Interview & Porträt

Ausbalanciert

Von
Jakob Buhre
Foto: Matthew Johnson
Foto: Matthew Johnson

Als vor fünf Jahren die Corona-Pandemie den Klassikbetrieb weitgehend lahmlegte, war eine Gruppe von Musikern davon besonders betroffen: Nachwuchskünstler, deren Karriereanlauf abrupt unterbrochen wurde. So geschehen auch bei Jonathan Ferrucci, zu Beginn der Pandemie 26 Jahre alt. 2018 war er Preisträger beim Leipziger Bach-Wettbewerb, als Solist hatte er bereits diverse Konzerte in seiner italienischen Heimat gegeben, in der Londoner Wigmore Hall debütiert und war gerade auf dem besten Weg, sich im internationalen Konzertleben zu etablieren.

„Natürlich hat mich die Pandemie sehr gebremst, viele geplante Auftritte wurden ersatzlos gestrichen. Aber die Zeit hatte für mich auch etwas Positives: Meine Liebe zur Musik wurde auf die Probe gestellt. Dass ich gerne Konzerte spiele, wusste ich ja bereits. Als die aber alle ausfielen, habe ich mehr und mehr Freude am Einstudieren und Üben gefunden – und das macht am Ende neunzig Prozent meines Berufs aus, allein in einem Raum zu sein, mit dem Instrument.“

Er habe sich in der Zwangspause intensiv mit Bach beschäftigt, erzählt Ferrucci im Interview. Etwa mit den Goldberg-Variationen oder den Toccaten, die er gerade in einer beachtlichen Einspielung vorgelegt hat. „Jede Werkgruppe von Bach, die ich einstudiere, ist für mich wie eine Pilgerreise. Bach ist, solange ich denken kann, eine Konstante in meinem Leben.“

Im Elternhaus sei er ständig von Musik umgeben gewesen, erinnert sich Ferrucci an seine Kindheit. Geboren 1993 als Sohn eines Italieners und einer Australierin, verbrachte er die ersten Lebensjahre in Sydney, bevor die Familie zurück nach Florenz zog. Hier kam er mit zwölf Jahren am Konservatorium in die Klavierklasse von Giovanni Carmassi, einem Päda­gogen, der ihn zehn Jahre begleiten und nachhaltig prägen sollte.

Das Spiel des 31-Jährigen ist tiefgründig – und jede Nuance wirkt wohlüberlegt

„Es ging bei ihm nicht darum, einfach nur die Partitur zu analysieren. Sondern Carmassi lehrte Musik immer auch von einem menschlichen, emotionalen Standpunkt aus. Sein Unterricht war voller Metaphern und Symbolik, er hat immer nach der Bedeutung der Musik gesucht, der Essenz dessen, was der Komponist mitteilen wollte. Er hat mir beigebracht, viele Dinge zu hinterfragen, Virtuosität nie als Selbstzweck zu sehen und den Respekt vor dem Werk zu bewahren. Und er hat mich immer motiviert, Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, in der Natur zu sein –  die Seele mit so viel Kultur wie möglich zu füttern.“

Über die Jahre wurde auch Jonathans Vater Piero Ferrucci, Psychotherapeut und Philosoph, zum Fan dieses Professors, weshalb er Carmassis Klavierpädagogik in einem umfangreichen Buch festgehalten hat („Giovanni Carmassi – A Pianist Prepares: The inner construction of a musical piece“).

Weitere Impulse bekam Ferrucci von der neuseeländischen Pianistin Joan Havill und der Bach-Spezialistin Angela Hewitt, die für ihn zur wichtigen Mentorin wurde. Ferrucci erwähnt auch eine Vielzahl von Meisterkursen, die ihm den Austausch etwa mit Robert Levin, Murray Perahia oder Christian Zacharias ermöglichten. Seine Wissbegierde ist groß – und das Spiel des mittlerweile 31-Jährigen tiefgründig. Auf seiner ersten Studioaufnahme, Bachs sieben Toccaten BWV 910-916, wirkt jede Nuance wohlüberlegt, seien es Tempoverzögerungen, Verzierungen oder der Wechsel zwischen robustem und sanftem Anschlag. Die Balance zwischen Emotion und Organisation gelingt ihm hier außerordentlich gut.

Wer nun das dazugehörige CD-Booklet aufschlägt, kann darin Ferruccis zweite Leidenschaft entdecken: Fotos zeigen ihn neben dem Flügel bei Übungen auf der Yogamatte. „Meine Mutter hat 25 Jahre lang Yoga praktiziert, insofern bin ich schon als Kind damit in Berührung gekommen. Als ich dann vor ein paar Jahren persönlich eine schwere Zeit durchlebte, habe ich es ausprobiert – und sehr schnell gemerkt, wie ich in allen Lebensbereichen davon profitiere. Das tägliche Praktizieren ist etwas, was mich erdet. Am Klavier muss ich selbstkritisch sein, auf der Bühne werde ich vom Publikum oder der Presse kritisiert. Im Yoga dagegen gibt es kein gut oder schlecht, sondern da ist Raum für Bewusstsein, für dein Ich, frei von jeder Beurteilung.“

Nicht selten lässt Ferrucci bei seinen Übungen die Kamera mitlaufen, für seine Fans in den sozialen Medien, aber auch als Hinweis an Musiker­kollegen. „Ich will andere Menschen ermutigen, es ebenfalls auszuprobieren. Gerade unter Profimusikern gibt es viele, die mit ähnlichen körperlichen Problemen zu tun haben: durch die Haltung am Instrument, langes Sitzen im Orchester oder auch den Transport eines schweren Ins­truments. Mir hat Yoga geholfen, eine Position am Flügel zu finden, in der ich mich wohlfühle. Es hat positiven Einfluss auf meinen Seelenzustand, hilft mir auch, mein Nervensystem zu kontrollieren und richtig zu atmen – alles Dinge, die für eine Interpretenkarriere sehr nützlich sind.“

Wobei für Ferrucci beim Yoga eine Sache nicht infrage kommt: Musik. „Für mich als Musiker würde das nicht funktionieren, dadurch wäre ich viel zu sehr abgelenkt. Die beste Begleitung für Yoga ist die Stille.“