Ein Treffen der Traditionen
Im Mai wird Leipzig zum weltweiten Mekka der Schostakowitsch-Freunde. Dass das Gewandhaus zu Leipzig und sein Orchester unter den „Tankern“ der Klassikwelt zu den spannendsten gehört, ist auch ein Verdienst von Gewandhausdirektor Andreas Schulz. Und doch stellt sich die Frage, ob man nicht noch viel aufregendere Programme machen könnte

Seit sagenhaften 27 Jahren ist Andreas Schulz Direktor, anderswo hieße es Intendant, des Gewandhauses zu Leipzig, und dass sein Vertrag zuletzt vom Stadtrat einstimmig verlängert wurde, freut ihn sichtlich. Schulz stammt aus Stelle südlich von Hamburg, war Organist und Chorleiter, hat Musikwissenschaft studiert und anschließend beim Schleswig-Holstein Musikfestival, an der Musikhochschule Lübeck und zwei Jahre als Geschäftsführer der Glocke in Bremen gearbeitet. Der groß gewachsene Mann spricht schnell und druckreif und wirkt gleichzeitig kompetent und sympathisch bescheiden.
Herr Schulz, es gibt doch so viele schöne Musikfestivals. Warum machen Sie denen jetzt Konkurrenz mit dem Schostakowitsch-Festival?
Die Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig, Frau Dr. Jennicke, hat vor einigen Jahren die Initiative gestartet, die vielen Musikfestivals in der Stadt neu zu ordnen und deutlich besser zu koordinieren. Gemeinsam mit den Intendanten der jeweiligen Häuser und Festivals wurde entschieden, das Bachfest jedes Jahr im Juni und die Mendelssohn-Festtage jedes Jahr Ende Oktober / Anfang November stattfinden zu lassen und auch, dass das Gewandhaus und die Oper alle zwei Jahre im Wechsel ein großes Themenfestival organisieren.
2025 ist nun die Reihe am Gewandhaus, und nach dem Vorbild unserer sehr erfolgreichen Mahler-Festivals 2011 und 2023 haben wir Schostakowitsch als Thema gewählt – nicht nur weil es sein fünfzigster Todestag ist, sondern auch, weil uns eine besondere Geschichte mit ihm verbindet: Kurt Masur dirigierte in den 1970er Jahren mit dem Gewandhausorchester den ersten kompletten Schostakowitsch-Zyklus überhaupt außerhalb der damaligen Sowjetunion. Wir haben lange überlegt, wie wir das Festival inhaltlich gestalten können, um es besonders zu machen. Der erste Gedanke war, wie beim Mahler-Festival, mehrere Gastorchester einzuladen, um die Sinfonien und Konzerte von Schostakowitsch aufführen zu lassen. Das wäre aber nur eine „Kopie“ des Mahler-Festivals gewesen, und das wollte ich nicht.
Mit dem Boston Symphony Orchestra verbindet uns eine langjährige Partnerschaft, getragen von Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons, der parallel in Boston Music Director ist. So lag die Idee nahe, nur das BSO nach Leipzig einzuladen, das durch Serge Koussevitzky eine starke Schostakowitsch-Tradition hat und gerade unter Andris Nelsons die Schostakowitsch-Sinfonien für die Deutsche Grammophon aufgenommen hat. So fehlte nur noch ein drittes Orchester, um alle Werke abbilden zu können. Das Gewandhausorchester und das BSO haben jeweils herausragende Orchesterakademien.
Und ich bin sehr glücklich, dass es gelungen ist, ein Festivalorchester zu initiieren, das zu gleichen Teilen aus Akademisten des Tanglewood Music Center, der Mendelssohn-Orchesterakademie sowie aus Studentinnen und Studenten der Leipziger Hochschule für Musik und Theater besteht. Mit diesem Orchester wird die junge Dirigentin Anna Rakitina arbeiten. Alle anderen Konzerte sowie zwei Opernabende – mit der „Lady Macbeth von Mzensk“ – werden von Andris Nelsons dirigiert, was wirklich ganz besonders ist. Die Krönung wird ohne Frage die Aufführung der siebten Sinfonie von Schostakowitsch werden, die vom Gewandhausorchester und vom Boston Symphony Orchestra gemeinsam musiziert wird.
Außerdem haben wir Solisten angefragt, die uns besonders verbunden sind wie Daniil Trifonov und Gautier Capuçon. Unser Dramaturg Tobias Niederschlag, ein ausgewiesener Schostakowitsch-Experte, hat ein interessantes Programm entwickelt mit dem Anspruch, in den zweieinhalb Festivalwochen so viele Werke wie möglich von Schostakowitsch abzubilden, also auch Kammermusik, Vokalwerke, Filmmusik, Chorwerke.
Unser Festival versteht sich nicht als Konkurrenz zu den großen
Festivals, vielmehr wollen wir als Konzerthaus und Orchester den Fokus in einer Art und Weise auf etwas richten, wie es vielleicht nur eine Institution wie das Gewandhaus
vermag.
Und um kurz den Blick nach vorne zu richten: 2027 werden Sie sich Beethoven widmen. Warum?
Den ersten Zyklus aller Beethoven-Sinfonien überhaupt hat das Gewandhausorchester in der Saison 1825/26 aufgeführt, also noch zu Lebzeiten Beethovens. Im Gewandhaus sind so viele erste Zyklen oder Uraufführungen erklungen, dass wir unzählige authentische Geschichten erzählen können. Insofern passen solche Themenfestivals sehr genau zum Gewandhausorchester und zur Musikstadt Leipzig.
Viele Musiker und Journalisten beklagen den mangelnden Mut der Veranstalter und Intendanten, die breiten Repertoirewege zu verlassen und mehr Raritäten aufs Programm zu setzen.
Wenn ich Musiker oder Journalist wäre, würde ich vielleicht auch so argumentieren. Es gibt wirklich unglaublich viel an Repertoire zu entdecken. Dies könnte man in einer saisonalen Programmplanung gar nicht alles abbilden. Unser Dramaturg plant mit Andris Nelsons und mir aber immer wieder auch Entdeckungen, wie zum Beispiel die Sinfonie in fis-Moll op. 41 von Dora Pejačević.
Spielplanung ist grundsätzlich eine sehr komplexe Angelegenheit. Es muss auf viele Anforderungen und Belange Rücksicht genommen werden und dennoch soll ausreichend Raum für eigene Gestaltungsideen bleiben. Und wir müssen beachten, dass das Gewandhausorchester in drei Spielstätten musiziert. Regelmäßige Treffen aller Verantwortlichen von Gewandhaus, Oper und Thomaskirche sind wichtig, um inhaltliche Absprachen zu treffen. Nicht alles geht parallel, aber vieles – bei sehr guter Planung. Zudem spielt das Gewandhausorchester pro Saison circa 20 bis 25 Konzerte auf Tournee. Bei der konkreten Programmplanung ist zu berücksichtigen, dass es besondere Jubiläen von Komponisten gibt, dass wir möglichst viele Werke des jeweiligen Gewandhauskomponisten aufführen wollen, dass wir für verschiedene Labels Medienprojekte realisieren und dass wir Programme für Tourneen benötigen. Weiterhin sind zyklische Ideen des Gewandhauskapellmeisters zu beachten, die Wünsche unseres Ehrendirigenten sowie besonderer Gastdirigenten, die sehr regelmäßig zum Gewandhausorchester kommen.
Pro Saison gestalten wir zwei bis drei Fokusthemen, die inhaltlich geplant werden wollen. Und dann gibt es noch alle zwei Jahre ein großes Themenfestival, das stets etwas Besonderes darstellen sollte. Ergänzend dazu kommen die abwechslungsreichen Programme der Gewandhauschöre, des Gewandhausorganisten sowie der vielen Kammermusik-Ensembles unseres Orchesters. Pro Saison veranstalten wir circa 220 bis 250 Konzerte, allein unser Orchester spielt 54 Abo-Konzerte und circa 20 Sonderkonzerte pro Saison. Da ist immer Raum für Raritäten, aber alles muss sich in einem ausgewogenen, interessanten und abwechslungsreichen Spielplan präsentieren.

maßgeblich prägen. Foto: René Jungnickel
Nun frage ich doch mal naiv: Warum machen Sie ein Schostakowitsch-Festival und nicht zum Beispiel ein Carl-Reinecke-Festival mit Musik des langjährigen Gewandhauskapellmeisters?
Natürlich muss die Musikstadt Leipzig auch internationale Gäste anziehen. Bei Reinecke, dem wir übrigens in der vergangenen Saison einen großen Themenfokus gewidmet haben, müssten wir überproportional viel in die Werbung stecken. Wir müssen auch die Wirklichkeit des Marktes anerkennen, müssen Ticketeinnahmen generieren, Sponsoren akquirieren und dürfen nicht zu viele Projekte planen, die sich vielleicht nicht gut verkaufen.
Wissen Sie denn genau, was das Publikum will?
Wenn wir Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler anbieten, ist der Saal ausverkauft. Wenn wir zum Beispiel Schönbergs „Erwartung“ zusammen mit dem Violinkonzert von Alban Berg aufs Programm setzen, liegt die Auslastung nur bei 55 Prozent. Solche Ergebnisse im Ticketverkauf beziehungsweise beim Konzertbesuch sehen wir sehr deutlich. Deshalb sollte man aber solche Programme nicht vermeiden, sondern einen insgesamt ausgewogenen Spielplan kreieren, der viele inhaltliche Aspekte abdeckt.
Sie sind sicher, dass ein Reinecke-Festival statt eines Schostakowitsch-Festivals finanziell nicht funktionieren würde?
Ja, absolut sicher. Wenn wir auf Komponistennamen setzen würden, die nicht so eine große Strahlkraft in der Welt haben, dann müssten wir ein anderes Umfeld bauen. Dann bräuchten wir viel mehr Sponsoren – vorausgesetzt, man findet sie –, um auszugleichen, was an Ticketeinnahmen fehlen würde, und auch eine ganz andere marketingstrategische Ausrichtung. Natürlich haben wir aufgrund der Förderung, die wir von der Stadt erhalten, einen Auftrag, auch künstlerische Projekte zu veranstalten, die andere vielleicht nicht realisieren können, wie beispielsweise eine achte Sinfonie von Gustav Mahler. Im Rahmen der neu geordneten Festivallandschaft Leipzigs wurde uns seitens der städtischen Kulturpolitik aber auch der Auftrag mitgegeben, mit den Festivals Touristen nach Leipzig zu bringen und die internationale Wahrnehmung der Musikstadt Leipzig nachhaltig zu profilieren.
Sie sind seit 1998 Gewandhausdirektor. Offensichtlich macht Ihnen die Arbeit Spaß.
Meine Aufgabe bereitet mir wirklich große Freude. Es gibt kein anderes Orchester, das drei Spielstätten abdeckt, wenngleich ich nicht für die Oper und die Thomaskirche zuständig bin, sie haben ja ihren eigenen Intendanten beziehungsweise den Thomaskantor. Aber diese wunderbare Vielfalt des Orchesters eröffnet einzigartige Möglichkeiten. Wir gehen auf Tournee, wir haben ein ganz besonderes Publikum, wir können dank vieler Drittmittel umfangreiche Sonderprojekte realisieren.
Wir haben ein wirklich tolles Mitarbeiterteam, dazu die Arbeit mit den unterschiedlichen Kapellmeistern, die wir hatten – das macht viel Freude. Ich bin jetzt ein bisschen auf der Zielgeraden, 2028 läuft mein Vertrag aus, dann gehe ich in Rente, und manchmal überlege ich schon, was ich bis dahin noch schaffe und was nicht. Da denke ich besonders an das Thema Stiftung, ein Projekt, an dem ich fast zehn Jahre intensiv gearbeitet habe. Aber inzwischen haben fünf Privatpersonen und ein Unternehmen die Stiftung mit immerhin 1,5 Millionen Euro Startkapital gegründet. Somit haben wir nun mehrere finanzielle Säulen: die Förderung durch die Stadt, unseren Sponsoren-Club mit über achtzig Unternehmen aus Leipzig, Sachsen und Deutschland, den Freundeskreis mit Instrumentenkäufen und verschiedenen anderen Unterstützungen – und jetzt ist als vierte Säule die Stiftung hinzugekommen, die einen breiten Satzungszweck hat und allein dafür da ist, Projekte des Gewandhauses und des Gewandhausorchesters zu unterstützen. Außerdem akquirieren wir selbst aktiv Drittmittel von Stiftungen oder anderen Einrichtungen, zum Beispiel für Auftragswerke oder die Sanierung des Hauses. Ich habe in den vergangenen Jahren noch nie in einem Interview über die Zuschusshöhe der Stadt geklagt, aber für die „Sahnehäubchen“ müssen wir uns eben um zusätzliche Mittel kümmern. Das klappt auf hervorragende Weise – aber auch nur deshalb, weil alles über viele Jahre hinweg sehr systematisch und strategisch aufgebaut werden konnte und weil ein großartiges und sehr erfolgreiches Team dahintersteht. Natürlich gibt es in der täglichen Arbeit auch Aufs und Abs, das gehört dazu, aber ich bin richtig gern für das Orchester und das Haus tätig.
Im Gang vor Ihrem Büro hängt die stattliche Ahnengalerie der Gewandhauskapellmeister. Eine Ahnengalerie der Gewandhausdirektoren gibt es nicht. Stört es Sie nicht, dass Sie als Intendant immer im Schatten des Chefdirigenten stehen?
Nein, das finde ich richtig so. Wir sind ein Eigenbetrieb der Stadt Leipzig, und deswegen bin ich rein formal gesehen als Gewandhausdirektor alleiniger erster Betriebsleiter. An meiner Seite steht mit dem Verwaltungsdirektor ein zweiter Betriebsleiter, der Gewandhauskapellmeister gehört nicht zur Leitung des Hauses. Aber ich finde es wichtig und richtig, dass ich als künstlerischer Manager dem Gewandhauskapellmeister das Feld bereite, weil die Arbeit des Orchesters im Mittelpunkt steht.
Natürlich habe ich einen eigenen Anspruch und Ziele für die Institution, aber wir könnten uns viele Beispiele ansehen, wo es nicht funktioniert, wenn der Intendant sein Ego vor das des Chefdirigenten oder des Orchesters stellt. Man kann es in Stresemanns Buch „Und abends in die Philharmonie“ ganz wunderbar nachlesen, was einen Intendanten ausmacht. Wenn er klug ist und aus der zweiten Reihe überzeugend organisiert, dann kann in der ersten Reihe alles blühen, und das färbt immer auch im Positiven auf den Intendanten ab.
Mit Andris Nelsons, mit Riccardo Chailly und mit Herbert Blomstedt ist und war es immer ein sehr gutes Miteinander, und wenn das gelingt, dann ist das für die gesamte Institution förderlich.
Denken Sie nicht manchmal: Warum habe ich es bloß mit Künstlern zu tun und nicht mit „normalen“ Menschen?
Mit Künstlern umzugehen, macht mir viel Freude, und ich finde es in jeder Hinsicht bereichernd – manches mal mehr als mit „normalen“ Menschen …
Berlin ist der Nabel der Musikwelt, Hamburg hat die Elphi, in München sitzt mehr Geld. Werden Sie da nicht manchmal neidisch?
Die Elbphilharmonie ist ein fantastisches Gebäude und wirklich ein Wahrzeichen, nicht nur für Hamburg, sondern für Deutschland. Mein Kollege Christoph Lieben-Seutter macht dort einen fantastischen Job. Mit München gibt es wenige Berührungs- und schon gar keine Neidpunkte. Das Gewandhaus hat den gleichen Tarifvertrag wie die Münchner Philharmoniker und übrigens auch die Staatskapelle Dresden, das wurde Anfang der Neunzigerjahre von dem damaligen Leipziger Oberbürgermeister Dr. Lehmann-Grube so initiiert. Mit Berlin hadere ich manchmal. Ich würde mir schon wünschen, dass mehr zur Kenntnis genommen wird, welche Vielfalt die neuen Bundesländer anbieten, in denen an vielen Orten und in zahlreichen Häusern eine großartige Arbeit geleistet wird.
Besteht überhaupt eine Konkurrenz zwischen den großen Konzerthäusern, oder denken Sie regional?
Unser Publikum kommt überwiegend aus der Region. Wir haben natürlich auch viele Besucher von weither, besonders zu den Festivals oder den Großveranstaltungen, wie zum Weihnachtsoratorium, zur Passion usw. Aber wir nehmen beispielsweise den Dresdner Orchestern nichts weg und die uns auch nicht. Mittlerweile sind alle großen Häuser sehr gut in Marketing und PR aufgestellt. Daher herrscht eher ein kollegialer Austausch, um sich Rat einzuholen oder sich gegenseitig zu inspirieren.
Letzte Frage: Wird von Ihnen eigentlich erwartet, dass Sie jedes große Konzert besuchen?
Wenn die Orchesterkollegen auf die Bühne kommen, schauen sie schon, ob Herr Schulz da oben auf seinem Platz sitzt. Und wenn nicht etwas dazwischenkommt, dann höre ich mir wirklich jedes Konzert an. Ich komme sicherlich auf achtzig bis hundert Konzerte pro Saison. Ich gehe aber auch sehr gerne ins Konzert – wir haben ja wirklich spannende Programme. Aber auch meine Frau, meine Kinder und Enkelkinder möchten mich sehen. Ich bin ein Familienmensch und freue mich über jede Zeit mit meiner Familie.


%20Marco%20Borggreve.jpg)
