Eine graue Eminenz
Anton Bruckners Kompositionslehrer Simon Sechter

Zwei Wochen vor seinem Tod beschloss Franz Schubert, anscheinend nach dem Studium Händelscher Oratorien, noch einmal Musikunterricht zu nehmen. Und begab sich zu Simon Sechter, seines Zeichens Wiener Hoforganist und führender Wiener Musiktheoretiker. Zu einem wirklichen Unterricht ist es zwar nicht mehr gekommen, denn bereits zur zweiten verabredeten Stunde konnte Schubert krankheitsbedingt nicht mehr erscheinen. Doch schon seine Zeitgenossen fanden diesen Unterrichtsversuch bemerkenswert – und hoben hervor, wie wissbegierig und an seiner weiteren Entwicklung interessiert Schubert gewesen sei, dass er als bekannter und geschätzter Komponist noch Kontrapunkt studieren wollte.
27 Jahre später machte sich auch Anton Bruckner aus Linz nach Wien auf, um als bereits erfolgreicher Organist und Kirchenkomponist bei Simon Sechter noch einmal die Schulbank zu drücken. Sechter war 1851 Professor für Generalbass und Kontrapunkt am Wiener Konservatorium geworden. Das war der Gipfel in der erstaunlichen Karriere eines Mannes, der sich den größten Teil seines Wissen autodidaktisch hatte aneignen müssen. Als Sohn eines Fassbinders war Simon Sechter am 11. Oktober 1788 im böhmischen Friedberg (heute Frymburk nad Vltavou) geboren. Für denselben Beruf hatte ihn auch sein Vater vorgesehen (seine Mutter starb, als er zehn war), doch früh zeigte sich, dass der kleine Simon nur Musik im Kopf hatte. Mit elf wurde er Schüler der örtlichen Pfarrschule, wo ihm der Lehrer Unterricht in Singen, Klavier, Violine und Flöte erteilte. 1802 wurde er Schulgehilfe im oberösterreichischen Pfarrkirchen. Hier hatte er viel Zeit, sich ganz seinen musikalischen Studien zu widmen, denn im Winter gab es nichts zu tun, wie er sich später erinnerte: In dieser Gegend wurden die Kinder im Winter nicht zur Schule geschickt! Nach abgelegter Prüfung ergab sich 1805 die Chance, als Privatlehrer der Kinder eines fürstlichen Güterdirektors nach Wien zu gehen. Hier kam er erstmals in den Genuss von Unterricht bei namhaften Musikern. Bei einem Schüler Albrechtsbergers hatte er für kurze Zeit Unterricht im Kontrapunkt, bei Leopold Kozeluch konnte er sein Klavierspiel verfeinern. Offenbar mit großem Erfolg, denn in Wien begleitete er den legendären Kontrabassisten Dragonetti bei Konzerten. Seit 1808 war Sechter als Instrumentallehrer tätig, 1810 wurde er als Klavier- und Gesangslehrer an einem Wiener Blindeninstitut engagiert, zunächst nur für Kost und Logis, seit 1812 erhielt er auch ein Honorar. 1824 wurde er Hoforganist. 1853 veröffentlichte er seine wichtigste Schrift, „Die Grundsätze der musikalischen Komposition“ – all das dafür nötige Wissen hat er sich überwiegend selbst angeeignet, mithilfe der Lektüre der Kompositionsanleitungen des 18. Jahrhunderts, insbesondere von Kirnberger und Marpurg.

Anton Bruckner stellte sich mit einer Messe bei Sechter vor, und der akzeptierte ihn als Privatschüler. Für insgesamt beinahe sechs Jahre – erst 1861 beendete Bruckner seine Studien. Und schrieb später in einer Bewerbung, er habe „all seine Ersparnisse und all seine Zeit, ja die Nächte“ für seine Ausbildung aufgewendet. Dabei unterwarf er sich einem strengen Regime, kreatives Komponieren nebenbei war den Schülern Sechters untersagt – sie hatten sich kompositorisch ausschließlich ihren Harmonielehre- und Kontrapunktübungen zu widmen. Bis zu sieben Stunden täglich habe Bruckner das getan, bekannte er, und sogar dem strengen Sechter war das zu viel. In einem Brief schrieb er seinem immerhin schon 36-jährigen Schüler 1860, nach „17 Heften mit Arbeiten über den doppelten Contrapunkt“ wundere er sich über dessen Fleiß und Fortschritte, und riet ihm: „Damit Sie aber in Gesundheit nach Wien kommen, ersuche ich Sie, sich mehr zu schonen und sich die nöthige Ruhe zu gönnen. Ich fühle mich gedrungen zu sagen, dass ich noch gar keinen fleißigeren Schüler hatte als Sie.“ Er sei „vollkommen zufrieden“ mit Bruckner.
Man sieht am Ton dieses und anderer erhaltener Briefe: Sechter und Bruckner hatten im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, das auch nach dem Unterricht bis zu Sechters Tod 1867 anhielt. Sechter besuchte Bruckner in Linz, widmete ihm zum Abschluss seiner Studien eine Fuge, und Bruckner sorgte sich immer wieder um den kränkelnden Professor. Nach dessen Tod ließ er jährlich am Namenstag des heiligen Simon eine Messe für ihn lesen.
Über den Beginn des Unterrichts 1855 ist wenig bekannt; erst 1857 scheint er regelmäßig stattgefunden zu haben. Ab 1858 reiste Bruckner mehrmals im Jahr für mehrere Wochen nach Wien und widmete sich dort ausschließlich dem Unterricht; er bezog eine Unterkunft ganz in der Nähe von Sechters Wohnung und ging in dieser Zeit zur Entspannung nicht einmal in die Oper. In Linz hatte er dann zahllose Hausaufgaben zu erledigen – sieben Folianten sollen insgesamt zusammengekommen sein. Sogar die Öffentlichkeit interessierte sich für Bruckners erneute Lehre. So schrieb die Linzer Zeitung 1759: „Am heiligen Ostertage fand auch Herr Domorganist Bruckner hinlänglich Gelegenheit in den großartigsten Fugen und herrlichsten Präludien seine wahrhaft glänzenden Fortschritte in Sechter‘s tieferem kontrapunktischem Studium zu bethätigen.“ Etwas maliziös bemerkte dagegen zwei Jahre später die Wiener Zeitung, der Linzer Dom-Organist Anton Bruckner habe „durch eine Reihe von Jahren den randvollen Becher Simon Sechter‘scher Schulweisheit bis auf die Neige geleert“, und das Wiener Fremdenblatt sprach 1867 gar davon, dass „die Kompositionslehre von Altmeister Sechter“ „an Strenge und Grausamkeit der Priesnitz‘schen Wasserkur vergleichbar“ sei.
Man sieht, Sechter galt zwar als der führende Musiktheoretiker Wiens, diese Stellung war aber mit keinem besonders guten Image mehr verbunden. Denn eigentlich zählte nur noch die kreative Idee des Genies, der sich nicht um Regeln schert. So bescheinigt denn auch der Nachruf in der Wiener Zeitung Sechter 1867 „außergewöhnliche Fachkenntnisse“ und „gediegene Gelehrsamkeit“ und bemerkt dann, die „schöpferische Idee“ habe sich bei ihm aber „selten zu höherem Fluge aufgerafft“. Das klingt noch beinahe freundlich im Vergleich zu manchen frühen Bruckner-Biographen – als „Petrefakt, in dem eine längst verstorbene Kunstweise als fleisch- und blutloses Skelett sich erhalten hatte“, bezeichnete ihn Rudolf Louis 1905.

Bruckner hat dennoch von diesem Unterricht nachhaltig profitiert. Nicht nur, weil er 1868 Nachfolger Sechters am Wiener Konservatorium wurde – gegen den Widerstand Eduard Hanslicks – und in seinen Vorlesungen, von einigen Änderungen abgesehen, sein Wissen so weitergab, wie er es von Sechter empfangen hatte. Auch in manchen Aspekten von Bruckners Musik kann man die Spuren von Sechters Kontrapunkt-Unterricht finden, etwa in seiner Vorliebe für Umkehrungen, Imitationen, Spiegelungen und den mehrfachen Kontrapunkt.
Zwei Wochen vor seinem Tod beschloss Franz Schubert, anscheinend nach dem Studium Händelscher Oratorien, noch einmal Musikunterricht zu nehmen. Und begab sich zu Simon Sechter, seines Zeichens Wiener Hoforganist und führender Wiener Musiktheoretiker. Zu einem wirklichen Unterricht ist es zwar nicht mehr gekommen, denn bereits zur zweiten verabredeten Stunde konnte Schubert krankheitsbedingt nicht mehr erscheinen. Doch schon seine Zeitgenossen fanden diesen Unterrichtsversuch bemerkenswert – und hoben hervor, wie wissbegierig und an seiner weiteren Entwicklung interessiert Schubert gewesen sei, dass er als bekannter und geschätzter Komponist noch Kontrapunkt studieren wollte.
27 Jahre später machte sich auch Anton Bruckner aus Linz nach Wien auf, um als bereits erfolgreicher Organist und Kirchenkomponist bei Simon Sechter noch einmal die Schulbank zu drücken. Sechter war 1851 Professor für Generalbass und Kontrapunkt am Wiener Konservatorium geworden. Das war der Gipfel in der erstaunlichen Karriere eines Mannes, der sich den größten Teil seines Wissen autodidaktisch hatte aneignen müssen. Als Sohn eines Fassbinders war Simon Sechter am 11. Oktober 1788 im böhmischen Friedberg (heute Frymburk nad Vltavou) geboren. Für denselben Beruf hatte ihn auch sein Vater vorgesehen (seine Mutter starb, als er zehn war), doch früh zeigte sich, dass der kleine Simon nur Musik im Kopf hatte. Mit elf wurde er Schüler der örtlichen Pfarrschule, wo ihm der Lehrer Unterricht in Singen, Klavier, Violine und Flöte erteilte. 1802 wurde er Schulgehilfe im oberösterreichischen Pfarrkirchen. Hier hatte er viel Zeit, sich ganz seinen musikalischen Studien zu widmen, denn im Winter gab es nichts zu tun, wie er sich später erinnerte: In dieser Gegend wurden die Kinder im Winter nicht zur Schule geschickt! Nach abgelegter Prüfung ergab sich 1805 die Chance, als Privatlehrer der Kinder eines fürstlichen Güterdirektors nach Wien zu gehen. Hier kam er erstmals in den Genuss von Unterricht bei namhaften Musikern. Bei einem Schüler Albrechtsbergers hatte er für kurze Zeit Unterricht im Kontrapunkt, bei Leopold Kozeluch konnte er sein Klavierspiel verfeinern. Offenbar mit großem Erfolg, denn in Wien begleitete er den legendären Kontrabassisten Dragonetti bei Konzerten. Seit 1808 war Sechter als Instrumentallehrer tätig, 1810 wurde er als Klavier- und Gesangslehrer an einem Wiener Blindeninstitut engagiert, zunächst nur für Kost und Logis, seit 1812 erhielt er auch ein Honorar. 1824 wurde er Hoforganist. 1853 veröffentlichte er seine wichtigste Schrift, „Die Grundsätze der musikalischen Komposition“ – all das dafür nötige Wissen hat er sich überwiegend selbst angeeignet, mithilfe der Lektüre der Kompositionsanleitungen des 18. Jahrhunderts, insbesondere von Kirnberger und Marpurg.

Anton Bruckner stellte sich mit einer Messe bei Sechter vor, und der akzeptierte ihn als Privatschüler. Für insgesamt beinahe sechs Jahre – erst 1861 beendete Bruckner seine Studien. Und schrieb später in einer Bewerbung, er habe „all seine Ersparnisse und all seine Zeit, ja die Nächte“ für seine Ausbildung aufgewendet. Dabei unterwarf er sich einem strengen Regime, kreatives Komponieren nebenbei war den Schülern Sechters untersagt – sie hatten sich kompositorisch ausschließlich ihren Harmonielehre- und Kontrapunktübungen zu widmen. Bis zu sieben Stunden täglich habe Bruckner das getan, bekannte er, und sogar dem strengen Sechter war das zu viel. In einem Brief schrieb er seinem immerhin schon 36-jährigen Schüler 1860, nach „17 Heften mit Arbeiten über den doppelten Contrapunkt“ wundere er sich über dessen Fleiß und Fortschritte, und riet ihm: „Damit Sie aber in Gesundheit nach Wien kommen, ersuche ich Sie, sich mehr zu schonen und sich die nöthige Ruhe zu gönnen. Ich fühle mich gedrungen zu sagen, dass ich noch gar keinen fleißigeren Schüler hatte als Sie.“ Er sei „vollkommen zufrieden“ mit Bruckner.
Man sieht am Ton dieses und anderer erhaltener Briefe: Sechter und Bruckner hatten im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, das auch nach dem Unterricht bis zu Sechters Tod 1867 anhielt. Sechter besuchte Bruckner in Linz, widmete ihm zum Abschluss seiner Studien eine Fuge, und Bruckner sorgte sich immer wieder um den kränkelnden Professor. Nach dessen Tod ließ er jährlich am Namenstag des heiligen Simon eine Messe für ihn lesen.
Über den Beginn des Unterrichts 1855 ist wenig bekannt; erst 1857 scheint er regelmäßig stattgefunden zu haben. Ab 1858 reiste Bruckner mehrmals im Jahr für mehrere Wochen nach Wien und widmete sich dort ausschließlich dem Unterricht; er bezog eine Unterkunft ganz in der Nähe von Sechters Wohnung und ging in dieser Zeit zur Entspannung nicht einmal in die Oper. In Linz hatte er dann zahllose Hausaufgaben zu erledigen – sieben Folianten sollen insgesamt zusammengekommen sein. Sogar die Öffentlichkeit interessierte sich für Bruckners erneute Lehre. So schrieb die Linzer Zeitung 1759: „Am heiligen Ostertage fand auch Herr Domorganist Bruckner hinlänglich Gelegenheit in den großartigsten Fugen und herrlichsten Präludien seine wahrhaft glänzenden Fortschritte in Sechter‘s tieferem kontrapunktischem Studium zu bethätigen.“ Etwas maliziös bemerkte dagegen zwei Jahre später die Wiener Zeitung, der Linzer Dom-Organist Anton Bruckner habe „durch eine Reihe von Jahren den randvollen Becher Simon Sechter‘scher Schulweisheit bis auf die Neige geleert“, und das Wiener Fremdenblatt sprach 1867 gar davon, dass „die Kompositionslehre von Altmeister Sechter“ „an Strenge und Grausamkeit der Priesnitz‘schen Wasserkur vergleichbar“ sei.
Man sieht, Sechter galt zwar als der führende Musiktheoretiker Wiens, diese Stellung war aber mit keinem besonders guten Image mehr verbunden. Denn eigentlich zählte nur noch die kreative Idee des Genies, der sich nicht um Regeln schert. So bescheinigt denn auch der Nachruf in der Wiener Zeitung Sechter 1867 „außergewöhnliche Fachkenntnisse“ und „gediegene Gelehrsamkeit“ und bemerkt dann, die „schöpferische Idee“ habe sich bei ihm aber „selten zu höherem Fluge aufgerafft“. Das klingt noch beinahe freundlich im Vergleich zu manchen frühen Bruckner-Biographen – als „Petrefakt, in dem eine längst verstorbene Kunstweise als fleisch- und blutloses Skelett sich erhalten hatte“, bezeichnete ihn Rudolf Louis 1905.

Bruckner hat dennoch von diesem Unterricht nachhaltig profitiert. Nicht nur, weil er 1868 Nachfolger Sechters am Wiener Konservatorium wurde – gegen den Widerstand Eduard Hanslicks – und in seinen Vorlesungen, von einigen Änderungen abgesehen, sein Wissen so weitergab, wie er es von Sechter empfangen hatte. Auch in manchen Aspekten von Bruckners Musik kann man die Spuren von Sechters Kontrapunkt-Unterricht finden, etwa in seiner Vorliebe für Umkehrungen, Imitationen, Spiegelungen und den mehrfachen Kontrapunkt.



