Interview & Porträt

Immer im Flow

Von
Helge Birkelbach
Foto: Johanna Berghorn
Foto: Johanna Berghorn

Was für eine Familie! Ein wilder, hochtalentierter Haufen von Musikerinnen und Musikern: Isata, Braimah, Sheku, Konya, Jeneba, Aminata und Mariatu, die Jüngste. Die Kanneh-Mason-Kinder besuchten alle die Junior und Primary Academy an der Royal Academy of Music. Nach der Schule studierten alle an der RAM, außer Jeneba, die sich für ein Studium am Royal College of Music entschied. Die sieben Geschwister treten solo oder mit namhaften Orchestern auf, spielen oft auch gemeinsam in verschiedenen Konstellationen. Ihre stilistische Bandbreite ist enorm und reicht – kaum vermeidbar bei dieser erstaunlichen Ansammlung unterschiedlicher Charaktere – von Klassik über Jazz, Reggae, Musicals und Pop bis zur sogenannten Global Music. Jeneba Kanneh-Mason macht da keine Ausnahme. 

„Ich spiele gerne an Orten, die sich von der Standardkonzerthalle unterscheiden.“

Die Pianistin, geboren 2002 in Nottingham, schätzt die Freiheit musikalischer und individueller Beweglichkeit. Als mittleres Kind kannte sie den Trick, sich bei Bedarf einfach mal zu verstecken, wie sie lächelnd gesteht. Sie genoss den Freiraum, „zugleich kleine und große Schwester“ zu sein: Von den Älteren ließ sich vieles lernen, gleichzeitig konnte sie den Jüngeren den Spaß an notierter wie auch an improvisierter Musik vermitteln. „Wir kommunizieren viel untereinander, da ist ein perfekter Flow“, sagt sie. „Nach außen scheinen wir eine eingeschworene Einheit zu sein, es ist tatsächlich ein verrückter Haufen, aber wir ticken ganz unterschiedlich. Konya zum Beispiel ist eher introvertiert, sie schreibt gerne und liest ständig Neues. Ich dagegen gehe gerne aus, treffe viele Leute und bin sehr sportlich.“

Ihre Mutter hat ein Buch über das turbulente Leben der Familie geschrieben. Es heißt „House of Music“. Das über dreihundert Seiten starke Werk beschreibt den oft herausfordernden Alltag im klingenden Haus, das Chaos, aber auch die unendlichen Glücksmomente, wenn die Kinder zusammen musizieren und von Spirituals zu Mozart, Chopin und wieder zurück alles ausprobieren, auf was sie gerade Lust haben. „Es ist, als würde ich meine eigene Geschichte lesen“, so Jeneba Kanneh-Mason. „Und natürlich die der ganzen Familie, unserer Vorfahren aus der Karibik und aus Afrika, unserer großartigen Mutter. Vieles wusste ich nicht, das hat mich zum Nachdenken gebracht. Aber eigentlich sind die Beobachtungen sehr lustig. Das Buch ist wirklich herausragend!“ So urteilten auch die Kritiker. „House of Music – Raising the Kanneh-Masons“ wurde mit dem renommierten Storytelling Award der Royal Philharmonic Society ausgezeichnet.

Irgendwann war es so weit, dass niemand in Großbritannien (und später der ganzen Welt) an den Geschwistern vorbeikam. 2015 nahmen sie an der Castingshow „Britain’s Got Talent“ teil (Mariatu, damals sechs Jahre alt, war noch nicht dabei). Bei der Qualifikation spielten sie Ausschnitte aus Brahms’ „Ungarischen Tänzen“, im Halbfinale ein Medley aus Tschaikowskys „Schwanensee“ und „Rather Be“, dem Elektropop-Hit von Clean Bandit. Der umjubelte Auftritt riss sogar Simon Cowell vom Hocker. Was man hier eben erleben durfte, so der ansonsten eher naserümpfende und despektierliche Jurymeister, sei eine Show der „wahrscheinlich talentiertesten Familie der Welt“ gewesen. 

Jeneba erinnert sich: „Das war ein wirklich aufregender Moment. Wir sind als Kinder und Jugendliche ja mit ‚Britain’s Got Talent‘ aufgewachsen. Und jetzt sahen wir die vielen Prominenten, die schimmernde Showbühne, die ganze verrückte Technik. Und es war das erste Mal, dass ich vor der Kamera spielte.“ Wie groß war die Aufregung? „Dieser Moment ist eigentlich völlig absurd. Die Scheinwerfer blenden dich, du siehst eigentlich nichts außer Licht und die Instrumente. Das Publikum ist nur eine entfernte Ahnung. Aber es machte mir nichts aus, im Gegenteil. Ich spiele gerne an Orten, die sich von der Standardkonzerthalle unterscheiden. Irgendwie fühle ich mich da etwas weniger unter die Lupe genommen. Wir sind ja auch bei der ‚Royal Variety Show‘ aufgetreten. Hat uns allen Spaß gemacht.“

„Florence Price hat wunderbare Musik komponiert, ich habe mich sofort in sie verliebt.“

Und so ging es munter weiter mit jedem Einzelnen der Kanneh-Masons. 2016 gewann der Cellist Sheku (als erster schwarzer Musiker überhaupt) den begehrten Preis BBC Young Musician. Die Pianistin Isata war 2014 Finalistin in der Kategorie Klavier beim BBC Young Musician, Jeneba schaffte es 2018 ebenso ins Finale. Die Familie trat zudem bei den BAFTAs auf. Es folgte das unbestritten reichweitenstärkste Ereignis: Im Mai 2018 konnten zwei Milliarden Menschen weltweit im Fernsehen und auf ihren Handys verfolgen, wie Sheku bei der Hochzeit von Prinz Harry und Me­ghan Markle auftrat. Sheku und Isata haben beide Bestselleraufnahmen veröffentlicht, 2020 kamen alle sieben für ein Album rund um Saint-Saëns’„Karneval der Tiere“ zusammen. Es stürmte in die britischen Charts und erreichte Platz 16.

Und nun steht Jeneba im Fokus.Gerade ist ihr Solo-Debütalbum „Fantasie“ bei Sony Classical erschienen. Fantasie, ein großes Wort, ein Wort mit doppelter Bedeutung: Es beschreibt die Vorstellungskraft des Menschen, aber auch ein Musikstück mit freier Form. „Ich denke, dass die Mehrdeutigkeit bei diesem Album wirklich gut funktioniert, weil die Musik so abwechslungsreich ist“, so die Solistin. Neben Chopin, Debussy und Skrjabin hat sie Stücke von drei eher unbekannten afroamerikanischen Komponisten ausgewählt. Wie ist sie auf sie gestoßen? „Ich bin ihnen in meinem ersten Jahr an der Royal Academy of Music begegnet. Die Kontrabassistin Chi-Chi Nwanoku, die dort Professorin ist, schickte mir eine Mail und wies mich auf Florence Price hin.“ 1887 in Little Rock, Arkansas, geboren, war Price die erste Afroamerikanerin, die in den USA als klassische Komponistin anerkannt wurde. Bereits mit elf Jahren konnte sie ihre erste Komposition veröffentlichen.

„Ich hatte noch nie von ihr gehört und fing an, ihre Musik zu hören. Eine wunderbare Musik, ich verliebte mich sofort in sie! Ihre ‚Fantasie Nègre‘ inspirierte mich zum Titel des Albums.“ Die „Fantasie Nègre“ basiert auf einem Spiritual und stammt aus dem Jahr 1929. Ein Großteil der rund dreihundert Kompositionen von Price blieb jedoch unveröffentlicht. Eine ihrer Schülerinnen war Margaret Bonds, von der das auf dem Album eingespielte „Troubled Water“ stammt. Der dritte afroamerikanische Komponist ist William Grant Still, der ebenso wie Florence Price in Little Rock aufwuchs. Zwar nahm er Privatunterricht bei Edgard Varèse, war aber vorwiegend im Bereich Jazz und Popularmusik tätig und komponierte später Filmmusik. Was Jeneba an all diesen Komponisten schätzt (neben Rachmaninow, ihrem absoluten Liebling, der es leider nicht auf das Album geschafft hat), ist nicht nur das rhythmische Element, sondern die Farbigkeit und die Bilder, die die Musik evoziert. Sie gerät ins Schwärmen, spricht von den vielen CD-Aufnahmen, die sie als Kind gehört hat, und landet schließlich bei Martha Argerich. Was begeistert sie an der Jahrhundertpianistin? „Ihre Kraft, ihr dichter Klang, der stilvolle Flow.“

Der Flow, das ist etwas, was die Musikerin nicht nur auf der Bühne erlebt, sondern auch beim Sport. Es scheint sowieso ihr Lieblingswort zu sein. Wäre Jeneba Kanneh-Mason nicht Pianistin geworden, dann würde sie jetzt als Langstreckenläuferin Rekorde anvisieren. Man nimmt es dieser feingliedrigen, sportlichen und hyperaktiven Frau durchaus ab. „Ich könnte mir vorstellen, die Ziellinie zu überqueren und Erste zu sein“, sagt sie. „Das wäre toll. Aber um wirklich gut zu sein, brauchst du das richtige Mindset. Eine perfekte Technik ist das eine, das setze ich einfach mal voraus. Aber ohne den Kopf, ohne die richtige Einstellung bist du nichts. Alle guten Sportler haben Vertrauen in ihre Fähigkeiten und arbeiten konsequent auf die nächste Sache hin. Ich denke, da gibt es durchaus Parallelen zur Musik. Der Unterschied ist, dass du nicht unbedingt brillierst, wenn du rasend schnell spielst. Schneller, höher, weiter? Das überlasse ich anderen.“ Eine weise Einstellung. Eine coole Frau.