Lieder für die Ewigkeit?
Ekaterina Levental und Frank Peters stellen Nikolaj Medtners Vokalmusik vor

Wenn der Name Nikolaj Medtner fällt, werden nur wenige Musikkenner konkrete Klänge damit verbinden können. Vielmehr dürften sich vage Ahnungen vollklingender Klaviermusik einstellen, irgendwo im gedanklichen Nebenraum dessen, was von Rachmaninow präsent ist. Eine Sonate, eines der drei Klavierkonzerte, eventuell Ausschnitte aus der Sammlung „Märchen“ (knapp vier Stunden Klaviermusik), etwa in der intensiven Deutung von Daniil Trifonov, das hat man vielleicht schon gehört, aber nicht weiter nach dem Komponisten gefragt.
Dass Medtners Werk nicht nur pianistisch von Bedeutung ist, sondern dass er sich auch als Liedkomponist verstand, ruft jetzt eine Sammlung von fünf CDs ins Bewusstsein. Dem versierten Gesangsfreund (und natürlich der Gesangsfreundin) könnten die Aufnahmen begegnet sein, die Nikolaj Medtner selbst am Klavier mit der Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf im Jahr 1950 gemacht hat. Immerhin haben sie damals bereits einen kleinen Beitrag dazu geleistet, ein Jahr vor Medtners Tod, seinem Nachruhm ein Fundament zu geben. Denn so oldfashioned klingt das nicht, da steckt mehr drin als ein Nachschlag russisch-romantischer Nationalschule. Aber die steckt natürlich auch drin.
In der vorsowjetischen Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Nikolaj Medtner eine hoch angesehene Persönlichkeit im russischen Musikleben. Seine sehr hoffnungsvolle Karriere als Pianist stellte er jedoch hinter seinen kompositorischen Ehrgeiz zurück. 1921 emigrierte er mit seiner Frau, die er wie übrigens auch viele weltanschauliche Überzeugungen von seinem älteren Bruder Emil übernommen hatte, nach Berlin.
Die „moderne“ deutsche Musik, gemeint ist die für unsere Ohren höchstens postromantisch wirkende Musik der Übergangszeit ins 20. Jahrhundert, war Medtner allerdings suspekt. Er reagierte darauf im Jahr 1905 mit einer „Unfuge an Max Reger“, einer kompositorisch meisterhaften Fuge, weit mehr als eine verächtlich machenden Groteske. Reger oder Richard Strauss – diese Klangwelten waren Medtner zu international, zu europäisch, nicht naiv genug. Doch damit sind die beiden in bester Gesellschaft. Auch Schönberg, Strawinsky oder Busoni gingen Medtner viel zu weit. Ihnen warf er vor, „sich zu entleeren“. Er sprach sogar im Zusammenhang mit Reger und anderen von „Musikverbrechern“ und „Kunsterbrechern“ (zitiert nach Christoph Flamm, „studia slavica musicologica 5“).
Der Schwierigkeitsgrad ist oft enorm, Gefälligkeitswerke gibt es bei Medtner nicht
Medtners Antipathie gegen die deutsche Musik habe sich in jener Zeit zu unversöhnlichem Hass gesteigert, stellt Flamm fest. Beeinflusst war Nikolaj Medtner in der engen Einfassung seines künstlerischen Denkens von seinem Bruder Emil. Dieser war zunächst Anhänger des russischen Symbolismus mit starker Hinwendung zu Nietzsche und später Carl Gustav Jung. Aus heutiger Sicht bleibt von Emil Medtner allerdings kaum mehr als seine Begeisterung für Antisemitismus und Faschismus.
Insgesamt also ein recht diffuses und nicht gerade erzsympathisches Konglomerat geistesgeschichtlicher Denklinien, die Medtner zu seinem persönlichen schöpferischen Raster entwickelt hat. Ein wichtiger Name darf dabei nicht fehlen: Formal sah Medtner Beethoven als großen Lehrmeister an. Ob es ihm nun gelungen ist, die hergebrachte Form im Geist der russischen Melodik (was immer das sei) zu einem eigenen Klangkosmos zu formen, das wird die geneigte Hörerschaft sich selber beantworten dürfen. Außerhalb der UdSSR jedenfalls blieb Medtner der große Durchbruch verwehrt, auch wenn sich vereinzelt immer wieder prominente Geiger und Pianisten für sein Werk stark gemacht haben. Nachdem in der Folge der Alte-Musik-Bewegung die Bereitschaft für eine Öffnung des Klassikrepertoires insgesamt deutlich gestiegen ist, findet nun auch Medtner immer mehr offene Ohren.
Der (Um-)Weg über Rachmaninow dürfte dabei der gängige Pfad bleiben. So war es auch für Frank Peters, den Pianisten der neuen Liedaufnahmen. Er stieß auf Medtners Namen zunächst als Widmungsträger von Rachmaninows viertem Klavierkonzert. In der Folge ging Peters auf die Suche nach Informationen über Medtner. Anfangs ein mühseliges Unterfangen.
In den 1990er Jahren stieg dann das Interesse in der Musikwelt. Die englischsprachige Medtner-Biografie von Barrie Martin (1995) ebnete einen wichtigen Weg zum Erkenntnisgewinn über den Menschen Medtner und den Zugang zu seiner Musik. „Häufig konnte ich mir kein klares Bild von der Musik machen“, erinnert sich Frank Peters. „Es ist ziemlich schwer, das vom Blatt zu spielen. Und die Aufnahmen, die ich damals finden konnte, waren oft nicht zufriedenstellend.“ Peters betont die positive Rolle des Internets für die zunehmenden Erkenntnismöglichkeiten über Medtner. „Plötzlich konnte ich mir seine sämtlichen Werke herunterladen und hatte Zugang zu vielen Einspielungen.“

Eine Nebenfigur im großen Welttheater des Musikbetriebs bleibt Medtner gleichwohl. Christoph Flamm, Professor an der Uni Heidelberg und in der Medtner-Forschung international führend, hat dankenswerterweise auch den Autor dieses Artikels mit Informationen versorgt. Die Quellenlage hat sich also deutlich verbessert, sowohl in der historischen Musikwissenschaft als auch bei den Musikverlagen und auf dem Plattenmarkt.
Die neue Liededition ist ein Markstein dieser Entwicklung. Deren Vorgeschichte zeigt, dass in der Klassikwelt mit Neugier und Überzeugungskraft, gepaart selbstverständlich mit künstlerischer Qualität, vieles möglich ist. Und natürlich braucht man auch Geld. Nachdem Frank Peters die Sängerin Ekaterina Levental mit seiner Leidenschaft für Medtners Lieder angesteckt hatte, wuchs die Idee, dieses schwarze Loch im Liedrepertoire zum Leuchten zu bringen.
Die beiden Musiker starteten eine Crowdfunding-Kampagne. So konnten die Kosten für die erste CD gedeckt werden. Und die bekam in den Zeiten der durch Covid begründeten Verbote des öffentlichen Musikbetriebs viel Aufmerksamkeit. Feuilletons und Radiosender berichteten, ein Internetkonzert wurde verbreitet. Über die eigene Internetseite startete der Direktvertrieb des ersten Liedalbums.
Bis nach Russland verbreitete sich der Ruf der begonnenen Liededition, und sie wurde dort mit einer Auszeichnung bedacht. Zunächst die Covid-Restriktionen und dann der Angriff auf die Ukraine vereiteln bis heute deren persönliche Entgegennahme durch Levental und Peters.
Die Aufnahme der Lieder basiert auf der sowjetischen Edition von 1961, wo möglich im Vergleich zu Erstausgaben, wie Frank Peters berichtet. So fehlten in der Gesamtausgabe Lieder auf Nietzsche-Texte, die der poststalinistischen Zensur zum Opfer gefallen waren. Christoph Flamm war auch für die beiden Musiker dabei immer wieder ein wichtiger Ratgeber. „Er war unser Hauptarchiv“, sagt der Pianist dankbar. Ein Idealfall also einer Musikwissenschaft, deren Wissen Musik schaffen will.
Fünf CDs gibt es nun mit sämtlichen Liedern Medtners. Eine Pioniertat für das Repertoire – und eine wichtige Erweiterung für alle Liedersänger, die Russisch können. Wobei viele der Lieder auf Deutsch sind und so auch von Ekaterina Levental, die aus Usbekistan stammt, gesungen werden. Denn auch wenn Medtner die zu seiner Zeit moderne deutsche Musik ablehnte, der deutschen Literatur war er sehr verbunden, Lieder auf Gedichte von Goethe, Heine, Eichendorff, Chamisso, Nietzsche, Hesse zeigen das nachdrücklich.
Sowohl die beiden Interpreten als auch Musikwissenschaftler Flamm schätzen an Medtners Lieder, dass die tiefere Bedeutung der Gedichte durch strukturelle Mittel freigelegt und dass gleichzeitig ein tiefer emotionaler Gehalt vermittelt werde. Levental, dunkel timbrierter Mezzo mit schlanker Stimmführung, und Frank Peters mit sinnlich disponierendem Klavierspiel begeben sich in den 108 Liedern auf ein weites Feld, das Medtner über sein ganzes Schaffen bestellt hat.
Der Schwierigkeitsgrad ist oft enorm, Gefälligkeitswerke gibt es bei Medtner nicht. Auch seine Nähe zur angelsächsischen Musik (er lebte ab 1935 dauerhaft in London) hat seinen konsequent um Bedeutung ringenden Stil nicht aufgeweicht. Es wird nun auf die geneigte Hörerschaft und die Interpreten ankommen, ob der Großtat auf dem Plattenmarkt die Renaissance einer Musik folgt, die nun erstmals als Ganzes erkundet werden kann.


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