Ernsthaftigkeit und Detailtreue
Herzlichen Glückwunsch zum 85. Geburtstag, Christoph Eschenbach!

Persönlich begegnet bin ich Christoph Eschenbach erstmals Mitte der 90er Jahre in San Francisco, als ich ihn, völlig beseelt von einer Aufführung der fünften Sinfonie Beethovens, hinter der Bühne kurz beglückwünschte. Es war bemerkenswert, wie sehr ihn das Orchester schätzte und welche Akzente er herausarbeiten konnte. Etwas später hörte ich ihn mit den „Gurre-Liedern“ in Houston. Dem dortigen Symphonieorchester stand er mehr als ein Jahrzehnt vor und führte es auf eine
ungeahnte Höhe. Mich in Gesprächen als Deutschen erkennend, äußerten sich alle aus dem Publikum höchst bedauernd, dass sie Eschenbach verloren, und beglückwünschten mich, dass er in die Heimat zurückkehrte – er hatte damals gerade das NDR-Orchester übernommen. Nun, Amerika ist Eschenbach dennoch treu geblieben, Houston ist er als Conductor Laureate verbunden (die Homepage des Orchesters kündigt ihn gerade fürs nächste Konzert folgendermaßen an: „our beloved former Music Director“), und in den Folgejahren diente er noch als Chefdirigent in Philadelphia, Washington, und beim Ravinia Festival in Chicago.
Die Berliner Musikszene durfte sich freuen, dass Eschenbach sich 2019 für drei Jahre beim Konzerthausorchester verpflichten ließ. Die Zahl der Konzerte litt unter den Coronalockdowns, doch für die Ewigkeit ist unter anderem ein Zyklus der Brahms-Symphonien auf CD gebrannt worden, der zu Vergleichen mit der dreißig Jahre älteren Aufnahme aus Houston einlädt. Einen expliziten Altersstil hat Eschenbach nicht entwickelt; er ist geringfügig schneller geworden, ohne schneller zu wirken, und der Klang des Berliner Orchesters ist dunkler. Doch große Ernsthaftigkeit und Detailtreue zeichnet beide Zyklen aus. Gern hat sich Eschenbach mit der Spätromantik und der gemäßigten Moderne beschäftigt – eine sehr empfehlenswerte Aufnahme aus jüngerer Zeit widmet sich Franz Schreker.
Auch als Pianist ist Christoph Eschenbach eine Legende. Sensationelle Erfolge in den frühen 60er Jahren, viele Aufnahmen, auch als Liedbegleiter, und dann die Duos mit Justus Frantz sowie die Kultstatus genießenden mehrhändigen Klavierkonzerte von Mozart und Bach mit Helmut Schmidt. Neben Daniel Barenboim und Vladimir Ashkenazy ist Eschenbach sicherlich der bedeutendste Pianistendirigent. Da ist es umso beeindruckender, sich zu vergegenwärtigen, welch schwierige Kindheit Eschenbach hatte. Davon berichtet die Biografie von Margarete Zander, die gerade im Jaron Verlag erschienen ist.
Jedes Dirigat ist für ihn wie eine Uraufführung
Eschenbach wuchs als Vollwaise auf – seine Mutter starb im Kindbett, sein Vater, ein Musikwissenschaftler, fiel in den letzten Kriegstagen, und seine Großmutter, die sich des Jungen annahm, starb kurz darauf auf der Flucht aus Breslau an Typhus. Der Sechsjährige verstummt, für ein Jahr. Wallydore Eschenbach, eine Cousine der Mutter, adoptiert ihn. Sie ist Klavierlehrerin, er darf ihr lauschen, und als sie ihn nach einem Jahr fragt, ob er auch Klavier spielen möchte, spricht er sein erstes Wort: „Ja.“ Früh wurde sein Talent erkannt, er wurde gefördert, erlebte als Schüler Bruckners Dritte unter Sawallisch in Aachen und wusste sofort, dass er Dirigent werden wollte. Doch zunächst verfolgte er seine Karriere als Pianist, lernte viel in Proben und Konzerten von George Szell und Herbert von Karajan und gab sein Debüt als Dirigent mit 32 Jahren, natürlich mit – Bruckners Dritter.
In Interviews mit dem NDR äußerte sich Eschenbach über das Dirigieren. Zwei Aussagen fand ich besonders bezeichnend für ihn: Er achte vor allem auf die hinteren Pulte, denn die vorderen seien ihm nah und bekämen alle Emotionen ohnehin mit. Und jedes Mal, wenn er dirigiere, sei es für ihn wie eine Uraufführung – selbst ein Werk wie Beethovens Fünfte entdecke er immer wieder neu. Wahrscheinlich sind das die Geheimnisse, warum ihn Orchester und Publikum lieben. Wünschen wir ihm noch lange gute Gesundheit und uns, dass wir ihn noch oft erleben dürfen.


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