Italienisches Dream-Team
Die Accademia Bizantina, eines der besten Ensembles für Alte Musik, feiert vierzigsten Geburtstag. Auch mit neuen Aufnahmen

Gut, die Solisti Veneti kommen auf gewaltige 65 Jahre, sind aber kein Originalklangorchester. Fabio Biondis Europa Galante ist inzwischen 34 Jahre alt, Suonar Parlante, gegründet von Vittorio Ghielmi, 17 und Il Pomo d’Oro zwölf Jahre alt. Und Il Giardino Armonico kann erst 2025 seinen vierzigsten Geburtstag feiern. Die Accademia Bizantina dürfte also das älteste Originalklangorchester Italiens sein.
Die Musiker gelten als ausgewiesene Experten im italienischen Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts. Zum Ensemblejubiläum haben sie sich jetzt aber in die deutsche Romantik mit Mendelssohns vierter und Schumanns dritter Sinfonie vorgewagt. Natürlich auf historischem Instrumentarium. Aber sie haben auch ihre CD-Trilogie mit Concerti grossi vollendet: Nach Corellis op. 6 und Händels op. 3, beide 2023 erschienen, legen sie nun die Concerti grossi op. 3 von Francesco Geminiani vor – wieder auf dem eigenen Label HDB Sonus.
Angefangen hat die Accademia Bizantina vor vierzig Jahren unter anderen Vorzeichen und unter anderem Namen. Allerdings bereits im norditalienischen Ravenna, das berühmt ist für seine byzantinische Mosaikkunst – acht Gebäude aus dem fünften und sechsten Jahrhundert zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe – auf das sich „Bizantina“ bezieht.
Als junge Musikstudenten des ravennatischen Konservatoriums 1984 in einem Café ein neues Ensemble gründen, richten sie den Blick aber nicht auf die Kunstgeschichte. Sondern auf Neue Musik und insbesondere Luciano Berio. Erster Konzertmeister der Accademia Concertante, wie sie sich nennen, ist Carlo Chiarappa. Ihm hat Berio 1976 seine „Sequenza VIII“ für Violine solo gewidmet, und das findet sich deshalb natürlich ebenso auf den ersten Konzertprogrammen wie Berios „Corale“ für Violine und Orchester, das Chiarappa mit dem Collegium Zürich unter Paul Sacher uraufgeführt hat.
Zu Berio fügt sich Johann Sebastian Bach, dessen Violinkonzerte Chiarappa liebt. Und der Cellist Mauro Valli prescht noch in anderer Hinsicht in Richtung historischer Aufführungspraxis vor. Einer der aufregendsten italienischen Komponisten des Settecento entstammt nämlich der Provinz Ravenna: Arcangelo Corelli! Mit dem sollte man sich mal näher beschäftigen …
Die Szene der Alten Musik ist in Italien noch jung und klein. Die Studenten aus Ravenna studieren im Selbstversuch. Die Streicher experimentieren mit barocken Bögen und tauschen bald auch in Konzerten „moderne“ und „historische“ Instrumente in der Pause. aus. Ein wichtiger Wegbegleiter der ersten Jahre ist Jörg Demus, der sich als einer der ersten Pianisten intensiv mit der historischen Aufführungspraxis und dem Spiel auf dem Hammerflügel beschäftigt. Er bestärkt die jungen Musiker nicht nur auf ihrem Weg, er legt ihnen auch einen Namenswechsel ans Herz: Statt Accademia Concertante sollten sie sich doch Accademia Bizantina nennen – als Bekenntnis zu ihrer Heimat und ihrem kulturellen Hintergrund.
Also ist es die Accademia Bizantina, die 1989 das Opus magnum Arcangelo Corellis für eine Aufnahme in Angriff nimmt. Die zwölf Concerti grossi op. 6 haben im frühen 18. Jahrhundert die musikalische Welt revolutioniert. 1989 werden sie zum Wendepunkt für das Ensemble. Denn neu dabei ist der Continuo-Cembalist: Ottavio Dantone, der gerade als erster Italiener den Alte-Musik-Wettbewerb in Brügge gewonnen hat. Mit ihm konzentriert sich das Ensemble nun auf die Alte Musik, 1996 übernimmt er die künstlerische Leitung der Accademia Bizantina.
Die sitzt bald auch erstmals im Graben. 1999 legt das Ensemble unter Dantones Leitung im Theater Alighieri in Ravenna die Opernentdeckung „Giulio Sabino“ von Giuseppe Sarti frei. Und mit wenig bekannten Titeln, sprich: modernen Erstaufführungen, konzertiert die Truppe bald in der Scala, in Glyndebourne, im Teatro Réal in Madrid, in Versailles, in Zürich oder bei den Londoner Proms. „The exciting Sound of Baroque Music“, das Jubiläumsmotto des Orchesters, hat viele Facetten. Inzwischen surfen Skateboarder, wirbeln Balletttänzer oder Eiskunstläufer, schreiten Moonwalker zu Barockmusik durch ihre Videoclips, damit der aufregende Sound auch in den sozialen Medien sichtbar wird. 15.000 Follower hat die Bizantina inzwischen.
„Akademie“ ist übrigens ernst gemeint. Ottavio Dantone hat eine eigene Methode des Spiels im Ensemble entwickelt. Und die Familie ist längst über die Grenzen Ravennas hinausgewachsen und europäisch besetzt.
Andreas Scholl nennt sie 2003 sein „Orchester-Dream-Team“, nachdem der Countertenor erstmals vor der Accademia Bizantina gestanden hat. Die in den Kantaten der römischen Accademia dell’Arcadia einst beschworenen bukolischen Sehnsuchtswelten verlangen einen feinen Ton und einfühlsame Spielweise. Unter dem Titel „Arcadia“ kommt die CD, mit einigen Weltersteinspielungen, beim Label Decca heraus. Auf „Il Giardino di Rose“, ein Jahr später ebenfalls bei Decca, sind Sinfonien von Scarlatti zu hören und dessen Cembalokonzerte, deren Orchesterpart Ottavio Dantone rekonstruiert hat. 2010 gewinnen Scholl und das Orchester für Purcell-Songs („O Solitude“) einen Grammy, in diesem Jahr haben sie ihre fruchtbare Zusammenarbeit mit „Invocazioni mariane“, erschienen bei Naive, fortgesetzt.
Die Altistin Delphine Galou ist eine weitere feste Partnerin der Accademia Bizantina. In Vivaldis „Juditha Triumphans“ und „Tamerlano“ tourt sie 2018/19 mit dem Orchester durch die Häuser der Opera Lombardia: Cremona, Brescia, Como, Pavia, Bergamo und Ravenna.
2024 beeindruckte die Accademia Bizantina nun erstmals als Residenzorchester der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Ottavio Dantone übernahm die musikalische Leitung. Und aufs Programm setzte er in seiner ersten Spielzeit „Cesare in Egitto“ – aber nicht das Schlachtross von Händel, sondern die Version des völlig unterbelichteten Geminiano Giacomelli.
Beheimatet ist die Accademia Bizantina inzwischen in Bagnacavallo, einem malerischen Städtchen vor den Toren Ravennas. Dort wird geprobt, und in dem charmant-verstaubten Teatro Goldoni fand im Juni auch ein kleines Geburtstagskonzert statt: Es begann – natürlich – mit Corelli und den Solisten Alessandro Tampieri, dem Konzertmeister der seit 2011 ein enger Verbündeter Dantones ist, und Ana Liz Ojeda, der beeindruckenden Stimmführerin der zweiten Geigen. Corellis Concerti grossi hat die Accademia zum vierzigsten Jubiläum zum zweiten Mal aufgenommen, diesmal fürs eigene Labels HDB Sonus. Der wunderbar homogene Ensembleklang ist danach auch in Francesco Geminianis sechstem Concerto grosso op. 3 zu erleben, ehe Konzertmeister Tampieri für ein empfindsames Sonaten-Larghetto des Bückeburger Bach, Johann Christoph Friedrich, zur Viola greift. Es folgen ein Ausschnitt aus dem fünften Brandenburgischen Konzert mit Dantone als Solist, das demnächst auf CD erscheinen wird, und zum Abschluss Bachs Tripelkonzert BWV 1044 für Traversflöte, Violine und Cembalo, ein seltsames Zwitterwerk, dessen Außensätze auf Präludium und Fuge BWV 894 basieren und wohl von Johann Gottfried Müthel orchestriert wurden, wie Dantone vermutet. Dantone hat das Werk schon vor 15 Jahren für sich entdeckt, es aufzunehmen ist eine Herzensangelegenheit.
Für einen Cembalisten steht Bach dann doch immer irgendwie im Zentrum. Ausflüge in die deutsche Romantik – wie nun mit Mendelssohn und Schumann – soll es in Zukunft häufiger geben. Da zieht auch der wichtigste Mäzen des Ensembles mit, der ebenfalls in der Nähe von Ravenna lebt. Namentlich will er nicht genannt werden, und lieber als Konzerte besuche er Proben. Einmal sei Dantone zu ihm gekommen und habe ihm die Rheinische von Schumann vorgespielt und ihre Bezüge zu Bach offengelegt. Da habe er, so der Förderer, nicht Nein sagen können zur Jubiläumsproduktion mit Schumanns „Rheinischer“ und Mendelssohns „Italienischer „Sinfonie“. Und bald soll es sogar mit Beethovens Fünfter und Schuberts Vierter weitergehen. Doch zunächst und vor allem wird sich die Accademia Bizantina wieder dem Settecento widmen.

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