Nicht ohne meine Geige
Statt um die große Karriere kümmerte sich die Bron-, Ozim- und Oistrach-Schülerin Natalia van der Mersch zunächst um ihre Kinder. Nun kehrt sie in die Musikwelt zurück

Es passiert selten, dass man als Journalist zum Interview noch ein Privatkonzert bekommt. Dass Natalia van der Mersch bei meinem Besuch bei ihr zu Hause in Luxemburg die Geige auspackte, wirkte allerdings fast selbstverständlich. Die zierliche, quirlige Frau „lebt“ Musik – hier passt die Formulierung tatsächlich einmal. Und so wirkte es überhaupt nicht aufgesetzt, dass sie mich nach unserm Gespräch noch ins gemütliche Wohnzimmer lotste, die Geige in die Hand nahm und gemeinsam mit ihrer 18-jährigen Tochter am Klavier (die aber nicht Musikerin, sondern Biologin werden will) Gounods Ave Maria und solo noch Bachs Chaconne spielte.
Natalia van der Mersch wirkt wie ein rundum glücklicher Mensch. Nicht dass sie nicht auch Trauer und Leid kennen würde. Doch ihr Naturell und die Musik scheinen sie über alle Untiefen des Lebens hinwegzutragen. Und ihre Kinder. Sechs hat sie. Der jüngste Sohn ist mit acht Jahren aus dem Gröbsten raus – und nun will Natalia van der Mersch auch wieder als Musikerin sichtbarer werden. Drei CDs hat sie bereits in den letzten sechs Jahren beim Label Ars veröffentlicht. Nun sollen auch wieder mehr öffentliche Konzerte hinzukommen.
Auf ihrer ersten CD war sie als Bron-Schülerin neben Vengerov, Repin und Garrett zu hören
Dass sie Geigerin werden würde, war für Natalia van der Mersch „eigentlich immer klar“ gewesen. Eine Großtante war Cellistin, ein Großonkel Komponist und Cellist, und der Vater hatte als Jungstudent das Würzburger Konservatorium besucht, ehe er sich sagte: Besser ein schlechter Ingenieur als ein schlechter Geiger, das fällt weniger auf, wie Natalia van der Mersch lachend erzählt. Musik war zu Hause dennoch immer präsent. Und so begann die kleine Natascha früh auf der Kindergeige ihrer Großmutter zu spielen, angeleitet vom Vater. Ihre zweite Liebe gehörte dem Ballett, doch als sie mit elf Jahren Valery Gradov von der Folkwang-Hochschule ihrer Heimatstadt Essen vorspielte, sagte der: „Ich nehme dich in meine Klasse auf. Aber nur, wenn du dich komplett auf die Geige konzentrierst. Jeden Tag nach der Schule mindestens zwei, drei Stunden üben, am Wochenende vier, fünf Stunden. Und in jeder Unterrichtsstunde ist ein Elternteil dabei.“
Das muss man als Teenager aushalten wollen. „Mein Vater hat mit mir geübt, ich habe ihn dafür bewundert, dass er sich jeden Tag nach der Arbeit die Zeit nahm. Natürlich gab es auch Kämpfe. Wir haben uns oft angebrüllt, wir sind beide temperamentvoll. Aber ich war immer von der Geige begeistert. In den Ferien war ich bei Meisterkursen, es waren eigentlich 365 Tage im Jahr Geige! Ich habe auch viel gelesen, ich war begeistert von Literatur. Aber letztendlich fließt das alles wieder in die Musik.“ Und nach einer kurzen Pause schiebt sie lachend nach: „Bis heute lese ich ständig etwas, vor allem Literatur des 19. Jahrhunderts. Das wäre eigentlich meine Epoche. Ich lebe in meiner romantischen Welt – mit den Annehmlichkeiten von heute. Ich liebe das Leben. Das ist ein Geschenk.“
Ihr Studium begann sie dann bei Zakhar Bron, und wie sie an den gekommen ist, ist auch eine skurrile Geschichte. „Mein Vater ist alle zwei Wochen zu Saturn nach Köln gefahren, um Schallplatten zu kaufen. Eines Tages brachte er eine mit von der Eröffnung des Tschaikowsky-Wettbewerbs 1986, glaube ich. Da spielte so ein elfjähriges russisches Wunderkind, Maxim Vengerov war das, als sein Lehrer war Zakhar Bron genannt. Zwei Wochen später brachte mein Vater die nächste Platte mit, und wieder spielte ein geniales, diesmal etwas größeres Kind, wieder war der Lehrer Zakhar Bron. Wir dachten uns, das kann kein Zufall sein. Ich hatte damals Klavierstunden bei Delia Varga, der Schwiegertochter von Tibor Varga. Der zeigte ich die LP, und sie sagte: ,Der Name kommt mir bekannt vor, ich glaube, den hat mein Schwiegervater eingeladen nach Sion zum Meisterkurs.‘ So war es tatsächlich. Wir haben mich natürlich sofort angemeldet, Bron war damals noch völlig unbekannt, und wir waren nur fünf Studenten im Kurs. Ich habe ihm den dritten Satz aus dem Bruch-Konzert vorgespielt, ich war 14. Hinterher sagte er: Du spielst wirklich gut, aber … Und dann fing er an, alles auseinanderzunehmen. Ich wurde immer kleiner. Aber ich habe unheimlich viel gelernt in dieser Woche. Er sprach damals noch kein Deutsch, meine Mutter hat alles übersetzt.“
Natalia van der Mersch machte mehrere Kurse bei Bron, einmal sogar für drei Monate in Nowosibirsk, wo Bron noch Professor war. „Ich wäre glatt dageblieben, ich hab bei Maxim Vengerov zu Hause gewohnt, das war die höchste Motivation.“ Russisch zu lernen, fiel ihr nicht schwer – Natalia van der Merschs Mutter ist Kroatin. Als Bron dann an die Musikhochschule Lübeck wechselte, zog auch die junge Essenerin nach Lübeck, da war sie 16. Ihre erste CD-Aufnahme machte sie schon 1990. „Die Meisterschüler von Zakhar Bron“ heißt die Platte, auf der neben Natalia Steurer, wie sie damals noch hieß, auch Vadim Repin, Maxim Vengerov und David Garrett zu hören sind.
Auf den Unterricht beim „sehr emotionalen“ Zakhar Bron, wie sie sagt, folgten zwei Jahre beim „sehr akademischen“ Igor Ozim in Köln – „ein gutes Kontrastprogramm“, ehe sie dann, mit 21, zum dritten berühmten Lehrer wechselte: zu Igor Oistrach nach Brüssel. Damals hatte sie schon zahlreiche Auftritte, doch als es dann, nach dem Konzertexamen mit Auszeichnung, mit der „richtigen“ Karriere hätte losgehen können – da kamen die Kinder. Denn im letzten Studienjahr lernte sie ihren Mann kennen. „Ich wusste immer: Ich werde viele Kinder haben, sechs mindestens. Aber ich wusste auch, ich werde nie meine Geige aufgeben. Das ist meine Stimme. Besser als mit Worten kann ich mich mit meiner Geige ausdrücken. Meine Geige war immer dabei in den wichtigsten Momenten meines Lebens.“
Natalia van der Mersch spielte sogar auf ihrer Hochzeit selbst – oben im berühmten Treppenhaus von Balthasar Neumann in der Würzburger Residenz, direkt unter den Fresken von Tiepolo. Und sie spielte bei der Beerdigung ihrer Tochter Lea Rose, ihres zweiten Kindes. „Die Geige begleitet mich, in der Freude und auch im tiefsten Leid.“ Lea Rose starb an Spinaler Muskelatrophie, als sie fünf Monate alt war, und mit ihrem Mann gründete Natalia van der Mersch den Fonds Lea Rose, der sich für die Erforschung der Krankheit und die Betreuung der Patienten einsetzt. Sie gab viele Wohltätigkeitskonzerte und nahm drei CDs für ihre Stiftung auf. Aber an eine Konzertkarriere war nicht zu denken: „Ich war ständig schwanger! Und ich wollte da sein für die Kinder. Ich fand es herrlich, ich liebe es, Mama zu sein“, sagt sie und lacht sprudelig. „Fünf Jungs, zwei sind eineiige Zwillinge mit ADHS. Wenn man das mal überstanden hat, kann einen nichts mehr aus der Ruhe bringen. Wenn ich jetzt mal sechs Stunden durchschlafe, weiß ich gar nicht, wohin mit meiner Energie!“ Und wieder lacht sie sprudelig.
Nun also, seit etwa fünf Jahren, taucht sie auch in der Öffentlichkeit wieder als Musikerin auf. Und tastet sich so allmählich ans Konzertleben heran. „Konzerte zu spielen, ist das Schönste. Ich liebe die Bühne. Ich hab ja nie aufgehört, Konzerte zu geben, vor allem und am liebsten Wohltätigkeitskonzerte.“ Im Internet findet man nur die Seite des Duos Natalia. „Ich muss unbedingt meine eigene Homepage machen“, sagt sie. Das Duo mit der Pianistin Natalia Kovalzon ist aber schon ihr wichtigstes Projekt.
„Fünf Jungs, darunter Zwillinge mit ADHS. Hat man das überstanden, bringt einen nichts aus der Ruhe.“
„Das Tolle ist, wir haben uns nicht im Konservatorium oder bei einem Konzert kennengelernt, sondern bei ‚Little Gym‘ mit unseren Kleinen. Die waren beide ein Jahr alt – jetzt werden sie 16. Ich habe sie russisch sprechen hören und habe sie angesprochen. Sie sagte, sie ist Pianistin. – Oh, ich bin Geigerin. Ich war gerade mit den Zwillingen schwanger. Ich sagte: Wenn ich die Zwillinge habe, müssen wir zusammenspielen. Ich hab ihr eine CD von mir gegeben, unter anderem mit der Franck-Sonate mit Eduard Kiprsky, einem genialen russischen Pianisten. Und als die Zwillinge da waren, haben wir sofort angefangen zu spielen – mit der Franck-Sonate.“ 2018 erschien ihre erste Duo-Aufnahme, „La Folia“, mit Werken von Corelli über Bach, Wieniawski und Bartók bis John Williams, 2019 folgte „Magical Russia“, unter anderem mit Tschaikowsky und Rachmaninow, 2022 „My Kreisler Album“. Und im Februar haben die beiden Natalias die drei Grieg-Sonaten aufgenommen – wieder mit Christopher Alder als Aufnahmeleiter, dem legendären langjährigen Chefproduzenten der Deutschen Grammophon. Und wieder fürs Ratinger Label Ars, bei dem Natalia van der Mersch sich sehr wohlfühlt.
Aber sie verfolgt auch andere Projekte. 2023 hat sie gemeinsam mit dem belgischen Pianisten Olivier Roberti die drei Brahms-Sonaten aufgenommen. Sie hat sich viel mit den Solosonaten von Ysaÿe beschäftigt, und auch Konzerte mit Orchester würden sie wieder reizen. Ihr Repertoire wählt sie nach dem „Lustprinzip“ aus, wie sie es nennt. Als Nächstes will sie mit Natalia Kovalzon das Mendelssohn-Doppelkonzert einstudieren.
Das Schöne ist, dass sie nicht unter Druck steht, von der Musik zu leben. Natalia van der Mersch hat (noch?) keine Konzertagentur, und auf die Idee, zwei Jahre nach ihrer CD mit Musik ihres „Traummannes“ Fritz Kreisler zu dessen 150. Geburtstag ein Kreisler-Programm anzubieten, war sie noch gar nicht gekommen. Ihr Mann ist in der Finanzwelt erfolgreich und stammt aus altem Adel: Ihre letzten CDs sind alle im familieneigenen Schloss entstanden, das zwischen Luxemburg und Brüssel liegt – und die Coverfotos im idyllischen Schlosspark.
„Ich danke jeden Tag meinem Gott auf Knien, dass ich meine Musik habe“, sagt Natalia van der Mersch, und das klingt absolut aufrichtig. „Das ist so wundervoll. Wenn ich spiele, fühle ich mich verbunden mit anderen Sphären.“ Und dann erzählt sie, wie es sie in der letzten Silvesternacht zur Geige trieb. Sie verließ die Feier, ging eine Etage tiefer und spielte Bachs Chaconne. „Und genau in dem Moment, als der letzte Akkord verklungen war, schlug die Uhr Mitternacht. Es war magisch.“ Zufall, könnte man sagen. Aber vielleicht eröffnet die Musik uns Menschen, wenn wir dafür offen sind, ja wirklich einen Zugang zu anderen Sphären.


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