Interview & Porträt

Der Vater aller Geiger

Von
Norbert Hornig
Foto: Punt / Anefo
Foto: Punt / Anefo

Ist von David Oistrach die Rede, herrscht seltene Einigkeit unter Geigerinnen und Geigern, ja unter Musikern ganz allgemein. Da gibt es keine Vorbehalte und keinen Neid: Vor Oistrach verneigen sich alle, noch heute. Viele sehen in ihm den „Vater aller Geiger“, der nicht nur sein Instrument phänomenal beherrschte, sondern auch eine musikalische Ausdruckstiefe mitbrachte, die in ihrer Zeitlosigkeit alle Moden überdauerte. Immer wieder wurde auch von seiner Warmherzigkeit berichtet, von einer entwaffnenden Freundlichkeit und Integrität. In seinen Lebenserinnerungen „Unvollendete Reise“ schreibt Yehudi Menuhin über den Freund: „Ich liebte ihn vom ersten Augenblick an. Nicht nur war er der Freundlichste, Warmherzigste, Zuverlässigste von allen, sondern auch noch bescheiden und klug. Niemals wollte er mehr oder anders sein als er selbst, niemals wollte er klüger scheinen als andere, stets trat er einem offen entgegen, ohne Hintergedanken, unbefangen und ohne jede Scheu: ein wahrer Mensch.“

Oistrach war ein Vollblutmusiker mit einzigartigem Charisma, sein Spiel wirkte ganz natürlich, organisch und auf eine geradezu unfehlbare Weise musikalisch treffend und echt. Sein warmer, gerundeter Ton füllte den Raum bis in den letzten Winkel. Dieser Klang wurde zu seinem Markenzeichen, zahllose Aufnahmen geben Zeugnis davon. Der Erfolg, den Oistrach später in Bescheidenheit genoss, war hart errungen. 1908 in Odessa als Sohn eines Buchhalters und einer Opernchorsängerin geboren, hantierte der Junge zunächst mit einer Spielzeuggeige und träumte davon, Straßenmusiker zu werden. Als kleines Kind erhielt er eine winzige Achtelgeige und beschäftigte sich leidenschaftlich damit. Es war der beste Geigenlehrer in Odessa, Pjotr Stoljarskij, der den Jungen in seine Obhut nahm. Er sollte sein einziger Lehrer bleiben. 1924 gab der offensichtlich Hochbegabte sein erstes Solorezital. Nach dem Studium, das er mit Auszeichnung abschloss, häuften sich die Konzertverpflichtungen. Der große Durchbruch gelang Oistrach 1937 mit 28 Jahren, als er souverän den Eugène-Ysaye-Wettbewerb in Brüssel gewann. Die Konzertsäle standen dem jungen Geiger nun offen. In der Heimat belohnte man ihn mit einer Professur am Moskauer Konservatorium, seine pädagogische Tätigkeit betrachtete Oistrach „als heilige Pflicht“. Zunächst behinderten der Zweite Weltkrieg und danach der Kalte Krieg seine Karriere. Nach dem Tod Stalins änderte sich die Situation grundlegend. Im November 1955 debütierte Oistrach triumphal in der New Yorker Carnegie Hall. Es war der Beginn einer beispiellosen Weltkarriere, die am 24. Oktober 1974 unerwartet früh endete. Nach Proben mit dem Concertgebouw-Orchester starb der Geiger in Amsterdam an Herzversagen, im Alter von nur 66 Jahren.

Er stand wie ein Fels in der Brandung vor dem Orchester, unerschütterlich und authentisch

Das diskografische Erbe von Oistrach, der in späteren Jahren immer häufiger auch dirigierte, ist fast unübersehbar groß und weit verstreut. Fast alle Stadien seiner Karriere sind auf Tonträger dokumentiert, vom Ende der 1930er bis in die 1970er Jahre hinein. Einer großen Zahl von Einspielungen, die in Russland entstanden, stehen klanglich oft deutlich bessere westliche Aufnahmen von Columbia, Philips, Decca, Deutsche Grammophon und vor allem EMI gegenüber. Es war Produzent Walter Legge, der den jungen Geiger in den 1950er Jahren zum Plattenstar aufbaute. 2016 brachte EMI eine Box mit 17 CDs mit sämtlichen Aufnahmen heraus, die zwischen 1953 und 1972 für das Label entstanden, unter anderem mit dem Chatschaturjan-Konzert unter der Leitung des Komponisten, den beiden Prokofjew-Konzerten und dem ersten Schostakowitsch-Konzert, mit Maxim Schostakowitsch am Dirigentenpult. Mit dabei ist auch das legendäre Brahms-Konzert unter Klemperer von 1960; hier bringt der 51-jährige Oistrach den Solopart zu voller romantischer Blüte, von seinen Kantilenen im langsamen Satz darf man sich hinwegtragen lassen wie in einem Traum. Wunderbar innig gelangen ihm auch die Mozart-Violinkonzerte mit den Berliner Philharmonikern. Die Einspielung von Beethovens Tripelkonzert mit Karajan, Richter und Rostropowitsch und den Berliner Philharmonikern von 1969 ist Kult. All diese berühmten Aufnahmen sind auch in der aktuellen Gedenkedition von Warner Classics zum fünfzigsten Todestag des Geigers enthalten, die umfassender und aussagekräftiger ist als alle anderen Oistrach-Dokumentationen zuvor. Die Zusammenstellung dieser einzigartigen Edition verantwortet der französische Geiger, Filmregisseur, Autor und glühende Oistrach-Verehrer Bruno Monsaingeon, der jahrelang weltweit auf Materialsuche war und sich auch an den Schätzen der Moskauer Rundfunk- und Fernseharchive bedienen durfte. Seine subjektive und kenntnisreiche Auswahl aus dem Riesenfundus von Dokumenten macht den größten Teil der Edition aus.

Die Box beinhaltet neben den bekannten Columbia- und HMV-Klassikern auch Konzertmitschnitte des Rundfunks aus dem Großen Saal des Moskauer Konservatoriums und aus dem Tschaikowsky-Saal, die hier erstmals veröffentlicht werden. Zum Teil mit Repertoire, das Oistrach nie im Studio eingespielt hat.

Dezidiert virtuose Werke stellte er nie in den Vordergrund, beherrschte sie aber mit atemberaubender Technik vollkommen. Oistrach war wirklich nichts zu schwer, die geigerische „Show“ jedoch war ihm fremd. Beim Hören der CDs „Bravura“ und „Virtuoso Rarities“ kommt man aus dem Stauen nicht mehr heraus.

Dann sind da ganz frühe Aufnahmen aus den 1930er Jahren, rare Einspielungen mit Oistrach als Quartettprimarius oder als Interpret neuerer Werke etwa von Zara Levina, Vyacheslav Ovchinnikov, Nikolai Rakov oder Otar Taktakischwili, die man mit Oistrach nicht unbedingt verbindet, die aber auf seine Vielseitigkeit hinweisen. Eine wahre Fundgrube! Auch die drei DVDs faszinieren. Bruno Monsaingeons bekannte Filmdokumentation „David Oistrakh, Artist of The People?“ ist ein höchst informatives Künstlerporträt. Die DVDs mit Konzertmitschnitten zeigen Oistrach als Solist unter anderem in den Violinkonzerten von Beethoven, Brahms und Sibelius. Da steht er wie ein Fels in der Brandung vor dem Orchester, unerschütterlich und authentisch, ja, auf David Oistrachs Schultern schien die ganze Welt der Geige sicher zu ruhen. Ein bedeutendes Dokument!