Interview & Porträt

Geschichten für das Publikum

Von
Georg Rudiger
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Armin Linke
Foto: Armin Linke

Es beginnt mit schweren, metallischen Akkordschlägen, die eher an ein Klavier als an eine Harfe denken lassen. Eine Menge Energie steckt in diesen Anfangstakten, ehe eine staccatissimo gespielte Melodie einsetzt, die sich immer höher aufschwingt und Haken schlägt. Die Spitzentöne der Sopranino-Blockflöte sind durchdringend und schneidend. Ganz frei flattert die Flötenstimme über dem strengen Puls der Harfe. „I know you’re crossing the borders somewhere“, heißt der erste Satz aus Thomas Koppels 1992 entstandener Komposition „Nele’s Dances“, mit der Stefan Temmingh und Margret Koell ihr neues Album „Sound Stories“ beginnen. Temmingh möchte mit seiner Musik Geschichten erzählen und stellt die Blockflöte, die viele noch immer eher mit musikalischer Früherziehung verbinden als mit einem virtuosen Konzertinstrument, ins pralle Leben. Dabei vertraut er auf sein hochexpressives Spiel, aber auch auf spannendes Repertoire – vieles davon stammt aus dem 20. oder 21. Jahrhundert. Der Südafrikaner mag es, neue Dinge auszuprobieren. Diese Lust am Kreativen möchte er auch seinen Studentinnen und Studenten an der Freiburger Musikhochschule vermitteln, wo er seit 2019 die Professur von Agnes Dorwarth übernommen hat.

„In Südafrika habe ich ge-lernt, den ganzen Körper als Instrument zu betrachten.“

Das schmucklose Gebäude, in dem das Institut für Historische Aufführungspraxis seinen Sitz hat, liegt mitten in einem Villenviertel. Es sind noch Semesterferien, der Flur ist verwaist. Unterricht gibt Stefan Temmingh, als ich ihn Ende September dort besuche, keinen, aber er muss vor einer Japantournee noch einige organisatorische Dinge erledigen. Vor dem Gespräch schauen wir ins gut verschlossene Flötenzimmer hinein, in dem neben insgesamt 29 Consort­flöten auch ein Instrument lagert, von dem es weltweit nur sechs Exemplare gibt: die von Adriana Breukink gebaute drei Meter lange Subkontrabassflöte „Big Babe“. Wer Blockflöte spielt, muss vom Sopranino bis zum Subbass zahlreiche Instrumente beherrschen, und manchmal sogar noch die Subkontrabassflöte. Neben den Consortflöten gibt es noch die solistisch eingesetzten hochbarocken Flöten, die eine andere Bohrung, einen größeren Tonumfang, unterschiedliche Griffe und insgesamt eine stärkere Dynamik haben. Hin und wieder nimmt Temmingh bei unserem Gespräch eine Flöte in die Hand, um die unterschiedlichen Klangfarben zu zeigen. Selbst spielt er, wie auch Maurice Steger, Instrumente des Schweizer Flötenbauers Ernst Meyer und dessen Sohn Joel.

Stefan Temmingh hat nichts Professorales an sich. Seine Leidenschaft für die Blockflöte verbindet er mit einem lockeren Auftreten, das aber nichts mit Oberflächlichkeit zu tun hat. Er denkt viel über Musik nach und reflektiert sich und seine Rolle als Lehrer: „Ich versuche beim Unterrichten eine freie und kreative Atmosphäre zu schaffen. Meine Studentinnen und Studenten sollen selbst steuern können, was sie lernen wollen“, sagt Temmingh und spitzt seine Aussage nochmals zu: „Ich will keine Klone von mir selbst produzieren. Ich möchte meine Schülerinnen und Schüler zum Denken animieren, damit sie ihre eigene Handschrift entwickeln.“ Seine Blockflötenklasse ist mit acht Studierenden im Master überschaubar. Natürlich ist ihm die Vermittlung von solider Technik wichtig. Auch auf die bei der Blockflöte heikle Intonation legt er großen Wert. Im Gegensatz zum Querflötenstudium, bei dem für die meisten eine Orchesterstelle das Ziel ist, erfordert das Schwesterinstrument viel Eigeninitiative: „Die Entscheidung für ein Blockflötenstudium ist eine Entscheidung für die Kunst. Das kann ein steiniger Weg sein, aber er ist zukunftsfähig. Was bei aller Digitalisierung des Alltags nicht aussterben wird, ist die Freude an echter Musik und am Live-Erlebnis.“ Für ihn spiegelt die Blockflöte seine innere Stimme wider. „Mir gefällt an diesem Instrument auch, dass wir im Gegensatz zur Violine, zum Cello oder zum Klavier keine starke Tradition haben. Man kann selbst an der Geschichte des Instruments mitschreiben. Mein Debütalbum mit den Corelli-Sonaten beispielsweise übte einen starken Einfluss auf die Blockflöten-Szene aus.“

„Je diverser ein Programm ausfällt, desto spannender ist es für das Publikum.“

Die Musik hatte für den 1978 in Kapstadt geborenen Sohn eines Komponisten und einer Schauspielerin immer schon eine große Bedeutung. Dass er selbst als Kind auf einer Plastikblockflöte spielen musste, hemmte seine Freude am Musizieren nicht. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, in Bibliotheken nach Noten und Fachaufsätzen zu stöbern. Dabei entdeckte er im „Recorder Magazine“ ein Interview mit dem Münchner Blockflötisten Markus Zahnhausen, das den Jugendlichen so begeisterte, dass er ihm einen Brief schrieb. Zahnhausen lud ihn ein, bei ihm in München zu studieren – was Temmingh nach dem Abitur in die Tat umsetzte. „In Südafrika habe ich gelernt, beim Musizieren körperlich zu empfinden, also den ganzen Körper als Instrument zu betrachten“, sagt Temmingh. „Ich bewege mich gerne beim Spielen.“ Die fundierte musikalische Ausbildung, die er bei Michael Schneider in Frankfurt komplettierte, kombiniert mit programmatischer Abenteuerlust und seinem Charisma, brachte ihn mit Orchestern wie der Deutschen Radiophilharmonie oder dem Stuttgarter Kammerorchester zusammen und zu Festivals wie Oude Muziek Utrecht, den Händel-Festspielen Halle oder dem Kissinger Sommer.

Insgesamt elf Soloalben hat Temmingh schon aufgenommen, darunter die mit dem Diapason d’Or ausgezeichnete Einspielung aller Vivaldi-Konzerte (2017) und das ebenfalls mit dem Capricornus Consort Basel eingespielte, mit dem Opus Klassik prämierte Album „Leipzig 1723“, für das er Blockflötenkonzerte von Johann Sebastian Bach und seiner Thomaskantorats-Konkurrenten Christoph Graupner, Georg Phi­lipp Telemann und Johann Friedrich Fasch aufnahm. Warum sind ihm CD-Produktionen so wichtig? „Man lernt die Werke sehr gut kennen. Ich liebe die Perfektion. Ein Album ist für mich wie eine klingende Visitenkarte. Es macht mir auch großen Spaß, Programme zusammenzustellen.“

Auf dem neuen Album „Sound Stories“, das er mit seiner langjährigen musikalischen Partnerin Margret
Koell an der Harfe eingespielt hat, findet sich Astor Piazzollas „Obli­vion“ neben Sonaten von Domenico Scarlatti und einer Ballettmusik aus Christoph Glucks „Orfeo ed Euridice“. „Ich halte es für absolut notwendig, kontrastreich zu programmieren. Je diverser ein Programm ausfällt, desto spannender ist es für das Publikum. Auch ein Gourmetrestaurant arbeitet mit starken Kontrasten, um die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen deutlicher zu machen“, sagt Temmingh. Martin Luthers einziges Kirchenlied, „Vater unser im Himmelreich“, findet sich gleich in zwei Bearbeitungen (von Jacob van Eyck und Georg Böhm) auf dem Album. Klaus Langs atmosphärisch dichtes „splendor stellarum“, ein Auftragswerk des Duos, ist eine Weltersteinspielung. Dass im Klassikbetrieb auch die Optik eine wichtige Rolle spielt, ist für den Blockflötisten selbstverständlich. Auch das Fotoshooting für das Album in einer barocken Bibliothek ging auf seine Idee zurück. Sein rosa Anzug setzt einen mutigen Kontrast zum historischen Gebäude und zu den angestaubten Buchrücken. Berührungsängste kennt Temmingh nicht. „Die Klassik muss von ihrem Podest herunterkommen und alles Elitäre ablegen. Wir müssen Nähe schaffen in unseren Konzerten und dürfen nie arrogant werden. Es gibt immer noch diese Angst bei Teilen des Publikums, sich im Konzert falsch zu verhalten oder Dinge nicht zu verstehen – das müssen wir als Künstler angehen und dabei helfen, Hemmschwellen abzubauen.“

Es beginnt mit schweren, metallischen Akkordschlägen, die eher an ein Klavier als an eine Harfe denken lassen. Eine Menge Energie steckt in diesen Anfangstakten, ehe eine staccatissimo gespielte Melodie einsetzt, die sich immer höher aufschwingt und Haken schlägt. Die Spitzentöne der Sopranino-Blockflöte sind durchdringend und schneidend. Ganz frei flattert die Flötenstimme über dem strengen Puls der Harfe. „I know you’re crossing the borders somewhere“, heißt der erste Satz aus Thomas Koppels 1992 entstandener Komposition „Nele’s Dances“, mit der Stefan Temmingh und Margret Koell ihr neues Album „Sound Stories“ beginnen. Temmingh möchte mit seiner Musik Geschichten erzählen und stellt die Blockflöte, die viele noch immer eher mit musikalischer Früherziehung verbinden als mit einem virtuosen Konzertinstrument, ins pralle Leben. Dabei vertraut er auf sein hochexpressives Spiel, aber auch auf spannendes Repertoire – vieles davon stammt aus dem 20. oder 21. Jahrhundert. Der Südafrikaner mag es, neue Dinge auszuprobieren. Diese Lust am Kreativen möchte er auch seinen Studentinnen und Studenten an der Freiburger Musikhochschule vermitteln, wo er seit 2019 die Professur von Agnes Dorwarth übernommen hat.

„In Südafrika habe ich ge-lernt, den ganzen Körper als Instrument zu betrachten.“

Das schmucklose Gebäude, in dem das Institut für Historische Aufführungspraxis seinen Sitz hat, liegt mitten in einem Villenviertel. Es sind noch Semesterferien, der Flur ist verwaist. Unterricht gibt Stefan Temmingh, als ich ihn Ende September dort besuche, keinen, aber er muss vor einer Japantournee noch einige organisatorische Dinge erledigen. Vor dem Gespräch schauen wir ins gut verschlossene Flötenzimmer hinein, in dem neben insgesamt 29 Consort­flöten auch ein Instrument lagert, von dem es weltweit nur sechs Exemplare gibt: die von Adriana Breukink gebaute drei Meter lange Subkontrabassflöte „Big Babe“. Wer Blockflöte spielt, muss vom Sopranino bis zum Subbass zahlreiche Instrumente beherrschen, und manchmal sogar noch die Subkontrabassflöte. Neben den Consortflöten gibt es noch die solistisch eingesetzten hochbarocken Flöten, die eine andere Bohrung, einen größeren Tonumfang, unterschiedliche Griffe und insgesamt eine stärkere Dynamik haben. Hin und wieder nimmt Temmingh bei unserem Gespräch eine Flöte in die Hand, um die unterschiedlichen Klangfarben zu zeigen. Selbst spielt er, wie auch Maurice Steger, Instrumente des Schweizer Flötenbauers Ernst Meyer und dessen Sohn Joel.

Stefan Temmingh hat nichts Professorales an sich. Seine Leidenschaft für die Blockflöte verbindet er mit einem lockeren Auftreten, das aber nichts mit Oberflächlichkeit zu tun hat. Er denkt viel über Musik nach und reflektiert sich und seine Rolle als Lehrer: „Ich versuche beim Unterrichten eine freie und kreative Atmosphäre zu schaffen. Meine Studentinnen und Studenten sollen selbst steuern können, was sie lernen wollen“, sagt Temmingh und spitzt seine Aussage nochmals zu: „Ich will keine Klone von mir selbst produzieren. Ich möchte meine Schülerinnen und Schüler zum Denken animieren, damit sie ihre eigene Handschrift entwickeln.“ Seine Blockflötenklasse ist mit acht Studierenden im Master überschaubar. Natürlich ist ihm die Vermittlung von solider Technik wichtig. Auch auf die bei der Blockflöte heikle Intonation legt er großen Wert. Im Gegensatz zum Querflötenstudium, bei dem für die meisten eine Orchesterstelle das Ziel ist, erfordert das Schwesterinstrument viel Eigeninitiative: „Die Entscheidung für ein Blockflötenstudium ist eine Entscheidung für die Kunst. Das kann ein steiniger Weg sein, aber er ist zukunftsfähig. Was bei aller Digitalisierung des Alltags nicht aussterben wird, ist die Freude an echter Musik und am Live-Erlebnis.“ Für ihn spiegelt die Blockflöte seine innere Stimme wider. „Mir gefällt an diesem Instrument auch, dass wir im Gegensatz zur Violine, zum Cello oder zum Klavier keine starke Tradition haben. Man kann selbst an der Geschichte des Instruments mitschreiben. Mein Debütalbum mit den Corelli-Sonaten beispielsweise übte einen starken Einfluss auf die Blockflöten-Szene aus.“

„Je diverser ein Programm ausfällt, desto spannender ist es für das Publikum.“

Die Musik hatte für den 1978 in Kapstadt geborenen Sohn eines Komponisten und einer Schauspielerin immer schon eine große Bedeutung. Dass er selbst als Kind auf einer Plastikblockflöte spielen musste, hemmte seine Freude am Musizieren nicht. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, in Bibliotheken nach Noten und Fachaufsätzen zu stöbern. Dabei entdeckte er im „Recorder Magazine“ ein Interview mit dem Münchner Blockflötisten Markus Zahnhausen, das den Jugendlichen so begeisterte, dass er ihm einen Brief schrieb. Zahnhausen lud ihn ein, bei ihm in München zu studieren – was Temmingh nach dem Abitur in die Tat umsetzte. „In Südafrika habe ich gelernt, beim Musizieren körperlich zu empfinden, also den ganzen Körper als Instrument zu betrachten“, sagt Temmingh. „Ich bewege mich gerne beim Spielen.“ Die fundierte musikalische Ausbildung, die er bei Michael Schneider in Frankfurt komplettierte, kombiniert mit programmatischer Abenteuerlust und seinem Charisma, brachte ihn mit Orchestern wie der Deutschen Radiophilharmonie oder dem Stuttgarter Kammerorchester zusammen und zu Festivals wie Oude Muziek Utrecht, den Händel-Festspielen Halle oder dem Kissinger Sommer.

Insgesamt elf Soloalben hat Temmingh schon aufgenommen, darunter die mit dem Diapason d’Or ausgezeichnete Einspielung aller Vivaldi-Konzerte (2017) und das ebenfalls mit dem Capricornus Consort Basel eingespielte, mit dem Opus Klassik prämierte Album „Leipzig 1723“, für das er Blockflötenkonzerte von Johann Sebastian Bach und seiner Thomaskantorats-Konkurrenten Christoph Graupner, Georg Phi­lipp Telemann und Johann Friedrich Fasch aufnahm. Warum sind ihm CD-Produktionen so wichtig? „Man lernt die Werke sehr gut kennen. Ich liebe die Perfektion. Ein Album ist für mich wie eine klingende Visitenkarte. Es macht mir auch großen Spaß, Programme zusammenzustellen.“

Auf dem neuen Album „Sound Stories“, das er mit seiner langjährigen musikalischen Partnerin Margret
Koell an der Harfe eingespielt hat, findet sich Astor Piazzollas „Obli­vion“ neben Sonaten von Domenico Scarlatti und einer Ballettmusik aus Christoph Glucks „Orfeo ed Euridice“. „Ich halte es für absolut notwendig, kontrastreich zu programmieren. Je diverser ein Programm ausfällt, desto spannender ist es für das Publikum. Auch ein Gourmetrestaurant arbeitet mit starken Kontrasten, um die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen deutlicher zu machen“, sagt Temmingh. Martin Luthers einziges Kirchenlied, „Vater unser im Himmelreich“, findet sich gleich in zwei Bearbeitungen (von Jacob van Eyck und Georg Böhm) auf dem Album. Klaus Langs atmosphärisch dichtes „splendor stellarum“, ein Auftragswerk des Duos, ist eine Weltersteinspielung. Dass im Klassikbetrieb auch die Optik eine wichtige Rolle spielt, ist für den Blockflötisten selbstverständlich. Auch das Fotoshooting für das Album in einer barocken Bibliothek ging auf seine Idee zurück. Sein rosa Anzug setzt einen mutigen Kontrast zum historischen Gebäude und zu den angestaubten Buchrücken. Berührungsängste kennt Temmingh nicht. „Die Klassik muss von ihrem Podest herunterkommen und alles Elitäre ablegen. Wir müssen Nähe schaffen in unseren Konzerten und dürfen nie arrogant werden. Es gibt immer noch diese Angst bei Teilen des Publikums, sich im Konzert falsch zu verhalten oder Dinge nicht zu verstehen – das müssen wir als Künstler angehen und dabei helfen, Hemmschwellen abzubauen.“