Interview & Porträt

Neue Aspekte

Von
Arnt Cobbers
Foto: Zuzanna Specjal
Foto: Zuzanna Specjal

Seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigt sich der Dirigent und Organist Gerd Schaller intensiv mit dem Werk Anton Bruckners. Eigentlich sollte seine Einspielung aller Sinfonien in den wichtigen Fassungen bis zu Bruckners zweihundertstem Geburtstag abgeschlossen sein. Doch Corona hat dazu geführt, dass noch etwas zu tun bleibt – worüber der gebürtige Franke aber nicht unglücklich zu sein scheint.

Herr Schaller, wie haben Sie das Bruckner-Jahr erlebt?

Ich fand, dass im Konzertbereich sehr viel aufgeführt wurde, in Deutschland und noch mehr in Österreich. Da hat man sich dem Ganzen spielerischer genähert mit Events wie der „Schorgel“, dieser Kreuzung aus Orgel und Spielplatz, und solchen abstrusen Sachen. Und es gab eine Superausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek über Bruckner. Aber in der Sicht auf die Persönlichkeit Bruckners, hab ich den Eindruck, ist man über gewisse Plattitüden nicht hinausgekommen. Der Sonderling, der alte Komponist, der nicht in der Gesellschaft anerkannt war, halb Trottel ist, halb Genie, wie Mahler schon gesagt hat – diese ganzen Klischees wurden alle wieder bedient. Und man hat zu wenig versucht zu schauen, wie er denn wirklich war. Ich glaube, dass viele Klischees so nicht stimmen. Bruckner war sicherlich einer, der aus dem Rahmen gefallen ist. Aber von dieser Art Menschen gab es im Wien des 19. Jahrhunderts Zigtausende. Und dass er sich seinen Erfolg erkämpfen musste, ist richtig und auch wieder nicht richtig, denn er war auch zu Lebzeiten schon ein angesehener Komponist.

Warum hat man Bruckner nur als alten Mann vor Augen? Es gibt doch Bilder vom jungen Bruckner.

Er hat halt sehr spät mit dem Komponieren angefangen. Und es liegt an diesem Mythos des greisen Komponisten, der seine letzte Symphonie nicht mehr vollenden kann … Er war ja nicht alt im heutigen Sinne, er war 72, als er starb. Aber die Leute waren damals verbrauchter. Und es hängt, glaube ich, auch damit zusammen, wie er meist aufgeführt wird: getragen, langsam, gedehnt. Es wird immer nur diese eine Seite beleuchtet. Das Frische, das Jugendliche, das Aufrührerische gerade in den frühen Fassungen wird viel zu wenig gesehen. Und dadurch ergibt sich dieses Bild des Alterskomponisten, dem auch noch seine Schüler helfen mussten, die richtigen Fassungen rauszubringen.

Ist Ihr Bruckner eher ein junger Mann?

Ja, durch die frühen Fassungen. Da spüre ich den ungestümen Bruckner, da spüre ich, dass er ein Revoluzzer war, ein Nichtangepasster. Wenn Sie die Partituren genau lesen, dann sehen Sie: Da steht nicht überall „breit“ oder „langsamer werden“. Nein, da gibt es aufbrausende Sachen. Und mir ist auch die Linie wichtiger als dieses Blockhafte, Statische, was als typisch Bruckner gesehen wird. Es ist nicht alles feierlich und ernst. Oft ja, aber er kämpft mit sich selbst. Da ist viel Vorwärtsstrebendes, viel Energisches.

Was Bruckner neu und anders gemacht hat, sieht man bei ihm oft nicht als Ausdruck des Umstürzlerischen, sondern als Notlösung, weil er es nicht besser konnte.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine Kompositionslehre, wo man die Fuge aus dem Te Deum als Paradebeispiel dafür gebracht hat, wie man es nicht machen soll. Und bis heute ist es umstritten. In der Form ist Bruckner konventionell. Er nimmt die Sonatenhauptsatzform, die schon zu seiner Zeit eigentlich überholt war, und erweitert sie um ein drittes Thema. Später hat er noch den zweiten und dritten Satz vertauscht – aber das ist es auch schon. Während Brahms für jede Sinfonie eine neue Form gesucht hat, ist Bruckner bei seinem Modell geblieben. Aber wie er die Form ausgefüllt hat, da ist er progressiv, was die Tonsprache betrifft, also die Tonfortschreitung, die Verbindungen der Harmonien, die Klangverbindungen. Das macht ja das Spezifische eines Individualstils aus.

Anton Bruckner war einer der großen Jahresjubilare 2024

Es ist 2024 eine Aufnahme mit historischen Instrumenten aus Bruckners Zeit erschienen. Hört man da einen anderen Bruckner?

Das verändert den Klang, natürlich. Aber man kann doch nicht pauschal sagen: Dicker Klang ist schlecht und schlanker ist gut. Das ist die Gefahr unserer Zeit: endlich ein entschlackter Klang! Endlich hören wir das siebte Horn! Dabei ist das völlig unbedeutend. Worauf es ankommt, ist: Was ist die Dramaturgie in der Musik, und wie bringe ich die Empfindungen richtig rüber? Bruckner hat doch Empfindungen komponiert! Ich denke, wir sehen das alles heute viel zu abstrakt. Und zu dogmatisch. Wir streben vor allem nach Authentizität. Alte Instrumente sind gut, moderne sind schlecht. Aber da ist ein Widerspruch: Auf der Opernbühne versuchen wir möglichst aktuell zu sein. Und im Orchestergraben setzen wir gepuderte Perücken auf, klanglich. Ich plädiere dafür, das Ganze entspannter zu sehen. Wenn der Mensch, der die Musik hört, sich innerlich ergriffen fühlt, dann ist es gut. Völlig egal, welches Instrument. Viel wichtiger sind die Spielweise, die Phrasierung, die Artikulation, die dramaturgischen Kontexte. Auch zum Beispiel das Legatospielen, was viel mehr kultiviert werden sollte. Im Moment macht man alles abgehackt, alles kurz, jede Phrase mit einem kleinen Bauch, aber keine großen Bögen mehr. Ich bin ein großer Freund des Legatos – wo es angebracht ist. Man kann Musik nicht pauschal definieren. So haben wir es noch nie gehört! Ja, ist das eine Qualität an sich, ist das unbedingt besser? Aber natürlich ist es auch schön, dass es immer neue Aspekte gibt.

Hat Sie denn irgendwas im Bruckner-Jahr überrascht?

Seine Musik! Die überrascht mich immer wieder. Ich hab jetzt die neunte Symphonie sozusagen in der dritten Fassung aufgeführt, ich habe meinen Schlusssatz zum zweiten Mal revidiert – weil ich tatsächlich noch mal auf Skizzen gestoßen bin, die Bruckner verworfen hat. Aber mir war es allemal mehr wert, die zu verwenden, als mir selbst etwas auszudecken. Und ich habe das Ganze noch stärker aufs Wesentliche konzen­triert, auch in der Instrumentation.

Zuletzt auf CD veröffentlicht haben Sie aber die dritte Symphonie.

In der mittleren Version, 1877. Meist unterscheiden sich ja diese mittleren Versionen von den frühen ganz drastisch. Die frühen sind noch aufrührerisch, und dann fängt er an zu streichen und zu vereinfachen, auch damit es leichter spielbar wird. Da geht auch vieles verloren. Und von den mittleren zu den späten Versionen, wo es welche gibt, findet man keine ganz großen Unterschiede mehr. Welche Fassung ist die beste? Ich weiß es wirklich nicht. Das wechselt bei mir auch. Nur bei der Vierten favorisiere ich eindeutig die frühe Version.

Haben Sie über die Person Bruckner mehr erfahren im Jubiläumsjahr?

Da gibt es vielleicht die eine oder andere neue Anekdote, aber die ändert das Bild nicht. Ich muss sagen: Je mehr ich mich mit Bruckner beschäftige, desto weniger kenne ich ihn. Was wissen wir schon von einem Menschen, der vor zweihundert Jahren geboren wurde?!

Im nächsten Jahr feiert Ihr Festival, der Ebracher Musiksommer, seinen 35. Geburtstag. Was werden Sie da dirigieren?

Die „Schöpfung“. Ein Werk, das mich immer begeistert hat. Was da inhaltlich alles drinsteckt und wie der Haydn die Emotionen rüberbringt, das finde ich faszinierend.

Das heißt, Sie machen eine Bruckner-Pause?

Nein, nächstes Jahr kommen die Frühfassungen der Achten und der Dritten, die fehlen noch. Na, und ich habe ja auch die Orgel sehr ins Herz geschlossen. Für 2025 hab ich mir vorgenommen, die Siebte für die Orgel zu transkribieren. Aber jetzt habe ich gerade erst die Achte aufgenommen, diesmal nicht in Ebrach, sondern in Rouen.

Auf einer Cavaillé-Coll-Orgel?

Bruckner hat ja in Paris in Saint-Eustache und Notre-Dame und La Trinité gespielt, und es gibt einen schönen Zeitungsbericht, in dem es heißt: Herr Bruckner ist begeistert von den Instrumenten des Hauses Cavaillé-Coll. Ich finde, es passt einfach. Die Orgel in der Abteikirche in Rouen ist im selben Jahr gebaut, in dem die Achte uraufgeführt wurde, 1890. Man spürt den gleichen Geist. Ich habe mal Bruckners Harmonium gespielt in St. Florian, ein zweimanualiges Pedalharmonium. Und interessanterweise ist die Klanglichkeit französisch: kräftig, rund, aber immer weich. Nie spitz, nie aufdringlich. Ich bin ja ein großer Freund von Widor, Vierne und den ganzen französischen Orgel-Romantikern, die diesen Typus der Orgel-Symphonie erschaffen haben. Das sind wirklich Symphonien. Die waren mir Vorbild bei der Bearbeitung. Und die Orgel in Rouen ist für mich wirklich eine der schönsten Orgeln der Welt. Ich bin mit Superlativen sehr vorsichtig, aber es ist klanglich vielleicht sogar die schönste der Welt. Und es gibt eine Passage im Finale, da hat der Tonmeister gesagt: Allein für diese vier Takte hat sich die lange Fahrt gelohnt.