Tinte kann man nicht hören
Fast 400 Werke hat das Arditti Quartet uraufgeführt. Nun konnte das Streichquartett um den Geiger Irvine Arditti seinen 50. Geburtstag feiern

Es war der 7. März 1974, als der 21-jährige Irvine Arditti mit drei Kollegen das Streichquartett Nr. 2 von Krzysztof Penderecki in London aufführte. Penderecki hatte zuvor mit den jungen Musikern gearbeitet, und das gefiel Arditti, der sich schon früh für Neue Musik begeisterte, so sehr, dass er für „herkömmliche“ Klassik bald verloren war (allerdings spielte er noch zwei Jahre als Erster Konzertmeister im London Symphony Orchestra). Die Mitmusiker wechselten mehrfach, zwischen 2003 und 2006 formierte sich die jetzige Besetzung mit dem gebürtigen Armenier Ashot Sarkissjan, 2. Geige, dem Brasilianer Ralf Ehlers (der eine selbstgebaute Bratsche spielt!) und dem gebürtigen Lörracher Lucas Fels am Cello. Alle vier sind auch außerhalb des Quartetts aktiv, Lucas Fels etwa unterrichtet als Professor Neue Musik in Frankfurt/Main. Das Interview fand hinter der Bühne des Pierre Boulez Saals in Berlin statt, in der Mittagspause zwischen zwei Proben für das Konzert am Geburtstagsabend. Die vier Musiker sind eine fröhliche Runde, in der viel gelacht wird.
Mr. Arditti, war es von Anfang an die Idee, mit dem Quartett überwiegend oder nur neue Musik zu spielen?
Irvine Arditti: Nur! Erst nach einiger Zeit haben wir begonnen, auch ältere Musik und Musik der Zweiten Wiener Schule zu spielen.
Was ist so erfüllend daran?
Arditti: Wenn Sie das nicht wissen, sollten Sie dieses Interview nicht führen. Es ist großartig herauszufinden, was die Komponisten wollen. Und man kann sie zu den Proben einladen.
Aber da muss doch noch mehr sein.
Man kommt in Kontakt mit den Menschen, die die Musik schreiben. Und die Musik ist faszinierend. Klassische Musik ist ok, aber …
Lucas Fels: Etwas zu spielen, was noch niemand gehört hat, etwas vollkommen Neues – das ist das Größte, was man machen kann als Musiker. Andere versuchen, aus den Beethoven-Sonaten etwas ganz Besonderes zu machen. Aber wir spielen Musik, die noch nie jemand gehört hat.
Arditti: Er sagt in besseren Worten, was ich sagen wollte.
Fels: Und die Komponisten schreiben für uns. Das war schon immer so. Die Komponisten schreiben nicht für die Schublade, sie schreiben für konkrete Musiker.
Ashot Sarkissjan: Wir spielen Beethoven eben nicht zum 1735. Mal. Dann geht es irgendwann nur noch darum, was du mit der Musik machst. Bei uns geht es nur um die Musik, um sie selbst. Wir stellen uns in den Dienst der Musik – und nicht andersherum.
Wenn Sie zurückschauen auf 50 oder auch 20 Jahre Arditti-Quartett: Was kommt Ihnen zuerst in den Sinn: die Komponisten, mit denen Sie zusammengearbeitet haben? Die Musik, die Sie aufgeführt haben? Die Konzerte, die Sie gegeben haben?
Arditti: Nicht die Atmosphäre der Konzerte. Oder ... doch: Bei einem Stück, da kamen Hubschrauber vor. Es ist eine Mischung aus der Persönlichkeit der Komponisten und daraus, wie gut man sie kennenlernt – einige sind Freunde geworden, haben bei mir im Haus gewohnt, meine Frau hat Essen gekocht, während wir geprobt haben. Aber im Wesentlichen geht es natürlich um die Musik.
Fels: Das ist die größte Herausforderung, der man sich als Musiker stellen kann. Die Komponisten kennenzulernen, mit ihnen gemeinsam etwas Neues zu erschaffen, herauszufinden, wie man etwas spielt, was eigentlich unspielbar ist, und was man daraus machen kann – das ist ein Privileg.
Ralf Ehlers: Und wir arbeiten mit den besten Komponisten unserer Zeit. Besser geht’s nicht.
Arditti: Es hilft, wenn man die Komponisten kennt und weiß, wie sie „ticken“. Ich kannte Xenakis ziemlich gut, auch Ligeti, und Stockhausen so gut, wie man ihm nahekommen konnte. Helmut Lachenmann kennen wir alle ganz gut. Alle sind Persönlichkeiten, sie bringen sich ganz unterschiedlich in die Proben ein. Nehmen Sie Lachenmann und Wolfgang Rihm: Der eine weiß ganz genau, was er will, ich möchte dies, ich möchte das, der andere macht eher Vorschläge, gibt Hinweise auf die Atmosphäre. Das ist interessant. Die einen sagen dir, was du zu tun hast, die anderen nicht. Aber das macht nichts, denn man entwickelt ein Gespür dafür, was ein Komponist braucht. Und das macht man dann. Und manchmal, wenn jüngere Komponisten in einem Stil von jemandem schreiben, den wir kennen, oder es erinnert uns an etwas, was wir von irgendwoher kennen, dann wissen wir, wie wir es spielen müssen, ohne dass sie ein Wort sagen. Das kommt durch unsere Erfahrung, auch wenn wir das Stück nie zuvor gesehen haben.
Wie wählen Sie die Werke aus, die Sie uraufführen?
Arditti: Wir wählen gar nicht so viel aus. Das machen vor allem die Veranstalter. Sie fragen uns, ob wir ein Stück von der oder dem uraufführen würden.
Fels: Es hängt auch davon ab, wo wir spielen. In Japan spielen wir andere Auftragswerke als in Deutschland oder in Mexiko.
Arditti: Und inzwischen wissen die Leute nicht nur, was wir mögen, sondern auch, was wir am besten können. Manchmal schlagen natürlich auch wir Komponisten vor.
Gibt es für Sie gute und schlechtere Musik?
Fels: Zunächst besteht die Herausforderung darin, ein Stück so gut wie möglich zu spielen, um es zu einem guten Stück zu machen – zumindest in dem Moment.
Sarkissjan: Was für den einen gut ist, findet der andere schlecht.
Ehlers: Aber wir versuchen immer offen zu bleiben.
„Es gibt verschiedene Stadien im Leben einer Komposition. Ein Stück ist ein lebendiges Wesen.“
Sind Sie so etwas wie Dienstleister für die Komponisten?
Fels: In gewisser Weise ja. Man könnte es jedoch auch andersherum sehen: Die Komponisten schreiben die Stücke für uns. Oft erwarten wir etwas Bestimmtes von einem Komponisten, und dann schreibt er etwas, was ganz anders ist – und das ist toll.
Ehlers: Aber es stimmt schon, wir sind da für den Komponisten – mit unserem riesigen Repertoire und unserem Fundus an Techniken, Klängen, Ästhetiken. Das ist vermutlich großartig für Komponisten, so können sie für uns schreiben, ohne sich begrenzen zu müssen.
Kennen Sie in der Regel die Partitur, wenn Sie eine Uraufführung zusagen?
Ehlers: Das ist eine vielleicht etwas romantische Vorstellung. Eine Partitur zu schreiben ist eine Riesenarbeit. Und die sollte bezahlt werden. Wir alle versuchen Geld aufzutreiben. Die meisten Werke sind Aufträge. Wir versuchen also Aufträge zu organisieren, bei Stiftungen oder bei Festivals, damit ein Stück überhaupt komponiert werden kann. Und was dann kommt, weiß man nicht. Das ist das Spannende.
Arditti: Ich meine, es ist dreimal passiert in den 50 Jahren, dass ich ein Stück abgelehnt habe. Einmal lag es an der Qualität des Stückes, die aus meiner Sicht nicht passend war für den Anlass. Und die beiden anderen Male waren es junge Komponisten, die sehr, sehr komplizierte Partituren geschrieben hatten. Geplant für ein einziges Konzert! Das war nicht praktikabel. Es ist doch etwas anderes, wenn wir ein Werk hinterher dreißig-, vierzigmal spielen können.
Wir arbeiten Sie, wenn Sie die Partituren bekommen?
Ehlers: Wir erarbeiten zuerst jeder unsere Stimme und treffen uns dann zur ersten Probe.
Kommt dann schon der Komponist dazu?
Arditti: Nur wenn es so kompliziert ist, dass wir durch die Partitur nicht durchblicken. Nein, erst erarbeiten wir das allein. Wir proben das Stück so lange, bis wir es dem Komponisten vorspielen können.
Wenn der Komponist dazukommt, ändert sich dann noch das Stück?
Fels: Normalerweise ja. Sich ein Stück vorzustellen und ein Stück zu schreiben sind verschiedene Dinge. Selbst bei einem so präzise notierenden Komponisten wie Helmut Lachenmann geht das, was ihm vorschwebt, weit über das hinaus, was er notieren kann.
Arditti: Und das gilt für Komponisten, die sehr erfahren sind. Aber es gibt ja noch die jungen Komponisten, die dann, wie ich es nenne, plötzlich mit dem Klang konfrontiert werden. Sie haben etwas geschrieben, wir spielen es, und dann wissen sie nicht, was sie sagen sollen. Das ist manchmal ein Schock, manchmal eine Überraschung. Sie können das, was sie aufs Papier geschrieben haben, nicht mit dem Klang übereinbringen. Sie müssen lernen, ihre Musik zu hören und zu kommentieren, ob sie das mögen.
Ehlers: Sehr oft ändern sie noch etwas in den Noten, oder wir machen Vorschläge: Wenn du das haben möchtest, könntest du es so machen.
Sarkissjan: Es gibt verschiedene Stadien im Leben einer Komposition. Erst ist da die Idee im Kopf, sie wird aufgeschrieben, dann proben wir das zum ersten Mal und fügen alles zusammen. Es wächst in den Proben, macht im Konzert nochmal einen Schritt, denn manchmal fällt den Komponisten etwas erst auf, wenn sie es in der Konzertsituation erleben. Ein Stück ist ein lebendiges Wesen. Es ändert sich, es wächst.

Was sagen Sie mit dieser Erfahrung zu dem Ansatz: Jede Note von Beethoven muss exakt so gespielt werden, wie er es notiert hat – auch bei Werken, die er nie gehört hat?
Fels: Zu sagen, nur so ist es richtig, ist ein sehr unkünstlerischer Ansatz. Was wir letztendlich auf der Bühne präsentieren, ist eine Mischung aus unserer Erfahrung und dem, was der Komponist sagt. Unser Ziel ist nicht, den Komponisten „zufriedenzustellen“. Manchmal machen wir Dinge, die, ich will nicht sagen: dem Komponisten nicht gefallen, aber wir spielen unsere Version, von der wir denken, sie ist besser für das Stück oder mehr „unsere“ Lesart.
Das letzte Wort haben Sie?
Ehlers: Natürlich. Wir sind Interpreten. Das ist in der neuen nicht anders als in der klassischen Musik.
Arditti: Interpretation ist das entscheidende Wort. Ein Beispiel: Wir haben jüngere Kollegen, mit denen wir einige Konzerte gemacht haben, das Jack Quartett. Sie haben ein ähnliches Repertoire wie wir und haben vor ungefähr zehn Jahren die Xenakis-Quartette aufgenommen. Sie spielen die etwas anders als wir, aber das ist genauso gültig. Es gibt nicht nur eine Art, Musik zu spielen. Ich kann sagen: Nein, Xenakis wollte es so haben. Aber wenn er sie gehört hätte, wäre er vielleicht auch einverstanden gewesen.
Eine Uraufführung ist eine große Verantwortung.
Arditti: Genau deshalb ist es so interessant. Wegen dieser Verantwortung. Wir sind diejenigen, die die Musik ins Leben bringen. Tinte kann man nicht hören.
Sarkissjan: Die direkte Verbindung zwischen dem Komponisten und den Interpreten löst sich mit der Zeit. Es folgen Interpretationen der Interpretationen. Und irgendwann kommt eine Generation, die sich nur noch mit den Noten auseinandersetzen kann und nicht mehr die direkte Information hat, was der Komponist wollte.
Fels: Die erste Aufführung ist sehr wichtig, ja. Aber all die Stücke, die wir oft spielen oder gespielt haben, die wandeln sich natürlich auch.
Wenn man klassische Musiker fragt, warum sie Streichquartett spielen, kommt immer als Antwort: weil es die großartigste Musik überhaupt ist. Sie dagegen betonen sehr stark die Zusammenarbeit mit den Komponisten.
Arditti: Was sollen die klassischen Streichquartette auch anderes sagen? Die können nichts anderes sagen.
Ehlers: Verstehen Sie uns nicht falsch. Wir lieben diese Musik. Deshalb machen wir das.
Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht, Haydn, Brahms, Janácek zu spielen?
Alle: Nein!
Arditti: Wir spielen Janáček. Wir spielen Ravel. Und ganz selten auch mal den späten Beethoven. Das ist auch gut so, das reicht.
Es wird oft gesagt, die Entwicklung sei an ein Ende gekommen. Wie sehen Sie das?
Ehlers: Dieses Reden vom Ende gab es schon immer. Das Streichquartett ist tot, die Oper ist tot... Aber die sind noch sehr lebendig und entwickeln sich weiter. Und wir sind dabei, wir begleiten diese Entwicklung, und das ist sehr schön.
Fels: Es ist die Frage, wie man Musik sieht. Musik entwickelt sich nicht in einer geraden Linie von Bach bis Stockhausen. Das möchten manche Musikwissenschaftler, das liest man in Büchern. Aber so ist das Leben nicht. Es gab immer viele verschiedene Wege, und es wird sie weiterhin geben.
Auf Ihrer Homepage steht, Sie haben 385 Uraufführungen gespielt…
Arditti: So wenige? Wer sagt das?
Ehlers: Das sind vermutlich die, die wir im letzten Jahr gespielt haben.
Nur sehr wenige dieser Werke haben es ins Repertoire geschafft. Ist das Schicksal? Ist das nicht auch frustrierend?
Arditti: Es war vielleicht die einzige Gelegenheit für einen jungen Komponisten, sein oder ihr Werk gut gespielt zu bekommen. Wenn einem Stück nur ein kurzes Leben beschieden ist, dann kann der Komponist daraus lernen und beim nächsten Mal etwas Interessanteres schreiben. Es ist wichtig, dass wir jungen Komponisten helfen und nicht nur Meisterwerke spielen.
Sarkissjan: Was wirklich zählt: Wir haben das Werk zum Leben erweckt. Jetzt ist es da, und andere können es nun spielen.
Fels: Das Schöne ist, dass so viel dokumentiert wird, was in der zeitgenössischen Musik erschaffen und uraufgeführt wird. Tausende Stücke aus den Zeiten von Bach, Haydn, Beethoven sind nicht mehr da. Aber die Werke von heute kann man hören – auf Spotify oder auf CDs oder man geht zur Sacher-Stiftung, wo unzählige Aufnahmen liegen.
Arditti: Ungefähr 700 CDs gibt es da von uns, vor allem Radiomitschnitte. Professionelle CDs haben wir vielleicht 250 gemacht. Wir sind ganz sicher das meistaufgenommene Ensemble für zeitgenössische Musik – aller Zeiten.
In den 50 Jahren gab es einige Besetzungswechsel. Wie haben Sie es geschafft, dass der Geist im Quartett erhalten geblieben ist?
Arditti: Es ist eine gemeinsame Entwicklung mit den Musikern und den Komponisten. Verlässt einer die Gruppe und ein Neuer kommt hinzu, dann weiß er, was auf ihn zukommt, und erfährt, wie sich der Komponist die Musik wünschte und wie wir sie spielen.
Ehlers: Das ist die einzige Erfahrung, die wir dir, Irvine, voraushaben: zur Gruppe hinzuzukommen. Das ist leicht. Das Repertoire ist da, und wie es gespielt wird, das wird weitergegeben. Deshalb haben sich die Interpretationen wahrscheinlich auch nicht so sehr verändert.
Sakissjan: Jeder in unserer Generation kennt das Arditti Quartet. Ich bin mit den Aufnahmen aufgewachsen. Man kennt den Stil und den Geist, wenn der Anruf kommt.
Das Arditti Quartet hat den Ernst von Siemens Musikpreis für das „Lebenswerk“ bekommen – vor 25 Jahren. Kann man den zweimal bekommen?
Arditti: Da sollten wir mal nachfragen! Ich hab mich damals sehr gefreut über den Preis, aber dachte auch, der kommt etwas früh.
Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wird es das Arditti Quartet in 50 Jahren mit vier anderen Mitgliedern geben?
Arditti: Nein, ich werde immer noch dabei sein!
Fels: Am Cello wird meine KI-Version sitzen.
Arditti: Und nun müssen wir wieder in die Probe. Jetzt spielen wir das Stück zum ersten Mal dem Komponisten vor.
Es war der 7. März 1974, als der 21-jährige Irvine Arditti mit drei Kollegen das Streichquartett Nr. 2 von Krzysztof Penderecki in London aufführte. Penderecki hatte zuvor mit den jungen Musikern gearbeitet, und das gefiel Arditti, der sich schon früh für Neue Musik begeisterte, so sehr, dass er für „herkömmliche“ Klassik bald verloren war (allerdings spielte er noch zwei Jahre als Erster Konzertmeister im London Symphony Orchestra). Die Mitmusiker wechselten mehrfach, zwischen 2003 und 2006 formierte sich die jetzige Besetzung mit dem gebürtigen Armenier Ashot Sarkissjan, 2. Geige, dem Brasilianer Ralf Ehlers (der eine selbstgebaute Bratsche spielt!) und dem gebürtigen Lörracher Lucas Fels am Cello. Alle vier sind auch außerhalb des Quartetts aktiv, Lucas Fels etwa unterrichtet als Professor Neue Musik in Frankfurt/Main. Das Interview fand hinter der Bühne des Pierre Boulez Saals in Berlin statt, in der Mittagspause zwischen zwei Proben für das Konzert am Geburtstagsabend. Die vier Musiker sind eine fröhliche Runde, in der viel gelacht wird.
Mr. Arditti, war es von Anfang an die Idee, mit dem Quartett überwiegend oder nur neue Musik zu spielen?
Irvine Arditti: Nur! Erst nach einiger Zeit haben wir begonnen, auch ältere Musik und Musik der Zweiten Wiener Schule zu spielen.
Was ist so erfüllend daran?
Arditti: Wenn Sie das nicht wissen, sollten Sie dieses Interview nicht führen. Es ist großartig herauszufinden, was die Komponisten wollen. Und man kann sie zu den Proben einladen.
Aber da muss doch noch mehr sein.
Man kommt in Kontakt mit den Menschen, die die Musik schreiben. Und die Musik ist faszinierend. Klassische Musik ist ok, aber …
Lucas Fels: Etwas zu spielen, was noch niemand gehört hat, etwas vollkommen Neues – das ist das Größte, was man machen kann als Musiker. Andere versuchen, aus den Beethoven-Sonaten etwas ganz Besonderes zu machen. Aber wir spielen Musik, die noch nie jemand gehört hat.
Arditti: Er sagt in besseren Worten, was ich sagen wollte.
Fels: Und die Komponisten schreiben für uns. Das war schon immer so. Die Komponisten schreiben nicht für die Schublade, sie schreiben für konkrete Musiker.
Ashot Sarkissjan: Wir spielen Beethoven eben nicht zum 1735. Mal. Dann geht es irgendwann nur noch darum, was du mit der Musik machst. Bei uns geht es nur um die Musik, um sie selbst. Wir stellen uns in den Dienst der Musik – und nicht andersherum.
Wenn Sie zurückschauen auf 50 oder auch 20 Jahre Arditti-Quartett: Was kommt Ihnen zuerst in den Sinn: die Komponisten, mit denen Sie zusammengearbeitet haben? Die Musik, die Sie aufgeführt haben? Die Konzerte, die Sie gegeben haben?
Arditti: Nicht die Atmosphäre der Konzerte. Oder ... doch: Bei einem Stück, da kamen Hubschrauber vor. Es ist eine Mischung aus der Persönlichkeit der Komponisten und daraus, wie gut man sie kennenlernt – einige sind Freunde geworden, haben bei mir im Haus gewohnt, meine Frau hat Essen gekocht, während wir geprobt haben. Aber im Wesentlichen geht es natürlich um die Musik.
Fels: Das ist die größte Herausforderung, der man sich als Musiker stellen kann. Die Komponisten kennenzulernen, mit ihnen gemeinsam etwas Neues zu erschaffen, herauszufinden, wie man etwas spielt, was eigentlich unspielbar ist, und was man daraus machen kann – das ist ein Privileg.
Ralf Ehlers: Und wir arbeiten mit den besten Komponisten unserer Zeit. Besser geht’s nicht.
Arditti: Es hilft, wenn man die Komponisten kennt und weiß, wie sie „ticken“. Ich kannte Xenakis ziemlich gut, auch Ligeti, und Stockhausen so gut, wie man ihm nahekommen konnte. Helmut Lachenmann kennen wir alle ganz gut. Alle sind Persönlichkeiten, sie bringen sich ganz unterschiedlich in die Proben ein. Nehmen Sie Lachenmann und Wolfgang Rihm: Der eine weiß ganz genau, was er will, ich möchte dies, ich möchte das, der andere macht eher Vorschläge, gibt Hinweise auf die Atmosphäre. Das ist interessant. Die einen sagen dir, was du zu tun hast, die anderen nicht. Aber das macht nichts, denn man entwickelt ein Gespür dafür, was ein Komponist braucht. Und das macht man dann. Und manchmal, wenn jüngere Komponisten in einem Stil von jemandem schreiben, den wir kennen, oder es erinnert uns an etwas, was wir von irgendwoher kennen, dann wissen wir, wie wir es spielen müssen, ohne dass sie ein Wort sagen. Das kommt durch unsere Erfahrung, auch wenn wir das Stück nie zuvor gesehen haben.
Wie wählen Sie die Werke aus, die Sie uraufführen?
Arditti: Wir wählen gar nicht so viel aus. Das machen vor allem die Veranstalter. Sie fragen uns, ob wir ein Stück von der oder dem uraufführen würden.
Fels: Es hängt auch davon ab, wo wir spielen. In Japan spielen wir andere Auftragswerke als in Deutschland oder in Mexiko.
Arditti: Und inzwischen wissen die Leute nicht nur, was wir mögen, sondern auch, was wir am besten können. Manchmal schlagen natürlich auch wir Komponisten vor.
Gibt es für Sie gute und schlechtere Musik?
Fels: Zunächst besteht die Herausforderung darin, ein Stück so gut wie möglich zu spielen, um es zu einem guten Stück zu machen – zumindest in dem Moment.
Sarkissjan: Was für den einen gut ist, findet der andere schlecht.
Ehlers: Aber wir versuchen immer offen zu bleiben.
„Es gibt verschiedene Stadien im Leben einer Komposition. Ein Stück ist ein lebendiges Wesen.“
Sind Sie so etwas wie Dienstleister für die Komponisten?
Fels: In gewisser Weise ja. Man könnte es jedoch auch andersherum sehen: Die Komponisten schreiben die Stücke für uns. Oft erwarten wir etwas Bestimmtes von einem Komponisten, und dann schreibt er etwas, was ganz anders ist – und das ist toll.
Ehlers: Aber es stimmt schon, wir sind da für den Komponisten – mit unserem riesigen Repertoire und unserem Fundus an Techniken, Klängen, Ästhetiken. Das ist vermutlich großartig für Komponisten, so können sie für uns schreiben, ohne sich begrenzen zu müssen.
Kennen Sie in der Regel die Partitur, wenn Sie eine Uraufführung zusagen?
Ehlers: Das ist eine vielleicht etwas romantische Vorstellung. Eine Partitur zu schreiben ist eine Riesenarbeit. Und die sollte bezahlt werden. Wir alle versuchen Geld aufzutreiben. Die meisten Werke sind Aufträge. Wir versuchen also Aufträge zu organisieren, bei Stiftungen oder bei Festivals, damit ein Stück überhaupt komponiert werden kann. Und was dann kommt, weiß man nicht. Das ist das Spannende.
Arditti: Ich meine, es ist dreimal passiert in den 50 Jahren, dass ich ein Stück abgelehnt habe. Einmal lag es an der Qualität des Stückes, die aus meiner Sicht nicht passend war für den Anlass. Und die beiden anderen Male waren es junge Komponisten, die sehr, sehr komplizierte Partituren geschrieben hatten. Geplant für ein einziges Konzert! Das war nicht praktikabel. Es ist doch etwas anderes, wenn wir ein Werk hinterher dreißig-, vierzigmal spielen können.
Wir arbeiten Sie, wenn Sie die Partituren bekommen?
Ehlers: Wir erarbeiten zuerst jeder unsere Stimme und treffen uns dann zur ersten Probe.
Kommt dann schon der Komponist dazu?
Arditti: Nur wenn es so kompliziert ist, dass wir durch die Partitur nicht durchblicken. Nein, erst erarbeiten wir das allein. Wir proben das Stück so lange, bis wir es dem Komponisten vorspielen können.
Wenn der Komponist dazukommt, ändert sich dann noch das Stück?
Fels: Normalerweise ja. Sich ein Stück vorzustellen und ein Stück zu schreiben sind verschiedene Dinge. Selbst bei einem so präzise notierenden Komponisten wie Helmut Lachenmann geht das, was ihm vorschwebt, weit über das hinaus, was er notieren kann.
Arditti: Und das gilt für Komponisten, die sehr erfahren sind. Aber es gibt ja noch die jungen Komponisten, die dann, wie ich es nenne, plötzlich mit dem Klang konfrontiert werden. Sie haben etwas geschrieben, wir spielen es, und dann wissen sie nicht, was sie sagen sollen. Das ist manchmal ein Schock, manchmal eine Überraschung. Sie können das, was sie aufs Papier geschrieben haben, nicht mit dem Klang übereinbringen. Sie müssen lernen, ihre Musik zu hören und zu kommentieren, ob sie das mögen.
Ehlers: Sehr oft ändern sie noch etwas in den Noten, oder wir machen Vorschläge: Wenn du das haben möchtest, könntest du es so machen.
Sarkissjan: Es gibt verschiedene Stadien im Leben einer Komposition. Erst ist da die Idee im Kopf, sie wird aufgeschrieben, dann proben wir das zum ersten Mal und fügen alles zusammen. Es wächst in den Proben, macht im Konzert nochmal einen Schritt, denn manchmal fällt den Komponisten etwas erst auf, wenn sie es in der Konzertsituation erleben. Ein Stück ist ein lebendiges Wesen. Es ändert sich, es wächst.

Was sagen Sie mit dieser Erfahrung zu dem Ansatz: Jede Note von Beethoven muss exakt so gespielt werden, wie er es notiert hat – auch bei Werken, die er nie gehört hat?
Fels: Zu sagen, nur so ist es richtig, ist ein sehr unkünstlerischer Ansatz. Was wir letztendlich auf der Bühne präsentieren, ist eine Mischung aus unserer Erfahrung und dem, was der Komponist sagt. Unser Ziel ist nicht, den Komponisten „zufriedenzustellen“. Manchmal machen wir Dinge, die, ich will nicht sagen: dem Komponisten nicht gefallen, aber wir spielen unsere Version, von der wir denken, sie ist besser für das Stück oder mehr „unsere“ Lesart.
Das letzte Wort haben Sie?
Ehlers: Natürlich. Wir sind Interpreten. Das ist in der neuen nicht anders als in der klassischen Musik.
Arditti: Interpretation ist das entscheidende Wort. Ein Beispiel: Wir haben jüngere Kollegen, mit denen wir einige Konzerte gemacht haben, das Jack Quartett. Sie haben ein ähnliches Repertoire wie wir und haben vor ungefähr zehn Jahren die Xenakis-Quartette aufgenommen. Sie spielen die etwas anders als wir, aber das ist genauso gültig. Es gibt nicht nur eine Art, Musik zu spielen. Ich kann sagen: Nein, Xenakis wollte es so haben. Aber wenn er sie gehört hätte, wäre er vielleicht auch einverstanden gewesen.
Eine Uraufführung ist eine große Verantwortung.
Arditti: Genau deshalb ist es so interessant. Wegen dieser Verantwortung. Wir sind diejenigen, die die Musik ins Leben bringen. Tinte kann man nicht hören.
Sarkissjan: Die direkte Verbindung zwischen dem Komponisten und den Interpreten löst sich mit der Zeit. Es folgen Interpretationen der Interpretationen. Und irgendwann kommt eine Generation, die sich nur noch mit den Noten auseinandersetzen kann und nicht mehr die direkte Information hat, was der Komponist wollte.
Fels: Die erste Aufführung ist sehr wichtig, ja. Aber all die Stücke, die wir oft spielen oder gespielt haben, die wandeln sich natürlich auch.
Wenn man klassische Musiker fragt, warum sie Streichquartett spielen, kommt immer als Antwort: weil es die großartigste Musik überhaupt ist. Sie dagegen betonen sehr stark die Zusammenarbeit mit den Komponisten.
Arditti: Was sollen die klassischen Streichquartette auch anderes sagen? Die können nichts anderes sagen.
Ehlers: Verstehen Sie uns nicht falsch. Wir lieben diese Musik. Deshalb machen wir das.
Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht, Haydn, Brahms, Janácek zu spielen?
Alle: Nein!
Arditti: Wir spielen Janáček. Wir spielen Ravel. Und ganz selten auch mal den späten Beethoven. Das ist auch gut so, das reicht.
Es wird oft gesagt, die Entwicklung sei an ein Ende gekommen. Wie sehen Sie das?
Ehlers: Dieses Reden vom Ende gab es schon immer. Das Streichquartett ist tot, die Oper ist tot... Aber die sind noch sehr lebendig und entwickeln sich weiter. Und wir sind dabei, wir begleiten diese Entwicklung, und das ist sehr schön.
Fels: Es ist die Frage, wie man Musik sieht. Musik entwickelt sich nicht in einer geraden Linie von Bach bis Stockhausen. Das möchten manche Musikwissenschaftler, das liest man in Büchern. Aber so ist das Leben nicht. Es gab immer viele verschiedene Wege, und es wird sie weiterhin geben.
Auf Ihrer Homepage steht, Sie haben 385 Uraufführungen gespielt…
Arditti: So wenige? Wer sagt das?
Ehlers: Das sind vermutlich die, die wir im letzten Jahr gespielt haben.
Nur sehr wenige dieser Werke haben es ins Repertoire geschafft. Ist das Schicksal? Ist das nicht auch frustrierend?
Arditti: Es war vielleicht die einzige Gelegenheit für einen jungen Komponisten, sein oder ihr Werk gut gespielt zu bekommen. Wenn einem Stück nur ein kurzes Leben beschieden ist, dann kann der Komponist daraus lernen und beim nächsten Mal etwas Interessanteres schreiben. Es ist wichtig, dass wir jungen Komponisten helfen und nicht nur Meisterwerke spielen.
Sarkissjan: Was wirklich zählt: Wir haben das Werk zum Leben erweckt. Jetzt ist es da, und andere können es nun spielen.
Fels: Das Schöne ist, dass so viel dokumentiert wird, was in der zeitgenössischen Musik erschaffen und uraufgeführt wird. Tausende Stücke aus den Zeiten von Bach, Haydn, Beethoven sind nicht mehr da. Aber die Werke von heute kann man hören – auf Spotify oder auf CDs oder man geht zur Sacher-Stiftung, wo unzählige Aufnahmen liegen.
Arditti: Ungefähr 700 CDs gibt es da von uns, vor allem Radiomitschnitte. Professionelle CDs haben wir vielleicht 250 gemacht. Wir sind ganz sicher das meistaufgenommene Ensemble für zeitgenössische Musik – aller Zeiten.
In den 50 Jahren gab es einige Besetzungswechsel. Wie haben Sie es geschafft, dass der Geist im Quartett erhalten geblieben ist?
Arditti: Es ist eine gemeinsame Entwicklung mit den Musikern und den Komponisten. Verlässt einer die Gruppe und ein Neuer kommt hinzu, dann weiß er, was auf ihn zukommt, und erfährt, wie sich der Komponist die Musik wünschte und wie wir sie spielen.
Ehlers: Das ist die einzige Erfahrung, die wir dir, Irvine, voraushaben: zur Gruppe hinzuzukommen. Das ist leicht. Das Repertoire ist da, und wie es gespielt wird, das wird weitergegeben. Deshalb haben sich die Interpretationen wahrscheinlich auch nicht so sehr verändert.
Sakissjan: Jeder in unserer Generation kennt das Arditti Quartet. Ich bin mit den Aufnahmen aufgewachsen. Man kennt den Stil und den Geist, wenn der Anruf kommt.
Das Arditti Quartet hat den Ernst von Siemens Musikpreis für das „Lebenswerk“ bekommen – vor 25 Jahren. Kann man den zweimal bekommen?
Arditti: Da sollten wir mal nachfragen! Ich hab mich damals sehr gefreut über den Preis, aber dachte auch, der kommt etwas früh.
Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wird es das Arditti Quartet in 50 Jahren mit vier anderen Mitgliedern geben?
Arditti: Nein, ich werde immer noch dabei sein!
Fels: Am Cello wird meine KI-Version sitzen.
Arditti: Und nun müssen wir wieder in die Probe. Jetzt spielen wir das Stück zum ersten Mal dem Komponisten vor.



