„Man muss ein bisschen zaubern“
Der Pianist Bertrand Chamayou präsentiert eine besondere Hommage an Ravel

Eine Art ravelianisches Porträt ohne echtes Originalwerk“, nennt Bertrand Chamayou sein neues Album, das zu Ravels 150. Geburtstag am 7. März erschienen ist. Schon 2016 hat der französische Pianist das Soloklavierwerk von Maurice Ravel herausgebracht.
Herr Chamayou, wie ist Ihr neues Projekt entstanden?
Ich wollte keine Geburtstagsplatte erzwingen. Aber im letzten September hatte ich einen Flash, ausgelöst durch verschiedene Sachen. Ich hatte Ravels Klavier-Transkriptionen damals aus verschiedenen Gründen nicht aufgenommen. „La Valse“ zum Beispiel ist unvollendet und in drei Notensystemen notiert. Da muss man tüfteln. Daran musste ich denken, und plötzlich kamen mir Stücke in den Sinn, die Ravel gewidmet sind oder ihn zitieren. „De la nuit“ von Salvatore Sciarrino ist eine Collage von Auszügen aus Ravels „Gaspard de la nuit“ – fast Ravel, aber doch kein originaler Ravel. Das Stück macht einen außergewöhnlichen Effekt. Dann habe ich noch Stücke gewählt, die dem ravelianischen Universum verwandt klingen, und habe eigene Transkriptionen hinzugefügt. So ist ein Porträt aus Fragmenten entstanden, deshalb der Titel „Ravel Fragments“.
Was ist der Reiz beispielsweise der drei Transkriptionsfragmente von „Daphnis et Chloé“?
Die Schreibweise für Klavier ist nicht typisch Ravel. Die Fragmente sind sehr reduziert im Vergleich zur Orchesterfassung. Das Orchester überrascht ja hier mit besonderen Farbgebungen. Ich musste mir also gut überlegen, wie ich diese Farben auf dem Klavier kreieren kann. Und sie liegen weniger bequem als die meisten Klavierstücke von Ravel.
Im „Danse légère et gracieuse de Daphnis“ gibt es besondere Glissando-Effekte. Wie haben Sie die auf dem Klavier umgesetzt?
Ravel ist ein Komponist der Magie, der Sinnestäuschung. Wenn man ihn spielt, muss man auch ein bisschen zaubern. Um die Glissandi der Harfe aufs Klavier zu übersetzen, gleite ich mit der Hand über die schwarzen Tasten. Das kann wehtun. Aber wenn es gelingt, klingt es wie eine Windbö – ein beeindruckender Effekt!
Könnte die Klavierfassung von „La Valse“ nicht schlichtweg eine Kompositionshilfe für die Orchestrierung gewesen sein? Ravel hat ja alles am Klavier komponiert.
Schwer zu sagen. Was man weiß, ist, dass er drei Partituren geschrieben hat: die Version für Orchester, die Transkription für zwei Klaviere, die er vollendet hat, und die Fragment gebliebene Fassung für Klavier solo. Ich habe mir die Frage immer wieder gestellt, ob die fürs Konzert geeignet ist. Aber warum nicht, wenn es funktioniert? Ich glaube, die ursprüngliche Fassung ist die für zwei Klaviere. Aber ob die Solofassung eine Transkription oder die Vorlage der Orchesterfassung war? Vielleicht existieren die beiden Versionen gleichberechtigt nebeneinander wie bei der „Pavane pour une infante défunte“, „Le Tombeau de Couperin“ oder den „Valses nobles et sentimentales“. Bei Ravel gehört alles zusammen.
Sie haben auch eigene Transkriptionen erstellt.
Das sind fünf Stücke, die ich liebe. Bei „Trois Beaux Oiseaux du Paradis“ bin ich mir fast sicher, dass Ravel es nur für sich geschrieben hat. Ich würde mit so intimen Stücken nie ein Album füllen wollen. Aber im Rahmen dieser Hommage wollte ich auch zeigen, wie ich Ravel bei mir zu Hause allein genieße. Das „Chanson de la Mariée“ zu transkribieren, war eine Art Spiel. Ich wollte herausfinden, ob man die Gesangsstimme in den Klavierpart integrieren kann. Ich habe oft Sänger begleitet, die Klavierbegleitung allein ist schon schwer. Da noch die Melodie unterzubringen, war eine echte Herausforderung. Das geht nur, wenn man sie zwischen rechter und linker Hand verteilt. Das hat großen Spaß gemacht. Ich hoffe, das Resultat ist gelungen.
Die Hälfte der Stücke stammt von anderen Komponisten. Nach welchen Kriterien haben Sie die ausgesucht?
Ich hatte noch viel mehr. Ich bin am Ende danach gegangen, was zusammen funktioniert. Xavier Montsalvages Harmonien klingen überhaupt nicht nach Ravel, auch die „Signets“ von Betsy Jolas nicht. Und doch sind die Stücke nie weit weg von Ravel. Solch eine Art „Suite ravelienne“ zusammenzustellen, fand ich sehr amüsant.
„Sie müssen Saint-Jean-de-Luz und das Baskenland unbedingt besuchen, das Meer, die Berge ...“
Haben Sie mit Betsy Jolas, Salvatore Sciarrino und Frédéric Durieux für das Album zusammengearbeitet?
Normalerweise kenne ich die Komponisten, deren Werke ich spiele. Diesmal nicht. Nur Frédéric Durieux bin ich mal flüchtig begegnet. Die Idee zum Album ist mir letzten September gekommen, und im Dezember habe ich bereits aufgenommen. Das war alles sehr spontan. Ich hatte keine Zeit mehr, die Komponisten vor der Aufnahme zu treffen.
Sie sind künstlerischer Leiter des Ravel-Festivals in seiner Geburtsstadt Saintt-Jean-de-Luz. Werden Sie da dieses Programm im Konzert spielen?
Nein, ich selbst spiele da nur wenig. Ich bin noch nicht ganz fertig mit der Planung. Ich werde etwas Kammermusik machen – es gibt überhaupt viel Kammermusik. Die Klavierrecitals übernehmen Kollegen. Aber es kommen auch fünf Orchester, und mit dem Orchestre National de France unter Philippe Jordan werde ich Ravels G-Dur-Konzert spielen. Und wir haben sogar eine Oper für das Ensemble intercontemporain in Auftrag gegeben.
Was ist Saint-Jean-de-Luz für ein Ort?
Saint-Jean-de-Luz ist einfach großartig. Da habe ich in der Kindheit immer meine Ferien verbracht. Ravel ist in Ciboure geboren, das durch eine Brücke mit Saint-Jean-de-Luz verbunden ist. Da hat er später seine Sommerurlaube verbracht. Ich wollte da schon immer ein Festival machen. Ich habe auch die Akademie Ravel integriert, die Sommerkurse für junge Musiker anbietet. Da habe ich viele meiner heutigen Kollegen kennengelernt, wie die Brüder Capuçon. Sie müssen Saint-Jean-de-Luz und das Baskenland unbedingt mal besuchen, das Meer, die Berge … Und die Traditionen sind hier noch sehr stark, die Musik, die Architektur, das Essen. Dieses „internationale“ Festival ist mein Traum.


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