Klavierkonzerte als Sinfonien
Der koreanische Pianist Jae-Hyuck Cho glaubt an die großen Meisterwerke
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Schon als kleiner Junge entdeckte Jae-Hyuck Cho seine Begeisterung für das Klavier. „In meinem Kindergarten stand so ein großer schwarzer Kasten. Zu den Tönen, die ihm unsere Erzieher entlockten, haben wir oft zusammen gesungen“, erinnert sich der Pianist, der 1971 in der südkoreanischen Stadt Chuncheon geboren wurde. Seine Neugier war so groß, dass sich seine Eltern davon überzeugen ließen, ihn bereits mit fünf Jahren zum Klavierunterricht zu schicken. Seine ältere Schwester begann gemeinsam mit ihm zu musizieren, inzwischen tritt sie als Sopranistin auf.
„Musik und Tanz spielen in Korea schon lange eine wichtige Rolle. Ich wuchs damit auf, dass Kultur ein fester Bestandteil des Alltagslebens war“, sagt Cho. „Bereits in der Grundschule wurden wir an Händel, Mozart, Beethoven und Chopin herangeführt. Wir lernten Noten lesen und spielten alle Blockflöte.“
Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte er einige Jahre später, als er in einem Fernsehwerbespot für Konzertflügel hörte, wie die Berliner Philharmoniker das zweite Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow spielten. Die Melodien faszinierten ihn so sehr, dass er sich damals fest vornahm, dieses Stück irgendwann selbst zu spielen. Schon während seiner Schulzeit konnte er sich diesen Traum erfüllen, auch wenn ihn da lediglich ein zweites Klavier und kein großes Orchester begleitete.
Cho besuchte dann eine auf Musik und Kunst spezialisierte höhere Schule, bevor er mit 15 Jahren auf den Rat eines Lehrers hin zum Studium in die USA ging. In den 80er Jahren habe die Musikerausbildung in seinem Land noch nicht das Niveau von heute gehabt, sagt er.
Seither haben zahlreiche Nachwuchstalente aus Korea international für Aufsehen gesorgt und renommierte Wettbewerbe gewonnen – und dies schon früher als die mittlerweile starke chinesische Konkurrenz. Das Konzertpublikum in Asien ist auch durchweg jünger als in den westlichen Ländern, deren Komponisten in Fernost hoch im Kurs stehen.
Wie lässt sich dieses koreanische Musikwunder erklären? „Viele Leute haben den Ehrgeiz, klassische Musik auf einem hohen Level aufzuführen“, meint Cho. „Das Wettbewerbsdenken ist hier in allen Bereichen der Gesellschaft stark ausgeprägt. Vielleicht, weil wir in einem kleinen Land leben, wo sich nur die Besten durchsetzen und Arbeit finden können. Wer von den Olympischen Spielen eine Medaille mitbringt, muss sich in Korea fast entschuldigen, wenn er nicht Gold geholt hat.“
Als Cho 1987 nach New York kam, besuchte er zunächst das Pre-College der Manhattan School of Music und studierte unter anderem beim bekannten Pädagogen Solomon Mikowsky. Später absolvierte er die renommierte Juilliard School. Parallel zu seinem Klavierstudium ließ er sich zum Organisten ausbilden und spielte über viele Jahre in verschiedenen Kirchen an der US-Ostküste. Seine internationale Karriere als Solist und Kammermusiker kam in Gang, als er 1993 nach einem Wettbewerbssieg in der New Yorker Carnegie Hall debütierte.
Bei der Auswahl seines Repertoires ging er früh große Meisterwerke an, ohne sich durch illustre Vorgänger einschüchtern zu lassen. „Für meine erste Plattenaufnahme wählte ich Beethoven-Sonaten aus, die ‚Pathétique‘, die ‚Appassionata‘ und die ‚Waldstein-Sonate‘“, erzählt er. „Ich suchte eine Herausforderung und wollte sehen, ob mein Können für kommerzielle Einspielungen ausreichte. Beethoven eignete sich hervorragend für einen solchen Test, denn hinter seiner Musik kann man sich als Interpret nicht verstecken. Mit dem Ergebnis war ich am Ende zufrieden.“
Es folgten Aufnahmen des zweiten und dritten Klavierkonzerts von Rachmaninow, der Chopin-Balladen sowie ein Orgel-Album mit Werken von Bach, Liszt und Charles-Marie Widor. Für sein neuestes Album beim Label Orchid Classics hat Cho Mozarts Klavierkonzerte Nr. 20 d-Moll und Nr. 23 A-Dur mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter Leitung von Hans Graf eingespielt.
Statt sich auf die Pfade der heute vieldiskutierten historisch informierten Aufführungspraxis zu begeben, reizt es den Pianisten, Mozarts Werke auf einem modernen Flügel zu spielen. „Auf einem Steinway kann man einen mächtigen Klang erzeugen und wechselnde Farbnuancen gestalten. Mir fällt oft auf, dass Mozarts Klavierwerke mit viel Diminuendo gespielt werden – auch dann, wenn man gut darauf verzichten könnte. Bei Aufführungen seiner Opern und Sinfonien tritt der emotionale Gehalt dagegen stärker hervor. Die Königin der Nacht versteckt ihre Stimme nicht.“ Cho fand es schlüssig, die Klavierwerke von Mozart wie Sinfonien zu betrachten. Die Aufnahme der beiden Klavierkonzerte, die 2020 mitten in der Pandemiezeit entstand, war für ihn ein Experiment, das in diese Richtung zielte.
Auf der Suche nach neuen Interpretationsansätzen nimmt sich Cho weiterhin Werke vor, von denen es bereits viele legendäre Aufnahmen gibt. Im Herbst steht eine Serie von Recitals mit allen Mozart-Sonaten auf dem Programm. Mit dem Repertoire wird er sich danach in Amsterdam ins Aufnahmestudio begeben. „Auch diese Stücke betrachte ich wie Sinfonien und Arien. Ich kann selbst nicht singen und war immer ein bisschen neidisch auf Sänger. Das Klavier ist für mich das ideale Instrument, um einen Reichtum an Melodien zum Ausdruck zu bringen. Wenn Mozart unsere heutigen Instrumente hören könnte, wäre er vermutlich begeistert.“
Vor mehr als zehn Jahren kehrte Jae-Hyuck Cho aus den USA nach Korea zurück. In seiner Heimat hat er sich längst auch als Musikvermittler einen Namen gemacht. So trat er in über 200 Folgen der Sendung „With Piano“ im öffentlich-rechtlichen Radiosender KBS Classics FM auf und prägte das Format „Live Lecture-Concert on Air“. Außerdem initiierte er mehrere Gesprächskonzertreihen, unter anderem im Seoul Arts Center. „Früher hatte ich Angst, vor Publikum zu sprechen“, verrät er. „Inzwischen habe ich viel Erfahrung damit gesammelt. Es ist immer gut, sich Gedanken darüber zu machen, was das Publikum wissen sollte, um in den vollen Genuss der Musik zu kommen.“
Schon als kleiner Junge entdeckte Jae-Hyuck Cho seine Begeisterung für das Klavier. „In meinem Kindergarten stand so ein großer schwarzer Kasten. Zu den Tönen, die ihm unsere Erzieher entlockten, haben wir oft zusammen gesungen“, erinnert sich der Pianist, der 1971 in der südkoreanischen Stadt Chuncheon geboren wurde. Seine Neugier war so groß, dass sich seine Eltern davon überzeugen ließen, ihn bereits mit fünf Jahren zum Klavierunterricht zu schicken. Seine ältere Schwester begann gemeinsam mit ihm zu musizieren, inzwischen tritt sie als Sopranistin auf.
„Musik und Tanz spielen in Korea schon lange eine wichtige Rolle. Ich wuchs damit auf, dass Kultur ein fester Bestandteil des Alltagslebens war“, sagt Cho. „Bereits in der Grundschule wurden wir an Händel, Mozart, Beethoven und Chopin herangeführt. Wir lernten Noten lesen und spielten alle Blockflöte.“
Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte er einige Jahre später, als er in einem Fernsehwerbespot für Konzertflügel hörte, wie die Berliner Philharmoniker das zweite Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow spielten. Die Melodien faszinierten ihn so sehr, dass er sich damals fest vornahm, dieses Stück irgendwann selbst zu spielen. Schon während seiner Schulzeit konnte er sich diesen Traum erfüllen, auch wenn ihn da lediglich ein zweites Klavier und kein großes Orchester begleitete.
Cho besuchte dann eine auf Musik und Kunst spezialisierte höhere Schule, bevor er mit 15 Jahren auf den Rat eines Lehrers hin zum Studium in die USA ging. In den 80er Jahren habe die Musikerausbildung in seinem Land noch nicht das Niveau von heute gehabt, sagt er.
Seither haben zahlreiche Nachwuchstalente aus Korea international für Aufsehen gesorgt und renommierte Wettbewerbe gewonnen – und dies schon früher als die mittlerweile starke chinesische Konkurrenz. Das Konzertpublikum in Asien ist auch durchweg jünger als in den westlichen Ländern, deren Komponisten in Fernost hoch im Kurs stehen.
Wie lässt sich dieses koreanische Musikwunder erklären? „Viele Leute haben den Ehrgeiz, klassische Musik auf einem hohen Level aufzuführen“, meint Cho. „Das Wettbewerbsdenken ist hier in allen Bereichen der Gesellschaft stark ausgeprägt. Vielleicht, weil wir in einem kleinen Land leben, wo sich nur die Besten durchsetzen und Arbeit finden können. Wer von den Olympischen Spielen eine Medaille mitbringt, muss sich in Korea fast entschuldigen, wenn er nicht Gold geholt hat.“
Als Cho 1987 nach New York kam, besuchte er zunächst das Pre-College der Manhattan School of Music und studierte unter anderem beim bekannten Pädagogen Solomon Mikowsky. Später absolvierte er die renommierte Juilliard School. Parallel zu seinem Klavierstudium ließ er sich zum Organisten ausbilden und spielte über viele Jahre in verschiedenen Kirchen an der US-Ostküste. Seine internationale Karriere als Solist und Kammermusiker kam in Gang, als er 1993 nach einem Wettbewerbssieg in der New Yorker Carnegie Hall debütierte.
Bei der Auswahl seines Repertoires ging er früh große Meisterwerke an, ohne sich durch illustre Vorgänger einschüchtern zu lassen. „Für meine erste Plattenaufnahme wählte ich Beethoven-Sonaten aus, die ‚Pathétique‘, die ‚Appassionata‘ und die ‚Waldstein-Sonate‘“, erzählt er. „Ich suchte eine Herausforderung und wollte sehen, ob mein Können für kommerzielle Einspielungen ausreichte. Beethoven eignete sich hervorragend für einen solchen Test, denn hinter seiner Musik kann man sich als Interpret nicht verstecken. Mit dem Ergebnis war ich am Ende zufrieden.“
Es folgten Aufnahmen des zweiten und dritten Klavierkonzerts von Rachmaninow, der Chopin-Balladen sowie ein Orgel-Album mit Werken von Bach, Liszt und Charles-Marie Widor. Für sein neuestes Album beim Label Orchid Classics hat Cho Mozarts Klavierkonzerte Nr. 20 d-Moll und Nr. 23 A-Dur mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter Leitung von Hans Graf eingespielt.
Statt sich auf die Pfade der heute vieldiskutierten historisch informierten Aufführungspraxis zu begeben, reizt es den Pianisten, Mozarts Werke auf einem modernen Flügel zu spielen. „Auf einem Steinway kann man einen mächtigen Klang erzeugen und wechselnde Farbnuancen gestalten. Mir fällt oft auf, dass Mozarts Klavierwerke mit viel Diminuendo gespielt werden – auch dann, wenn man gut darauf verzichten könnte. Bei Aufführungen seiner Opern und Sinfonien tritt der emotionale Gehalt dagegen stärker hervor. Die Königin der Nacht versteckt ihre Stimme nicht.“ Cho fand es schlüssig, die Klavierwerke von Mozart wie Sinfonien zu betrachten. Die Aufnahme der beiden Klavierkonzerte, die 2020 mitten in der Pandemiezeit entstand, war für ihn ein Experiment, das in diese Richtung zielte.
Auf der Suche nach neuen Interpretationsansätzen nimmt sich Cho weiterhin Werke vor, von denen es bereits viele legendäre Aufnahmen gibt. Im Herbst steht eine Serie von Recitals mit allen Mozart-Sonaten auf dem Programm. Mit dem Repertoire wird er sich danach in Amsterdam ins Aufnahmestudio begeben. „Auch diese Stücke betrachte ich wie Sinfonien und Arien. Ich kann selbst nicht singen und war immer ein bisschen neidisch auf Sänger. Das Klavier ist für mich das ideale Instrument, um einen Reichtum an Melodien zum Ausdruck zu bringen. Wenn Mozart unsere heutigen Instrumente hören könnte, wäre er vermutlich begeistert.“
Vor mehr als zehn Jahren kehrte Jae-Hyuck Cho aus den USA nach Korea zurück. In seiner Heimat hat er sich längst auch als Musikvermittler einen Namen gemacht. So trat er in über 200 Folgen der Sendung „With Piano“ im öffentlich-rechtlichen Radiosender KBS Classics FM auf und prägte das Format „Live Lecture-Concert on Air“. Außerdem initiierte er mehrere Gesprächskonzertreihen, unter anderem im Seoul Arts Center. „Früher hatte ich Angst, vor Publikum zu sprechen“, verrät er. „Inzwischen habe ich viel Erfahrung damit gesammelt. Es ist immer gut, sich Gedanken darüber zu machen, was das Publikum wissen sollte, um in den vollen Genuss der Musik zu kommen.“



