderte, tausende von Kirschbäumen. Die Blüten rieselten herunter, es war unglaublich schön. Ich fühlte mich so frei und unbeschwert!“ Oder das Finale: „Es ist vielleicht ein bisschen platt, aber ich denke an ein Videospiel. Du willst nicht getötet werden, du willst das Monster töten, du willst unbedingt die letzte Runde erreichen, du bist angespannt und nervös, beinah hätte es dich erwischt... Es ist ein Versteckspiel mit dem Orchester.“ Oder der Beginn des Konzerts in B-Dur: „Da kommt eine berühmte Opernsängerin auf die Bühne in einem wunderschönen Kleid. Sie weiß, dass sie ein Star ist und dass ihr das Publikum zu Füßen liegt. Mit dieser Vorstellung spiele ich den Anfang des Konzerts.“

Das Erzählen liegt Zhen Chen im Blut. Mit Worten, die nur so aus ihm heraussprudeln. Oder mit seinen eigenen Kompositionen, in denen chinesische und westliche Elemente verschmelzen und die sich jedem Einordnen in Schubladen entziehen: Weder Klassik noch Unterhaltungsmusik, wirken sie am ehesten wie der Soundtrack zu einem Film. Musikalische Landschaftsgemälde. Oder, bei seinem zweiten Album, das klingende Porträt von Immigranten in New York, eine Verarbeitung seiner eigenen Erfahrungen. „Mir geht es nicht darum, eine neue Musiksprache zu finden“, sagt Zhen Chen. „Ich möchte Gefühle beschreiben und Geschichten erzählen.“ 

Stringent müssen diese Geschichten sein: Als er sich in der Vorbereitung der Mozart-Aufnahme ältere Einspielungen angehört hat, wunderte er sich über so manche Rubati und Temposchwankungen. Wenn man dauernd stehen bleibe, werde es langweilig und man verliere die Orientierung, meint er. Er hat sich daher für schnelle Tempi entschieden, die er fast ohne Verzögerungen durchzieht. Sein Fokus liegt auf der Struktur, auf den großen Abschnitten. „Es ist wie bei einer Zugfahrt: Zwischen zwei Stationen gibt es keinen Halt, der Zug fährt einfach weiter.“ 

Und draußen, so könnte man den Gedanken fortspinnen, zieht eine sonnenbeschienene Landschaft vorbei. „Manche Kollegen haben mich gefragt: Warum Mozart? Nun, es passiert so viel Schlimmes auf der Welt, jeden Tag und überall. Wir brauchen mehr schöne Dinge. So wie Mozart. Dann wird die Welt, glaube ich, ein bisschen besser.“

Mannheim hatte er sich anders vorgestellt: klein, „irgendwie deutsch“, voller historischer Gebäude. Stattdessen fand sich Zhen Chen, als er aus dem Bahnhof kam, in einer Stadt, wie er sie irgendwo in seiner US-amerikanischen Wahlheimat erwartet hätte: international, kosmopolitisch, „es gibt alle Arten von Essen, man sieht die unterschiedlichsten Menschen. Nach ein paar Tagen habe ich mich überhaupt nicht mehr fremd gefühlt.“ 

Im vergangenen Sommer ist Zhen Chen zum ersten Mal nach Mannheim gereist, um mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester Mozart-Konzerte aufzunehmen. Das Orchester, 1952 gegründet, sieht sich als Nachfolger der berühmten Mannheimer Hofkapelle und hat sich insbesondere den Werken der Mannheimer Schule, Stamitz, Cannabich & Co., verpflichtet. Und Mozarts, in dessen Leben Mannheim eine wichtige Rolle gespielt hat: Hier machte er auf seiner ersten Reise ohne den Vater Station, hier lernte er Aloysia Weber, die große Liebe seines Lebens, kennen und ihre Schwester Constanze, die er später heiratete. Und auch wenn aus der erhofften Anstellung als Hofkapellmeister nichts wurde, konnte Mozart festhalten: „Wie ich Mannheim liebe, so liebt auch Mannheim mich.“

„Wir brauchen mehr schöne Dinge. So wie Mozart. Dann wird die Welt ein bisschen besser.“

Mit den beiden Konzerten, die Zhen Chen für seine erste Mozart-CD ausgewählt hat, KV 450 und 467, beschreitet der Komponist neue Wege: in der Emanzipation des Orchesters, in der Brillanz des Klavierparts, in der formalen Gestaltung. Und beide verbreiten, findet Zhen Chen, eine besonders positive Stimmung. „Seit der Pandemie sind wir durch schwere Zeiten gegangen. Ich wollte den Menschen etwas geben, was Freude macht, was die schlimmen Erfahrungen vergessen lässt und uns das Gefühl gibt, dass das Leben schön ist.“

Wenige Tage nach dem Videogespräch, in dem er das erzählt, wird Zhen Chen erneut nach Mannheim reisen, um die beiden Moll-Konzerte einzuspielen. „Mozart hat zwei Gesichter“, sagt er, „wir wollen beide zeigen. Und ich möchte ausloten, wie groß ich den Unterschied zwischen diesen beiden sehr heiteren Konzerten und den beiden dunklen in Moll gestalten kann.“ 

Mozarts Musik begleitet Zhen Chen schon fast sein ganzes Leben lang. So gut wie alle Sonaten hat er als Schüler gespielt: „In meiner Jugend war Mozart für chinesische Klavierlehrer das perfekte Mittel, um die Disziplin, die Finger, das Gehör zu trainieren. Seine Musik ist so rein und klar, dass man nichts verstecken kann. Falsche Noten hört jeder sofort.“ 

Heute begeistert ihn vor allem das Natürliche, das er mit dieser Musik verbindet. „Bei Mozart spüre ich nichts von der Anstrengung des Komponierens. Die Werke sind einfach da, wie Wind, Wasser, eine Blume. Das macht Mozart für mich zu einem wahren Genie.“ 

Dass Zhen Chen zu Mozart und überhaupt zur klassischen Musik gekommen ist, war keineswegs selbstverständlich. Er sei ein sehr lautes Kind gewesen, erzählt er lachend, und habe die ganze Zeit gesungen. Ein Musiklehrer habe seiner Mutter den Tipp gegeben, ihm ein Klavier zu kaufen: „So war ich beschäftigt, und sie konnte sich um ihre eigenen Sachen kümmern.“ Als er mit 13 beginnen wollte, sich auf eine professionelle Musikerlaufbahn vorzubereiten, wäre es in seiner Familie, in der fast alle Mediziner sind, beinah zum Krach gekommen. Aber Zhen Chen setzte sich durch. Er studierte am Zentralen Musikkonservatorium in Peking, einer Elitehochschule, aus der auch Lang Lang und Yuja Wang hervorgegangen sind. Nach dem Bachelor-Abschluss wechselte er an die Manhattan School of Music in New York, wo er den Masterabschluss im Fach Klavier machte und heute selbst unterrichtet.

Mozarts Musik sei wie ein Drama, wie eine Opernhandlung, findet Zhen Chen. Er brauche für jeden Abschnitt ein Bild oder eine Geschichte. „Wenn ich das nicht habe, wird die Musik die Zuhörer, denke ich, nicht berühren.“ Zum Beispiel im ersten Satz des C-Dur-Konzerts das freundliche Seitenthema: Da steht ihm vor Augen, wie er an einem windigen Mai-Tag unter einem Kirschbaum in Washington stand. „Dort gibt es hunderte, tausende von Kirschbäumen. Die Blüten rieselten herunter, es war unglaublich schön. Ich fühlte mich so frei und unbeschwert!“ Oder das Finale: „Es ist vielleicht ein bisschen platt, aber ich denke an ein Videospiel. Du willst nicht getötet werden, du willst das Monster töten, du willst unbedingt die letzte Runde erreichen, du bist angespannt und nervös, beinah hätte es dich erwischt... Es ist ein Versteckspiel mit dem Orchester.“ Oder der Beginn des Konzerts in B-Dur: „Da kommt eine berühmte Opernsängerin auf die Bühne in einem wunderschönen Kleid. Sie weiß, dass sie ein Star ist und dass ihr das Publikum zu Füßen liegt. Mit dieser Vorstellung spiele ich den Anfang des Konzerts.“

Das Erzählen liegt Zhen Chen im Blut. Mit Worten, die nur so aus ihm heraussprudeln. Oder mit seinen eigenen Kompositionen, in denen chinesische und westliche Elemente verschmelzen und die sich jedem Einordnen in Schubladen entziehen: Weder Klassik noch Unterhaltungsmusik, wirken sie am ehesten wie der Soundtrack zu einem Film. Musikalische Landschaftsgemälde. Oder, bei seinem zweiten Album, das klingende Porträt von Immigranten in New York, eine Verarbeitung seiner eigenen Erfahrungen. „Mir geht es nicht darum, eine neue Musiksprache zu finden“, sagt Zhen Chen. „Ich möchte Gefühle beschreiben und Geschichten erzählen.“ 

Stringent müssen diese Geschichten sein: Als er sich in der Vorbereitung der Mozart-Aufnahme ältere Einspielungen angehört hat, wunderte er sich über so manche Rubati und Temposchwankungen. Wenn man dauernd stehen bleibe, werde es langweilig und man verliere die Orientierung, meint er. Er hat sich daher für schnelle Tempi entschieden, die er fast ohne Verzögerungen durchzieht. Sein Fokus liegt auf der Struktur, auf den großen Abschnitten. „Es ist wie bei einer Zugfahrt: Zwischen zwei Stationen gibt es keinen Halt, der Zug fährt einfach weiter.“ 

Und draußen, so könnte man den Gedanken fortspinnen, zieht eine sonnenbeschienene Landschaft vorbei. „Manche Kollegen haben mich gefragt: Warum Mozart? Nun, es passiert so viel Schlimmes auf der Welt, jeden Tag und überall. Wir brauchen mehr schöne Dinge. So wie Mozart. Dann wird die Welt, glaube ich, ein bisschen besser.“