„Ich liebe Schumann“
Henry Fairs stellt Robert Schumanns gesamtes Orgelwerk auf der neuen Wegscheider-Orgel in Berlin-Pankow vor

Seit vier Jahren ist der englische Organist Henry Fairs Professor für künstlerisches Orgelspiel an der Berliner Universität der Künste. Geboren in Hereford, studierte er in Birmingham, später in Paris, Köln und Wien. Als Preisträger zahlreicher Orgelwettbewerbe ist er inzwischen gefragter Juror und Lehrer einer neuen Generation von Preisträgern. Seine Schumann-CD ist nicht nur für Orgel-Liebhaber interessant, sondern besonders für Pianisten, denn die Kanons und Skizzen op. 56 und
op. 58, die Schumann 1845 für Pedalklavier oder Orgel komponierte, sollten „neuen Schwung in die Claviermusik bringen“, wie Schumann damals an seinen Verleger schrieb. Ich treffe Henry Fairs im Café gleich gegenüber von seinem Institut an der UdK, wo er mir anschließend noch die verschiedenen Instrumente zeigt, die dort zur Verfügung stehen: von einer historischen venezianischen bis zur großen Schuke-Orgel. Und zu jeder hat er die passende Musik im Kopf.
Herr Fairs, wie sind Sie zur Orgel gekommen?
Mein Großvater war Organist. Er ist allerdings sehr jung gestorben, ich habe ihn nie kennengelernt. Aber seine Witwe schickte mich in den Chor in Leominster, das war eine normale ländliche Pfarrkirche. Dort habe ich zum ersten Mal eine Orgel gesehen und gehört. Das war eine Offenbarung: Seit dem Tag wollte ich immer Orgel spielen. Seit ich elf oder zwölf war, habe ich sonntags in einer Dorfkirche gespielt. Als ich dann in Birmingham studiert habe, traf ich zum ersten Mal Leute, die auch so begeistert von Musik waren wie ich. Das war eine tolle Zeit.
Warum haben Sie gerade Schumann für Ihre Aufnahme ausgewählt?
Ich liebe Schumann. Diese Musik ist für mich eine sehr menschliche Musik, das Leiden, dieser mentale Zustand ist für mich etwas sehr Besonderes, und niemand sonst hat so etwas für die Orgel geschrieben. Es gibt Ähnlichkeiten mit Brahms und Mendelssohn, aber diese Sammlung ist einzigartig, und ich wollte sie schon lange aufnehmen. Ich bin nur nie dazu gekommen.
Warum werden diese Stücke so selten gespielt?
Das verstehe ich auch nicht. Die Fugen haben den Ruf, etwas trocken zu sein und langweilig. Aber ich empfinde das gar nicht so, für mich ist das wie eine Fugen-Symphonie. Reger hat Schumanns Fugen sehr geschätzt und hielt sie für die wichtigsten Fugen seit Bach. Sie sind besonders gut auf der Orgel zu spielen. Aber das ist natürlich im Grunde Klaviermusik auf der Orgel, da muss man sich Gedanken machen: Wie realisiert man Effekte wie Sforzandi, die perfekt auf dem Klavier sind, auf der Orgel? Die Orgel ist außerdem ein Blasinstrument, sie hat nicht das Perkussive des Klaviers. Und ganz anders ist auch, dass alle Tonenden absolut klar sind. Das ist wie eine Übersetzung in eine andere Sprache. Es gibt einen Schumann-Ausspruch, dass man viel auf der Orgel üben soll, weil man da alles hört. Sie verzeiht nichts. Ich spiele selten Transkriptionen, aber diese Musik liebe ich auf der Orgel. Die musikalische Sprache Schumanns ist eigentlich gut für die Orgel geeignet.
Wie schwer ist es, das zu spielen?
Viel schwieriger, als es sich anhört. Die Fugen und Kanons sind heikel zu spielen. Natürlich ist es keine virtuose Musik, aber die zweite Fuge und die fünfte sind richtig gefährlich, da kann man leicht rausfliegen. Und die Skizzen können leicht sehr mechanisch klingen. Das ist ohnehin eine Gefahr bei der Orgel: Sie ist ein sehr mechanisches Instrument, das erstaunlich schlecht klingen kann.

Warum haben Sie die Wegscheider-Orgel in Pankow dafür ausgewählt?
Ich bin seit 2020 in Berlin, 2021 war die Orgel fertig, und ich habe gleich für eine englische Zeitschrift etwas darüber geschrieben. Sie ist etwas ganz Besonderes: Sie ersetzt ein Instrument des Berliner Orgelbauers Buchholz, der viel gebaut hat, von dem aber leider nichts erhalten ist. Ich unterrichte auch oft an diesem Instrument. Es benimmt sich wie eine historische Orgel, und man bekommt als Spieler immer gleich Feedback, wenn man schlampig mit ihr umgeht. Das ist bei modernen Orgeln oft nicht so. Ich übe selbst sehr viel dort, weil sie wirklich nicht leicht zu spielen ist. Und dann ist die Intonation dieses Instruments fantastisch. Man spielt das Acht-Fuß-Prinzipal und hört die Zwei-Fuß-Obertöne – bei solchen Klängen kann ich nicht aufhören zu spielen.
Das Aufnehmen in dieser Kirche ist auch nicht so leicht …
Die Lage der Kirche ist unglücklich, zwischen zwei Straßenbahnlinien. Dann ist man mitten in einem guten Take, und es kommt so ein lautes Geräusch – das ist oft passiert und musste herausgeschnitten werden. Aufgenommen haben wir immer ab 22 Uhr, wenn der Straßenlärm geringer war. Obwohl ich eigentlich kein Nachtmensch bin. Aber die Kirche selbst und die Orgel lassen sich sehr gut aufnehmen. Es ist ja oft so, dass man in Kirchen wegen des Nachhalls mit den Mikrofonen zu nah ans Instrument heran muss. In dieser Kirche kann man die Mikrofone relativ weit wegstellen, sodass man einen natürlichen Eindruck des Raums erhält.
Wie wichtig ist die Wahl des richtigen Instruments?
Das Schöne an der Orgel ist, dass jeder Raum und jede Orgel anders sind und dass man immer die geeigneten Klänge finden muss. Es gibt zwar bestimmte Regeln, aber man muss Klänge suchen, die gut in den Raum passen und mit denen man sich selbst auch wohlfühlt. Ich habe die Schumann-Kanons gerade in Birmingham gespielt, auf einer Orgel im englischen frühromantischen Stil, der deutsche Einflüsse hat. Bei der ersten Weltausstellung in London 1851 wurden auch Orgeln präsentiert, und die Engländer waren begeistert von dem Instrument, das Edmund Schulze aus Deutschland vorstellte. Vor allem von den Flöten- und Streicherregistern. Deshalb gibt es in England Register mit der Bezeichnung „lieblich gedackt“. Aber ich habe in Birmingham ganz anders registriert als in Pankow. Es geht beim Orgelspielen nicht nur ums Tastendrücken, die Orgel und der Raum und der Spieler sind wie ein Ensemble. Besonders mag ich daran, dass das immer im Moment stattfindet, sich ständig verändert. Deswegen finde ich Aufnehmen auch immer schwer.
Wie lange brauchen Sie, um sich mit einer Orgel vertraut zu machen?
Wenn ich die Orgel gar nicht kenne, brauche ich mindestens acht Stunden – je nach dem Programm. Wenn man symphonische Musik mit vielen Klangkombinationen spielt, die man setzen muss, dauert das allein Stunden. Dann übt man und überprüft den Klang von unten. Man muss sich im Konzert frei fühlen, bis zu diesem Punkt muss man beim Üben kommen. Man merkt dann im Körper: Jetzt bin ich frei.
Gibt es auch Instrumente, mit denen man nicht warm wird?
Das kann vorkommen. Die Repertoireauswahl ist da sehr wichtig. Als ich anfing zu konzertieren, kam das öfter vor, weil ich einfach das gespielt habe, was ich gerade eben spielte, egal wo ich war. Das funktioniert nicht auf allen Instrumenten. Ich versuche aber grundsätzlich, immer das Gute an einem Instrument zu entdecken und herauszuarbeiten.
Sie haben gerade drei Professuren gleichzeitig – wie geht das?
Die richtige ist hier in Berlin. In St. Andrews in Schottland bin ich nur ein paar Tage im Jahr, in Dänemark ist das ähnlich, das ist nur eine Gastprofessur, wo ich dreimal im Jahr für einen Kurs bin. Es ist für mich wichtig zu sehen, wie man anderswo arbeitet. Man wird inspiriert, kann hoffentlich auch etwas zurückgeben. In Schottland haben wir außerdem Trimester, das passt sehr gut, weil die Semesterferien anders liegen: Wenn ich hier freihabe, kann ich dort unterrichten. Und wenn ich mal nicht kann, lasse ich mich von einer ehemaligen Studentin vertreten, die bei uns ihr Konzertexamen gemacht hat und jetzt einen Lehrauftrag hat. Die Studienanfänger brauchen regelmäßige Betreuung, da sollte man nicht mal eine Woche ausfallen lassen.
Wer ist in Ihrer Orgelklasse? Vor allem Kirchenmusiker?
Das ist ungefähr halbe-halbe. Die Hälfte studiert Kirchenmusik, das sind meist Deutsche, die Hauptfachstudenten sind international. Ich liebe es, sie alle zu unterrichten. Das Leben als Organist kann ja ein bisschen einsam sein, weil man meist alleine musiziert. Ich mag es, in meiner eigenen Welt zu sein. Aber dann wieder in den Austausch mit jungen Musikern zu kommen, ist der beste Kontrast. Ich würde weder das eine noch das andere ausschließlich machen wollen. Und man lernt so viel dabei, wenn man gefragt wird: Warum haben Sie das so gemacht? Und das Niveau unter den Studierenden ist sehr hoch geworden.
Übt man denn heute zu Hause am Computer?
Manche machen das. Ich habe Hauptwerk, die marktführende Software, nicht. Einerseits ist es Wahnsinn, was alles möglich ist, ich will das nicht schlecht machen. Aber für mich muss bei der Orgel die Verbindung von Haptik, Spielgefühl und Klanggefühl stimmen. Das ist das Problem dieser Software: Sie haben diese fantastischen Samples, aber dazu so ein Plastik-Manual, und der Klang kommt aus Lautsprechern – das schwingt anders, und man spürt keine Verbindung zu diesem Klang. Vielleicht bin ich da ein bisschen konservativ: Orgelbau ist so eine große Kunst, und das Instrument gibt einem so viel zurück beim Spielen.
Was wird das nächste Projekt?
Brahms vielleicht, oder Reger? Ich weiß nicht, es gibt so viel tolle Musik. Wir haben gerade zwei Berufungsverfahren laufen mit vielen Sitzungen – da kann ich nicht so viel üben, wie ich möchte. Hoffentlich geht diese verrückte Phase bald zu Ende, und ich habe wieder mehr Luft. Aber es muss etwas sein, wo ich das Gefühl habe, etwas zu sagen zu haben. Ich will nicht einfach die nächste Platte machen, weil das so üblich ist. In jedem Fall wird noch etwas kommen, bevor ich zu alt werde.


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